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25.4.2011 von Ati.
James Patterson
Alex Cross 13: Dead
Originaltitel: Double Cross
aus dem Amerikanischen übersetzt von Leo Strohm
Blanvalet
ISBN 9783442372041
ISBN 3442372046
Krimi/Thriller
1. Auflage 2009
Umschlaggestaltung Hilden Design, München
Taschenbuch, 384 Seiten
[D] 8,95 €
Patterson müsste man heißen …. Das ist eine Standardantwort für eine Freundin, die sich hin und wieder nach meinen eigenen Verkaufszahlen erkundigt. Warum? Als ich 2010 den Artikel im Spiegel entdeckte, brannten sich mir die darin genannten Zahlen förmlich ein. Denn an dem 1949 geborenen, in New York aufgewachsenen und in Florida lebenden Autor James Patterson kommt in den USA seit Jahren vermutlich niemand in den Buchhandlungen vorbei. Und längst ist er nicht nur dort eine feste Größe auf dem Buchmarkt. In mehrere Sprachen übersetzt, finden seine Bücher weltweit reißenden Absatz. Laut Spiegel wurden mehr Patterson-Bücher verkauft als Brown, King und Grisham gemeinsam loswurden. Über 170 Millionen bedeuten umgerechnet, dass jeder siebzehnte verkaufte Roman in den Staaten von ihm stammt. Allein in Deutschland standen zwanzig seiner Bücher auf den Bestsellerlisten. Teilweise wurden sie bereits verfilmt, so etwa „Denn zum Küssen sind sie da“ und „Im Netz der Spinne“ in der Morgan Freeman den Polizeipsychologen und Profiler spielte.
Patterson, ehemaliger Kreativdirektor einer Werbeagentur hat stets mehrere Projekte gleichzeitig laufen. So umgeht er Schreibblockaden. Er bevorzugt das Krimi- und Thrillergenre, verfasst aber auch Kinder- oder Sachbücher. 2009 unterschrieb er einen Vertrag für siebzehn Bücher. Dieser Deal brachte und bringt nicht nur ihm Millionen ein, auch die Verlage leben gut damit. So verdiente die Hachette-Gruppe – der Mutterkonzern von Litte, Brown & Co. (Pattersons Verlag) allein mit seinen Titeln in zwei Jahren 500 Millionen Dollar. Dort gilt er längst als Verfasser, Produzent, Lektor, Agent und Werbeagentur der Marke, zu der er sich und seine Bücher gemacht hat. Wie gesagt: Patterson müsste man heißen.
Dabei stammt mittlerweile gar nicht mehr alles aus seiner eigenen Feder, wird teilweise nur von ihm abgehakt oder umgearbeitet, was von seinen Hilfsschreibern beigesteuert wird. Und Patterson war natürlich nicht immer Bestsellerautor. Anfangs plagten ihn die gleichen Probleme wie viele Autoren und er hatte Schwierigkeiten, seine Manuskripte unterzubringen. Sein 1976 entstandener Roman „The Thomas Berryman Number“ gewann den Edgar – einen Preis für Krimineulinge. Doch erst als er nach mehreren Einzelromanen die 1993 auf den Markt kommende Serie um Alex Cross begann, kam der Erfolg wirklich zu ihm und riss auch mit seiner zweiten Serie Women’s Murder Club nicht ab.
Ursprünglich als Alexis Cross angelegt, merkte Patterson beim Schreiben des ersten Bandes schnell, dass er die farbige weibliche Hauptfigur nicht authentisch schreiben konnte und funktionierte sie kurzerhand zu einem Mann um. Alex Cross, der Vater dreier Kinder kam 2009 in Dead zum bereits dreizehnten Mal zum Einsatz, obwohl er eigentlich mittlerweile seine Tätigkeit bei der Polizei längst aufgegeben hat und sich um seine Privatpraxis kümmern möchte. Statt um psychopathische Killer bemüht er sich dort fortan lieber um Patienten mit Angst vor Bakterien, Kriegstraumata, Einsamkeitsproblemen, etc..
Die einzelnen Bände um Alex Cross können – wie mir schnell klar wurde - separiert voneinander gelesen werden, da sie in sich abgeschlossen sind, selbst wenn man diverse Figuren in anderen Bänden wiederfindet. Der Nachteil dabei ist natürlich, dass bestimmte Figuren irgendwann blass und eher eindimensional daherkommen, wenn der Autor eingefleischte Fans nicht mit endlosen Wiederholungen ihrer Beschreibung langweilen will. Im Juli 2010 kam mit „Fire“ übrigens bereits der vierzehnte Band auf den deutschen Buchmarkt. Doch zurück zu Dead, zurück zu dem Buch, an das ich mit entsprechend großen Erwartungen herangegangen bin.
Ein psychopathischer Serienmörder macht Cross in Washington D. C. einen Strich durch die Rechnung und würfelt ihn mit seiner Freundin, Detective Bree Stone, und ihren Kollegen zu einem Team zusammen, das eine grauenvolle Mordserie beenden muss, während ihnen die Zeit davon läuft. Der Killer inszeniert seine Taten als öffentliche Hinrichtungen vor einem unfreiwilligen Livepublikum, richtet dafür zudem eine eigene Website ein, verhöhnt die ermittelnden Beamten, spielt Katz und Maus mit ihnen.
Parallel dazu taucht Kyle Craig, ein alter Bekannter von Cross (sein Vorgesetzter und Mentor - jedenfalls, bis ihm selbst einige Morde nachgewiesen wurden) wieder auf, der eigentlich in einer ausbruchsicheren Todeszelle auf seine Hinrichtung warten sollte. Ebenso parallel schwenkt Patterson zu der Beziehung zwischen Stone und Cross und zu den Sitzungen von Patienten, die Cross in seiner Privatpraxis behandelt.
Patterson erzählt also in gewohnter Manier aus verschiedenen Perspektiven. Mal berichtet Cross selbst (in Ich-Form), mal erfährt man alles aus Sicht des DCPK genannten Killers, mal von Craig, der es geschafft hat, sich aus seiner Todeszelle zu befreien (jedoch nicht von ihnen, sondern in dritter Person). Meist kommen mehrere Kapitel aus einer Perspektive hintereinander, bevor Patterson die Blickrichtung wechselt. Seltsamerweise erschien es mir während des Lesens so, dass der bzw. die Killer im Vordergrund stehen. Tatsächlich widmet der Autor jedoch Cross und dem mit ihm arbeitenden Team bzw. seiner Beziehung zu Stone mehr Aufmerksamkeit als dem DCPK oder dem entflohenen, nicht weniger gefährlichen Craig.
Bereits zu Anfang der Ermittlungen zeichnet sich ab, dass der DCPK will, dass Cross an dem Fall beteiligt wird und es ist auch relativ schnell klar, dass Craig etwas damit zu tun haben muss – was zweifelsohne an den erwähnten Perspektivwechseln liegt. Insoweit gibt es nicht wirklich überraschend, aber überraschend viel Vorhersehbarkeit in Dead, was unter anderem dazu führte, dass das Buch mich nicht wirklich gefesselt hat.
Vorwiegend lag es aber an verschiedenen anderen Schwachpunkten. Nehmen wir zunächst einmal Craig. Im Prolog, der aus zwei von ihm handelnden Kapiteln besteht, wird er gleich zu Anfang dazu verurteilt, den Rest seines Lebens in einem Hochsicherheitstrakt zu verbringen – ohne normale zwischenmenschliche Kontakte. Im zweiten Kapitel wird erneut beschrieben, dass die Gefangenen dieses Traktes dreiundzwanzig Stunden täglich in ihrer Zelle verbringen und nur Kontakt zum Wachpersonal und ihren Anwälten haben. Trotzdem hat Craig nicht nur Kontakt zu seinem Anwalt, der ihm letztlich zur Flucht verhilft. Auch zum DCPK gibt es eine Verbindung, die nicht nur in Form einer fatalen Verehrung eines Serienkillers besteht (welche im Übrigen auch die Komplizin des DCPK oder etwa auch Craigs Anwalt für diesen empfinden). Grundsätzlich ist dies nachvollziehbar, denn fatalerweise haben Gewaltverbrecher auch in der Realität eine seltsame Anziehungskraft auf bestimmte Personen. Und so begeht der DCPK die Morde quasi für Craig, eifert ihm nach, will ihn letztlich übertrumpfen. Ob das erste Opfer des DCPK ihren Kontakt zu Craig vor oder nach seiner Verurteilung geknüpft hat, wird nicht ganz klar, aber die Verbindung Killer-Killer-Opfer gibt es.
