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Archiv der Kategorie 5 von 5 Punkten

Chevalier, Tracy: Zwei bemerkenswerte Frauen

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Tracy Chevalier
Zwei bemerkenswerte Frauen

Originaltitel Remarkable Creatures
aus dem Englischen übersetzt von Anne Rademacher
Knaus Verlag
ISBN 978-3813503685
ISBN 3813503682
Historischer Roman
Deutsche Erstausgabe 2010       
Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten
[D] 19,99 €

 

Verlagsseite

Autorenseite

 

Zur Autorin

 

Die heute in London lebende, 1962 in den USA/Washington, DC., geborene und aufgewachsene Tracy Chevalier war das jüngste von drei Kindern. Sie studierte Anglistik in Ohio und – nach ihrem Umzug Anfang der 1980er-Jahre nach England - kreatives Schreiben. Kurz vor der Geburt ihres Sohnes im Jahr 1998 vollendete sie ihren Roman bisher erfolgreichsten Roman – Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Das Schreiben ist mittlerweile eine Vollzeitbeschäftigung für sie und zahlt sich auch aus. So gewann Das Mädchen mit dem Perlenohrring nicht nur den Barnes und Noble Award – es wurde über 4 Millionen Mal weltweit verkauft und 2003 mit Scarlett Johansson und Colin Firth in den Hauptrollen verfilmt. Auch die anderen Bücher der Autorin eroberten kurz nach Erscheinen die Bestsellerlisten Englands.

 

Zum Buch

 

Das Erste, was mir an dem Buch auffiel, war das Umschlagmotiv. Es zeigt neben einem Küstenabschnitt mit zwei Frauen einen goldfarbenen Ammoniten. Dieser ist etwas herausgearbeitet, was man beim Darüberstreichen fühlt.

 

Auch in Zwei bemerkenswerte Frauen vermischt Chevalier einmal mehr Fiktives mit historisch belegten Personen und Tatsachen. Dafür bedient sie sich – wie man ihrer Anmerkung im Buch entnehmen kann - der beiden von der Fachwelt lange totgeschwiegenen, aber dennoch belegten Frauen Mary Anning und Elizabeth Philpot, die sehr erfolgreich im Bereich der Fossilienforschung tätig waren.

 

Der Roman spielt im England des 19. Jahrhunderts und umfasst einen mehrjährigen Zeitraum. Elizabeth zieht zusammen mit ihren ebenfalls ledigen Schwestern aus finanziellen Gründen in den kleinen südenglischen Küstenort Lyme Regis. Ihr Leben verändert sich dadurch drastisch. Doch nachdem sie es zunächst eher als Strafe betrachtet, aufs Land abgeschoben zu werden, muss sie bald feststellen, dass der Umzug auch gewisse Vorteile bietet. So lebt sie beispielsweise wesentlich freier als im sittenstrengen London. Und einen Zeitvertreib hat sie auch bald gefunden, denn die Küste ist durchsetzt von Fossilien, die teils nach und nach durch die Flut freigespült werden, teils ausgegraben werden müssen. Hierbei begegnet sie Mary, die in Lyme Regis geboren und aufgewachsen ist und dort mit ihrer Familie in ärmlichen Verhältnissen lebt. Ein Zubrot verdienen sie sich durch den Verkauf von Fossilien. Entgegen aller Konventionen und trotz des Altersunterschiedes freunden sich Mary und Elizabeth an, verbringen viel gemeinsame Zeit, machen spektakuläre Entdeckungen. Und verlieben sich in den gleichen Mann, was fatale Folgen nach sich zieht und die Freundschaft schweren Prüfungen unterwirft.

 

Meine Meinung

 

Auch in diesem Roman ist es Chevalier gelungen, ein so lebensnahes Bild ihrer Charaktere zu zeichnen, dass man mit ihnen fühlt, fiebert und leidet. Nicht nur der beiden Haupt-, sondern auch sämtlicher Nebenfiguren. Atmosphärisch dicht gewebt, öffnet jede Szene einen klaren Blicken auf die verstaubten Konventionen, die Missstände, aber auch auf die dünkelhafte Ignoranz und die Verschlossenheit der männlich-dominierten (naturwissen-schaftlichen) Welt jener Zeit. Daneben gibt es noch die kindliche Neugier mit der Elizabeth an die Fossiliensuche herangeht oder die abgeklärte, geduldige, großzügige und immer wieder begeisterungsfähige Mary, die nicht nur ihr dabei hilft. Die Autorin lässt einmal sie, dann wieder Elizabeth zu Wort kommen. Auch dadurch werden die gesellschaftlichen Unterschiede deutlich. Elizabeth, etwas exzentrisch, die sich gewählt und sprachgewandt auszudrücken vermag. Mary, deren einfaches Gemüt sich ebenso wie ihre mangelhafte Bildung in ihrer Sprache und bisweilen auch in ihrem Tun niederschlägt. Der Kampf um die Anerkennung ihrer Leistung ist hart, scheint manchmal vergeblich bis unmöglich zu sein. Die sanften und dennoch eindringlichen Worte, mit denen Chevalier ihr Schicksal und den Verrat an ihr beschrieben hat, wecken den Kampfgeist. Nicht nur von Elizabeth, fast möchte man selbst mit zur Tat schreiten, um zu helfen.

 

Ein kleines Manko der Geschichte ist, dass die Beschreibung von Ausgrabungsszenen relativ häufig vorkommt. Das wirkt etwas störend, obwohl es natürlich rein von der Fossilienthematik her passt. Die ist zwar eindeutig die Passion beider Hauptfiguren, aber für mein Dafürhalten trotz aller Fundbeschreibungen auf vielen Seiten nur ein Nebenhandlungsstrang. Was mich viel mehr angesprochen hat, war die Emanzipierung, die die beiden Frauen durchlaufen. Und das alles in einer Zeit, in der das bis dahin geltende Weltbild aufgrund fossiler Funde ins Wanken geriet – was die Männer zwar (hin und wieder unter empörten Aufschreien der Kirche) machen durften, bei Frauen jedoch als skandalös und untragbar empfunden wurde.

 

Die ebenfalls enthaltene Liebesgeschichte ist eher angedeutet, dennoch berührt sie. Ebenso die Eifersüchteleien, die in diesem Zusammenhang entstehen. Dass die Frauen ihre Freundschaft über dieses Zerwürfnis hinaus in gewisser Weise retten können, wird ebenso nachvollziehbar beschrieben, wie alles andere. Chevalier bedient sich nicht falscher Dramatik, dafür aber einer gut strukturieren und greifbaren Dynamik, die den Roman trotz aller Versteinerungen lebendig lesenswert macht.

