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2.5.2011 von Ati.
Lili St. Crow
Strange Angels 01: Verflucht
Originaltitel Strange Angels
aus dem Englischen übersetzt von Sabine Schilasky
PAN
ISBN 9783426283455
ISBN 342628345X
Fantasy, Jungenbuch 12 – 15 Jahre
Deutsche Erstausgabe 2011
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 384 Seiten
[D] Preis 16,99 €
Lili St. Crow – unter diesem Pseudonym veröffentlicht die 1976 in New Mexico geborene und z. T. im Vereinigten Königreich auf einer Militärbasis aufgewachsene Autorin Lilith Saintcrow Geschichten und Bücher für Jugendliche, während sie sich unter ihrem richtigen Namen an ein erwachsenes Publikum wendet. Ein weiteres Pseudonym ist Anna Beguine. Die heute mit einigen Katzen und ihrer Familie in Vancouver lebende Autorin bevorzugt dabei die Genres Paranormale Romance oder Urban Fantasy.
Die Liste ihrer Veröffentlichungen deutet darauf hin, dass sie nicht nur seit ihrem 10. Lebensjahr gerne schreibt, sondern geradezu süchtig danach zu sein scheint. Neben der frei zugänglichen Onlineserie „Selene”, erschienen seit 2004 auch mehrere Novellen und Buchreihen der Autorin unter einem der drei oben genannten Namen.
2004 – 2008: Watcher-Serie, 5 Bände
2005: Society-Serie, 2 Bände
2005 – 2008: Dante-Valentine-Serie, 5 Bände
2007: Smoke, Mirror, Steelflower
2009: The Demon’s Librarian
2008 – 2011: Jill-Kismet-Serie, 6 Bände
Wer „Selene“ verfolgt oder verfolgt hat, wird vielleicht die eine oder andere Figur aus der Dante-Valentine-Reihe wiedererkennen. Dante Valentine? Jill Kismet? Richtig, diese beiden Reihen kennen Fans des Genres aus den von LYX für den deutschen Buchmarkt übersetzten Bänden. Und dank PAN wird auch die anvisierte jugendliche Zielgruppe hierzulande etwas mit dem Namen St. Crow anfangen können. Der Verlag brachte im April 2011 den gleichnamigen Auftaktroman der bislang fünfteiligen Serie Strange Angels unter dem Titel „Verflucht“ in die Buchläden.
Wie bei den übrigen Büchern des Verlags kann man auch bei „Verflucht“ zunächst bereits zur Covergestaltung gratulieren. Der dunkle, matt gehaltene Umschlag zeigt ein schlafendes Mädchen, wirkt durch die Drucktechnik fast samtig, fasst sich griffig an. Die weiße Schrift des Titels leuchtet förmlich ins Auge, obwohl sie gleichzeitig etwas verschwommen und dadurch unwirklich wirkt. Und damit einen Bezug zum Buchinhalt bekommt.
Im Buch selbst geht es um die 16jährige Dru, die – vorübergehend – in den Dakotas lebt. Die Geschichte spielt über einen Zeitraum von einigen Tagen im Winter. Der eben erwähnte Bezug zum Buchcover zeigt sich darin, dass Dru visionsartige Träume erlebt.
Neben Dru geht es aber auch um Zombies und Dämonen, Vampire und Gestaltwandler. Die kennt der Teenager nicht nur aus Büchern und Filmen, sondern weiß schon von klein auf, dass sie zur Realität gehören, auch wenn die meisten Menschen nichts davon mitbekommen. Ihre Mutter ist vor Jahren gestorben. Ihre Großmutter, die sie daraufhin großgezogen hat, lebt auch nicht mehr. Einzig ihr Vater ist ihr geblieben, der Dinge jagt, die für gewöhnlich ohne nachzudenken ins Reich der Mythen und Gruselgeschichten sortiert werden. Jedenfalls, bis er eines Tages auf jemanden trifft, der ihn tötet und seiner Tochter als Zombie auf den Hals hetzt. Und er ist nicht der Einzige, der auf Dru angesetzt wird, denn in ihr schlummert ein Geheimnis. Sie selbst hat keine Ahnung, worum es dabei geht, ihr Widersacher jedoch offenbar schon, weshalb ihr gar nichts anderes übrig bleibt, als sich zu wehren.
Sollten hier Buffy und Konsorten in leicht variierter Form à la Supernatural wiederauferstehen?
Steckt in der Geschichte nur ein weiterer Teenager, der unwahrscheinlich zäh, widerspenstig und nicht totzukriegen ist? Der seinen Daseinszweck allein im Killen von Monstern und nebenbei im Anschmachten eines übernatürlichen Wesens sieht? Der schlaflose Nächte en masse erlebt, horrormäßige Gestalten einfach so im Kickboxstil vernichtet und das Erlebte auch noch problemlos wegsteckt? Ein Teenie, der cool damit umgeht, dass er den zum Zombie mutierten eigenen Vater töten muss, um zu überleben?
Glücklicherweise wird man in „Verflucht“ davon verschont. Dru ist trotz ihres Wissens um die Anderen ein völlig normales Mädchen, das – zumindest im Auftaktroman - keine übermäßig übernatürlichen Kräfte in sich bündelt. Sie kann sich wehren, sie kann mit Waffen umgehen, doch sie ist keine Heldin, die über allem steht und nebenbei stets noch perfekt gestylt ist. Sie ist ein junges Mädchen, das neben den ganz normalen Problemen wie Schule und Erwachsenwerden auch damit kämpfen muss, mit den ständigen Ortswechseln zu leben, die das Leben mit ihrem Vater und seinen Aufträgen so mit sich bringt. Keine gute Voraussetzung um Freundschaften zu schließen. Dru ist trotzig und in gewisser Weise zornig. Wenn man alle auf Abstand hält, fällt das Abschiednehmen gar nicht erst schwer. Einsam - so stellt sich Dru dar. Dru muss schreien und weinen, ist verzweifelt und ängstlich. Eben eher eine Gejagte als eine Jägerin.
Trotzdem schreckt sie einen Jungen nicht ab: Graves, ebenfalls ein Außenseiter, der sich nach und nach als ein Junge herausstellt, der ohne festen Wohnsitz auch niemanden hat, der sich um ihn kümmert, spricht sie an. Und als kurz darauf Dru’s kleine Welt durch den doppelten Tod ihres Vaters zusammenbricht, ist er es, der ihr hilft. Er bietet ihr neben einem Unterschlupf eine Schulter zum Anlehnen, obwohl er nicht einmal andeutungsweise ahnt, worauf er sich da einlässt. Er fragt nicht viel, sondern handelt. Er schreckt nicht vor dem zurück, was ihn da überrollt, sondern stellt sich dem Ganzen – ebenfalls nicht cool und abgeklärt, sondern eher wie jemand, der nach dem Prinzip mitgehangen-mitgefangen lebt. Was hier ins Auge fällt, ist, dass Graves, ganz unauffällig eine erwachsene und erzieherische Rolle einnimmt, indem er Dru auf „wichtige“ Dinge im „normalen“ Leben verweist und sie animieren möchte, sich daran zu halten. Was in vergleichbaren Romanen oftmals von Erwachsenen ausgeht und dadurch bisweilen eher ermüdend-belehrend als motivierend wirkt, stellt sich im Hinblick auf seine Person durchaus überlegt und schlüssig dar.
Wer zwischen Graves und Dru eine Liebesgeschichte vermutet, wird enttäuscht. Dafür gibt es zunächst eine Geschichte über eine sich anbahnende Freundschaft und Vertrauen, über Werte, Perspektiven und Ziele. Alles andere wäre fehl am Platz, zu heftig ist das, was die beiden erleben. Bereits anfangs der von Dru erzählten und von ihren Gedanken durchsetzten Geschichte wird klar, dass die Autorin nicht sehr zartfühlend mit ihnen umgeht. Die Leser werden nicht von gut aussehenden Blutsaugern und scheinbar unwiderstehlichen Werwölfen an-, sondern von zerfallenden Zombies und beißwütigen Gestaltwandlern ins Geschehen gezogen. Dru und Graves machen gezwungenermaßen das, was zum Überleben notwendig ist, sind dabei aber verletzlich und auch durchaus wehrlos. Beide Charaktere wirken mit ihren Schwächen und in ihrer Hilflosigkeit bei allem was sie tun lebensecht. Flüssig verwebt die Autorin die fantastischen Elemente mit dem realen Hintergrund zu einer Atmosphäre, die den Leser schnell einhüllt, auch Erwachsene hin und wieder schlucken lässt, jedoch nicht nur platt auf blutrünstigen Horror abzielt. Gegen Ende von „Verflucht“ bekommen die beiden Hilfe durch den nach Apfelkuchen duftenden Blutsauger Christope, der eine nicht gleich einfach und klar zu definierende Rolle spielt.
Ein kleines Manko ist, das Dru’s Gedanken, die als kursiver Text dargestellt werden, sich häufen. Was einerseits gut zu ihrer inneren Zerrissenheit passt, stört andererseits in seiner Häufigkeit. Durch Wiederholungen bestimmter Dinge entwickeln sich zusätzlich Längen. Zumindest Letztere werden jedoch meist schnell von spannungsreichen Momenten abgelöst und gehen in dem grundsätzlich flüssigen Schreibstil fast unter.
Ein weiteres Manko stellt die von der Autorin gewählte Erzählform dar. Man sieht alles aus Dru’s Sicht, kann so nur ihrem Fokus folgen und verschiedenen Zusammenhänge nicht ohne Weiteres erkennen. Obwohl letztendlich alles verwoben wird, sucht man manchmal den roten Faden. Ein Perspektivwechsel hätte hier gut getan, obwohl der Leser an sich in diesem Buch mit einer Fülle an Informationen versorgt wird. Sie ergeben sich aus Rückblicken auf Dru’s bisheriges Leben, aus Träumen, Andeutungen, Ahnungen; was alles in allem für einen trotz allem gelungenen Auftakt der Strange-Angels-Reihe sorgt. Das nachvollziehbare Verhalten der lebensecht wirkenden Hauptfiguren tut ein Übriges.
Letztlich wird bereits mit diesem ersten Band klar, dass die Bücher der Reihe vermutlich nicht in sich abgeschlossen und separat lesbar sind. Das Ende von „Verflucht“ ist völlig offen. So wird weder das Geheimnis um Dru gelüftet, noch die Rolle des eben erwähnten Blutsaugers ganz klar. So ist ungeklärt, was aus Graves wird oder wer wirklich hinter dem Mord an Dru‘s Vater steckt. Dieses Ende kann jedoch bei allen Fragen schwer als Cliffhanger bezeichnet werden.