Statt jedoch gleich unmittelbar oder wenigstens später darauf oder auf die einzelnen Beweggründe dahinter näher einzugehen, schreibt Patterson lediglich, dass diese Verehrung besteht, und widmet sich lieber den wöchentlichen Anwaltsbesuchen von Craig. Wie er seinem Anwalt Woche für Woche, Jahr für Jahr acht gleiche Fragen stellt, ohne Antworten zu erwarten, bevor ein wenig Small Talk gemacht wird (der sich allerdings auch um Serienmörder drehen kann). Der Ausbruch ist perfekt geplant und verläuft ohne Probleme, sodass Craig - kaum draußen – natürlich gleich weitermorden kann, um seinem Serienkillerklischee zu entsprechen. Was hier wie oder warum wann von wem geplant wurde, steht in den Sternen – in Dead findet man es nicht, obwohl es der Geschichte gut getan hätte. Fast scheint es im Hinblick auf den letzten Satz im letzten Kapitel, dass dieser Handlungsstrang lediglich dazu dient, Craig in einem weiteren Alex-Cross-Band auftauchen zu lassen.
Doch das war es nicht allein. Wie bereits erwähnt, ergibt sich – sofern man einzelne Bände einer Reihe unabhängig von den anderen liest - das Problem, dass etwa Alex Cross bei aller Präsenz etwas schemenhaft dargestellt wird. Im Zusammenhang mit dem Protagonisten der Serie erscheint das durchaus nachvollziehbar, doch leider gilt es auch für neu hinzugekommene Antagonisten, wie etwa den DCPK in Dead. Da der Autor den Fokus auf seine Taten und Verwandlungskünste, und weniger auf die Person dahinter lenkt, bleibt auch er zu farblos, zu unscharf.
Und da gibt es auch die eigentlich sinnlose Aneinanderreihung grausam inszenierter Morde, die der Autor anschaulich beschreibt und für die der DCPK einen übertrieben wirkenden hohen Aufwand betreibt. Beides erscheint zwar grundsätzlich insofern logisch, dass Morde fatalerweise nicht zwangsläufig einen Sinn ergeben müssen und Täter bei weniger Aufwand vermutlich schneller gefasst würden bzw. sich der Wahnsinn passend darin spiegelt. Doch Dinge, wie das Bespielen und Löschen eines Videobandes, bevor ein Mord darauf festgehalten wird, damit die Ermittler nach einer Rekonstruktion der gelöschten Daten dadurch einen gewollten Hinweis auf den Mörder bekommen, erscheinen etwas übertrieben. Nachlässigkeit, weil der Täter Geld sparen und deshalb keine neue Videokassette verwenden wollte (ohne daran zu denken, dass ihm das zum Verhängnis werden könnte), hätte hier einen glaubwürdigeren Effekt erzielt.
Genauso benutzt der DCPK für jeden Mord eine andere Identität, verkleidet sich so meisterhaft, dass man – insbesondere auch Cross - nicht so schnell erkennt, dass es sich immer um die gleiche Person handelt. Dieses Problem hat der Leser durch die Perspektivwechsel natürlich nicht. Er beobachtet ja, wie der Killer für die Ermittler und sein Publikum in diese Rollen schlüpft, dass er sich für sich selbst sogar anders nennt. Der DCPK verwendet dazu – genau wie der entflohene und untergetauchte Craig oder dessen Fluchthelfer auch – unter anderem Gesichtsprothesen. Die bekommt man nicht wirklich an jeder Straßenecke, sie müssen genau angepasst werden, damit sie nicht auf den ersten Blick auffallen, und kosten darüber hinaus auch nicht gerade wenig. Vom enormen Zeitaufwand, den so ein Tarn-und-Täuschen-Spiel schlicht und ergreifend bedarf um echt zu wirken, ganz zu schweigen. Doch all das scheint für die Antagonisten der Geschichte absolut kein Problem darzustellen.
Hinzu kommt, dass Cross – genial, wie sich Profiler für gewöhnlich in TV-Serien, Filmen oder Romanen darstellen – rasend schnell Zusammenhänge erfasst, die für Otto-Normal-Verbraucher nicht erkennbar sind. So geht er bereits beim allerersten Hinrichtungsmord sofort von einem Serientäter aus. Immerhin sieht er Hinweise, die sonst niemand erkennt, kommt dafür aber erstaunlich langsam dahinter, was sie wirklich bedeuten, während der Leser wiederum paradoxerweise (ebenfalls dank der ständigen Perspektivwechsel) längst weiß, in welche Richtung es letztlich geht.
Auch der Aufklärungsdruck, der auf dem Ermittlerteam lastet, wirkt nur bedingt glaubwürdig. Cross wird zwar durch den Killer dazu gezwungen und von seiner Freundin Bree auch dazu aufgefordert, sich des Falles anzunehmen – seine Praxis schließt er dafür jedoch nicht. Genauso abgeklärt, man könnte es allerdings genauso gut oberflächlich nennen, wie er sich der sich im Zuge der Ermittlungen ergebenden Bedrohungssituation seiner Person oder seiner Familie stellt, widmet er sich ganz nebenbei seinen Patienten und Patterson lässt den Leser munter an diesen Sitzungen teilhaben. Dass der Profiler und Psychologe dabei trotz seiner Genialität bis zuletzt absolut keinen Zusammenhang zwischen dem DCPK, seiner Komplizin und zweier Patienten sieht, wirkt weder stimmig noch authentisch. Auch dieser Zusammenhang wird im Übrigen einfach präsentiert, ohne wirklich auf die Bedeutung einzugehen. Natürlich könnte man ihn einfach in einer Laune des Killers begründet sehen, doch bei einem Bestsellerautor wie Patterson sollte man hier mehr erwarten können.
Erschwerend kommt die Darstellung der Beziehung zwischen Stone und Cross hinzu. Die passt ebenfalls grundsätzlich in den Plot und so schwenkt der Autor (vermutlich mit einem Blick auf das schlagende Argument „sex sells“) auch immer wieder brav auf die Beiden. Überzeugen kann er allerdings auch damit nicht. Während im „realen“ Leben Ärzte, Ermittler und diverse andere Berufsgruppen eher Probleme mit ihrer Libido bekommen (sei es aus chronischer Überarbeitung oder einfach, weil das im Zusammenhang mit ihrer Arbeit stehende Geschehen um sie herum nicht sehr lustfördernd wirkt) merkt der Autor immer wieder an, wie scharf Cross auf seine Freundin ist oder wird. Die ihrer Ermittlungszeit mühsam abgeknapsten gemeinsamen Momente werden tatsächlich passend nicht explizit geschildert. Doch genau das, lässt die eben erwähnten ständigen Hinweise auf Cross Begehren, letztlich eher störend als unterhaltend wirken.
Positiv anzumerken ist, dass Patterson seine Hauptfigur nur einmal in eine rasante Verfolgungsjagd per Auto verwickelt. Dass nicht ständig etwas in die Luft fliegt oder der Täter nicht im Alleingang ein Waffenarsenal verschwendet, das für eine ganze Armee reichen würde. Oder dass der Autor seine Leser nicht mit ermittlungstechnischen Details überfrachtet. Doch im Bezug auf Letzteres gibt es gleich wieder ein Aber, denn die Ermittlungen selbst können nicht wirklich überzeugen. Sie stochern bei allen Geistesblitzen von Cross zu viel im Dunklen, hinken dem bzw. den Tätern bis zuletzt zu sehr hinter, leben eher von Zufällen als von erarbeiteten Erkenntnissen. Wäre der Täter nicht so selbstverliebt, könnte er Washington vermutlich entvölkern, ohne dass Cross und seine Leute ihn je dingfest machen könnten.
Fazit
Geschmäcker sind verschieden. Für die einen hat Pattersons Alex-Cross-Reihe Kultcharakter, andere begeistert sie eher weniger. Obwohl Patterson einen flüssigen, leicht zu lesenden Schreibstil pflegt, ziehen sich die kurz gehaltenen Kapitel. Der Autor verzettelt sich in Nebenschauplätzen. Obwohl die Handlungsfäden alle zu einem gewissen Ende gesponnen werden, werden sie nur bedingt schlüssig verwoben. Ob es nun an der Übersetzung, an der Dauer der Reihe oder Pattersons Stil liegt, kann ich nicht beurteilen. Dead war mein erster Roman von ihm und konnte mich nicht überzeugen, weshalb ich nur zwei Punkte von fünf Punkten dafür vergeben möchte.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Buch- & Sammelreihe, 2 von 5 Punkten, Autoren M - P, Krimi & Thriller, Roman | Keine Kommentare »
26.3.2011 von Ati.