 

Fazit

 

Ein wunderschönes, unaufgeregt erzähltes Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft und das Behaupten zweier starker Frauen in einer verknöcherten, männlich-dominierten Gesellschaft, dem ich 4,5 von 5 Punkten geben möchte.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

Laurie, Victoria: Abby Cooper - Detektivin mit 7. Sinn

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Victoria Laurie
Abby Cooper - Detektivin mit 7. Sinn

Originaltitel Psychic Eye
aus dem amerikanischen übersetzt von Angela Koonen
Lyx
ISBN 978-3802582837
ISBN 3802582837
Roman
Dt. Erstausgabe 2010
Taschenbuch, 317 Seiten
[D] 9,95 €

 

Verlagsseite

Autorenseite

 

Zur Autorin

 

Bevor die Autorin Victoria Laurie 2003 mit dem Schreiben der ersten Novelle um Abby Cooper begann, war sie, wie ihre Hauptfigur, selbst bereits jahrelang als Medium tätig. Damals kam es ihr noch nicht in den Sinn, dass sich das Schreiben zu einer Vollzeittätigkeit entwickeln könnte. Zwischenzeitlich wurden 12 Romane (darunter auch die Serie über die Geisterjägerin M. J. Holliday) veröffentlicht und in andere Sprachen übersetzt. Laurie erarbeitete sich einen Platz in den Bestsellerlisten der New York Times. Der Auftaktroman um Abby Cooper erschien bereits 2004 in den Staaten. Seit 2010 ist er als deutsche Taschenbuchausgabe erhältlich. Der Folgeband soll im Juni 2011 erscheinen. Obwohl sie selbst mittlerweile nicht mehr als Medium tätig ist, findet sie Sensitivsein cool, was sich eindeutig in ihren Büchern niederschlägt.

 

Zum Buch / Meine Meinung

 

Das im Comicstil aufgemachte Cover erinnert ein wenig an die Bücher von Michelle Rowen, was mich sofort an entspannende Wochenendlektüre denken ließ. Die Inhaltsangabe tat ein übrigens.

 

Während anfangs noch genau das eintrat, was ich beim ersten Augenschein des Buches dachte (Chick-Lit ohne Tiefgang), wurde ich relativ schnell überrascht. Die in einem Vorort von Detroit in der Gegenwart spielende Geschichte beginnt, wie viele Auftaktromane, etwas schleppend, was daran liegt, dass einfach bestimmte Details eingebracht werden müssen und nicht weiter schlimm ist. Auch Abby, die die Geschichte in der Ich-Form erzählt, zeigt sich anfangs etwas durchscheinend.

 

Dennoch: Es handelt sich zwar um eine leichte, überaus entspannende Lektüre. Der Auftaktroman der Detektivin mit siebtem Sinn ist jedoch noch ein wenig mehr. Zwar stellt sich Cooper zunächst tatsächlich als sehr oberflächlich dar und verschwendet mehr Zeit und Gedanken an ihre Garderobe und ein Blind Date als an ihre Kunden und die Geister, mit denen sie in Kontakt steht. Ihre Tätigkeit als Medium wird auch eher von den mehr oder weniger vorhandenen Lebenskrisen ihrer Kunden als von wirklich spannenden Momenten geprägt. Das ändert sich jedoch spätestens dann, als eine ihrer Kundinnen ums Leben kommt. Die wollte kurz vor ihrem Tod nochmals zu ihr, was Abby aber abgelehnt hat. Prinzipiell will sie mit ihren Kunden nie mehr als zwei Sitzungen pro Jahr abhalten, damit die nicht abhängig von ihr werden.

 

Abgesehen davon, dass sie mit Toten kommunizieren kann, zeigt Abby sich schlagfertig bis zickig, witzig (nervt aber bisweilen), ist unzufrieden mit sich selbst und voller Zweifel, selbstironisch und auch noch chaotisch. Da sie trotz ihrer Andersartigkeit jedoch mit beiden Beinen fest im Leben steht, sich um andere kümmert und mehrere Prinzipien hat, an die sie sich streng hält, kommt sie sehr liebenswürdig herüber. Teilweise wirkt sie, obwohl sie bereits über 30 ist, jung und unerfahren. Aber vor allem wirkt sie normal, auch wenn zu ihrer Normalität schon mal gehört, dass sie einem Blind Date Details einer Entführung verraten kann, an der sie gar nicht beteiligt ist.

 

Dass ihr Gegenüber Dutch Rivers Polizist ist, weiß sie zu diesem Zeitpunkt nicht, aber ihre Eingebungen führen zu der Aufklärung des Falls. Dummerweise ist Dutch auch Ermittler in dem Fall der ermordeten Klientin – und heißes erstes Date hin oder her, da diese einen Mitschnitt der letzten Sitzung bei sich hatte, reißt der Kontakt mit ihm nicht ab. Obwohl er so gar nichts von übersinnlichen Fähigkeiten hält und Abby nicht so recht traut, kommen die beiden immer wieder zusammen und es entwickelt sich eine zaghafte Liebesgeschichte. Dutch – Abby lässt sich sehr ausführlich über ihn aus – ist ein Traum von einem Mann. Auch er wirkt liebenswürdig und real und geht seinem Beruf mit Inbrunst nach. Auch er ist schlagfertig, was zu amüsanten Dialogen und mehr als einer komischen Situation führt. Sein Humor, seine Charakterfestigkeit steht Abby in nichts nach. Der Verlauf ihrer Beziehung ist interessant und macht Lust auf mehr. Kein Wunder, die beiden Figuren kabbeln sich, sie sind vielschichtig, sie entwickeln sich zunehmend und wirken genau dadurch lebensnah und echt.

 

Die Geschichte zwischen den beiden steht jedoch eindeutig nicht im Vordergrund. Wer auf erotische Szenen hofft, wird vielleicht enttäuscht. Gefehlt haben sie allerdings nicht, dazu ist der Handlungsverlauf viel zu kurzweilig und gleichzeitig spannend. Denn Abby kann auch im Fall der toten Kundin ihren Mund nicht halten und möchte – aus Schuldgefühlen heraus – ihre Fähigkeiten bei der Suche nach deren Mörder einbringen. Was sie mehr als einmal in Schwierigkeiten bringt, weil die grausame Realität nicht nur sie immer wieder einholt. Dieser Fall ist keine blasse Nebenhandlung, sondern geschickt und ausgewogen verwoben mit der sich anbahnenden Beziehung von Abby und Dutch.

 

Was mir auch sehr gut gefallen hat, war der Umstand, dass die Autorin ihr Medium nicht im Stil von Ghostwisperer und ähnlich hinlänglich bekannten Serien arbeiten lässt. Es gibt keine zerfallenden, entstellten Leichen, die unbedingt etwas loswerden müssen und damit pausenlos für Schockeffekte und Albträume sorgen. Der gesamte Handlungsverlauf (ob paranormal oder normal) ist gut durchdacht und schlüssig. Die Spannungsbogen gekonnt geschlagen. Zusammen mit dem überaus flüssig zu lesenden Schreibstil konnte ich schnell in die Geschichte eintauchen und das Buch war an einem Abend ausgelesen.

Es ist nichts bahnbrechend Neues. Das muss es aber auch nicht sein, wenn die Umsetzung so gut gelungen ist wie in diesem Fall.