Fazit
Die fehlenden Antworten macht Lust auf die im Herbst erscheinende Fortsetzung „Verraten“, zumal bereits jetzt erkennbar scheint, dass die Geschichte sich steigert. Die kleinen Schwächen sorgen dennoch für einen Punkteabzug, weshalb ich nur vier Punkte von fünf Punkten vergeben möchte. Zudem habe ich bei der Altersfreigabe ab 12 Jahre Bedenken, da die Zombiepassagen doch sehr anschaulich beschrieben sind.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Buch- & Sammelreihe, 4 von 5 Punkten, Autoren Q - T, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Fantasy & Horror | Keine Kommentare »
26.4.2011 von Ati.
Sharon Ashwood
Dark Forgotten 02 - Vampirdämmerung
Originaltitel: Scorched
aus dem Amerikanischen übersetzt von Sabine Schilasky
Knaur
ISBN 9783426652442
ISBN 3426652447
Fantasy
Deutsche Erstausgabe 2011
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
Breitklappenbroschur, 496 Seiten
[D] 12,99 €
Bereits in ihrer Kindheit interessierte sich die in British Columbia lebende Autorin Sharon Ashwood für Märchen und Mythen. Ihre bis heute anhaltende Faszination für Seltsames, Unwirkliches, Unheimliches oder Fantastisches setzt die freie Autorin und Journalistin mit einem Universitätsabschluss in Englischer Literatur in Urban-Fantasy-Romane um. 2009 erschien der Auftaktroman ihrer Dark-Forgotton-Reihe unter dem Titel „Ravenous“, der bei uns in Deutschland 2010 von Knaur als „Hexenlicht“ veröffentlicht wurde. Der zweite Teil „Scorched“ erschien in den Staaten ebenfalls 2009, die deutsche Übersetzung „Vampirdämmerung“ folgte dann Anfang 2011. Auch die beiden Folgebände Seelenkuss und Höllenherz (Originaltitel „Unchained“ 2010 und „Frostbound“ 2011) sind bereits für den deutschen Buchmarkt avisiert.
Zur Gestaltung der Cover der Reihe bediente sich der Verlag der derzeit gerne gebräuchlichen Darstellung eines hälftigen Männer- oder Frauengesichtes vor einer Großstadtkulisse, die sich auf den Innenseiten des Buchumschlags fortsetzt. Abwechselnd wechseln die Gesichter von links (Band 1 und 3) nach rechts (Band 2 und 4). Zusätzlich wird ein geflügeltes, mystisches Wesen gezeigt, welches bei den Bänden 1 und 2 auf von Menschen errichteten Gebäuden stehend, bei den Bänden 3 und 4 auf Felsen hockend zeigt. Ein dezenter Metalliclook und ein Lichtpunkt auf einem der Buchstaben des jeweiligen Buchtitels runden die Covergestaltung gelungen ab.
Die Autorin lässt ihre Romanreihe teils in der realen Welt, teils in einer Fantasywelt spielen. In „Vampirdämmerung“ findet der größte Teil des Geschehens in der zur Fantasywelt gehörenden Burg statt – einem düster-bedrohlichen und gleichzeitig sicheren Gefängnis für übernatürliche Wesen, was die reale Welt sehr verblassen lässt. Umso deutlicher wird das geheimnisvolle, magische Labyrinth, in das Leserinnen wie Leser dank der in dritter Person erzählten Ereignisse eintauchen können.
Während sich der erste Band um Holly Carver und den ihr zugedachten Partner dreht, geht es in „Vampirdämmerung“ um den zum Dämon mutierenden Ex-Cop Conall Macmillan und die Vampirin Constance. Macmillan ist bereits aus Hexenlicht bekannt, wo er von einer Dämonin geküsst wurde, was ihn selbst nach und nach in ein übernatürliches Wesen verwandelt. Zwar gelingt es Holly den auf Macmillan lastenden Fluch etwas zu lösen, aber eben nicht ganz – was zu seiner Inhaftierung in der Burg führt. Macmillan gelingt zwar die Flucht von dort, doch kaum draußen trifft er auf den Vampir Caravelli (ebenfalls ein Bekannter aus dem Auftaktroman). Also kehrt er gezwungenermaßen in die Burg zurück. Dort begegnet er Constance. Noch ist sie keine richtige Vampirin, ist auch aufs Bluttrinken nicht unbedingt versessen bzw. hat noch gar keins getrunken. Doch sie benötigt momentan die Kräfte, die ihr als richtige Vampirin zur Verfügung stünden. Und deshalb will sie an Macmillans Blut. Dabei merkt sie sehr schnell, dass der so appetitlich menschlich riechende Mann nur scheinbar menschlich und nicht sehr willig ist. In Anbetracht der Tatsache, wie Macmillan zu seinem neuen Dasein kam, ist er nicht allzu erpicht darauf, als Snack herzuhalten. Dass er ihr trotzdem helfen möchte ihren Ziehsohn zu retten, liegt daran, dass etwas an ihr seine ehemals rein menschliche Seite zum Klingen bringt und seine Beschützerinstinkte weckt. Hier scheint der dämonische Anteil in ihm dann tatsächlich eine positive Seite zu bekommen. Vor allem, weil Constances Ziehsohn eng mit der Burg und damit mit dem Schicksal aller Insassen verknüpft ist.
Ein weiterer Nackenbeißerroman ohne Tiefgang? Der Auftaktroman, mit dem die Autorin sich angenehm von anderen Büchern abhebt, versprach schon mal das Gegenteil. In Hexenlicht bot sie nicht einfach nur eine gewöhnliche und nichtssagende Story und mit ihren fantastischen Elementen auch nicht nur eine platte Stilvorlage für eine bisweilen sinnlose Anhäufung erotischer Szenen. Ashwood setzte darin auf interessante Charaktere, auf ein eher düsteres Hintergrundszenario, sehr wohl auf etwas Romantik, eine softe Erotik, aber eben auch auf eine Geschichte, die geschickt verwobene Handlungsfäden zusammenlaufen lässt.
Leider passiert dann aber in „Vampirdämmerung“ über einhundert Seiten anfangs erst einmal nicht viel. Obwohl Ashwood genau genommen direkt an Hexenlicht anknüpft, somit deutlich macht, dass auch ein abgeschlossener Roman ohne Weiteres zu einer Reihe zählen kann, sucht man zunächst leicht vergeblich den roten Faden der Geschichte zu erhaschen. Nur bedingt tröstend wirkt der Umstand, dass Holly und Caravelli in „Vampirdämmerung“ ein eigener Nebenhandlungsstrang gewidmet wird und nicht einfach nur ihre Namen eingestreut werden. Doch bedauerlicherweise fehlt hier Hollys Sarkasmus, ihr Humor. Humorlos ist „Vampirdämmerung“ damit jedoch noch lange nicht und je länger man liest, desto mehr besticht Ashwoods Mixtur aus Fantasy und erotisch angehauchter Liebesgeschichte. Desto mehr steigt die Spannung. Desto mehr reißt „Vampirdämmerung“ mit. Desto mehr wird die gelungene Verknüpfung des düsteren Erzählstrangs mit einer sinnlichen Liebesgeschichte deutlich. Gleichzeitig zeigt sich, dass man zwar die Bücher unabhängig voneinander lesen kann, dass aber Bezüge auf bereits Erzähltes hergestellt werden, die empfehlen, die Bände in der erschienenen Reihenfolge zu lesen.
Die Autorin verwendet auch in „Vampirdämmerung“ viele Details zur Beschreibung des Aussehens aller Figuren, ihrer Charaktereigenschaften, aber auch der einzelnen Szenen. Sie arbeitet Motivationen heraus und bindet neue Gestalten geschickt ein. Während Constance und Macmillan um ihre Menschlichkeit ebenso wie um die Rettung von Constances Ziehsohn kämpfen, merkt man schnell, dass keiner der Nebencharaktere überflüssig ist und alle zusammen zu dem gelungen inszenierten Geschehen beitragen. Die sympathischen Hauptfiguren entwickeln sich zügig. Sie sind nicht einfach nur übermenschliche Helden, sie haben ihre Fehler und Schwächen. Doch auch ihre Kräfte und ihre Macht wachsen, was sich spätestens am Schluss des Buches als dringend notwendig erweist, da sie dabei Kreaturen und Problemen gegenüberstehen, denen sie zuvor hoffnungslos unterlegen gewesen wären. Doch ob nun mysteriös, rücksichtslos und oder einfach nur fehlgeleitet, ihre Widersacher ziehen zwar letztlich den Kürzeren, doch sie bringen auch Spannung in die Geschichte und sorgen mit für eine kurzweilige, interessante Handlung.
Was auffällt ist, dass Constance und Macmillan flirten, was das Zeug hält, egal wie die Situation ist, in der sie sich gerade befinden. Die Gefühle der beiden keimen nicht erst behutsam im Verlauf der Geschichte, ersticken in ihrer Fülle den eigentlichen Handlungsverlauf aber nicht. Auch wirken bestimmte Textstellen fast zu flüssig. Nicht unbedingt problemlos, aber fast zu gekonnt umschiffen Constance und Macmillan Hindernis um Hindernis – was daran liegen könnte, dass an ihrer Seite unter anderem Holly und Caravelli kämpfen, wenn es hart auf hart kommt. Das könnte störend wirken, tut es aber tatsächlich nicht.
Auch der zweite Band der Reihe zeichnet sich durch den originellen, flüssigen und klar verständlichen Stil der Autorin aus, was sich allerdings nicht von der ersten Seite an zeigt. Doch wer durchhält, wird mit einer spannenden Geschichte belohnt, die eindeutig Lust auf den dritten Band macht und für die ich vier von fünf Punkten vergeben möchte.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Buch- & Sammelreihe, 4 von 5 Punkten, Autoren A - D, Fantasy & Horror, Roman | Keine Kommentare »
25.4.2011 von Ati.
Klausbernd Vollmar
Schlaf und Traum
Königsfurt-Urania
ISBN 9783868260830
ISBN 3868260838
Sachbuch Gesundheit, Wohlbefinden
Neuausgabe 2011
Umschlaggestaltung Antje Betken
Broschiert, 224 Seiten
[D] 14,99 €
Verlagsseite
Autorenseite http://www.kbvollmar.de oder auch http://www.traumonline.de
Bisher kannte ich Klausbernd Vollmar nur als Autor von Büchern über Farben, ihrer Wirkungsweise, Einsatzmöglichkeiten, etc. Da mir diese Bücher gefallen haben, konnte ich nicht widerstehen, weshalb momentan sein Buch Schlaf und Traum mit dem Untertitel Besser schlafen – gut träumen vor mir liegt.