Marcel René Klapschus
Der rote Ozean
periplaneta
ISBN 9783940767639
ISBN 3940767638
Fantasy
1. Auflage 2011
Taschenbuch, 222 Seiten
[D] 13,00 €
Der 1986 im damaligen West-Berlin geborene Autor veröffentlichte sein erstes Buch „Yuma 23“ 2007 als kostenloses E-Book, 2008 erschien bei BOD „Die Rückkehr der Phoenix“. Im Jahr 2009 begann der in Schleswig-Holstein lebende Informatiker mit der Arbeit an Der rote Ozean. Zwölf Monate später stand die Rohfassung des 2011 von periplaneta veröffentlichten Romans. Da Klapschus der westlichen Wertegesellschaft nach eigenen Aussagen kritisch gegenübersteht, handelt Der rote Ozean von einem Glaubenskrieg der zu einem Endzeitszenario führt. Der Autor hat seine Geschichte ins Jahr 2027 verlegt und bietet ihr einen Zeitrahmen bis Anfang 2030, bevor er im letzten Kapitel einige Jahre weiterspringt. Die Handlungsorte sind der Nahe Osten, mit Israel und dem Libanon, sowie die Ostküste der Vereinigten Staaten. Die Orte könnten teilweise beliebig getauscht werden, die Geschichte selbst jedoch ohne Weiteres auch im hier und jetzt spielen, da er keine technischen Fortschritte oder Neuerungen beschreibt.
Die Dystopie mit fantastischen Elementen handelt von Brian. Einem jungen Amerikaner mit libanesischen Wurzeln, der mit seinen Eltern aus den Staaten in den Nahen Osten gezogen ist. In der Familie gibt es Muslime wie Christen und Klapschus streift kurz das, was die Menschen in dieser Region tatsächlich teilweise leben – religionsübergreifende Beziehungen trotz aller politischen und religiösen Schwierigkeiten. Doch all das endet, als ein seltsames Wesen einen gewaltsamen Tod findet, das von beiden Seiten als göttlich anerkannt und für sich beansprucht wird. Schuldzuweisungen führen zu einem unerbittlichen Krieg. Was in der Realität bereits seit Jahrhunderten immer wieder im Kleineren aufflammt, wird hier bis zur bitteren Neige ausgetragen und bekommt noch eine neue Dimension. Denn zeitgleich beginnt sich der Ozean blutrot zu verfärben. Der Regen, der vom Himmel fällt, ist genauso gefärbt. Wasser schmeckt nicht mehr wie Wasser und ganze Kontinente versinken unaufhörlich in der nicht aufzuhaltenden roten Flut. Die Covergestaltung passt in ihrer eher minimalistischen Art sehr gut. Es zeigt auf einem Felsen in einem blutroten Meer einen zusammengekauerten Engel, dessen erhobene Flügel (genau wie die Schrift) von einem blutigen Regen durchnässt werden.
Obwohl Klapschus einen relativ einfachen Schreibstil erkennen lässt und seinen Roman in kurze Kapitel teilt, was dazu führt, dass man die Geschichte in einem Rutsch durchlesen kann, macht er es dem Leser gleichzeitig nicht ganz einfach, an Der rote Ozean dran zu bleiben. Er bedient sich einiger Klischees und bleibt in seinen Beschreibungen nicht wirklich durchgehend logisch oder konsequent. Passend zu den dystopischen Elementen sind seine Figuren blass. Einzig sein christlich getaufter Hauptcharakter Brian, mit dem er wenig zartfühlend umgeht und aus dessen Sicht (wenn auch nicht von ihm) Der rote Ozean erzählt wird, wird etwas klarer herausgearbeitet. Doch wirkt er wenig sympathisch, oft mürrisch, feige und stellenweise geradezu fatalistisch stupide. Er ist neben der jungen Muslima Khayra anscheinend der Einzige, der einen nuklearen Angriff auf Beirut unverletzt überstanden hat und gilt als eine Art Erlöser der Menschheit, ist aber definitiv kein Held.
Ich kann nicht behaupten, dass das Buch ganz schlecht ist, dafür ist allein die Grundidee viel zu gut. Auch der Engel der Brian ab dem Angriff auf Beirut immer wieder besucht, hat mir gefallen. Dasselbe gilt für das Ende, das sich im Kapitel 62 auf etwas mehr als einer Seite findet. Ich würde zu viel verraten, wenn ich jetzt explizit darauf eingehe, was dort vorkommt. Es scheint mir jedoch der einzig logische und vor allem richtige Schluss für viele Probleme, die die Erde derzeit hat. Ebenfalls passend fand ich, dass der Autor trotz des Religionskrieges keine missionarisch wirkende Partei für Muslime oder Christen ergreift, sondern den Fokus hier eindeutig auf den zerstörerischen Fanatismus richtet.
Doch es gibt zu viele Tatsachen, mit denen man einfach ohne weitere Erklärung konfrontiert wird, die jedoch dringend einer solchen bedurft hätten. Es gibt zu viele Wenn und Aber in der Geschichte. Zu viele glückliche Zufälle, die Brian betreffen. Vieles mag in der künstlerischen Freiheit begründet liegen, alles lässt sich damit jedoch nicht begründen. Obwohl Klapschus es geschafft hat, die geringe Lernfähigkeit der Menschheit beziehungsweise deren religionsübergreifende Verbohrtheit zu vermitteln, gibt es zu viel Störendes, als dass mich Der rote Ozean wirklich begeistert hätte. Nicht alles muss in einem Roman der beiden Genres (Dystopie/Fantasy) zwingend logisch sein. Möglicherweise wäre es sinnvoll gewesen, aus dem jetzt vorliegenden Roman eine allenfalls 100seitige Novelle zu machen oder ihn um mindestens 400 Seiten auszubauen. Dann hätte vermutlich die Chance bestanden, ihn so packend zu formulieren, wie die Idee es verdient. Wer die Geschichte unvoreingenommen lesen möchte, sollte den Rest meiner Buchbesprechung auf keinen Fall lesen, denn darin möchte ich ein paar Beispiele aufführen.
Beginnen möchte ich mit dem Wesen, das gleich zu Anfang des Romans auftaucht und umkommt. Völlig unabhängig davon, dass Brian den Vorfall, bei dem er zugegen ist, unsinnigerweise eher als Anschlag auf sein Leben bezeichnet, wundert sich niemand wirklich über das Wesen an sich. So etwas gab es anscheinend vorher noch nicht. Obwohl Menschen vor Ort waren, gibt es keine wirklichen Zeugen. Es gibt mageres Bildmaterial, aber genau genommen weiß niemand, was dort wirklich passiert ist. Das hindert Muslime wie Christen jedoch nicht daran, das unbekannte, sich wieder ins Nichts auflösende Wesen aufgrund eines einzigen, gesprochenen Satzes sofort als göttlich zu erkennen, für sich zu beanspruchen und den mehr als vage beschriebenen Mord auf grausamste Weise zu rächen.
Kurz darauf findet ein Attentat statt. Für dieses soll laut Regierung der christlichen Welt – die sich Christliche Föderation nennt – Khayras Vater verantwortlich sein. Der soll eine Hochzeitsgesellschaft samt Gebäude in die Luft gesprengt haben und damit für Brian, der mit seiner Familie eben neben Khayra und ihrer Familie dort anwesend war, der Mann sein, der den Tod seiner Familie verschuldet hat. Beirut wird im gleichen Augenblick mit Nuklearwaffen verwüstet und atomar verseucht. Oder war es doch Khayras Vater, der eine Atombombe gezündet hat? Wenn ja, scheint es fraglich, dass er das überlebt hat. Genauso wie es fraglich scheint, dass ausgerechnet er den eventuell doch eher kriegerisch erfolgten Gegenschlag zu dem angeblich auf das Wesen verübte Attentat überlebt hat. Das soll er aber laut Aussage der Christlichen Föderation, denn Brian wird nach seiner Ausbildung auf ihn angesetzt und soll ihn töten und will es auch tun, damit seine Familie gerächt ist. Ein Selbstmordattentat wäre tatsächlich nachvollziehbar gewesen, denn so etwas ist genau wie Fanatiker im Allgemeinen leider viel zu oft traurige Realität. Doch auf den Gedanken, dass Brians Familie auch durch den nuklearen Angriff ums Leben gekommen wäre und Brian auch gar nicht unterscheiden konnte, was denn nun zuerst erfolgte, kommt der Junge nach seiner Ausbildung nicht. Da erscheint es fast nebensächlich, dass Brian sofort erkennt, dass eine Atombombe gezündet wurde und er sich deshalb logischerweise vor Strahlung fürchtet. Aus dem Grund verzichtet er darauf, aus seinem praktischerweise wiedergefundenen Zuhause Nahrungsmittel mitzunehmen. Die gleichermaßen verstrahlten Decken oder Kleidung scheinen ihm jedoch absolut kein Kopfzerbrechen zu bereiten.