 

Fazit

 

Der erste Band der Abby-Cooper-Reihe (Psychic Eye) macht eindeutig Lust auf mehr. Es ist eine gelungene Mischung aus Übersinnlichem und Realität mit einem klitzekleinen Hauch Chick-Lit. Amüsant und entspannend bekommt das Buch fünf von fünf Punkten von mir.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

Standenat, Sabine: Wie Heilung geschieht

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Sabine Standenat
Wie Heilung geschieht

Knaur Taschenbuch
ISBN 978-3426874929
ISBN 342687492X
Esoterik, Ratgeber, Gesundheit
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
Taschenbuch, 256 Seiten
[D] 8,99 €

Verlagsseite    oder   Verlagsseite
Autorenseite
 

Zur Autorin

 

Neben dem Schreiben arbeitet die in Wien lebende, klinische Psychologin Sabine Standenat auch als freie Journalistin und hält Vorträge zu psychologischen Themen. Von 2005 – 2010 erschienen bei verschiedenen Verlagen fünf Bücher von ihr, die sich alle mit der Thematik der Selbstheilung/Selbstannahme beschäftigen.

 

Zum Buch

 

Inhaltsangabe laut Verlagsseite

 

Dem Wunder der Heilung auf der Spur

 

Kann der Glaube Heilung bewirken? Wie arbeiten namhafte Heiler?

 

Die Psychologin Sabine Standenat hat bekannte Wallfahrtsorte besucht, Heiler getroffen und mit Menschen gesprochen, die plötzlich gesundeten, obwohl alles dagegen sprach. Dabei ging es ihr um die Frage: Wer oder was heilt?

 

Scheinbar unerklärliche Phänomene lassen sich wissenschaftlich begründen: Gedanken und Gefühle können Heilungsprozesse im Körper auslösen, für die auch die Quantenphysik spannende Erklärungen gibt.

 

Meine Meinung

 

Dass es mehr als Schulmedizin gibt, weiß ich aus eigener Erfahrung und Umsetzung. Der Buchmarkt bietet seit Jahren einiges zu dieser Thematik. Ich habe einige gute und viele schlechte Bücher gelesen, meine Neugier darauf hat nicht nachgelassen. Deshalb kam, was kommen musste: Standenats Buch Wie Heilung geschieht liegt vor mir. Das gelb/orange des Covers, das auf ein Motiv verzichtet und stattdessen mit Lichtreflexen ausgestattet ist, passt schon mal sehr gut zur Thematik.

 

Standenat, die sich bereits mit Selbstannahme und Selbstheilung beschäftigt hat, greift in diesem Buch Fälle auf, die unerklärliche, aber nachgewiesene Heilerfolge erlebten. Sie belegt sie nicht nur mit Fallbeispielen, sie stellt auch einen Bezug zur Quantenphysik her, was das eine oder andere auch für diejenigen, die zweifelnd an die Sache herangehen, nachvollziehbarer machen dürfte. Da letztlich auch die Schulmedizin nicht ganz außen vor bleibt, schafft sie es ihre Ergebnisse ausgewogen zu präsentieren und nicht einfach in eine (nach wie vor oftmals negativ behaftete, belächelte und nicht ernst genommene) esoterische Ecke abdriften zu lassen. Immer wieder bringt sie eigene, gut nachvollziehbare Erfahrungen mit ein, was zusammen mit den beschriebenen Übungen alles abrundet. Die 13 im Buch aufgeführten Heilungsfragen mögen auf manchen anfangs vielleicht etwas seltsam wirken, wer jedoch genauer darüber nachdenkt, wird schnell merken, dass sie nicht einfach aus der Luft gegriffen sind.

 

Natürlich muss man auch hier sagen, dass nicht alles in diesem Buch absolut neu und unbekannt ist. Das kann aufgrund der Masse an Büchern, die es zu dieser Thematik gibt, auch gar nicht sein. Allerdings überzeugt die Umsetzung, die Standenat für ihr Buch gewählt hat.

 

Natürlich wird auch allein mit dem Lesen und Umsetzen der Ratschläge und Übungen nicht alles und jeder sofort und für absolut immer gesund. Dazu ist der menschliche Körper vielleicht auch zu anfällig und wir selbst oftmals zu stark rückfällig in alte Verhaltensmuster.

 

Letztlich muss jeder für sich probieren ob und welchen Nutzen er aus bestimmten Methoden zieht. Mit Standenats Wie Heilung geschieht hält man aber eine gute Anleitung in der Hand. Ein Buch, das aufzeigt, dass es immer noch einen Weg gibt, den man gehen kann; dass man nicht hilf- und völlig machtlos ist. Die Autorin geht in ihrem Buch einmal mehr auf die Tatsache ein, dass Heilung von außen angestoßen werden kann, jedoch immer von innen nach außen geschieht. Damit bestätigt sie das, was Dr. Frank Kinslow im Bezug auf die Quantenheilung äußerte: „Heilung ist in Wirklichkeit eine Nebenwirkung des Bewusstwerdens.

 

Fazit

 

Ein Buch für alle, die sich nicht mit den Worten „damit müssen sie leben” abfinden wollen. Ein Mut machendes, aufbauendes Buch. Mich hat es von der ersten bis zur letzten Seite angesprochen und bekommt deshalb fünf von fünf Punkten.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

Assmann, Tara: Akupaintur

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Tara Assmann
Akupaintur – Heilende Symbole zum Aufmalen für Gesundheit und Lebenskraft

Heyne Praxisbuch
ISBN 978-3453701526
ISBN 3453701526
Sachbuch
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung Guter Punkt München
Taschenbuch, 208 Seiten
[D] 8,95 €

 

Verlagsseite 

 

Zur Autorin

 

Bei Forschungsreisen nach Südasien und Indonesien lernte die 1968 geborene, studierte Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin Tara Assmann die Vorteile eines lebendigen medizinischen Systems kennen. Dieses System bezieht je nach Beschwerdebild sowohl schamanisches, traditionell indisch und chinesisch medizinisches, aber auch klassisch homöopathisches Wissen ein und lässt auch die Methoden der modernen Schulmedizin nicht außen vor. Assmann selbst hatte Anfang der 1990er Jahre das Glück, auf etwas wie Akupaintur zurückgreifen zu können, wie sie im Prolog schildert.

 

Zum Buch / Meine Meinung

 

Das Covermotiv zeigt den Rücken einer jungen Frau, auf deren Wirbelsäule eine Spirale in grün und rot gemalt ist. Sie sitzt vor einem bläulichen Hintergrund. Die Rückseite des Buches ist ebenfalls in hellem blau gehalten und von Lichtpunkten durchsetzt. Wirkt etwas esoterisch angehaucht, ist es aber nicht.

 

Stattdessen erhält man ein sowohl neugierig machendes, spannendes als auch informatives und selbst für Laien relativ einfach umsetzbares Buch in Händen, in der die Autorin nicht nur auf die Historie der Körperbemalung eingeht. Körperbemalungen oder Tätowierungen sind bei allen Völkern der Welt seit alters her bekannt. Dass sie nicht nur rein dekorativen Zwecken dienten, wissen zwischenzeitlich vermutlich nicht nur Insider. Über den historischen Schlenker macht der interessierte Leser einen Abstecher zu Kapiteln über Elemente, Meridiane und Energiekreisläufe, Chakren und – dann wird es spannend - den von Assmann beschriebenen Symbolen. Auch deren praktischer Einsatz wird angesprochen. Sie erklärt in einfachen Worten, welche Symbole bei welchen Beschwerden wie eingesetzt werden können, um eine Änderung des Zustands herbeizurufen. Im Anhang befindet sich dann noch eine Bildsammlung von Meridianverläufen.