Die Homepage des Autors verrät, dass der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Nordrhein-Westfalen bei Köln geborene Vollmar breit gefächerte Interessen hat und auch reiselustig ist. So gibt er an, nach dem Abitur Germanistik, Linguistik, Geowissenschaften und Philosophie studiert und 1973 sein Staatsexamen an der Ruhr-Universität Bochum abgelegt zu haben. Er arbeitete als Lektor für das Goethe-Institut in Finnland, lehrte und forschte im Bereich Literaturwissenschaften in Montreal, und arbeitete für Zeitschriften und als beratender Regisseur beim Theater. Ein einjährige Tour durch amerikanische Landkommunen zog einen Bestseller, Radiosendungen und Vortragsreihen darüber nach sich, bevor Vollmar sich als geschäftsführender Gesellschafter einer Firma betätigte, die weite Landstriche der griechischen Insel Ithaka kaufte, um sie nach ökologischen Gesichtspunkten zu erschließen. Er beschäftigte sich beruflich an der Ruhr Universität Bochum mit autogenem Training und katathymen Bilderleben. Nach Abschluss eines Zweitstudiums in Psychologie führte er Jugendberatungsstellen in Amsterdam und Solingen, engagierte sich in der deutschen Männerbewegung und unterstützte ihre Emanzipationsversuche. Er reiste nach Nepal und blieb für zwei Jahre, bevor er ein Institut für Krisenintervention gründete, einen Verlag der Findhorngruppe mit aufbaute und leitete und zeitgleich Schüler von Dr. von Ungern-Sternberg, einer direkten Schülerin C.G. Jungs, und Mitglied einer englischen Gurdjieff-Gruppe wurde. Die von ihr vertretenen strengen psychologischen Ansätze führten zu einem von ihm entwickelten Persönlichkeitsmodell, was wiederum zu Buchveröffentlichungen, Radio- und Fernsehsendungen führte und unter anderem auch mit der intensiven Beschäftigung mit Träumen im Bezug auf Entwicklungsmöglichkeiten neuer Ideen und Problemlösungsprozessen einherging. Vollmar lebt heute an der englischen Ostküste, jedenfalls die meiste Zeit oder reist auch gerne in die Arktis, wenn er sich nicht um seinen Garten kümmern muss oder mit seinem Boot das Meer vor der englischen Küste erkundet. In dem Künstlerdorf Cley-Next-The-Sea hält er Seminare über kreative Arbeit mit Träumen und der Entwicklung der eigenen Potenziale und gründete und leitet zusammen mit dem Physiotherapeuten Konrad Lorenz auch die Internetfirma TraumOnline.
Mit seinen in fünfzehn Sprachen übersetzten bisher erschienen Veröffentlichungen und diesem Einblick in seine Vita ist Vollmar also bestens gerüstet, um sich in Schlaf und Traum, Besser schlafen – gut träumen mit zur Volkskrankheit mutierten Schlafproblemen und beispielsweise auch mit dem Einsatz von Träumen für eine (postive) Veränderung der Lebensqualität zu beschäftigen. Gleichzeitig verspricht ein kurzer Text innen im Buch, dass es zeitgleich „eine informative und unterhaltsame Lektüre für Menschen darstellt, die an Themen wie Psychologie, Wohlbefinden, Kreativität und Erfolg interessiert sind“. Das Buch ist übrigens die überarbeitete, erweiterte und illustrierte Neuauflage des 2007 bei Königsfurt erschienenen „Besser schlafen – besser träumen“.
Wie sowohl vom Königsfurt-Urania Verlag als auch dem Autor gewohnt, ist das Buch mit zahlreichen Abbildungen (klassische Gemälde ebenso wie moderne Fotografien) illustriert, liebevoll aufgemacht, mit diversen Zitaten versehen und in übersichtliche Kapitel gegliedert. Nach einer kurzen Einleitung geht es in jeweils mehreren Unterkapiteln zunächst um den Schlaf an sich (inklusive Schlafproblemen oder –Störungen), dann um Träume, bevor auf Seite 218 „Der Wandel der Nacht“-Beschluss beginnt, der zwei Seiten später in den Anhang übergeht. Der gerade eben genannte Beschluss hat übrigens nur etwas mit der Erfindung der Glühbirne und ihren Spätfolgen zu tun. Die Gewichtung liegt eindeutig beim Thema Schlaf, der mit 130 zu 76 Seiten gegenüber dem Thema Traum abgehandelt wurde.
Vollmar spannt einen Bogen aus der griechischen und jüdischen Mythologie in die Gegenwart, lässt wissenschaftliche Informationen ebenso locker einfließen wie alte Hausmittelchen gegen den fehlenden Schlaf, nennt Konfliktlösungsmöglichkeiten für Nachteulen und Lerchen, wie er die Frühaufsteher nennt, oder auch Zähneknirschen. Daneben räumt er mit diversen Vorurteilen auf, bevor er sich aufmacht und etwa mit bewusst herbeigeführtem oder produktivem Träumen beschäftigt. Alles in gewohnt flüssig und leicht verständlicher Sprache. Doch obwohl der oben erwähnte kleine Text innen im Buch stimmt, obwohl es logisch aufgebaut und ebenso interessant wie informativ ist, muss ich gestehen, dass ich mich zunächst etwas schwer getan habe. Was mich stolpern ließ, waren kleinere Widersprüche. So schreibt er etwa auf Seite 46, dass eine Einschlafstörung vorliegt, wenn man nach zwanzig Minuten noch nicht in Hypnos Arme gesunken ist, während er auf Seite 18 guten Schlaf auch daran misst, dass man etwa 15 – 30 Minuten zum Einschlafen braucht. Dieser Widerspruch ist natürlich ausgehebelt, wenn man Einschlafen und Schlafen in gewisser Weise trennt. Ebenfalls eher störend empfand ich einige Wiederholungen, die es so nicht gebraucht hätte; die jedoch genau genommen auch nicht gravierend sind.
Fazit
Trotz der eben erwähnten Schwächen in Schlaf und Traum bzw. meiner anfänglichen Probleme mit dem Buch möchte ich mit etwas zeitlichem Abstand vier Punkte von fünf Punkten dafür vergeben, da es wie bereits erwähnt gleichermaßen informativ wie unterhaltsam ist und die darin vorgestellten Tipps wirken.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 4 von 5 Punkten, Autoren U - Z, Fach- & Sachbuch | Keine Kommentare »
24.4.2011 von Ati.
Leslie Parrish
Black Cats 01: Was kostet der Tod?
Originaltitel Black Cats 01: Fade to Black
aus dem Amerikanischen übersetzt von Heide Frank
LYX
ISBN 9783802583759
Romantic Thrill
Deutsche Erstausgabe 2011
Umschlaggestaltung büosüd°; München
Breitklappenbroschur, 360 Seiten
[D] 9,99 €
Verlagsseite
Autorenseite (deutsch)
Leslie Parrish hat drei Töchter, zwei Hunde und lebt mit ihnen und ihrem Ehemann Bruce in Maryland. Unter dem Namen Leslie Kelly hat sie bereits mehrere Liebesromane geschrieben, von denen bereits Übersetzungen in Deutschland bei Cora in der Tiffany-Reihe erschienen sind. 2006 erhielt sie für ihre Arbeit den Romantic Times Award und wurde für weitere Preise nominiert. Ihr erstes Buch erschien 1999, seitdem hat sie mehr als dreißig Liebesgeschichten mit frechen Dialogen und sexy Handlung für Harlequin geschrieben.
Mit dem Auftaktroman der Black-Cats-Reihe und einem der Titel aus der Romantic-Thrill-Reihe von LYX beschreitet sie neue Wege, um ihre etwas dunklere Seite als Schriftstellerin auszuleben. Zur deutlicheren Abgrenzung ihrer bisherigen Veröffentlichungen hat sie sich für das Pseudonym Leslie Parrish entschieden. Wer den gewohnt rasanten, sexy-frechen Stil in Was kostet der Tod? erwartet, den man aus Kellys bisherigen Romanen gewohnt ist, wird vielleicht enttäuscht. Denjenigen, die auf die von LYX gewohnte Erotik setzen, wird eventuell auch etwas fehlen.
Dennoch lohnt es sich durchaus, das Buch zu lesen. Wie bereits in Susan Crandalls „Pitch Black” aus dem gleichen Verlagsprojekt, sind die romantischen Elemente in Was kostet der Tod? eher dezent und weder mit erotischen Sequenzen überfrachtet, noch werden sie von gnadenloser Brutalität überdeckt, obwohl es durchaus um knallharte Verbrechen geht. Die sind übrigens härter als man unter Umständen bei einem romantischen Thriller erwartet, weshalb ausufernde Romantik bei dieser Thematik einfach unangebracht wäre. Doch kann man beides überhaupt in einen halbwegs harmonischen Einklang bringen?
Dass es tatsächlich geht, zeigt unter anderem auch Parrish alias Kelly in ihrer Black-Cats-Reihe. Bereits im Auftaktroman zeichnet sich ab, dass die einzelnen Romane in sich abgeschlossen sind und unabhängig voneinander gelesen werden können, da sie jeweils andere Paare behandeln. Der Folgeband „Im Netz des Todes“, in dem zwei Figuren aus dem ersten Teil weiter behandelt werden, soll im September 2011 in Deutschland erscheinen. In den Staaten ist bereits der dritte Band mit dem Titel „Black at heart“ erhältlich.
Die Geschichte selbst spielt in den Staaten der Gegenwart und wird in dritter Person erzählt. Das Cover der deutschen Ausgabe fällt durch seine Schlichtheit auf. LYX verzichtet auf einen, derzeit Verlag übergreifend gerne verwendeten muskelgestählten Oberkörper oder das ebenso gern verwendete ernste oder geheimnisvoll wirkende Frauen- oder Männergesicht und zeigt statt dessen eine verblühte, kopfüberhängende rosa Tulpe auf dunklem Hintergrund. Diese rosa Tulpe setzt sich übrigens Ton in Ton auf der Innenseite des Umschlages vorne wie hinten fort.
Was rein vom Umschlag her auf ersten Blick so harmlos wirkt, versetzt einem gleich darauf einen kleinen Schock. Bereits im Prolog taucht man in den ersten Mordfall und damit in das Geschehen ein, bevor es im ersten Kapitel siebzehn Monate später mit Aufnahme der Ermittlungen durch die CAT-Abteilung des FBI, die sich mit Internetkriminalität auseinandersetzt, weitergeht. Was kostet der Tod? handelt von einem brutalen Killer, der seine Opfer in immer kürzeren Zeitabständen maßlos quält und tötet und seine Werke per Video im Internet präsentiert. Unabhängig davon und gleichzeitig eng mit einem der Opfer verwoben, geht es aber auch um Missbrauch und häusliche Gewalt. Hierbei ist es der Autorin gelungen, die Unfassbarkeit der Morde durch geschicktes Weglassen zu detaillierter Beschreibungen so gekonnt subtil zu umschreiben, dass die Fantasie des Lesers zwar durchaus für Gänsehaut sorgt, ihn jedoch nicht zwanghaft alle Fenster und Türen kontrollieren lässt, sobald er das Buch zur Seite legt.