Es könnte natürlich daran liegen, dass der Autor, die Geschichte ins Jahr 2027 verpflanzt hat und er gedanklich davon ausgeht, dass in dieser Zukunft sogar in absoluten Katastrophenszenarien alles bis ins Kleinste weltweit überwacht wird. Die Herscharen von Mitarbeiten, die ein solches Überwachungssystem tragen, könnten durchaus im schriftstellerisch möglichen Bereich liegen. Ob diese Vermutung stimmt, ist jedoch offen. Denn leider bringt Klapschus das dem Leser zuvor nicht nahe und so scheint es wenig nachvollziehbar oder gar glaubwürdig, dass die Armee der Vereinigten Staaten Brian in dem radioaktiv verstrahlten, völlig verwüsteten Stück Land nur kurz nach dem Angriff findet, in die Staaten bringt und ihn als Soldat für den Glaubenskrieg ausbildet. Das alles übrigens, während zeitgleich die komplette Westküste der Vereinigten Staaten untergeht und dort Millionen von Menschen ein blutrotes und nasses Grab finden.
Ähnlich schwer nachvollziehbare Geschehnisse häufen sich. Liegt es an Streichungen? An Textpassagen, die der Überarbeitung zum Opfer fielen, das so vieles einfach als hinzunehmende Tatsache präsentiert wird? Dinge wie der Verlust von Brians Unterschenkels gegen Ende der Geschichte deuten fast darauf hin, denn mit dieser Tatsache wird man genau wie mit vielen anderen einfach konfrontiert, während anderes ausgeschmückt wird, das wenig aussagekräftig scheint.
Oder nehmen wir Khayra. Ihre Wandlung vom unschuldigen Teenager in eine Soldatin beziehungsweise Attentäterin bekommt man kaum mit. Die Wandlung an sich wäre nachvollziehbar. Was jedoch wenig authentisch wirkt, ist ihre Vorgehensweise bei den beiden Attentaten im Roman. Beide finden im Hoheitsgebiet der Christlichen Föderation statt. Bei dem, was Khayra vorhat, sollte man meinen, dass sie so lange wie möglich unsichtbar und angepasst an ihre Umgebung vorgeht, um ihre Mission zu erfüllen. Das tut sie aber nicht. Statt dessen hüllt sie sich in einem Land, das unerbittlich gegen Muslime vorgeht, in einen Tschador. Zieht das eine Mal zwar anscheinend feindselige Blicke auf sich, schafft es beide Male aber problemlos nicht nur den Sprengstoff, sondern auch sich selbst durch sämtliche Reihen und Sperren zu manövrieren. Diese Sache lässt sich nicht nur mit den Strukturen erklären, die zwangsläufig kollabiert sein müssen, sondern wirkt einfach nur wie ein Klischee.
Völlig unabhängig davon ist da noch die alles verschlingende blutrote Flut. 2012-gleich schaffen die Überlebenden beider Religionen es im Geheimen Archen zu bauen, die einen kleinen Teil der Bevölkerung retten können. Klingt logisch, wie sollte man sonst überleben, wenn die Erde versinkt. Was weniger logisch ist, ist die Frage, wie das geklappt haben soll. Innerhalb weniger Monate geht Klapschus Erde sprichwörtlich unter. Abgesehen von Hunderten von Millionen Toten durch die Flut dürften auch die Zerstörungen und Toten durch die kriegerische Auseinandersetzung dazu führen, dass jegliche Infrastruktur weltweit komplett zusammenbricht. Trotzdem werden die Archen pünktlich fertig. Trotzdem kommen Briefe (von Khayra an Brian und umgekehrt, wenn auch mit einiger Zeitverzögerung) an, was wiederum dem aus Verständnisgründen angenommenen Überwachungsszenario widerspricht. Trotzdem findet sich genügend Benzin und Kerosin, dass Khayra mal eben vom Nahen Osten nach Amerika fliegen und Brian mal eben mit einem Auto zu einem Café kommen können, wo sie, tief verhüllt, alles in Schutt und Asche legt – bis auf Brian und sich selbst.
Weil sie ihn liebt und hasst? Das in der Inhaltsangabe stehende „In diesem Chaos begegnen sich Brian und Khayra, die sich lieben und hassen lernen….“ kann nicht überzeugen, sondern ist eine weiterer Punkt, der einfach behauptet wird. Am sich lieben lernen kann man als Leser nicht teilnehmen, da ihre gemeinsame Zeit, sich auf eher nichtssagende Minimalstbegegnungen beschränkt. Sie sprechen kaum miteinander und für Liebe auf den ersten Blick ist der angebliche Hass zu krass. Der wiederum ist hauptsächlich durch ein paar wenige Sätze von Leuten begründet, die ihnen einreden, dass die jeweils andere Religion an allem schuld und deren Vernichtung der einzige Weg ist, vor der roten Flut gerettet zu werden. Selbst Jugendliche – und als solche lernen wir Khayra und Brian zumindest flüchtig kennen (sie ist zu Beginn 15, er ein Jahr älter) - lassen mehr eigenständiges Denken erwarten, als die beiden trotz und Brian auch schon vor dem Trauma in Beirut erkennen lassen. Gleichwohl ist der angebliche Hass zwischen den beiden auch gar nicht vorhanden. Sie tötet ihn nicht, trotz passender Gelegenheit, rettet ihn quasi sogar mehr als einmal. Und auch er trägt mehr oder weniger einmal dazu bei, dass sie überlebt.
Das Wie und Warum, die angebliche Motivation für bestimmte Handlungen aller wird nicht erklärt und erscheint zum Teil mühsam konstruiert. Außerdem scheinen der Libanon und der Rest der Vereinigten Staaten trotz des riesigen Meeres dazwischen plötzlich sehr nah beisammen. Immerhin starten die Kampfjets an der Ostküste problemlos in ihren Einsatz im Nahen Osten. Direkt über einen Trupp in Ausbildung befindlicher Soldaten samt Brian, der gerade einen 3-Meter-Schutzwall gegen eine Flut stapelt. Eine Flut übrigens, die jeglichen physikalischen Grundsätzen zum Trotz die Rockys völlig überschwemmt, den gerade gestapelten Schutzwall und die dahinter stehenden Häuser jedoch nur bedingt, bevor sie sich wieder zurückzieht. Nicht nur hier zeigt sich übrigens etwas von der Feigheit Brians, die ich eingangs angesprochen habe. Er und seine Kameraden bekommen den Befehl, sich zurückzuziehen, als die Flut immer näher kommt. Sie fliehen (warum andere jedoch vor Ort bleiben oder bleiben müssen und fleißig weiter Sandsäcke wuchten, bleibt offen). Brian regt sich im Zusammenhang mit der Flucht über seine Kameraden auf, denen es scheinbar nichts ausmacht, einen weiteren Kameraden zurückzulassen und diesen dadurch zu verlieren. Macht er selbst etwas? Denkt er etwa daran, ihn zu retten? Dreht er um? Sucht er ihn? Nein. Stattdessen beobachtet er wenig später aus einem Hochhaus andere Soldaten, die immer noch fleißig stapeln und seinen verletzten Kameraden, der verzweifelt versucht, sich noch zu retten, bevor die Flut ihn einholt. Posthum ist er dafür der Einzige, der sich freiwillig um das Grab des entsprechenden Kameraden kümmert.
Ein Beispiel für die fatalistisch stupid wirkende Haltung Brians? Fast gegen Ende der Geschichte wird er von der Gegenseite gefangen genommen. Nach einem Flugzeugabsturz landen er und ein Muslim auf einer Insel im Meer, wo er … sagen wir mal die Erkenntnis gewinnt, dass die Motivation für diesen Krieg auf beiden Seiten nicht stimmen kann. Kurz darauf wird er von der eigenen Armee gefunden und quasi gerettet, wobei ihm nochmals vor Augen geführt wird, die dumm die Menschen sich verhalten. Ändert Brian nach dem eigentlich sehr klärenden Vorfall sein Verhalten? Nein, warum auch? Kaum bekommt er den Befehl, nimmt er die ihm in die Hand gedrückte Waffe und schießt auf alles, was muslimisch sein könnte. Auch seine Rettung ist – nebenbei bemerkt – kaum zu rechtfertigen. Der Marine egal welcher Armee dürfte es äußerst schwer fallen, sich ohne Karten und Kenntnisse über neu entstandene Untiefen, bzw. auf dem eigentlich doch ziemlich bewegt sein müssenden Ozean, zielgerichtet auf eine bis dahin unbekannte Insel zuzubewegen, um einen einzigen Mann zu retten. Vom Sinn oder Unsinn dieser Rettungsmaßnahme ganz zu schweigen, denn der gleichen Militärführung macht es ja nichts aus, ihn als angeblichen Erlöser in diesem Krieg kämpfen zu lassen.