 

Wer sein neu erworbenes Wissen allerdings sofort umsetzen möchte, muss sich etwas in Geduld üben und die entsprechenden Punkte und Symbole relativ mühselig zusammensuchen – zumindest anfangs. Das hätte, offen gestanden, praktikabler umgesetzt werden können. Andererseits beschäftigt man sich so automatisch mehr mit den Symbolen und Punkten und umso leichter kann man es im Alltag umsetzen. Insoweit ist dies für Eilige zwar vielleicht ein kleiner Schwachpunkt, faktisch gesehen, aber nicht wirklich schlecht.

 

Die Autorin erfindet damit natürlich weder das Rad neu, noch ist sie über den Stein des Weisen gestolpert. Sie gibt damit kein Allheilmittel an die Hand. Doch mit den heilenden Symbolen zum Aufmalen für Gesundheit und Lebenskraft hat man eine – altbewährte - alternative (Selbst-)Behandlungsmöglichkeit sowohl für chronische wie auch akute Beschwerden. Wer es nicht glaubt, sollte es selbst probieren. Ich selbst konnte schon in mehreren Fällen, in denen ich Symbole verwendet habe, die eine oder andere Verbesserung teilweise miterleben, sehen, selbst erfühlen und ansonsten die Schönheit von Farben und Formen genießen. Sensibilisieren Sie ihren Geist und ihren Körper, für das was wirkt, denn „Heilung ist in Wirklichkeit eine Nebenwirkung des Bewusstwerdens.“ * .

 

Fazit

 

Empfehlenswert, da die Behandlungsalternative einfach und nachvollziehbar erklärt wird.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

* Dr. Frank Kinslow – „Quantenheilung“, VAK, 2009

 

 

 

Ward, J. R.: Vampirsohn

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J. R. Ward
Vampirsohn

Originaltitel: Story of son
aus dem Amerikanischen übersetzt von Corinna Vierkant
Wilhelm Heyne Verlag München
ISBN 978-3453527898
ISBN 3453527895
Fantasy, Chick-Lit
Deutsche Erstausgabe 2011
Umschlaggestaltung Nele Schütz Design, München
Taschenbuch mit Klappenbroschur, 144 Seiten

[D] 5,99 €

 

Zur Autorin

Zitat Verlagsseite

 

J. R. Ward ist in den USA eine der erfolgreichsten Bestseller-Autorinnen für die Mischung aus Mystery und Romance. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften war sie zunächst im Gesundheitswesen tätig, wo sie unter anderem die Personalabteilung einer der renommiertesten Klinken des Landes leitete. Ihre “Black Dagger”-Romane haben in kürzester Zeit die internationalen Bestsellerlisten erobert. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Hund lebt J. R. Ward im Süden der USA.

 

Zum Buch / Meine Meinung


Was sagt die Inhaltsangabe?

 

Seit Jahrzehnten wird der Vampir Michael im Keller eines uralten Hauses gefangen gehalten. Bis die toughe Anwältin Claire ihm gezwungenermaßen einige Tage Gesellschaft leistet und in ihm eine bis dahin unbekannte Leidenschaft entfacht.

 

Eine kleine Novelle als Verpackung für Black Dagger-Werbung? Obwohl ich bereits mehrfach geoutete Black Dagger-Anhängerin, und damit zwangsläufig Ward-Fan  bin, war genau das der erste Gedanke, der mir angesichts des Buches einfiel. Das Cover ist in gewohnter Manier gehalten. Ein paar flatternde Fledermaussilhouetten, vor einem bläulichen Hintergrund mit Vollmond, ein blasses Frauengesicht, etwas Blut. Schön und wenig aussagekräftig zugleich. Die Coverinnenseite vorne eine Werbefläche für die ersten Black Dagger-Romane, die hinten für Romane weiterer Heyne-Autorinnen. Alles vor blauem, leinwandähnlich wirkendem Untergrund mit Ranken und Fledermäusen. Leider sind auch die sechs letzten Buchseiten allein der Auflistung der Ward-Romane bei Heyne gewidmet. Nimmt man noch die Impressumsseiten, etc. weg, bleiben von den 144 Seiten gerade noch 130 für die 5,99 €, die die Novelle kostet.

 

Wer jetzt angesichts der Aufmachung denkt, dass Vampirsohn etwas mit den Black Daggern gemein hat, irrt. Eine eventuelle Verbindung besteht zwar beim Handlungsort (Caldwell, N. Y.) bzw. darin, dass Michael Blut zum Überleben benötigt. Oder beim Bindungsduft und sonstigen diversen Kleinigkeiten, die stark an bestimmte Merkmale der Krieger erinnern. Handlungstechnisch hat das aber keine Relevanz.  Ansonsten beinhaltet die Novelle das, was auf der Rückseite des Buches in drei Worten beschrieben wird: schnell, packend, sexy.

 

Das schnell ergibt sich schon aus der Tatsache, dass Vampirsohn „nur“ eine Novelle ist. Entsprechend kurz muss alles gefasst sein. Einen Großteil der 130 Seiten nehmen die drei Tage ein, die Claire in Gesellschaft von Michael verbringen muss. Wie sie wieder getrennt werden, und  ob bzw. wie es weitergeht (wir ahnen ja alle wie es ausgeht), verliert sich dagegen fast in der Eile, mit der Ward zum Abschluss kommt.

 

Nichtsdestotrotz hat mir ihre Beschreibung des Vampirs gefallen, der so ganz anders als ihre Krieger oder auch die von ihr in der Reihe gezeichneten Zivilvampire ist. Auch Claire kam glaubwürdig herüber, wenngleich sie sich natürlich nahezu blitzartig mit ihrer Situation abfinden musste. Natürlich kann kein Charakter bei 130 Seiten völlig ausgereift sein. Natürlich bleibt da vieles im Dunkeln. Aber wie gesagt, es handelt sich ja um eine Novelle und keinen Roman. Und die ist in gewohnter Ward-Art geschrieben. Flüssig zu lesen, bei aller Kürze spannend und sexy allemal.