Zugegebenermaßen: Ganz neu ist die Idee natürlich nicht – das muss sie aber auch nicht sein, solange die Umsetzung stimmt. Und während beispielsweise Katzenbach in „Der Professor“ als unterbrechende Nebenhandlung Halluzinationen und Gespräche seiner Hauptfigur mit verstorbenen Familienangehörigen einsetzt, baut Parrish die sich anbahnende Beziehung zwischen Stacey Rhodes, die als Sheriff der Kleinstadt Hope Valley tätig ist, und dem FBI-Agenten und Angehörigen der CAT-Einheit Dean Taggert ein. Beide haben eigentlich von großen und brutalen Verbrechen genug und sich bewusst für ihre momentane und bis zu diesem Zeitpunkt eher ruhigere Tätigkeit entschieden. Beide können jedoch nicht die Augen davor verschließen, dass es Verbrecher gibt, die unbedingt dingfest gemacht werden müssen, bevor noch mehr passiert, zumal Stacey eines der Opfer von klein auf kannte.
Als eine Spur das FBI-Team nach Hope-Valley führt und Rhodes Taggert und seinen Kollegen helfen kann, zeigt sich gleichzeitig, dass Stacey und Dean auf einer Wellenlänge schwimmen. Unaufgeregt kommen sie einander näher. Stacey, selbstbewusst, autonom – eine Kleinstadtpflanze, die den Duft der Großstadt geschnuppert und sich wieder aufs Land zurückgezogen hat, geht offen auf Dean zu. Dean ist geschieden und durch seine Tätigkeit immer in Gefahr, das Umgangsrecht mit seinem Sohn zu verlieren. Dennoch stürzt er sich in seinen neuen Fall. Obwohl die Autorin hier fast in ihr bisheriges Genre abgerutscht wäre, tänzeln die Beiden letztlich nicht lange umeinander herum, gehen jedoch auch nicht wirklich zur Sache und ihre Liebesgeschichte ist, wie bereits erwähnt, eher dezent. Sie bildet den Hintergrund für die eigentliche Verbrecherjagd. Bietet sozusagen kleinere Entspannungsinseln, bevor es weitergeht bei der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen im Kampf gegen die Zeit. Geschickt lenkt die Autorin ihre Leser in verschiedene Richtungen, lässt Verdachtsmomente gegen mehrere der Figuren wachsen, bevor sie sie wieder auf die von ihr gelegte Spur zurücklotst. So bleibt bis zuletzt offen, wer der Täter ist.
Die Hauptcharaktere sind gut gelungen. Die Autorin taucht erzählend in ihre Vergangenheit ein und bringt ihre Motivation passend zum Ausdruck. Die Nebencharaktere weisen insoweit eine kleine Schwäche auf, als ihre Beschreibung das eine oder andere Mal zu einfach ausfällt, zu klischeehaft böse und schlecht. Der flüssige, leicht zu lesende Schreibstil und die übrige stilistische Handhabung der Autorin, die Dialoge und Erzählungen in einem ausgewogenen Verhältnis mischt, macht dieses Manko größtenteils wieder wett. Einen richtigen Minuspunkt, der die Auflösung des Falls betrifft, gibt es jedoch. Dieser Teil des Romans wirkt zu schnell abgehandelt. Da nutzt es auch nur bedingt etwas, dass die Lösung so klar und stimmig beschrieben wird, wie man sie sich erhofft. Um den Roman gekonnt abzurunden, fehlt einfach eine ausführlichere Betrachtung der Motivation des Täters.
Fazit
Gelungener Auftakt einer neuen Reihe trotz kleinerer Schwächen. Ich bin gespannt auf den Folgeband und vergebe vier Punkte von fünf Punkten.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Buch- & Sammelreihe, 4 von 5 Punkten, Autoren M - P, Krimi & Thriller, Roman | Keine Kommentare »
12.4.2011 von Ati.
Rebecca Stead
Du weißt, wo du mich findest
Originaltitel: When you reach me
aus dem Amerikanischen übersetzt von Alexandra Ernst
cbj
ISBN 9783570139066
ISBN 3570139069
Jugendbuch, 11 – 12 Jahre
1. Auflage 2011
Umschlaggestaltung zeichenpool, München
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 240 Seiten
[D] 14,99 €
Die 1968 in New York geborene und aufgewachsene US-Autorin, die zusammen mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Manhattan lebt, schreibt für Kinder und Jugendliche. Nachdem sie bereits früh zum Schreiben an sich kam, nahm sie es erst nach einer Pause, in der sie als Anwältin tätig war, ernsthaft wieder auf. Und eigentlich auch nur, um sich davon abzulenken, dass ihr Sohn … sagen wir mal … ursächlich, am Ableben ihres Laptops beteiligt war, auf dem jahrelang gesammelte Ideen und Kurzgeschichten gespeichert waren. Um sich aufzuheitern, begann sie mit etwas Leichtem, dem dann 2007 ihr erster Roman „First Light“ folgte. Im Jahr 2010 wurde sie mit ihrem 2009 erschienenen zweiten Roman „When you reach me“ für die Newbery Medal – einen Literaturpreis für Jugendliteratur - nominiert. Ins Deutsche übersetzt brachte cbj diesen Roman 2011 unter dem Titel Du weißt, wo du mich findest auf den Markt.
Der rot gestaltete Umschlag, der ein Paar karobesockte Füße in roten Lackschuhen, einen Origamifrosch auf gezeichneten Holzdielen mit Bleistiftzeichnungen von Schuhen, einem Brief, etc., zeigt, ist gut gelungen und macht das Buch zu einem von denen, die den Blick unweigerlich auf sich ziehen.
Der Roman handelt von der 12jährigen Miranda, die Ende der 1970er Jahre in New York City lebt. Die Geschichte könnte jedoch auch an einem beliebig anderen Ort zu einer beliebigen anderen Zeit spielen, denn obwohl die Autorin beides erwähnt, liegt der Schwerpunkt von Du weißt, wo du mich findest eindeutig auf der Gefühls- und Gedankenwelt des Mädchens, die die Geschichte in Ich-Form in briefartigen Episoden erzählt. Bereits hier wird klar, dass das Buch kein reines Buch zur Entspannung ist und vermutlich eher Leser außerhalb der anvisierten Zielgruppe finden wird. Die briefartigen Episoden bewirken, dass die Geschichte gewissermaßen Zeitsprünge erlebt. Man kann nicht einfach lesen und abhaken, man muss dabeibleiben und überlegen, ob das Gelesene gerade im Jetzt, Davor oder Danach geschieht. Doch Miranda selbst könnte neben jedem von uns leben, könnte vielleicht mit uns verwandt sein oder den einen oder anderen Leser selbst darstellen. Das Mädchen wirkt echt, man kann sich in sie hineinfühlen, ja hineinversetzen. Dies gilt auch für die Nebencharaktere. Sie sind zwar nicht so detailliert gezeichnet, zeigen sich jedoch genauso authentisch wie die Hauptfigur.
Das Mädchen lebt in einfachen Verhältnissen mit ihrer Mutter und deren Freund zusammen. Miranda hat nicht viele Freunde – genau genommen nur Sal. Doch der will von heute auf morgen nichts mehr von ihr wissen, ohne zunächst Gründe dafür zu liefern. Deshalb beginnt Miranda, zarte Kontakte mit anderen Kindern zu knüpfen. Kontakte, die pubertäre Streitereien genauso beinhalten wie jugendliche Neugier und Unbedarftheit. Oder auch Ängste und Unbehagen, etwa im Zusammenhang mit einem obdachlosen „lachenden Mann“, der vor Mirandas Haus seine Tage fristet.
Es gibt auch einen mysteriösen Erzählteil, der auf kleinen Nachrichten fußt, die Miranda immer wieder findet. Etwa eine mit dem Inhalt „Ich komme, um das Leben deines Freundes zu retten. Und mein eigenes. Ich bitte dich um zwei Gefallen. Erstens: Du musst mir einen Brief schreiben. Zweitens: Ich bitte dich, diese Nachricht geheim zu halten.“ Nachrichten, von jemandem, der genau über Miranda Bescheid zu wissen scheint und sogar zukünftige Ereignisse voraussehen kann. Miranda kommt dieser Bitte nach, wie man unschwer daran erkennen kann, dass sie immer wieder eine stets präsente, aber nicht greifbare Person mit „du“ anspricht, auch wenn sie lange nicht begreift, was sie wirklich tun soll oder warum dies alles geschieht.
Die Geschichte, die laut Umschlagtext „atemberaubend spannend, brillant erzählt, voller Wärme und Klugheit“ sein soll und das Buch zu etwas macht, „das man nie vergisst“ lebt in Wirklichkeit jedoch nicht von atemberaubender Spannung. Damit hat der Verlag der Autorin vermutlich keinen Gefallen getan, denn Du weißt, wo du mich findest ist so ganz anders als das, was damit automatisch suggeriert wird. Abseits des Mainstreams entpuppt sich die Geschichte als etwas, dass von Ruhe, Emotionen und – trotz der eher einfachen Sprache - auch von Poesie getragen wird. Es ist kein ganz einfaches Buch und vermutlich dürften es einige Leser nach dieser vielversprechenden Verlagsankündigung zu früh gelangweilt oder enttäuscht beiseitelegen. Zumal auch ein Erzählstrang hinzukommt, der sich um die Teilnahme von Mirandas Mutter an eine Quizshow dreht, bereits relativ früh erwähnt und im Vergleich zur übrigen Handlung fast quälend, übermäßig betont wird.
Dennoch lohnt es sich, das Buch zu lesen. Denn tatsächlich besticht Mirandas Geschichte in ihrem unaufgeregten Erzählstil. Du weißt, wo du mich findest verwirrt, regt jedoch auch zum Nachdenken an. Etwa über den Sinn des Lebens, über das Danach, über die Ewigkeit, über Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, die Härten des Lebens. Unscheinbar wirkende Kleinigkeiten gewinnen zunehmend an Bedeutung. Man ahnt, worauf alles hinauslaufen wird, weiß es aber bis fast zum Ende nicht wirklich. Was zunächst einfach gestrickt wirkt, entpuppt sich als ein gelungenes Gespinst eines interessanten roten Fadens, der sich kontinuierlich durch den Roman zieht.
Fazit
Ein ungewöhnliches Buch abseits des Mainstreams, das trotz des gelungenen Covers die Meisten erst auf den zweiten Blick bestechen dürfte. Ich würde es eher unter All-Age als unter Jugendbuch einsortieren, den Fokus nicht auf „atemberaubende Spannung“ lenken, dafür aber auf einen leisen, emotionalen und bezaubernden Roman, für den ich vier von fünf Punkten vergeben möchte.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 4 von 5 Punkten, Autoren Q - T, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Roman | Keine Kommentare »
12.4.2011 von Ati.