Der Autor möchte – wie er im Nachwort anmerkt – bewusst keine Antworten liefern. Wie er auf Seite 222 schreibt, möchte er den Leser dazu bringen, nach einem Besuch in einer fantastischen Welt, die Dinge aus dem Alltag mit einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Es ist zweifellos eine schriftstellerische Kunst, die Gedankenwelt der Leser anzustoßen, mitzureißen, mitdenken zu lassen und letztlich doch dorthin zu führen, wohin der Autor sie haben möchte. Eine noch größere ist es, wenn Leser die so gewonnenen neuen Gedanken in ihren Alltag mitnehmen und gar integrieren, keine Frage. Das Fatale an Klapschus Umsetzung des wirklich guten Grundgedankens ist jedoch, dass sich mir automatisch unzählige Fragen zu fehlender Logik und Konsequenz (wobei ich das Ende selbst hiervon abgrenzen möchte) seiner Geschichte aufdrängen, jedoch kaum eine zu der problematischen Thematik selbst.
Fazit
Zu viele Denk- und Logikfehler verderben hier leider eine sehr gute Grundidee und einen tatsächlich logisch-konsequenten Schluss. Wirklich schade, denn das passende Cover und die Inhaltsangabe haben auf etwas anderes hoffen lassen. Die von mir hier vergebenen zwei (von fünf) Punkte gibt es für die Idee und die Ausarbeitung des Covermotivs und nicht wirklich für den Inhalt. Das Buch könnte als Jugendbuch durchgehen, wobei ich anmerken möchte, dass der 14jährige Sohn einer Bekannten, der das Buch nur eine Stunde, nachdem ich es aus der Hand legte, in Angriff nahm, sich ebenfalls bereits nach wenigen Kapiteln über die fehlende Logik bestimmter Passagen ausließ.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 2 von 5 Punkten, Dystopie/Endzeit, Autoren I - L, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Fantasy & Horror, Roman | Keine Kommentare »
16.2.2011 von Ati.
Isabel Wolff
Der Stoff, aus dem die Liebe ist
Originalausgabe: A Vintage Affair
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3499252860
ISBN 3499252864
Roman
Deutsche Erstausgabe 2010
aus dem Englischen übersetzt von Elvira Willems
Umschlaggestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Taschenbuch, 432 Seiten
[D] 9,95 €
Zur Autorin
Die in London lebende und aus Warwickshire stammende Autorin Isabel Wolff ist in der Bücherwelt nicht ganz unbekannt. Ihre Romane wurden bereits in 23 Sprachen übersetzt. Neben ihren schriftstellerischen Ambitionen ist sie als freie Journalistin für verschiedene britische Zeitschriften und die BBC tätig. Mit „Der Stoff aus dem die Liebe ist“ bringt die Bestsellerautorin ihr neuestes Buch auf den Markt.
Zum Buch / Meine Meinung
Zitat Inhaltsangabe:
Jedes Kleid hat ein Geheimnis. Jede Frau auch …
Endlich ist Phoebes großer Traum wahr geworden: Sie hat einen Laden für Vintage-Mode eröffnet. Jede der rauschenden Abendroben erzählt eine Geschichte. Und nichts macht Phoebe glücklicher, als das richtige Kleid für die richtige Frau zu finden. Doch noch immer überschattet ein schreckliches Ereignis ihr Leben. Damals hat sie nicht nur ihre große Liebe verloren, sondern auch die beste Freundin - für immer. Erst als Phoebe die Französin Thérèse kennenlernt, findet sie die Kraft, sich der Vergangenheit zu stellen. Denn die alte Dame weiß, was Schuld bedeutet …
Das gibt eigentlich sehr gut wieder, worum es in dem Buch geht. Oder zumindest gehen sollte. Was es bedauerlicherweise nicht beschreibt, ist das, was mich bereits zu Anfang des Buches fast vom Lesen der eigentlich guten Idee abgehalten hat. Die einen begeistert es, bei mir führte es dazu, dass sich meine Nackenhaare sträubten. Die Darstellung des Vintage-Elements kam so plakativ und vor allem penetrant oft vor, dass es sich geradezu in den Vordergrund drängte und sowohl die eigentlichen Haupt-, wie auch diverse Randfiguren im Gegenzug beiseiteschob. Kleider erzählen – wie viele alte Dinge – Geschichten und können spannend sein. Doch für mein Dafürhalten war bereits die eigentliche Grundidee des Buches etwas, das genug Spannung bot.
„Der Stoff aus dem die Liebe ist“ lernen wir dank Phoebe kennen, die die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt. Phoebe, eine junge Frau im England der Gegenwart, die gerade aus ihrem bisherigen Leben ausgebrochen ist, ihre Stellung gekündigt und sich von dem Mann getrennt hat, den sie eigentlich heiraten wollte. Das alles geschieht, nachdem ihre beste Freundin aus Kindertagen gestorben ist, die in den Wochen vor ihrem Tod unendlich unglücklich war. Phoebe, die damit leben muss, dass Emma – über die sie Guy kennengelernt hat – in den gleichen Mann wie sie verliebt war. Den Mann, der in Phoebes Augen für Emmas Tod mit verantwortlich ist. Um keinen Ärger mit Guy zu provozieren, ignorierte sie einen Hilferuf ihrer Freundin, für die daraufhin jede Hilfe zu spät kam.
Die Frage, wie tief Phoebes Trauma tatsächlich ist, wie nachvollziehbar ihre Entscheidungen sind, stellt sich sehr bald. Während sie einerseits nach Emmas Tod und ihrer Trennung von Guy (sie verliert ihn nicht, sie trennt sich bewusst von ihm) jeden Kontakt zu diesem meidet, lernt sie andererseits unmittelbar bei bzw. nach der Eröffnung ihres zwei Männer kennen, denen sie den Kopf verdreht und auf die sie sich mehr oder weniger ernsthaft einlässt. Der eine, Dan, scheint ein Habenichts und Überlebenskünstler zu sein. Der andere, Miles, ist älter als sie, allein erziehender Vater und nicht ganz unvermögend. Phoebes Tun wirkt oberflächlich in Anbetracht des Traumas, das sie erlebt hat. Da speziell dieses Trauma essenzieller Bestandteil des Plots ist, wirkt entweder die dargestellte Traumatisierung oder der Neustart nicht sehr glaubwürdig auf mich. Zum einen hat sie ihre seit Kindertagen bestehende Freundschaft mit Emma für die Liebe zu Guy geopfert und will sich - durchaus nachvollziehbar - aus purem Selbstschutz nicht mit der Thematik befassen. Zum anderen ist sie schon für etwas Neues offen, obwohl sie so traumatisiert.
Eine wirkliche Aufarbeitung von Emmas Tod und damit eigentlich von Phoebes schmerzlichem Erleben findet nicht statt. Dafür hat Phoebe genau genommen auch keine Zeit. Abgesehen davon, dass dieser Handlungsstrang nur wenige Monate umfasst, beinhaltet er einfach zu viel. Nur Monate nach dem Tod ihrer Freundin hat sie völlig mit ihrem alten Leben gebrochen und startet neu durch, verliebt sich neu, wird beruflich aus dem Stehgreif erfolgreich. Sie laviert sich durch unzählige kleinere Nebenschauplätze – etwa dem Leben von Miles mitsamt seiner schwierigen Beziehung zu seiner Tochter im Teenageralter einschließlich eines Buches seines Weingutes. Die schwierige Beziehung ihrer Eltern gehört ebenso wie die einzelnen Facetten, die Dan ihr so bietet, dazu. Oder die Gedanken, die sie sich um ihre Kundinnen macht.
Nicht zu vergessen natürlich ihre Begegnung mit Thérèse, durch die quasi von außen die Erkenntnis von Phoebes eigentlichen Schuldgefühlen gegenüber Emma wirklich deutlich wird. Thérèse, die sich am Ende ihres Lebens von vielen Dingen trennen muss. Der blaue Kindermantel, den Phoebe dabei entdeckt, gehört jedoch nicht dazu. Er hat eine viel zu persönliche Geschichte, in der es auch um Schuld oder vielmehr um naives und missbrauchtes Vertrauen geht. Phoebe bringt Thérèse nicht nur dazu, ihr genau diese Geschichte zu erzählen, sie öffnet sich selbst gegenüber der alten Frau bei diesen Treffen überraschend schnell und gelangt so zu der oben angesprochenen Erkenntnis. Es war ihre Entscheidung, Emmas Bitte um Hilfe zu ignorieren. Ihre Entscheidung sie auf später zu vertrösten. Dieses Eingeständnis hilft ihr zwar, die Welt wieder mit etwas anderen Augen zu sehen, ließ bei mir jedoch ein gewisses Gefühl von Betrogenheit zurück, da sie es sich nicht wirklich selbst erarbeitet hat. Hier fehlt einfach etwas.