 

Fazit

 

Lesequickie, der vermutlich niemals ausgebaut wird. Was schade ist – Michael wirkt sehr sympathisch und bekommt 5 von 5 Punkten.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

Quinn, Spencer: Bernie & Chet

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Spencer Quinn

Bernie & Chet

 

Originaltitel: Dog on It

Penhaligon Verlag

ISBN 978-3764530709

ISBN 3764530707

Krimi

Deutsche Ausgabe 2011

aus dem Englischen übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck

Umschlaggestaltung Hilden Design München

Taschenbuch, 352 Seiten

[D] 19,99 €

 

Verlagsseite

 

Zum Autor:

 

Spencer Quinn ist ein Pseudonym des am 28.06.1947 in Boston geborenen Autors Peter Brian Abrahams. Bevor er zum Schreiben kam, arbeitete er bei Radio und Fernsehen. Für seine unter dem Namen Abrahams veröffentlichten Kriminalromanen erfolgten Nominierungen für den Edgar Award. 2005 gewann er für den ersten Teil der Echo-Falls-Serie den Agatha Award für das beste Kinder-/Jugendbuch. Abrahams war unter anderem am Drehbuch für den 1996 entstanden Film „The Fan“ beteiligt.  Er mag die Musik von Louis Armstrong, den Film „China-Town“ und bezeichnet sich als glücklichen Menschen, dessen größte Herausforderung es war, vier glückliche Kinder zu erziehen. Mit diesen, seiner Frau und seiner Hündin, lebt der Autor auf Cape Cod. Auf die Idee zu dem Roman „Dog on It“ kam er durch seine Frau.

 

Zum Buch / Meine Meinung

 

Katzenkrimis sind mir schon einige untergekommen, Hundekrimis weniger. Mit Bernie & Chet liegt der Erste vor mir und ich kichere immer noch, wenn ich gedanklich die eine oder andere Passage rekapituliere. Worum geht’s?

 

Zitat Inhaltsangabe: Bernie Little und sein Partner Chet sind die besten Privatdetektive der Stadt. Und das liegt vor allem an Chet, der immerhin beinahe mal ein Polizeihund geworden wäre. Zugegebenermaßen hat Chet all die typischen Schwächen eines Hundes: So verfügt er über einen unbezähmbaren Spieltrieb und ein äußerst lückenhaftes Erinnerungsvermögen. Doch das macht der smarte Vierbeiner mehr als wett mit seinem Jagdinstinkt und seiner untrüglichen Spürnase. Vor allem jedoch hat Chet ein großes, mutiges Herz, das ganz und gar für sein liebenswertes Herrchen Bernie schlägt – und für die hübsche Menschenfrau Suzie Sanchez, die nach Chets Ansicht das perfekte Weibchen für Bernie wäre. Aber was versteht ein Hund schon vom merkwürdigen Treiben der Menschen?

 

Gleich vorab – das gibt es schon mal sehr gut wieder. Die über 100 Pfund schwere, muskelbepackte Promenadenmischung Chet, die uns die Geschichte erzählt - präsentiert sich nicht nur laut Inhaltsangabe als leicht vergesslicher, Fast-Polizeihund (dem bei der entscheidenden Prüfung dummerweise eine Katze in den Weg kam) mit einer Spürnase, die ihn sich schon mal selbst verfolgen lässt. Er ist darüber hinaus äußerst verfressen und verleibt sich alles ein, was irgendwie essbar aussieht, selbst wenn das schon lange vergessen unter irgendwelchen Möbeln liegt und er es hinterher wieder herauswürgen muss. Kann man ihm das übel nehmen? Nein, dazu kommt Chet viel zu sympathisch daher. Ach ja, und sein Spieltrieb ist auch nicht zu verachten. Doch meist genügt nur eine Kleinigkeit, um ihn sich auf seine Aufgabe besinnen zu lassen. Sein Partner Bernie, ein ehemaliger Polizist, betreibt eine mehr schlecht als recht gehende Detektei und ist dankbar für Chets Hilfe. Er kämpft noch mit den Folgen seiner Scheidung oder vielmehr mit den Folgen, die das für seine Beziehung zu seinem Sohn mit sich bringt. Er hat seine Prinzipien, die er eisern verfolgt, selbst wenn sich daraus Nachteile für ihn ergeben.

 

Chet kennt seinen Platz und ist dankbar dafür, dass er nicht so wie der Nachbarhund leben muss. Bernie ist eindeutig der Rudelführer, aber der Rüde macht sich durchaus seine Gedanken über sein Herrchen. Über das Wasser, das bisweilen aus seinen Augen fließt und das seltsamerweise salziger schmeckt, als das Wasser, das er sonst so kennt. Über sein seltsames Verhalten, als die Journalistin Sanchez auftaucht. Ganz offensichtlich will Bernie die beeindrucken, selbst wenn er nicht gerade in Bestform ist. Zwar versteht Chet Bernie meistens sofort – umgekehrt gibt es da allerdings das eine oder andere Problem. Manchmal erscheint Bernie dem Hund ziemlich begriffsstutzig – jedenfalls so lange, bis er wieder einmal vergisst, was er gerade dachte, wollte oder sollte.

 

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Das ist aber mit Erteilung eines neuen Auftrags auch notwendig. Statt der üblichen Beschattung untreuer Ehepartner werden sie um Hilfe bei einer Entführung gebeten, bei der mehr und mehr seltsame Dinge ans Licht kommen. Sie werden sogar von dem Fall abgezogen, machen jedoch – da kommen Bernies Prinzipien ins Spiel, denen auch Chet treu, wie ein Hund es eben tut, folgt – machen unverdrossen weiter. In diesem Zusammenhang erlebt Chet selbst eine Entführung, ihm droht gar das endgültige Aus in einem Tierheim. Und auch Bernie gerät bei seinen Ermittlungen in größere Gefahr, als den beiden lieb sein kann.

 

Die Geschichte bietet einige Wendungen und auch kleinere Perspektivwechsel, was die Hintergründe der Entführung relativ bald ans Licht bringt. Madison – das gesuchte Mädchen – weiß beispielsweise auch, wo sie ist und mit ihr erfahren es natürlich die Leser ebenfalls. Stört es? Nein, was mit Sicherheit an den sympathischen Figuren liegt. Die einfach gehaltene Sprache fällt ebenso wenig ins Gewicht, da die Geschichte über gute Strukturen verfügt. Der Plot ist durchgängig erfrischend umgesetzt. Chet wird nicht vermenschlicht, aber sehr überzeugend beschrieben. Ich habe mehrmals meine eigene Hündin angesehen und mich gefragt, ob der Autor vielleicht mal bei uns zu Gast war und ihr Verhalten beobachtet hat. Bernie und die übrigen Zweibeiner sind ebenfalls lebendig beschrieben und könnten gleich nebenan wohnen. Ob Wichtigtuer, Loser, Hysteriker, alter Mann oder Biker – um nur ein paar zu nennen. Sie kommen einem durchweg etwas bekannt vor.