Astrid Ruppert
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Marion von Schröder Verlag
ISBN 9783547711721
ISBN 354771172X
Belletristik
1. Ausgabe 2011
Umschlaggestaltung ZERO
Gebundene Softflexausgabe mit Schutzumschlag, 400 Seiten
[D] 14,90 €
Die 1964 im Saarland geborene, in Fulda aufgewachsene und mit Mann und Tochter in Wiesbaden lebende Autorin studierte Anglistik und war vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Dramaturgin und Redakteurin bei verschiedenen Fernsehprojekten tätig. Dazu zählen nicht nur Lily-Schönauer-Verfilmungen oder Folgen des Traumhotels. In den vergangenen zehn Jahren wirkte sie an über 40 TV-Serien und -Filmen mit, bei dem Kurzfilm „Nebenan leben“ führte Ruppert selbst Regie. 2009 kam ihr erstes Buch „Obendrüber, da schneit es“ bei List heraus, welches 2010 vom ZDF verfilmt wurde.
Der sommerlich gehaltene Buchumschlag in zartem grün mit glänzenden Blütenranken, rotem Klatschmohn, Herzen, die wie Blütenblätter aufgewirbelt werden, und einer Frau, die die Arme ausbreitet und die Hände Richtung Himmel erhebt, als wolle sie die Blätter fangen; innen orangefarbene Vorsatzseiten, auf denen sich die Blütenranken und Herzen Ton in Ton wiederholen – all das deutet auf das hin, was Astrid Ruppert mit Wenn nicht jetzt, wann dann? geschrieben hat: eine leichte, romantische Geschichte.
Die handelt laut Text auf dem Umschlag von drei Frauen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Annemie ist trotz gegenteiliger Erfahrungen und einem Ordnungs- und Regeltick der romantische Typ, was sich in ihren Kuchenkreationen zeigt. Die Witwe glaubt an die Liebe und ist als Älteste eher mütterlich-großmütterlich. Ihr Tagesablauf ist eingefahren, ihre Welt klein und Höhepunkte erlebt sie allenfalls beim Backen oder Lesen von Liebesromanen. Die leicht chaotische und quirlige und an Vorzeichen glaubende Liz ist nach einer einschneidenden Erfahrung kurz vor ihrer eigenen Hochzeit von Männern und besten Freundinnen geheilt. Sie versinkt jedoch nicht in Selbstmitleid. Stattdessen versteigert sie ihre eigene Hochzeitsfeier samt Brautkleid und gründet eine Hochzeitsplaneragentur – in der bald schon die Kuchen von Annemie reißenden Absatz finden. Die Agentur läuft so gut, dass die Juwelierstochter Nina darauf aufmerksam wird und ihre eigene Hochzeit von Liz organisiert haben möchte. Nina – die Jüngste der drei Frauen - weiß, was sie möchte, wusste es immer schon und die Hochzeit ist eigentlich nur ein kleiner Meilenstein in ihrer lange fest stehenden Lebensplanung.
Die Idee passt ganz gut in die Projekte, an denen Ruppert bereits während ihrer Tätigkeit beim Fernsehen beteiligt war. Und ganz wie in diversen Filmen und Folgen läuft natürlich bei den drei Frauen nicht alles glatt. Ein Fahrradunfall von Liz, der sie mit gebrochenen Knochen für nahezu den Rest des Buches ins Krankenhaus befördert, stellt die eingefahrenen Weichen im Leben der Frauen um. In ihrer Not wendet Liz sich an ihre Nachbarin Annemie, damit die sich um die Agentur kümmert und ihre Kunden wenigstens rudimentär betreut oder sie vertröstet. In diesem Zusammenhang lernen sich auch Annemie und Nina kennen. Dabei wächst Annemie förmlich über sich hinaus.
Allen drei Frauen ist gemeinsam, dass sie Schutzmauern um sich errichtet haben, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Die haben dazu geführt, dass jede von ihnen auf ihre Art einsam ist. Sie stellen fest, dass der Schritt aus ihrem kleinen, scheinbar sicheren, selbst errichteten Gefängnis zwar nicht unbedingt leicht, aber überraschend klein ist und das Leben durchaus noch mehr beinhalten kann, als sie bisher annahmen. Abgesehen davon muss jede für sich weitere Lektionen lernen. Dass es wichtig ist, Freunde zu haben. Dass Gefühle zwar unterdrückt und verleugnet, aber nicht einfach abgestellt werden können. Sie müssen lernen, dass es von Bedeutung ist, im richtigen Moment „nein“ sagen zu können. Und dass Veränderung wehtun kann, jedoch nicht zwingend negativ sein muss.
Je weiter man liest, desto mehr kristallisiert sich heraus, dass Annemie, die Unscheinbarste, den Hauptpart in der Geschichte einnimmt. Um sie dreht und wendet sich alles, auch wenn Liz im Krankenhaus einen Arzt kennenlernt, der Interesse an ihr zeigt oder Nina plötzlich feststellt, wie sehr sie eine mütterliche Bezugsperson vermisst und sich fragt, ob ihr Verlobter tatsächlich der richtige für sie ist. Annemie entwickelt sich am meisten in diesem Buch, ihr Schritt zurück ins Leben ist der größte. Sie kann nicht nur auf die Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten zurückblicken, sie kann trotz allem nach vorne sehen. Das können Liz und Nina natürlich auch, doch sie wirken, obwohl sie quasi omnipräsent sind, eher wie Nebencharaktere.
Ruppert hat für Wenn nicht jetzt, wann dann? einen ruhigen Ton gewählt. Unaufdringlich verzichtet sie für ihre Liebesgeschichte auf erotisch angehauchte Sequenzen und lenkt damit den Fokus auf die turbulenten Gefühle, die die Frauen – allen voran Annemie - unverhofft durchleben. Durch geschickt verwobene Erinnerungen an Vergangenes hat die Autorin wunderbar lebendige und glaubwürdige Figuren geschaffen, die direkt neben uns leben könnten. Sie schlägt dabei jeweils einen Bogen aus der Kindheit ihrer Charaktere in die Gegenwart, ohne zu sehr in die eine oder andere Richtung zu driften. Nebenbei lässt Ruppert ihre Leser gleichsam emphatisch an der Gefühls- und Gedankenwelt der männlichen Nebencharaktere teilnehmen. Lässt Freundschaften wachsen, alte Zwistigkeiten aufarbeiten, Hoffnung und Lebensmut sprießen und bisher standhaft verteidigte Verhaltensmuster verblassen.
Tatsächlich ist die eine oder andere Passage vorhersehbar und schrammt an Sentimentalitätsgrenzen vorbei. Dies wird jedoch durch den lockeren, flüssigen, stellenweise humorigen Stil der Autorin wettgemacht, zumal die von ihr beschriebenen Charaktere, trotz ihrer Eigenheiten und Schwächen, durchweg sympathisch sind. Bei aller Leichtigkeit bewegt die Geschichte, man leidet vor allem mit Annemie – sei es als Kind, als junge Frau oder als unvorhergesehene Hochzeitsplanerin.
Fazit
Liebe ist für jedes Alter etwas, genau wie Hoffnung und das Verlassen eingefahrener Wege. Genau das bringt Ruppert in ihrem zweiten Roman zum Ausdruck. Wenn nicht jetzt, wann dann? ist ein unterhaltsamer, romantischer, aufheiternder Roman, der Lust auf mehr macht. Dafür gibt es vier Punkte von fünf Punkten.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Belletristik, 4 von 5 Punkten, Autoren Q - T, Roman | Keine Kommentare »
11.4.2011 von Ati.
Steve Berry
Antarctica
Originaltitel: The Charlemagne Pursuit
aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Ostrop
Blanvalet
ISBN 9783442373352
ISBN 3442373352
Thriller
1. Auflage 2011
Umschlaggestaltung Hilden Design, München
Taschenbuch, 608 Seiten
[D] 13,00 €
Mit 35 Jahren begann der 1955 geborene und heute in St. Augustine, Florida, lebende Anwalt Steve Berry mit Schreiben. Sein bevorzugtes Genre sind Thriller. Zehn bzw. elf Jahre danach wurde er Sieger des „Georgia State bar Fiction Writing Contest“, wiederum zwei Jahre darauf wurde sein erster Roman „The Amber Room“ veröffentlicht. Neben seiner anwaltlichen und schriftstellerischen Tätigkeit engagiert sich der verheiratete Autor und Vater einer Tochter auch auf lokalpolitischer Ebene. Er mag das Meer und Golf und reist sehr gerne, immer auf der Suche nach neuen Ideen für seine Geschichten. Zusammen mit seiner Frau hat er die Stiftung „History Matters“ gegründet.
Sieben Bücher später ist der in den Staaten als Bestsellerautor bekannte Berry natürlich auch in Deutschland längst kein Unbekannter mehr. Publishers Weekly bezeichnete ihn als „den wahren Meister unter den Thrillerautoren“. Und sieht man sich seine Verkaufszahlen an, darf man getrost davon ausgehen, dass durchaus etwas an dieser Lobeshymne dran ist. Seine Bücher (über 12 Millionen gedruckte Exemplare) werden, in 40 Sprachen übersetzt, in 51 Ländern vertrieben. Berrys Schreibstil wurde und wird öfter mit dem von Dan Brown verglichen, was allerdings nicht immer durchweg positive Reaktionen hervorruft.
Nach “Alpha et Omega”, “Patria” und “Der Pandora-Pakt” schickt Berry mit Antarctica erneut den ehemaligen Agenten Cotton Malone ins Rennen, wobei die Bücher unabhängig voneinander gelesen werden können, da sie in sich abgeschlossen sind. Und wie schon zuvor, hat auch der Fall, mit dem er es im aktuell vorliegenden Roman zu tun bekommt, etwas mit seiner Familie zu tun. Im vierten Buch der Malone-Reihe wird ein Bezug zu seinem verstorbenem Vater hergestellt, der bei einem U-Boot-Unglück ums Leben kam. Erst Jahrzehnte später, als Malone längst seinen Dienst bei der Regierung der Vereinigten Staaten beendet hat, bekommt er Einsicht in die Akte seines Vaters. Die wirft allerdings mehr Fragen auf, als sie Antworten bietet, und rückt ihn ins Visier skrupelloser Mörder.
Wie in seinen anderen Malone-Romanen lenkt Berry auch in Antarctica den Fokus eher auf die Handlungsebene als auf seine Charaktere, womit sie allesamt eher eindimensional bleiben. Und wie zuvor zieht er auch in diesem Roman die Handlungsorte weit auseinander; lässt Malone vom Südpol bis nach Aachen und zurück in die Antarktis nach der Wahrheit und mit ihm etliche andere Charaktere nach einem großen Geheimnis suchen. Auch in Antarctica kommt Geschichte nicht zu kurz, versteht Berry es doch, einen Bogen von Karl dem Großen im achten Jahrhundert nach Christus über das Dritte Reich bis in die Gegenwart zu schlagen. Aktuelles wird mit Historischem vermischt, geschichtlich reales Wissen mit fiktiven Einschlüssen. Seine Interpretationen geschichtlicher Begebenheiten sind durchaus nachvollziehbar und er lenkt seine Figuren geschickt und abwechslungsreich durch das spannende Geschehen. Hinzu kommt ein Hauch Mystery, denn das U-Boot mit Malones Vater ist an einem Ort gesunken, der mysteriöse Zeichen birgt und auf eine untergegangene, geheimnisvolle Kultur verweist. Alles gemeinsam führt letztlich zu einem großen Showdown in der Antarktis.