Die Geschichte hat ein Happy End und doch auch wieder nicht. Thérèse stirbt erst, als sie dank Phoebes Engagement erfährt, was genau aus dem Mädchen ihrer Kindheit wurde, für das sie den blauen Mantel all die Jahrzehnte aufgehoben hat. Dieser Part der Geschichte ist so lebensnah dargestellt, dass die Erlebnisse der todkranken, dahinsiechenden Thérèse im Europa des 2. Weltkriegs nicht spurlos vorbeiziehen, kann jedoch die oben erwähnten Mängel nicht aufheben.
Und Phoebe? Die hat eindeutig eine neue Happy-End-Perspektive, diesem Handlungsstrang fehlt jedoch die Konsequenz.
Fazit
Wer mehr über Mode und Vintage erfahren möchte, oder auch über Wein, der wird von der Leidenschaftlichkeit, mit der das in diesem Roman thematisiert wird, angenehm überrascht sein. Bedauerlicherweise ist jedoch die eigentlich gute Grundidee nicht konsequent umgesetzt, seltsam offen und eher seicht abgefasst. Leider hat sich die Autorin in zu vielen Nebenschauplätzen verzettelt. Hier wäre weniger mehr gewesen, oder hätte alternativ mehr Seiten gebraucht. Auf einer Punkteskala von 1 bis 5 würde ich deshalb nur 2 Punkte vergeben – für den Part von Thérèse.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 2 von 5 Punkten, Autoren U - Z, Roman | Keine Kommentare »
16.2.2011 von Ati.
Christiane Lind
Die Geliebte des Sarazenen
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3499254598
ISBN 349925459X
Historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung any.way, Hanke/Schmidt
Taschenbuch, 384 Seiten
[D] 8,95 €
Zur Autorin
Die 1964 in Helmstedt geborene Christiane Lind lebt heute in Kassel und in Düsseldorf, was an ihrer Wochenend-Pendel-Ehe liegt. Sie mag Katzen aber keine Vorgesetzten, weshalb sich die promovierte Sozialwissenschaftlerin sich als Unternehmensberaterin und Sozialforscherin selbstständig machte. Da sie seit ihrer frühesten Kindheit Bücher liebt, ist ihr Faible für Bibliotheken nachvollziehbar. Zum Schreiben ist sie 2005 gekommen, ein Jahr später begann sie, sich an diversen Ausschreibungen zu beteiligen, wobei sie den einen oder anderen Preis gewann. Mit „Die Geliebte des Sarazenen“ stellt sie ihren ersten historischen Roman vor.
Zum Buch / Meine Meinung
Zitat Inhaltsangabe:
Wagnisse der Liebe – eine Frau zwischen Orient und Okzident.
Braunschweig zur Zeit der Kreuzzüge: Die junge Leonore von Calven begibt sich auf Wallfahrt nach Jerusalem. Was niemand weiß: Leonore trägt ihr Pilgergewand nur zum Schein. Der wahre Grund ihrer Reise muss verborgen bleiben.
Viele Gefahren lauern auf dem Weg in die Heilige Stadt. Doch die junge Frau findet hilfsbereite Gefährten – und sie ist nicht die Einzige, die ein Geheimnis hütet. …
Als Leonores Leben bedroht wird, rettet sie der Karawanenführer Nadim. Durch ihn taucht sie ein in eine faszinierende fremde Welt. Aber der Friede im Heiligen Land ist zerbrechlich. Und Leonore muss sich der Frage stellen, ob eine Christin einen Sarazenen lieben darf …
Klingt spannend, geheimnisvoll, nachvollziehbar. In einer Zeit, in der Frauen wenig Rechte haben und man nicht eben mal ins Flugzeug steigen kann, um von A nach B zu kommen, eine so abenteuerliche Reise zu wagen, stelle ich mir gefährlich vor. Dass Fremdes faszinieren kann, weiß wohl auch jeder. Also stürzte ich mich frohgemut in die Lektüre von Linds Debütroman, zumal diverse positive Kommentare meine Neugier anfachten.
Gleich vorab: Gut gelungen finde ich das Begreifen und Umdenken von Leonore, dass andere Religionen nicht besser oder schlechter als die eigene sind. Lustig ist auch Leonores erstes Zusammentreffen mit Nadim – vielmehr mit Kamelen, die sie für sandfarbene Wüstendämonen aus der Unterwelt hält. Und vor allem gefällt mir, dass Leonore größtenteils verletzlich und nicht als Überfrau dargestellt wird. Zu Beginn des Buches stellt die Autorin in einer Auflistung alle mehr und minder maßgeblichen Figuren vor, was sich immer als hilfreich erweist. Am Schluss findet man neben einem Glossar auch Karten von Braunschweig und Jerusalem, beide sollen die Städte im 12. Jahrhundert darstellen. Die Geschichte selbst ist in drei Teile gesplittet. Teil eins befasst sich mit der Entführung, Teil zwei mit der Reise, Teil drei mit der Entscheidung.
Doch zurück zum Inhalt: Die im Kloster aufgewachsene Leonore wird eines Tages überraschend von ihrem Vater nach Braunschweig beordert. Bereits hier fiel mir etwas auf, was zwar als Versuch der Autorin gewertet werden könnte, ihre Hauptfigur genauer zu beschreiben, auf mich aber eher störend wirkte. Das genügsame, im Kloster völlig behütet und eher weltfremd aufgewachsene Mädchen kommentiert innerlich beispielsweise das ihrer Ansicht nach eitle Verhalten der sie begleitenden Stiefmutter, gleichzeitig befasst sie sich jedoch auch auf ebenso eitle Art mit ihrem eigenen Aussehen. Dass die Nonnen vor Männern gewarnt haben, scheint nachvollziehbar, doch sobald sie ihren Kutscher sieht, denkt sie sofort das Allerschlimmste. Ich erwähnte speziell das jetzt, weil mir etwas Ähnliches etwas später wieder auffiel. In Braunschweig angekommen wird sie mit einem Geschäftspartners ihres Vaters verheiratet, dem sie zwar eine Tochter aber keinen Stammhalter gebiert. Ihre Ehe ist nicht die beste. Ihr Mann ist einerseits beherrschend, andererseits wirkt er willensschwach. Die Schwiegermutter macht ihr das Leben zur Hölle. Hier präsentiert sich Leonore als unterwürfig, ängstlich, unselbstständig.
Als ihre Tochter sechs Jahre alt ist, erscheinen eines Tages zwei Fremde in ihrem Haus.Kurz danach verschwinden sie zusammen mit ihrem Mann, der ihre Tochter bei sich hat. Von einer Entführung würde ich hier nicht sprechen, denn für mich scheint ihr Mann zwar nicht begeistert, aber durchaus freiwillig mitzugehen. Zu diesem Zeitpunkt wendet sich Leonores Verhalten. Sie wird zwar keine taffe Heldin, genau genommen bleibt sie den gesamten Roman hindurch eher ängstlich und zögerlich, aber sie stellt sich ihren Ängsten. Sie setzt alles daran, jemanden zu mobilisieren, der Mann und Tochter zurückbringt. – vergeblich. Was sie dazu bringt, sich selbst aufzumachen. Auf ihrer Suche nach einem Begleiter gerät sie in die Armenviertel der Stadt und ihr droht eine Vergewaltigung. Die arme Bevölkerung, respektive die Männer, werden als nichtsnutzige Säufer, brutal, gewalttätig und immer auf der Suche nach einem Opfer in Gestalt einer Frau dargestellt. Zwar mögen Frauen in dieser Zeit wenig Rechte gehabt haben und diesen Gefahren sehr real ausgesetzt gewesen sein, gleichwohl stach die Beschreibung dessen unangenehm hervor. Ich kann nicht behaupten, dass andererseits die Ratsmitglieder wirklich edelmütig und gut dargestellt werden, aber insgesamt betrachtet, erscheint mir die Darstellung von Reich und Arm doch zu klischeehaft.
Die drohende Vergewaltigung findet nicht statt, da sie von einem Ritter gerettet wird. Genau den hat sie gesucht, weil ihr gesagt wurde, dass er ihr wohl als einziger helfen könnte. Was er auch macht, zusammen mit einer von Brandnarben entstellten Frau, die quasi als Anstandsdame fungiert. Beide umgibt ein Geheimnis (das leider zunehmend vorhersehbar am Ende der Geschichte gelüftet wird). Das Trio tarnt sich als Pilger auf dem Weg in die Heilige Stadt. Niemand darf ahnen, warum sie wirklich losziehen, denn dadurch könnte Leonores Tochter in Gefahr geraten, was sie eindeutig verhindern möchte. Hier stellte sich die Frage, wie jemand, der die Reise vor ihnen antritt, von ihrer Suche erfahren soll. Noch dazu jemand, der sich über Verfolger vermutlich keine Gedanken macht. Die Reise gestaltet sich etwas mühsam, dennoch kommen sie überraschend gut voran. Bei einem Sturm wird Leonore über Bord gespült. Glücklicherweise treibt die Strömung sie an die Küste, wo sie von einer Karawane – angeführt von Nadim – aufgefunden und mitgenommen wird. Obwohl Leonore beim Verschwinden ihrer Tochter automatisch den Schluss „Ungläubige rauben Christenkind für Sklavenmarkt“ gezogen hat, kommt Nadim natürlich nicht im Geringsten auf so einen Gedanken, sein Fundstück zu versklaven. Als Muslim ist ihm die Gastfreundschaft viel zu heilig.