 

Fazit:

 

Es ist kein Krimi, in dem Action und Spannung sich in rasanter Weise mit schockigen Aha-Effekten abwechseln. Der Krimianteil ist eher … sagen wir mal … gering gehalten, obwohl es am Ende durchaus noch abgeht. Wer mit seinen Lesevorlieben speziell darauf abzielt, sollte vielleicht die Finger von dem Buch lassen. Lesern, die Geschichten über Freundschaften mit einem Schuss Krimi in lockerem, entspannendem und humorigem Erzählstil mögen, kann ich Chet und sein Herrchen jedoch absolut empfehlen. Da ich Ersteres bei einem Hundekrimi nicht wirklich erwartet habe, hat mir das Buch sehr gut gefallen, es war flüssig zu lesen, sorgte für mehrere Lacher und ist für Kinder wie Erwachsene als Unterhaltungs- und Entspannungsbuch geeignet. Deshalb von mir die volle Punktzahl und die Hoffnung auf einen bereits angedeuteten Folgeband. Chet ist einfach unwiderstehlich.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

Harvey, Samantha: Tage der Verwilderung

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Samantha Harvey

Tage der Verwilderung

 

Originaltitel: The Wilderness

DVA

ISBN 978-3421043825

ISBN 3421043825

Roman

Deutsche Ausgabe 2010

aus dem Englischen übersetzt von Barbara Heller

Umschlaggestaltung Rothfos & Gabler, Hamburg

Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten

[D] 21,95 €

 

Verlagsseite

Autorenseite

 

Zur Autorin:

 

Die studierte Philosophin und Mitbegründerin einer 2005 aus der Taufe gehobenen, karitativen Umweltorganisation wurde 1975 in Kent geboren. Samantha Harvey reist sehr gerne und lebte in Irland, Japan und Neuseeland, bevor sie sich in Bath niederließ. Mit der Originalausgabe von „Tage der Verwilderung“ (The Wilderness) stellt Samantha Harvey ihren Debütroman vor. Von Harper’s Bazar wurde sie zur „Women to Watch in 2009“ gekürt.

 

Zum Buch / Meine Meinung:

 

Zitat Buchrücken: Ein Haus, ganz aus Glas, inmitten der Moorlandschaft von Lincolnshire, das war Jakes lebenslanger Traum. Doch es kam anders: Einzig für das örtliche Gefängnisgebäude ist der Architekt bekannt – und dort sitzt nun sein Sohn ein.

Das bewegende Porträt eines Mannes, der darum kämpft seine Erinnerungen zu bewahren, gekleidet in wunderschöne, eindringliche Bilder voller Poesie.

 

2005 habe ich einen Film gesehen, der sich – wie es nur wenige Filme schaffen – sofort in mein Unterbewusstsein einklinkte und mich bis heute nicht vergessen ließ. James Garner, Gena Rowlands und Nick Casavattes Umsetzung von „Wie ein einziger Tag“, schafften etwas aus einem Sparks-Roman zu schaffen, was mich berührte. Es ging um das Thema Demenz und dem hoffnungslos anmutenden, aber anhaltenden Versuch eines Mannes, seine Frau in ihrer Welt zu erreichen.

 

Durch Zufall stolperte ich kürzlich über die Inhaltsangabe von Samantha Harveys „Tage der Verwilderung“ und abgesehen davon, dass sofort die Erinnerung an diesen leisen, aber sehr eindrücklichen Film da war, wollte ich unbedingt dieses Buch lesen. In dem geht es ebenfalls um die Thematik Alzheimer und Demenz. In Harveys Fall jedoch aus der Sicht des daran erkrankten Patienten selbst.

 

Samantha Harvey Tage der Verwilderung – ihr Debütroman, in dem sie sich sofort an ein überaus schwieriges Thema heranwagte – heimste bereits kurz nach der Veröffentlichung Auszeichnungen ein. So etwa den Betty Trask Award 2009 oder den AMI-Literatur-Award 2009. Darüber hinaus wurde er unter anderem für den bedeutendsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt, den Booker-Preis“ nominiert. Er ist zwischenzeitlich in 12 Sprachen übersetzt worden und setzt seinen Siegeszug fort. Bei uns ist er traurigerweise trotz allem noch eher unbekannt. Warum? Nun, Harveys Schreibstil hat aus etwas, das schwer in Worte zu fassen ist, einen sehr bildhaften Tribut geschaffen. Mit klaren und ergreifenden Worten lässt sich die Autorin über die Verletzlichkeit dessen aus, was uns Menschen ausmacht – unseres Geistes. Mit ihrem Buch hat man eines von denen in Händen, die sich schwer beiseitelegen lassen, wenn man sich erst herangewagt hat. Und eins von denen, die man nicht so schnell vergisst.

 

Tief berührend, schön und gleichzeitig erschreckend, schafft es die Autorin, zu fesseln. Vielleicht weil sie Tage der Verwilderung nach eigenen Angaben mit ihrem Herzen geschrieben hat. Klingt sentimental? Möglich, doch wer sich in ihren Roman vertieft, wird schnell merken, dass diese Worte nicht einfach nur so dahergesagt sind. Absolut unsentimental, dafür aber eindringlich und überaus emphatisch führt Harvey an ihre Figur Jake heran. Wer ist er, wer war er?

 

Jemand der verzweifelt versucht, zu begreifen und zu verarbeiten, was mit ihm geschieht. Jemand, dessen Gegenwart bröckelt. Jemand dessen Leben im Nichts verschwindet. Jemand, der versucht, aus alten Erinnerungsfetzen, sein Leben zu rekonstruieren. Erinnerungsfetzen, die viel länger halten, als das, was beispielsweise gestern der Erinnerung hinzugefügt wurde. Und doch etwas, das auf Dauer keinen Bestand mehr hat. Ein Mann mit schwieriger Kindheit. Mit einer Mutter, die vom Holocaust traumatisiert wurde. Mit einer Frau, die in ihrem Glauben ruht und deren Tod unsinnig scheint. Mit einem Sohn, der im Gefängnis landet – warum, daran kann Jake sich nicht mehr erinnern.

 

In poetischer Bildhaftigkeit lässt die Autorin die Leser an seiner Welt teilhaben. Lässt seinen Schmerz, seine Verwirrung mitfühlen. Etwa in den Geschichten über Liebesbriefe an seine verstorbene Frau, die er nicht zuordnen kann. Über das fehlende E, die nicht greifbare Tochter oder den Kirschbaum, die Flucht. Sie fragen sich, was darin geschieht? Dann geht es Ihnen genauso wie Jake. Sein Leben wirkt ihm fremd, sein Er-Leben qualvoll. Ausgerechnet der Mann, dessen Name nicht mit der Realisierung großer Träume, sondern nur mit einem Gefängnisgebäude in Verbindung gebracht wird, ausgerechnet dieser Mann wird zu einem Gefangenen der Krankheit. Ausgerechnet der Mann, der zur Erschaffung von Neuem Altes demontieren ließ, erlebt die unaufhaltsame Demontage seines Selbst. Zunächst bewusst, dann zunehmend unbewusster. Immer dann, wenn sich Gegenwart und Vergangenheit überlappen. Realität oder Wahnvorstellung? Die Grenzen sind fließend. Seine Einsamkeit, die Trostlosigkeit seiner Zukunft - all das wird durch die plakative Darstellung von Jakes Situation wie auch seiner Umgebung verdeutlicht. Wie kann man sich mit jemandem unterhalten, Fragen stellen, wenn die Worte dazu fehlen? Wie kann man neue Eindrücke verarbeiten, wenn man hoffnungslos von ihnen überrollt wird. Hilflos, wie ein kleines Kind – das wird Jake; das ist Jake.