Obwohl die Hauptcharaktere, wie bereits erwähnt und aus früheren Büchern bekannt, nicht im Vordergrund stehen, tut das der Spannung keinen wirklichen Abbruch. Dies gilt auch für die Detailverliebtheit, die Berry hin und wieder an den Tag legt. Er wird damit nicht bei allen Lesern Jubel hervorrufen, dennoch kann beides nicht überdecken, dass er eine flüssige und interessante Geschichte geschrieben hat. Und das, obwohl er sowohl zeitlich aus auch örtlich einige Sprünge absolviert, die eher das Gegenteil vermuten lassen. Doch Berry schafft es, den roten Faden der Geschichte konsequent zu Ende zu spinnen und ermöglicht es dem Leser, in eine dicht gewobene Atmosphäre einzutauchen.
Fazit
Spannend, flüssig, unterhaltsam und nebenbei kann man noch geschichtliches Wissen auffrischen oder lernen. Dafür gibt es vier Punkte von insgesamt fünf Punkten.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Buch- & Sammelreihe, 4 von 5 Punkten, Autoren A - D, Krimi & Thriller | Keine Kommentare »
2.4.2011 von Ati.
Michael Schreckenberg
Der Finder
Juhr/gardez!
ISBN 9783897962217
ISBN 3897962217
Endzeitroman
1. Auflage 2010
Titelbild Anna Czajkowska
Taschenbuch, 321 Seiten
[D] 9,90 €
Seit Herbst 2010 erscheinen in Zusammenarbeit der Verlage Juhr und gardez! Geschichten aus dem Bergischen Land und dem Rheinland. Eine davon ist der Endzeitroman Der Finder von Michael Schreckenberg. Der in Leverkusen lebende PR-Berater, freie Journalist und Autor schreibt Genre übergreifende fantastische Geschichten zwischen Horror, Science-Fiction, Thriller und Urbanfantasy. Was bereits 1999 entstand und damals eher noch kurz gehalten war, erschien um einiges ausgebaut im November 2010 als Debütroman im Rahmen des eben erwähnten Gemeinschaftsprojekts der oben genannten Verlage.
Passend zum Thema ist das Cover des Buches schlicht in schwarz-weiß gehalten. Die Zeichnung zeigt einen altertümlich wirkenden Reiter vor einem kahlen Baum, einigen Felsen und Turmspitzen im Hintergrund. Der Finder hat übrigens nichts mit dem zentralen Bestandteil der grafischen Benutzeroberfläche eines Mac OS-Betriebssystems zu tun. Im Fall von Schreckenbergs Roman handelt es sich dabei um einen Menschen. Der Handlungsort ergibt sich aus dem Verlagsprojekt – es ist das Bergische Land, jedenfalls hauptsächlich. Der Roman spielt über einen Zeitraum von mehreren Monaten in der Gegenwart. Die Figuren sind Otto-Normal-Verbraucher: Keine Helden, keine Überflieger, nur einige Menschen Ende 20, mit normalen Ängsten und Nöten, jedenfalls bis zu einem bestimmten Tag.
Kennen Sie das? Lärm macht verrückt, man sehnt sich nach Stille. Der Fotograf Daniel braucht das manchmal. Wenn auch anders, als er es letztlich mehr oder weniger bekommt. Er ist Der Finder, damit die Hauptfigur des Romans und der Erzähler. Daniel fotografiert gerne Friedhöfe und genießt die Stille dort. Zehn Jahre nach seinem Abitur nimmt er an einer Feier teil und verliebt sich Hals über Kopf in Esther, die seine Gefühle prompt erwidert. Sie sucht ihn schneller auf, als er nüchtern werden kann und nicht nur Daniel schwebt im siebten Himmel. Allerdings einem sehr stillen und einsamen Himmel, wie sie bald darauf feststellen. Während sie sich näher gekommen sind, während weniger Stunden nur, sind fast alle Menschen verschwunden. Einfach weg. Nur ein paar ehemalige Schulkameraden, die auf der Abifeier waren, finden sich wieder. Geschockt, entsetzt, verzweifelt, gequält von der Frage nach dem Warum.
Man landet schon im Prolog quasi ohne Vorwarnung mitten im Geschehen. Die Lektüre des Romanabschnitts, der sich gleich darauf mit dem Entstehen der Situation und den Überlegungen der Überlebenden hinsichtlich ihrer Zukunft beschäftigt, gestaltet sich nicht schwierig, hat aber eine Schwäche: das Tempo. Er wirkt dadurch etwas konstruiert und die getroffenen Entscheidungen nicht unbedingt nachvollziehbar. Genauso schnell wie die Liebe zwischen Esther und Daniel aufflammt, genauso schnell geht es nach der Katastrophe weiter. Keiner rechnet damit, dass von außerhalb Rettungskräfte kommen. So trennt sich die kleine Gruppe. Die einen machen sich auf die Suche nach weiteren Überlebenden, die anderen entscheiden sich, die Stadt zu verlassen, sich ein Domizil auf dem Land zu suchen und einen Neustart zu wagen. Es erscheint wenig nachvollziehbar, dass angesichts des erlittenen Schocks speziell die letzte Entscheidung so schnell getroffen wird. Auch dann nicht, wenn sie von einem ehemaligen Afghanistansoldaten angeregt wird. Andererseits – wer weiß schon, wie man sich in so einer Situation tatsächlich verhalten würde …. Daniel und Esther gehören zu den „Siedlern“. Was überraschend gefasst geplant wird, wird ebenso ruhig und sicher umgesetzt. Die Gruppe findet einen Hof und beginnt sich einzurichten. Sie verharren nicht, handeln überlegt und nehmen im Handumdrehen alles in Angriff. Aus Notgemeinschaften werden bald Beziehungen. Wie bereits erwähnt, wirkt dieser Teil der Geschichte zwar in seinem fatalistisch anmutenden Pragmatismus etwas schwer nachvollziehbar; langweilig oder gar völlig aberwitzig ist er aber nicht.
Und der Neuanfang hat durchaus seine Tücken. Berufliches Wissen nützt bei den wenigsten etwas. Hobbys sind nur bedingt von Nutzen. Vorräte sind nur begrenzt haltbar. Was tun ohne Strom, ohne all das, was man als Selbstverständlichkeit voraussetzt, weil es bisher immer da war? Wie produziert man Lebensmittel? Jeder der Überlebenden hat eine oder mehrere Aufgaben zu erfüllen. Es braucht Jäger und Sammler, Köche, Handwerker und Ähnliches. Fotografen wie Daniel braucht niemand mehr. Auf diese Weise wird Daniel Der Finder. Er sucht Dinge, die die Gruppe zum Überleben braucht oder einfach möchte. Und nebenbei (ohne große Hoffnung, aber nie ganz ohne) auch noch Menschen.
Schreckenberg hat sich abgesehen von einer nuklearen Katastrophe mit so ziemlich allem beschäftigt, was beim und nach dem Verschwinden fast aller Menschen so passieren könnte. Das wird dem Leser mit Daniel beim Durchstreifen seiner klein gewordenen Welt klar. Spätestens hier gewinnt die Geschichte zunehmend. Kleine Blicke auf das Leben nach der Katastrophe machen immer wieder deutlich, wie sehr der Mensch auf Gewohntes angewiesen ist. Kleine Rückblicke auf die Katastrophe selbst wiederum fokussieren darauf, wie sehr der Mensch seine Umwelt beeinflusst. Wer und was alles von ihm in der von ihm geschaffenen Welt abhängig ist oder was durch den technischen Fortschritt in einer solchen Situation alles geschehen kann. Dabei setzt der Autor nicht auf Schockeffekte wie etwa ein führerloses, abstürzendes Flugzeug, sondern auf den nachträglichen Blick auf eine bereits abgestürzte Maschine. Die Lautlosigkeit, mit der die Menschheit verschwindet, die Leere die sie hinterlässt, wirkt umso mehr durch das Weglassen falscher Dramatikeffekte. Das fantastische Horrorelement ist trotz der omnipräsenten Bedrohung für die Romanfiguren recht dezent im Hintergrund, hier wirkt eher der Horror der abrupten Veränderung der Lebensumstände. Gleichzeitig lässt der Autor Platz für eigene Interpretationen und lenkt teilweise in die Irre, bevor er den Leser wieder auf die Spur führt, auf die er ihn haben will. Bereits dadurch hat er eine düstere und dichte Atmosphäre geschaffen, in die der Leser nach wenigen Kapiteln ganz eintauchen kann; in der er mit den Charakteren mitleidet, hofft und bangt. Er zeigt nicht nur durch Daniels Beobachtungen das unheimliche Glück, das die Siedler hatten. Er zeigt auch, dass Extremsituationen Menschen nicht zwingend positiv ändern; dass sie latente Verhaltensweisen, Gewaltbereitschaft und Machtgehabe herauskitzeln können. Das wird spätestens dann klar, als Daniel tatsächlich andere Überlebende findet.
Doch es ist nicht der hart gewordene Alltag, der die schwach keimenden Hoffnungen auf eine Zukunft mehr und mehr zunichtemacht und den anfänglichen trotz aller Widrigkeiten energiegeladenen Pragmatismus in einen kräftezehrenden Determinismus verwandelt. Daran ist auch nicht Erkenntnis schuld, dass nicht jede Gruppe Überlebender ein demokratisches Verhalten wie die Siedler pflegt. Es ist das Wissen, dass die überlebenden Menschen nicht allein sind. Es gibt unheimliche, nicht greifbare Wesen, die sie jagen – bald Nacht für Nacht. Und die Wesen lernen schnell dazu. Hier kommt die Vorliebe des Autors für Romane von Stephen King zum Vorschein und er ist seiner – wenn auch auf andere Art - durchaus würdig. Sukzessive steigert Schreckenberg die Horrorvision, ohne sie wirklich in den Vordergrund zu stellen, und lässt die Möglichkeiten der Menschen mehr und mehr schwinden.
Die Erklärung für die Wesen, ebenso wie für das Verschwinden der Menschheit, klärt schlussendlich nicht wirklich das Überleben einzelner, kleiner Gruppen. Das muss es überraschenderweise auch gar nicht und es kann schlicht mit schriftstellerischer Freiheit begründet werden. Doch wie der Anfang des Romans ist auch die Erklärung und mit ihr der Schluss etwas kurz abgehandelt. Dennoch: Der rote Faden wird weder anfangs noch gegen Ende abgerissen, sondern von Schreckenberg zwar schnell, doch überaus konsequent zu Ende gesponnen.