Dieser Teil der Geschichte fordert einiges an Durchhaltevermögen, da er nicht nur Längen, sondern auch zu viele glückliche Zufälle oder aus dem nichts konstruierte, wenig nachvollziehbare Gefahrensituationen aufweist. So kann ich zwar das langsame Annähern zwischen Leonore, den Mitgliedern der Karawane und im speziellen Nadim gut nachvollziehen, der als einziger ihre Sprache spricht. Abgesehen von der glücklichen Fügung, dass Leonore gerettet wird und sich überraschend schnell erholt, tauchen jedoch plötzlich Kreuzritter auf (teils edelmütig, teils gierig dargestellt), die die Karawane überfallen wollen und mit denen Nadim noch eine Rechnung aus seiner Vergangenheit offen hat. Die Mordlust der Kreuzritter wird allein durch …. soll ich Leonores Liebreiz oder lieber überraschend heldenmütigem Auftreten schreiben? Ach nein, es war ja auch die Erinnerung an ihre Tätigkeit als Gotteskrieger … verhindert wird, was ein weiteres Mal überaus klischeehaft auf mich wirkt. Ausgerechnet die zaghafte Leonore kann also Schlimmeres verhindern, schließt sich den Kreuzrittern an, und reist mit ihnen nach Akkon weiter. In Gegenwart der Kreuzritter hat Leonore seltsamerweise keine Angst mehr, dass herauskommen könnte, weshalb sie wirklich nach Jerusalem will. Bereits kurz nach ihrem Zusammentreffen vertraut sie sich einem von ihnen an, der ihr sofort und edelmütig seine Hilfe anbietet. Das ist aber gar nicht nötig, denn kaum treffen sie in Akkon ein, findet sie ihre ehemaligen Weggefährten wieder. Welch glückliche Fügung, dass egal ob man über Land oder den Seeweg reist, alle gleichzeitig ankommen und sich problemlos in einer Stadt wiederfinden, in der Pilger über Pilger eintreffen, welche – zumindest teilweise - von den Kreuzrittern begleitet nach Jerusalem weiterreisen sollen.
Bevor es dahin geht, tritt erneut Nadim auf den Plan (der überhaupt des öfteren überraschend schnell aus dem Hintergrund auftaucht und wieder verschwindet), der Leonore für ihren Einsatz beim Zusammentreffen mit den Kreuzrittern ein kostbares Pferd schenkt, während die Mitglieder der Karawane sie ebenfalls mit Geschenken überhäufen. Ohne diese Geschenke, müssten Leonore und ihre Begleiter zu Fuß weiterziehen und sich völlig ohne Kreuzritter den Unbillen der Wüste und den Gefahren durch Ungläubige ausliefern. Nadim verschwindet dann erst einmal wieder. Zu groß ist die Gefahr, die eine weitere Begegnung mit den Kreuzrittern in sich birgt. Eine Gefahr, die sich kurz danach nicht gerade ins Nichts auflöst, aber doch nahezu zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Warum? Weder das eine noch das andere wird genauer erläutert. Warum Leonore überhaupt Gefühle für ihn entwickelt übrigens auch nicht, es war einfach plötzlich die Rede (vielmehr der Gedanke) von Liebe. Nadim bleibt von Anfang bis Ende seltsam diffus, nebensächlich. Doch es geht noch weiter. Nehmen wir eine explizit beschriebene Begegnung mit Sybilla von Jerusalem, vor der Leonore eindringlich gewarnt wird, der sie aber trotzdem hilft. Ein neuer Handlungsstrang? Nicht wirklich, denn danach kommt nichts weiter darüber. Bald darauf erfolgt ein Überfall von Assassinen auf Leonore und den sie begleitenden Ritter – deren Auftauchen und die Beweggründe werden nicht näher erläutert. Sie werden in meinen Augen einfach benutzt um das Verhältnis von Gottfried und Leonore (welches lang vor ihrer ersten Begegnung in der Vergangenheit begann) auseinander zu dividieren. Natürlich erst, nachdem sein Geheimnis für die, die es bis dahin nicht schon ahnten, gelüftet ist. Auch die Suche nach ihrer Tochter, die Leonore gleichzeitig zu ihrem Mann führt, gelingt zu einfach, zu schnell. Mein ursprünglicher Gedanke, dass er die Sarazenen freiwillig begleitet hat, bestätigte sich hierbei. Das Warum und Weshalb ist in wenigen Sätzen abgehandelt und etwas durchsichtig. Sein Verhalten wirkt auch hier einerseits beherrschend und andererseits nachgiebig und oberflächlich selbstsüchtig. Mit seinem Auffinden scheint sich Leonore sofort wieder in ihr anfängliches Verhaltensmuster zu ergeben. Eine Frau, die nicht lange davor Nadim Szenen für Sachen bereitet hat, die einen irritiert die Stirn runzeln lassen. Ihr Weg scheint wieder Richtung Braunschweig zu weisen. Obwohl, eigentlich verrät der Titel schon, was geschehen könnte.
Fazit
Leonore und ihre Mitstreiter oder Gegenspieler haben mich trotz des eigentlich interessant klingenden Plots nicht in ihren Bann gezogen. Obwohl die Autorin einen flüssig-leichten und durchaus plakativen Schreibstil hat, stolpert man über zu viele Geheimnisse, Ungereimtheiten, Oberflächlichkeiten und nicht zu Ende gesponnene Handlungsverläufe. Deshalb bekommt „Die Geliebte des Sarazenen“ nur zwei von fünf Punkten, schon allein, weil die nach dem Titel vermutete Liebesgeschichte viel zu schwach beleuchtet wird.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Historisch - Mittelalter, 2 von 5 Punkten, Autoren I - L, Roman | Keine Kommentare »
15.2.2011 von Ati.
Beatrix Mannel
Die Hexengabe
Diana Verlag
ISBN 978-3453354258
ISBN 3453354257
Historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung t.mutzenbach design, München
Taschenbuch, 576 Seiten
[D] 9,99 €
Zur Autorin
Wer die Homepage der 1961 in Hessen geborenen Autorin besucht, erfährt, dass ihre Liebe zum Schreiben bereits früh entstand und etwas damit zu tun hat, dass sie etwas schaffen wollte, das Bestand hat, das man Zitat: „immer wieder anfassen, betrachten, unters Kopfkissen legen kann. Etwas, in dem man Veilchen pressen, Sandkörner transportieren, einen wackelnden Tisch ruhigstellen, Notizen machen kann“.
Das war 1996. Heute - 2011 - sind mehrere Bücher von ihr bei verschiedenen Verlagen erschienen. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Mit „Die Hexengabe“ erscheint im Diana-Verlag ihr erster historischer Roman. Doch Mannel schreibt nicht nur selbst, sie gibt auch kreative Schreibworkshops für jung und alt – sprich für solche, die ihre Leidenschaft teilen.
Zum Buch
Ich mag historische Romane, ich mag fantastische Romane. Der Text auf dem Buchrücken verspricht beides.
Zitat:
Nürnberg 1697: Rosa ist begabt und schön und doch scheint sie verflicht zu sein. Denn an ihrer linken Hand hat sie einen sechsten Finger, den sogenannten Hexenfinger.
Als ihr Vater unerwartet stirbt, möchte man sie deshalb nur zu gern loswerden. Aber sie ringt dem Rat der Stadt ein Ultimatum ab: Gelingt es ihr, binnen zwei Jahren ihren Neffen, den einzigen männlichen Erben, aus Ostindien zu holen, darf die Familie die Spielkartendruckerei des Vaters weiterführen. Auf der gefahrvollen Reise leistet ausgerechnet ihr sechster Finger wertvolle Dienste – denn mit seiner Hilfe kann Rosa erkennen, wenn jemand lügt …
Meine Meinung
Das klang schon mal spannend und ich machte mich neugierig ans Werk. Tatsächlich brachte Mannel mich in eine farbenfrohe und gleichzeitig recht trost- und für Frauen erschreckend rechtlose Welt. Rosas abenteuerliche Aufgabe wird dadurch erschwert, dass jemand einen Mörder auf ihre Spur hetzt und dass ihr vermeintlicher Vater gar nicht ihr Vater ist. Hat ihr Finger, das vermeintlich fantastische Element in dieser Geschichte geholfen? Obwohl er irgendwie dazu beigetragen hat, ihre Aufgabe zu lösen, würde ich eher nein sagen.