Fazit
Anfang und Ende werden etwas zu kurz abgehandelt und stehen in keinem wirklich ausgewogenen Verhältnis zur Mitte. Doch das stört nur bedingt, denn gerade der Mittelteil macht einiges wett. Die Tatsache, dass die Geschichte in Deutschland spielt, die Figuren so „normal“ sind und Schreckenberg auf falsche Dramatik und große horrormäßige Schockeffekte verzichtet hat, ohne das Kribbeln im Nacken zu vergessen, lässt seinen Debütroman zu etwas werden, was sich relativ leicht liest. Doch der Roman regt dem ungeachtet auch zum Nachdenken an – über das Menschsein, über die Menschheit. Und abgesehen davon, dass er die Hoffnung darauf weckt, dass etwas Vergleichbares nie eintritt, macht Der Finder eindeutig Lust auf mehr und bekommt vier von fünf Punkten.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 4 von 5 Punkten, Dystopie/Endzeit, Autoren Q - T, Krimi & Thriller, Fantasy & Horror, Roman | 2 Kommentare »
27.3.2011 von Ati.
Mühlehner u. a.
Lit. Limbus – Geschichten aus der literarischen Vorhölle
Wunderwaldverlag
ISSN 21909776
Heftromane, Fantasy
Heft 1, 2 und 3
Kurzgeschichten mit 38, 40 und 44 Seiten
Zusammen mit anderen haben die drei nachstehenden Autoren teils verwobene, teils abgeschlossene Kurzgeschichten verfasst, die vom Wunderwaldverlag als erster Zyklus der Lit.Limbus-Reihe vorgestellt werden. Die Geschichten werden in Heftform verlegt, die für 3,50 € erhältlich sind. Alternativ gibt es jeweils ein E-Book für 2,50 €. Ein weiterer Zyklus ist bereits in Vorbereitung, dieser befasst sich dann mit historischen Geschichten.
In der Lit.Limbus-Reihe – Geschichten aus der literarischen Vorhölle sind bislang erschienen:
Heft Nr. 01 - Meeting mit Hugo Bain, EVT Erstausgabe zur Frankfurter Buchmesse 2010. Dieses wurde von Michael Mühlehner verfasst. Der 1965 geborene Autor ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Bayern. Neben den Kurzgeschichten, die er Genre übergreifend schreibt, wurde 2009 sein erster Roman „Masken des Todes” veröffentlicht.
Heft Nr. 02 – Dauerglühen/Die Weihnachtsgeister des Herrn Lau, EVT 08.10.2010, Sonderpublikation). Dieses stammt von Jürgen Heimlich. Er wurde 1971 in Wien geboren, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung bei einem Verlag, ist Rezensent und Redakteur, ließ sich zum Gesundheitstrainer ausbilden und fühlt sich neben Fernsehkrimis (er ist Administrator des Derrick-Fanklub-Forums) auch von Friedhöfen und Fußball sowie von Theologie angezogen. Seit 1989 betätigt er sich Genre übergreifend als Autor und veröffentlichte neben Beiträgen zu Anthologien auch mehrere Titel bei verschiedenen Verlagen.
Heft Nr. 03 - Leipolds Vertrag, EVT 11.11.2010. Dieses stammt von Frederic Brake, der laut eigenen Aussagen schon lange Zeit Geschichten im Kopf hatte. Doch erst 2008 begann er mit schreiben. Er wurde 1970 geboren, ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Westfalen.
Diese drei Bände liegen mir schon länger vor. Leider bin ich jetzt erst zum Lesen gekommen. Was schade ist, denn sie machen eindeutig Lust auf mehr und bedauerlicherweise ist Heft Nr. 4 bereits ausverkauft …
Heft Nr. 04 Paul deLuxe, EVT 13.11.2010 von Theresa Gerks.
Heft Nr. 05 Joe Browns Begräbnis, EVT 17.01.2011, von Bettina Unghulescu
Heft Nr. 06 Zeitkabinett , EVT 17.01.2011, von Max Pechmann
Heft Nr. 07 Auf Messe(r)s Schneide / Einschnitte, EVT 17.01.2011. Sonderausgabe zur Leipziger Buchmesse 2011 von Thomas Bosl und Bettina Unghulescu
Heft Nr. 10 Mr. Blue von Harald Landgraf, EVT 17.01.2011, Sonderausgabe zur Leipziger Buchmesse 2011
Insgesamt sollen elf Hefte in diesem Zyklus erscheinen, man darf also noch auf die Geschichten von Mara Lang, Anja Rosak und Barbara Schmidt gespannt sein. Die Idee für diese Reihe wurde aus der Tatsache geboren, dass Verleger und Autoren nicht immer die gleichen Ziele verfolgen. Die elf genannten Autoren, die vermutlich eigene Erfahrungen aus dem bisweilen surreal anmutenden Verlagsalltag en masse gesammelt haben dürften, verfassten Geschichten, die imaginär und real, scherzhaft und erschreckend, überspannt, etwas nervenkrank und spannend wirken. Immer alles ausgedacht? Wer weiß … Hinzu kommt eine gesunde Prise Mystik und Magie.
Heftromane genießen nicht bei allen Lesern den besten Ruf. Zu oft bedienen sie sich zu gängiger Klischees, platter Dialoge und von Handlung fängt man am besten bei den meisten gar nicht erst an. Doch das war nicht immer so und muss künftig auch nicht zwangsläufig so sein. Auch in den Heften der Lit.Limbus-Reihe Geschichten aus der literarischen Vorhölle gibt es Klischees, Anrüchiges, Trashiges. Dass sie dennoch gut, spannend und unterhaltsam sein können, beweisen die Ausgaben, die gerade vor mir liegen.
Zitat Verlagsseite
Die Wege der Autoren kreuzen sich rein zufällig, doch der Himmel der Literatur steht nur den Besten offen. Der Einsatz ist hoch: 500 Euro für den, der bis zur nächsten Leipziger Buchmesse einen lukrativen Buchvertrag ergattert. Doch hinter den Kulissen geht es um mehr. Gott pokert mit dem Teufel. Mephisto, Fürst der Hölle, lädt Johann, den Dichterfürsten, zum letzten Würfelspiel vor dem jüngsten Gericht. Der Club der Toten Dichter wirft die Macht des Thanatos in die Waagschalen des Schicksals. Zehn Autoren buhlen um die Gunst des Literaturhimmels, doch nicht alle können siegen. Das Schicksal fordert alles, manchmal sogar das Leben …
Damit sind natürlich nicht die Verfasser der Kurzgeschichten, sondern die Figuren der Heftreihe gemeint. Heft 2 – eine Sonderausgabe – hebt sich allerdings davon ab. Es beschäftigt sich mit einem Geschäftsmann, der eine moderne und folgerichtige Abwandlung der altbekannten Weihnachtsgeschichte um Ebeneezer Scrooge aus „A Christmas Carol“ von Charles Dickens erlebt. Der Geschäftsmann scheint auf den ersten Blick korrekt, doch er hat mehrere Eisen im Feuer und dank der Aufmerksamkeit einer Mitarbeiterin merkt man bald, dass alles nur eine Fassade ist. Selbstverliebt und nicht reflexionsfähig sucht er die Fehler immer bei anderen und nie bei sich, läuft blind und ignorant umher und davon. Bis … ja bis sich sein Leben drastisch zu ändern beginnt und er kurz darauf von den Geistern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besucht wird. Besitzt er so viel Willen sich zu ändern wie der alte Ebeneezer?
In dem einen Monat seines Lebens, in dem der Leser Lau begleitet, scheint dieser verrückt, aber nicht wirklich erdacht zu sein. Er verkörpert einfach alles, was schlecht ist und stellt trotzdem sehr glaubwürdig eine Zusammenfassung all dessen dar, was gesellschaftlich verpönt ist, aber viel zu oft toleriert wird. Er wirkt mehr als unsympathisch, denn unaufhörlich wird ein weiterer mieser Charakterzug an ihm deutlich. Letztlich zahlt er für alles. Die Rechnung wird nicht zu brutal und voller Hass aufgemacht - aber effektiv.
Meeting Hugo Bain handelt von einem Autor von Heftromanen. Sein Synonym Frank Trash ist quasi Programm – in der Vergangenheit sogar ein ziemlich erfolgreiches. Als er zum zweiten Mal vom Blitz getroffen wird, weiß er nichts mehr von sich. Sein Agent verschafft ihm einen Auftrag für eine Biografie über Nicolas Flanell. Der Alchemist, der vor 500 Jahren lebte, soll sich mit dem Stein des Weisen beschäftigt haben. Die Zeit für die Biografie ist kurz bemessen, bereits auf der nächsten Buchmesse soll sie veröffentlicht werden, weil der Verlag schon kräftig die Werbetrommel rührt. Praktischerweise wird Trash seit dem Vorfall mit dem Blitz von einem Dybbuck bewohnt. Was das ist? Im jüdischen Volksglauben wird damit der Geist eines Toten bezeichnet, der in einen lebendigen Körper eintritt und die Kontrolle übernimmt. Der Dybbuck kannte Flanell persönlich. Die Arbeit an der Biografie wird jedoch durch seltsame Dinge beeinträchtigt. Nicht nur dass Trash Vorgänger in dieser Sache ermordet wurde, er begegnet plötzlich seiner Romanfigur Bain. Dass der nicht nur ein nicht zu fassender Serienkiller, sondern ebenfalls auf der Suche nach dem Stein des Weisen, der ihm zu ewigem Leben verhelfen soll, ist, macht ihn doppelt gefährlich. Und dann ist da noch die Sache mit der Wette der Autoren auf der Leipziger Buchmesse. Trash stolpert zwar nur zufällig hinein, doch die Devise hier heißt mitgehangen, mitgefangen….
Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, erhascht der Leser einen Blick auf einen der Räume, die als Limbus bezeichnet werden. Als Vorhof der Hölle also, der von Seelen bevölkert ist, die ohne eigenes Verschulden nicht in den Himmel gelangen können. Dort trifft gerade ein Autor ein und wird von einem zweiten in Empfang genommen. Die Atmosphäre ist idyllisch, heiter, hat Urlaubsflair - vom Höllenfeuer weit und breit keine Spur. Doch wie merkt der dort ausharrende John Updike sich auf seinen Roman Landleben beziehend an? „Der Tod verliert nie seine Eigenschaft des Unerwarteten. Das Leben erwartet den Tod nicht, der lebendige Verstand kann ihn sich nicht vorstellen.“ Wer also kann schon sagen, wie so ein Limbus sich darstellt …
Die Geschichte, die einmal von Trash selbst, dann wiederum aus Bains Perspektive, aber nicht von diesem erzählt wird, und zwischendurch mit Einflechtungen aus traumartiger Vergangenheit und mystischer Parallelwelt aufwartet, handelt von einer Figur, die zufällig in etwas hineingezogen wird, weshalb der Ankommende durchaus die Hauptfigur des Heftes sein könnte. Mühlehner stellt seinen Charakter als Opfer dar, das mit allerlei Gefahrensituationen, Spuk und Spektakel fertig werden muss. Ausklingend im Heft wird ein kleiner Blick auf die Folgefigur Jason Manz gelenkt und ein Stolperstein auf dem Weg zum Wettgewinn für Trash eingebaut.
Während im ersten Heft eingangs Ferienstimmung und Klubatmosphäre herrschen, ändert sich die Umgebung zu Beginn des dritten Teils der Reihe. Heiter ist sie allerdings immer noch. Frank Trash und der Geschäftsmann Lau, der sich aller sieben Todsünden schuldig gemacht hat, ohne Schuld dafür zu empfinden, sind längst abgehakt bzw. Trash harrt auf Gewinn oder Niederlage bei der Wette um seine Seele. Bei Leipolds Vertrag wird niemand im Empfang genommen. Statt dessen kann der Leser ein Gespräch zwischen Mephisto und seiner Stellvertreterin, der Dämonin Ashura, verfolgen. Die beiden sprechen über die Neuordnung der Hölle und den Wegfall von Wollust und Völlerei bei den Todsünden. Ansonsten droht die Gefahr, dass die Hölle wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Stattdessen widmen sie sich lieber unredlichen Bankern und Umweltzerstörern und sinnen darüber, wer den Höllenführer neu verfassen könnte. Das Ganze geschieht augenzwinkernd, man kann sich Mephisto gut in seinem scharlachroten Spandexanzug vorstellen.
Auch der Hauptcharakter dieses Teils der Reihe zwinkert hin und wieder, wenngleich auch aus anderen Motiven. Jason Manz ist ein bereits verbrannter Autor. Vorbei sind die Zeiten der Verlagsverträge, vorbei die Zeiten mit einem Literaturagenten. Geschieden und dem Alkohol zu zugeneigt, fristet er ein ziemlich trostloses Dasein. Auch er ist auf der Leipziger Buchmesse und kurz danach kommt er in den Besitz einer Telefonnummer, ohne zu wissen, wie genau. Ein Anruf bringt ihn in Kontakt mit Fritz Leipold, einem Ghostwriter, der eigentlich schon längst tot sein müsste. Dass er das nicht ist, dass er Energie und Lebenskraft aus Autoren wie Manz zieht, erfährt der erst viel zu spät. Da hat er bereits Teile seiner Seele verloren und kommt nicht mehr aus der Sache heraus.
Trotz des fantastischen Elements spricht Brake in seiner Geschichte mehr den knallharten Autorenalltag an. Den möglichen Erfolg – auch wenn der nur rückblickend klar wird – der immer die Möglichkeit eines tiefen Falls birgt. Verweist auf den Umstand, dass ein kleiner Schritt aus dem Rampenlicht mit fatalen Stürzen verbunden ist, die ein Aufstehen oder Wiederauferstehen erschweren. Gleichwohl kommt das Fantastische in seiner Andeutung nicht zu kurz. Geschickt zeichnet Brake die durch Leipold entstandene Bedrohungssituation für Manz, der, wenn auch etwas abstrahiert, stellvertretend für andere von Ghostwritern unterstützte Autoren an seinem Geheimnis zugrunde zu gehen droht. Am Ende erhascht der Leser wiederum einen kurzen Blick auf die Folgefigur – in diesem Fall Paul DeLuxe. Und darauf, dass die Geschichte für Jason Manz und seine Umwelt noch nicht zu Ende ist.
Der rote Faden in Form der Wette auf der Leipziger Buchmesse ist, über den ersten und unabhängig davon zu lesenden abgeschlossenen zweiten Teil hinaus, zu erkennen. Alle drei Hefte sind flüssig zu lesen. Nichts Schöngeistiges – aber das erwartet man ja in einem Heftroman auch nicht, oder? Die Autoren haben sich in ihren Geschichten schlüssig auf 38 – 44 Seiten ausgetobt. Amüsant und erschreckend, wie bereits erwähnt, eine Spur gruselig und etwas neben der Norm, sind alle drei Geschichten. Die Mischung aus Übernatürlichem beziehungsweise Mystisch-Magischem und trauriger Realität ist genau abgewogen.
Fazit
Die ersten drei Hefte machen eindeutig Lust auf mehr. Dummheit und Gier, selbst wenn diese aus der Verzweiflung heraus geboren wird, werden bestraft. Ein an und für sich typisches Klischee also, das man in Heftromanen erwartet. Doch es ist immer eine Frage der Umsetzung, die Klischee hin oder her schräge Handlungen von Schund unterscheidet. Und die Umsetzung ist – den Autoren sei Dank – in diesen Teilen der Lit.Limbus-Reihe Geschichten aus der literarischen Vorhölle bestens gelungen und lässt auf einen spannenden Fortgang und Schluss der Reihe hoffen.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 4 von 5 Punkten, Buch- & Sammelreihe, Autoren M - P, Autoren E - H, Autoren A - D, Fantasy & Horror | Keine Kommentare »
25.3.2011 von Ati.
Sebastian Fleming
Die Kuppel des Himmels
Bastei Lübbe
ISBN 9783404164905
ISBN 3404164903
Historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung HildenDesign, München
Taschenbuch 672 Seiten
[D] 9,99 €
Zum Autor
Sebastian Fleming ist, genau wie Nicholas Lessing, eines der Pseudonyme, unter denen der Autor Klaus-Rüdiger Mai seine Romane auf den Markt bringt. Er stammt aus Sachsen-Anhalt, studierte in Halle Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er ging zum Theater und schaffte es unter dem als Kommissar Ehrlicher bekannten Peter Sodann zum Dramaturgen. Seine Veröffentlichungen reichen von Sachbüchern, wie etwa der Biografie von Michail Gorbatschow oder auch der von Papst Benedikt XVI. – beide aus dem Jahr 2005 auch zu historischen Romanen. Diese erscheinen als Abgrenzung zu seinen Sachbüchern unter einem der beiden Pseudonyme. 2009 kam sein erster diesbezüglicher Roman, der sich mit der Varusschlacht am Teutoburger Wald neun Jahre nach Beginn der christlichen Zeitrechnung beschäftigt, auf den Markt. Doch Mai ist nicht nur der Buchwelt ein Begriff. Er war als Autor und Produzent beim Fernsehen tätig. Von ihm stammt etwa die Idee der Kindersendung Schloss Einstein oder er machte beispielsweise auch eine 3teilige Dokumentation über die Zeit der Inquisition. 2005 kehrte er dem Fernsehen jedoch den Rücken und wandte sich ganz dem Schreiben zu. Der Autor verbindet dabei Dichtung und Wahrheit, flicht gut recherchierte Ergebnisse in seine Sachbücher und Romane ein.
Zum Buch / Meine Meinung
Das Cover von Die Kuppel des Himmels gibt den ersten, recht genauen Hinweis, worum es im Buch geht. Es zeigt die Kuppel des Petersdoms und ein paar auffliegende Vögel, die genau wie der Name des Autors und der Titel des Buches glänzend und leicht erhaben gedruckt sind.
Fleming macht es einem anfangs etwas schwer, ihn ins Rom der Renaissance zu begleiten. Er lässt den Leser bereits in den ersten Kapiteln unzählige Figuren begegnen, ja führt quasi fast kaleidoskopartig ein. Alle sind an dem beteiligt, was seinen Lauf nimmt, weil der alte Petersdom zusehends verfällt und einer der damaligen Päpste, Julius II., den Auftrag für eine neue Basilika erteilt, in der er seine letzte Ruhe finden will. Diese Basilika soll gewaltiger werden, als alles, was jemals im Abendland erbaut wurde. Nicht nur, dass es im Rom des Abendländischen Schismas mit seiner geteilten Kirche und mehreren gewählten luxus- wie herrschsüchtigen Päpsten Gegner gibt, die den Bau um jeden Preis verhindern wollen. Der von Julius II. beauftragte Baumeister Bramante hat auch einen handwerklichen Konkurrenten, der ihm gefährlich werden kann: Michelangelo. Er ist jünger als Bramante und eigentlich nur Bildhauer, trotzdem fällt es schwer, ihn zu übersehen oder es wäre fatal, ihn zu unterschätzen. Sein Entwurf hat eine Kuppel, so weit wie der Himmel – womit der Buchtitel einen weiteren Hinweis liefert.
Wie gesagt, der Anfang ist etwas schwer, zieht sich und verwirrt. Doch wer durchhält, wird durchaus belohnt, denn die Geschichte gewinnt mit zunehmendem Verlauf. Der Autor versucht nicht zwingend, den über ein Jahrhundert währenden Dombau in seiner Geschichte in den Vordergrund zu stellen. Doch auch wenn die Geschehnisse um und mit Julius II., Bramante und Michelangelo den Großteil der Geschichte ausmachen (die es als Hauptakteure zu den vielen Nebenfiguren gibt, welche zusätzlich auf Nebenschauplätzen in Nebenhandlungen agieren) - sie sind nur Träger und Vermittler des roten Fadens zum eigentlichen Hauptcharakter: Der omnipräsenten Kuppel des neuen Petersdoms. Dies wird schon durch die in der Geschichte enthaltenen Zeitsprünge klar. Die Figuren hauchen dem an sich nicht lebendigen Bau nur so etwas wie Leben ein.
Das Handeln der trotz ihrer Vielfalt relativ klar gearbeiteten Figuren zeichnet ein gut nachvollziehbares Bild der damaligen Zeit. Intrigen, politischen Verwirr- und Ränkespiele, die Plünderung Roms, schemenhaften Geheimbünde, die Beschreibung des Handwerks und der mit dem Bau verbundenen Schwierigkeiten – alles trägt zu der atmosphärischen Dichte bei, die Fleming in seinem Roman webt. Die Seiten sind gefüllt mit vielen kleinen Handlungssträngen, die von ihm zu einem großen geflochten werden.
Fazit
Nicht ganz flüssig zu lesen, obwohl der Autor durchaus eine flüssige Sprache wählt. Kein Buch zur reinen Entspannung, da es viele Charaktere und Nebenschauplätze darin gibt. Wer sich für Geschichte interessiert, wird hier gut bedient, zumal Fleming die eine oder andere eher unbekannte Begebenheit wiedergibt. Alles in allem ein spannendes Buch, wenn man durchhält, für das ich vier von fünf Punkten vergeben möchte.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Historisch - Renaissance, 4 von 5 Punkten, Autoren E - H, Roman | Keine Kommentare »