Es gibt tatsächlich Passagen in der Geschichte, die immer wieder dafür sorgten, dass ich weiterlas. Spannung kam dennoch nicht wirklich auf. Für meinen Geschmack beginnt Rosas Abenteuer und ihr Aufbruch in eine ferne Welt überaus schleppend und dehnt sich etwas, während das Ende mit der Rückkehr in ihre Heimat samt der Auflösung des Geheimnisses um ihre Herkunft ziemlich schnell aus der Feder der Autorin geflossen sein muss. Darüber hatte ich aber auch mit gewissen Ungereimtheiten und der enervierenden Blauäugigkeit sowie nahezu fatalistisch wirkenden Edelmütigkeit der Hauptfigur zu kämpfen. Der Entschluss nach Indien zu reisen, passt nicht zu dem Bild, das Mannel zunächst von Rosa zeichnet.
Zwar ist es einerseits relativ nachvollziehbar für mich, dass Rosa ihren Hexenfinger bewusst vor anderen verbirgt (um ihr Leben zu schützen). Andererseits erscheint es wenig logisch, wie sparsam sie ihn einsetzt, um tatsächliche Gefahr abzuwenden oder auch einfach nur weiterzukommen. Noch weniger schlüssig kommt mir die Leichtigkeit vor, mit der sie ihren Neffen im fernen Indien findet und zurückbringt. Das Problem, dass seine Eltern das vielleicht verbieten, hat die Autorin gekonnt aus dem Weg geräumt, indem sie diese … sagen wir mal eliminiert – soweit so gut. Doch immerhin kann Rosa nicht einfach in ein Flugzeug steigen und in Indien ein Fahrzeug anmieten. Und Geld, damit sie eine Art mittelalterlichen All-Inklusive-Reisegutschein buchen kann, hat sie auch nicht. Außerdem weiß sie weder, wo genau ihr Neffe sich befindet, noch wie dieser aussieht. Beides nicht ganz unabdingbar, wenn ich mir vorstelle, einen kleinen Jungen in einem mir völlig unbekannten Land zu suchen. Einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche, dessen Gewohnheiten ich nicht kenne, etc. Und in meiner Vorstellung eine Frau bin, die bis dato nicht über Nürnbergs Grenzen hinausgekommen ist. Wenn ich dazu noch davon ausgehe, wie sehr ihr das Überleben ihrer kleineren Schwestern und ihrer Mutter am Herzen liegt und welchen Aufwand sie betreibt bzw. welches Risiko sie mit der Reise eingeht, um diese zu retten, überrascht mich andererseits der Mangel an Fantasie. Da wären ganz andere Lösungen meines Erachtens viel naheliegender gewesen. Aber geradezu heroisch hält Rosa an ihrem Plan „ihren“ Neffen nach Nürnberg zu holen fest und wird für ihren Einsatz durch haarsträubend glückliche Zufälle belohnt. Hierbei bedient sich die Autorin eines Perspektivwechsels. Einmal beschreibt Mannell Rosas Geschichte und dann die einer Sklavin, die entscheidend für Rosas Heimkehr ist. Was im Grunde genommen spannend sein könnte, allerdings so vorhersehbar ist, dass besagte Spannung nicht wirklich aufkommen möchte.
Fazit
Eins der Bücher, das mich sehr gespalten zurücklässt. Einerseits kann ich sagen, dass Mannels Schreibstil flüssig und das Buch gut formuliert ist, was für einen gewissen Lesefluss sorgt. Bestimmte Ideen klingen spannend, lassen mich aber angesichts der Auflösung eindeutig frustriert ausatmen. Bestimmte Passagen sind zu sehr gedehnt, andererseits fehlt eindeutig etwas.
Die Welt ist klein – selbst wenn man davon ausgeht, dass die Protagonistin für ihre Aufgabe einmal von Nürnberg nach Indien und wieder zurück reisen muss. Mein Herz ist rein – so rein, dass einfach alles gut ausgehen muss. Die Mischung aus beidem lässt mich der Geschichte auf einer Skala von 1 bis 5 Punkte 2 Punkte geben. Die gibt es für die zwischendurch vorkommenden guten Passagen in einer ansonsten leider eher flachen Geschichte.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Historisch - Mittelalter, 2 von 5 Punkten, Autoren M - P, Abenteuer, Roman | Keine Kommentare »
30.3.2010 von Ati.
Die Brücken der Freiheit
Von Ken Follet
Bastei Lübbe
ISBN 978-3404128150
Historischer Roman
04/1998
Softcover 546 Seiten
€ 9,99 [D]
Zum Buch:
Ken Follets „Brücken der Freiheit“ taucht der Leser zunächst ins Schottland des 18. Jahrhunderts. Er begegnet unzufriedenen, geknechteten – nein eigentlich versklavten - Menschen in den Bergwerken eines Feudalherren, die aufgrund der unmenschlichen Arbeitsbedingungen dort, dem Hunger und der Kälte vor allem eins bewegt – die Freiheit. Denn bereits Neugeborene werden ihrem Herrn zur Zwangsarbeit verpflichtet.
Der junge McAsh lehnt sich dagegen auf - muss jedoch feststellen, dass auch seine Flucht nach London ihm nicht unbedingt ein besseres Leben beschert, denn die Arbeitsbedingungen dort sind fast genauso katastrophal. Dort kommt er als Aufständischer in Konflikt mit dem dort herrschenden Patriarchat. Er wird gefangen genommen und kommt in Ketten nach Amerika. Und damit eigentlich vom Regen in die Traufe.
Doch er und seine Kohlebrüder sind nicht als Einzige unzufrieden. Auch Lizzy Jamisson, eine junge Adlige will sich mit ihrem vorhersehbaren Leben nicht abfinden. Und auch sie kommt – wenn auch auf ganz andere Weise – nach Amerika. Heiratet dort und trifft – welch Zufall – auf McAsh. Womit der Leser dann in den dritten Buchteil eintaucht - in dem Lizzy und McAsh so unaufhaltsam aufeinander zusteuern, wie es nur sein kann.
Meine Meinung:
Konnte mich das Buch wirklich fesseln – ehrlich gesagt nicht. Was aber zunächst daran lag, dass ich es im unmittelbaren Anschluss an „Säulen der Erde“ und „Pfeiler der Macht“ gelesen habe. Das Cover von „Brücken der Freiheit“ reiht sich perfekt in die der vorgenannten Bücher ein. Leider plätschert jedoch der Inhalt von „Brücken der Freiheit“ viel zu seicht und vor allem bereits nach kurzer Zeit völlig vorhersehbar vor sich hin. Follet scheint in diesem Roman kein Klischee auszulassen. Die „Guten“ sind einfach gut und edel - am Beispiel von Lizzy gesehen schlicht das Vorbild der emanzipierten Frau (wenn auch reichlich naiv), daneben aber natürlich auch adlig, gut aussehend und edelmütig, am Beispiel von Mc Ash betrachtet der Mann schlechthin, der geborene Revoluzzer, der alle in seinen Bann ziehen kann und auch noch ehrlich und wahrheitsliebend. Die Bösen – nun ja, die sind leider völlig vorhersehbar, weil sie einfach das pure Gegenteil der beiden Protagonisten sind: geldgeile, verschlagene Säufer die nicht nur ihre Frauen ausnehmen, sondern auch noch schlagen.
Was das Buch unter diesem Vergleichsaspekt zu den vorgenannten Romanen betrachtet etwas rettet, sind Follets - wie immer detaillierte - Einblicke in historische Fakten.
Wenn ich das Ganze separiert betrachte, dann kommt dabei ein einfacher Liebesroman heraus. Nett erzählt, mit historisch glaubwürdigen Aspekten gewürzt, netten Protagonisten und reichlich Melodramatik (muss ja nicht alles immer absoluten Tiefgang haben :-D). Doch auch unter diesem Aspekt gibt es mir in der Geschichte in sich zu viele Zufälle, um sie wirklich wirken zu lassen. Sicher, die Welt ist klein, aber Lizzy begegnet McAsh beispielsweise in Schottland, in England und im großen Amerika. Sie immer erhaben und edel, er immer unterprivilegiert. Das Ganze ist gewürzt mit ganz klassischen Liebesroman-Elementen wie Eifersucht, Hass, Liebe, Rache … In der Badewanne hat mir der Roman dann ganz gut gefallen – zum leichten Entspannen eignet er sich also durchaus (das meine ich ganz ehrlich und auch nicht abwertend). Ich würde „Die Brücken der Freiheit“ als (seitenstarke) Geschichte für laue Urlaubsabende empfehlen.
Copyright Antje Jürgens (03/2010)
Geschrieben in Historisch - 18./19.Jahrh., 2 von 5 Punkten, Autoren E - H, Roman | Keine Kommentare »