 

Fazit:

 

Kein Buch für zwischendurch, keine leichte Kost. Kein beruhigendes, aber auch kein Angst machendes Buch. Ein wundervoller, menschlicher Roman. Gleichermaßen schockierend wie faszinierend. Souverän meistert die Autorin die schwierige, oft ignorierte Thematik. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Figur aufbaut und begleitet, den Zerfall beschreibt, ohne die Würde zu vernachlässigen, zog mich durch die Geschichte. Man kann dafür nur die volle Punktzahl geben und hoffen, dass noch weitere Romane von dieser Autorin folgen.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

Peters, Julie: Das Lied der Sonnenfänger

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Julie Peters
Das Lied der Sonnenfänger

 

Wunderlich/Rowohlt Verlag
ISBN 978-3805208963
ISBN 3805208960
Historischer Roman
1. Auflage 2010
Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur
Taschenbuch mit Breitklappenbroschur 528 Seiten
[D] 14,95 €

Verlagsseite


Zur Autorin


Hinter dem Pseudonym Julie Peters verbirgt sich die 1979 in Westfalen geborene Juliane Korelski. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, war sie als Buchhändlerin tätig und studierte Geschichte. Mit „Das Lied der Sonnenfänger“ präsentiert die neben ihrer schriftstellerischen Arbeit tätige Übersetzerin ihren ersten Roman.


Zum Buch / Meine Meinung


Zitat Inhaltsangabe:


Eine große Familiensaga im faszinierenden Neuseeland, 1894:


Die Familie O’Brien flieht vor Hunger und Not aus Irland ans andere Ende der Welt. Emily, die Tochter, überhört den Ruf ihres Herzens und geht eine Ehe ein, die sie fast ins Verderben stürzt. Kann sie der Dunkelheit entkommen, die sich auf ihr Gemüt senkt? Ihre Schwägerin Siobhan fürchtet sich vor allem – vor der Wildnis, vor ihrem Ehemann, vor den Eingeborenen. Dann begegnet sie dem Maori Amiri, der tiefe Gefühle in ihr weckt. Doch ihre Leidenschaft beschwört eine Katastrophe herauf …


Auswanderergeschichten sind ja grundsätzlich nichts Neues, dennoch lese ich sie immer wieder gerne und mit den über 500 Seiten halte ich mit Peters Debütroman etwas in Händen, das mich sofort neugierig macht. Die Umschlaggestaltung (eine Küstenlandschaft in beruhigendem blaugrün, relativ dunkel gehalten, auf der Vorderseite der Bug eines Segelschiffes, das darauf hindeutet, bald anzulanden), die ausführliche Inhaltsangabe im Klappentext, dazu ergänzend auf Seite 6 eine Karte, die die Gegend, in der der Roman spielt, zeigt, all das lässt die Vorfreude auf das Buch wachsen und ich stellte mich auf eine lange Lesenacht ein.


Gleich vorab: Sie wurde sehr lang – ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und wurde dank Julie Peters in eine Zeit entführt, in der Freude und Leid, Abenteuer und die Sehnsucht nach Beständigkeit eng beieinanderliegen. Ihre anfangs eher schemenhaft gezeichneten Figuren gewinnen rasch und zunehmend an Kontur, an Tiefe und Farbe und verführen dazu, weiterzulesen, um am Traum eines Mannes teilzuhaben, für den ihm seine ganze Familie in ein neues Leben folgt. Dabei ist völlig nebensächlich, dass er gar nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um seinen Traum zu realisieren. Vielmehr greift er dafür auf das Geld seiner Schwiegertochter zurück, die sich anfangs klaglos und ohne nachzudenken in ihr Schicksal fügt. In dieser einen Lesenacht durfte ich die Familie O’Brian über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleiten, mitfiebern, mitleiden.


Schon bald kristallisieren sich zwei Figuren im Vordergrund heraus. Da ist zum einen Siobhan – auf den ersten Blick glücklich verheiratet, jagt ihr dieser Aufbruch ins Ungewisse dennoch Angst ein. Das liegt nicht nur daran, dass ihr Mann, tagsüber zärtlich und zuvorkommend, sich in den Nächten bisweilen in etwas verwandelt, dass er selbst hasst. Es liegt auch daran, dass ihr weder das Land noch die Ureinwohner ganz geheuer sind. Doch genau einer dieser Ureinwohner ist es, der ihr Leben schon bald lebenswert macht. Und dann ist da Emily – ein träumender Wildfang. Büchervernarrt verfasst sie Gedichte und Geschichten und hegt den ihrer alten Heimat gänzlich unerfüllbaren Wunsch, eine Universität zu besuchen. Für sie kommt dieser Aufbruch gerade recht. Eine Ehemann passt eigentlich nicht so gut in ihr Weltbild, doch um dem Rollenverständnis ihrer Mutter gerecht zu werden, die ihr Siobhan immer wieder als leuchtendes Beispiel vor Augen führt, stürzt sie sich letztlich doch in eine Ehe. Die verändert schon bald auf sehr nachhaltige Weise ihr Leben.


Beide Frauen müssen ihr neues Leben meistern und drohen daran zu zerbrechen. Erschwerend kommen die weltweite Wirtschaftskrise und der 1. Weltkrieg dazu, der Emilys Bruder beinahe das Leben kostet. Zusammen mit der eigensinnigen, patriarchischen Art des Familienoberhauptes sorgt all dies dafür, dass das anfangs blühende Unternehmen der Auswanderer in ernsthafte Schwierigkeiten gerät und der ursprüngliche Traum zu platzen droht. Lediglich der Kraft der Frauen ist es zu verdanken, dass die Familie nicht völlig zerbricht.


Peters versteht es nicht nur das Leben der beiden Frauen ins Schlaglicht zu rücken, sie greift auch ihre Mitstreiter und Nebenfiguren erfreulich lebensecht und klar auf. Dass es in so einer Geschichte nicht nur gute Menschen geben kann, ist völlig klar. Dass sie für Turbulenzen und Verwirrungen sorgen, auch. Beide Seiten haben ihre Träume und Wünsche, Hoffnungen und Ängste, erleben Traumata, verspüren neben Glück auch Wut und Trauer. Die Dialoge, die sie führen, ihr Handeln – all das verleitet einen fast dazu, sie aufhalten zu wollen, wenn sie fast sehenden Auges in ihr Verderben laufen. Da man das nicht kann, hofft man darauf, dass sie mit einem blauen Auge davonkommen.


Während aus der lebenslustigen, neugierigen Emily zunehmend ein lebensuntüchtiges Wrack zu werden droht, gewinnt Siobhan konsequent an Stärke und Mut, den sie im letzten Abschnitt des Romans auch zwingend braucht. Dank Peters Schreibstil geschieht dies keinen Moment langatmig oder unglaubwürdig, verkitscht oder auf Happy End getrimmt.


Fazit


Ein wundervoller Roman, für den es einfach nur fünf von fünf Punkten geben kann. Ein Roman, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt und den ich garantiert ein weiteres Mal lese. Einfach, weil die darin vorkommenden Figuren, die enthaltene Dramatik und Leidenschaft, die Wünsche, Träume und Hoffnungen und das Unglück so authentisch und fein abgewogen sind, dass alles stimmig ist. Ich bin auf weitere Werke der Autorin gespannt.


Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

 

Gray, Keith: Ostrich Boys

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Keith Gray
Ostrich Boys

Originaltitel “Ostrich Boys”
aus dem Englischen übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3499215322
ISBN 3499215322
Jugendbuch ab 13 Jahre
Dt. Ausgabe 2010
Umschlaggestaltung any.way, Hamburg
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
[D] 12,95 €

Zum Autor

 

Der in Schottland geborene und Edinburgh lebende Keith Gray hat bereits mehrere preisgekrönte Jugendbücher geschrieben. Auch „Ostrich Boys“ wurde für die Carnegie Medal und den Costa Book Award nominiert. Seine Liebe zu Büchern an sich und später auch zum Schreiben entdeckte er durch Robert Westalls „Der Feind“.

 

Zum Buch/Meine Meinung

 

Zitat Buchrücken:

„Das ist aber kein richtiges Kidnapping, oder? Dazu müsste er doch lebendig sein!“

Drei Freunde, eine gestohlene Urne, eine wilde Reise nach Schottland – Kenny, Sim und Blake haben nur ein Ziel: Sie wollen ihrem verstorbenen Freund Ross ein Begräbnis ermöglichen, wie es ihm gefallen hätte. Ross, der ihr Leben so geprägt hat. Sie ahnen nicht, wie stark sein Einfluss immer noch ist.

Ein Roman über Freundschaft, Verrat und den Tod.

Mit seinem Buch geht der Autor ein Thema an, dass leider und viel zu oft vorkommt. Jugendliche Selbstmörder.

Vor einigen Jahren war ich auf einer Beerdigung mit anschließender Trauerfeier. Die Worte eines sehr guten Freundes „Beerdigungen und Trauerfeiern sind für die, die übrig bleiben – mit den Toten selbst haben sie meist kaum etwas zu tun.“, kamen mir damals sehr verbittert und zynisch vor und ich habe sie bis heute nicht vergessen. Bei der Lektüre von Keith Grays Roman „Ostrich Boys”, kamen sie mir automatisch wieder in den Sinn. Womöglich ging es meinem Freund damals ja genauso wie Sim, Kenny und Blake, die in Grays Roman mit dem Unfalltod ihres besten Freundes klarkommen müssen.

Der Titel hat mir von Anfang bis Ende nicht wirklich etwas gesagt, erst als ich mich danach schlaugemacht habe, wurde mir klar, dass er nicht passender hätte gewählt sein können. Übersetzt bedeutet „ostrich“ schlicht und ergreifend Vogel Strauß und die sollen ja bekanntlich gerne mal den Kopf in den Sand stecken.

Das machen genau genommen die drei Hauptfiguren, als sie sich anfangs ganz ihrem Schmerz über den Verlust ihres besten Freundes hingeben. Ihre Wut auf die, die ihrer Meinung nach Ross‘ letzte Tage verdorben haben, ist so groß, dass sie in einer ersten Reaktion alle dafür bestrafen wollen. Ideen dazu gibt es viele. Als es allerdings daran geht, den Entschluss in die Tat umzusetzen, geraten sie erstmals in Streit, was vielleicht daran liegt, dass sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sim, der leicht explodiert, stammt aus einer kaputten Familie und seine Chancen auf eine gute Zukunft sind eher klein. Kenny, dessen Eltern geschieden sind und das schlechte Gewissen ihm gegenüber mit Geld beruhigen, ist eher der ängstliche Typ. Blake, der Erzähler der Geschichte, ist behäbig, gleicht gerne aus. Von ihm kommt der Vorschlag, Ross‘ Urne zu stehlen, um ihm das zum Abschied zu geben, was er seiner Meinung nach von dessen Familie nicht bekommen hat: Eine anständige Trauerfreier an einem Ort, an den Ross unbedingt wollte, aber wegen seines Unfalltods nie mehr von alleine hinkommt. Und seine beiden Freunde springen auf seinen Vorschlag an, nicht ahnend, was Blake wirklich dazu motiviert.

Über die Gefühle der anderen – etwa der Familie ihres Freundes – macht sich keiner von ihnen wirkliche Gedanken. Ihrer Meinung nach haben alle mit ihrem Verhalten und allein schon der Trauerfeier an sich die Würde ihres Freundes verletzt. Als dann noch das Gerücht aufkommt, dass Ross sich womöglich freiwillig vor das Unfallauto manövriert hat, sind sie vollends entsetzt. Offenbar hat niemand außer ihnen Ross jemals wirklich verstanden. Was liegt also näher, als ihrem Freund ein allerletztes Geleit zu geben, in Würde und unter Beachtung seiner Träume. Ihrer Meinung nach nichts und so macht sich das Trio tatsächlich mit der gestohlenen Urne auf. Darüber hinaus attestieren sie sich selbst, dass sie vermutlich die Einzigen sind, die den wirklichen Ross niemals vergessen werden.

Niemals? Obwohl Ross in Form seiner Asche durch den gesamten Roman hindurch quasi allgegenwärtig ist, verblasst sein eigentliches Leben dank der Spekulationen und Sichtweisen der drei Freunde auf bestimmte Dinge zu etwas Diffusem. Ganz andere Sachen drängen mit Macht in den Vordergrund. Ross letzte Reise steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Abgesehen davon, dass seine Familie den Diebstahl sofort mitbekommt, vergisst ausgerechnet Kenny, der als Einziger über genügend Geld verfügt, seinen Rucksack beim Umsteigen in einen Anschlusszug. Aus dem werden sie bald darauf geworfen, da in Kennys Rucksack auch seine Fahrkarte war. Nahezu ohne Geld und noch viele Kilometer von ihrem Zielort entfernt, müssen sie sich das eine oder andere einfallen lassen, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Dadurch wird die Idee, Ross‘ Asche schnellstmöglich nach Schottland zu bringen und zu verstreuen, und dann wieder zurück zu sein, bevor irgendjemand etwas davon merkt, zu einem Trip, der sie dazu zwingt, die Augen zu öffnen, ob sie wollen oder nicht. Pubertär unbeholfen und restlos überfordert und genau dadurch liebenswert Verständnis erweckend halten sie dennoch an ihrem Entschluss fest.

Ihre Wut auf Lehrer und Mitschüler, auf den Unfallfahrer, auf seine Eltern, auf so ziemlich alle um sie herum, ist anfangs noch groß. Dazu wird den Jungs bewusst, was Ross alles nicht mehr erleben wird. Wie zerbrechlich Leben sein kann. Doch die Zeit, die sie zusätzlich brauchen, die Umwege die sie gehen müssen, um doch unbeirrt ihr Ziel anzusteuern - all das sorgt dafür, dass Unbewusstes sich mit Macht an die Oberfläche drängt. Unterdrückte Schuldgefühle und Schuldzuweisungen kochen hoch und lassen gleichzeitig zumindest aus Sicht des Erzählers Blake so etwas wie Verständnis für Ross‘ Familie wachsen. Es fällt den drei Jungs schwer, sich einzugestehen, dass das Gerücht um einen Selbstmord vielleicht gar nicht so weit hergeholt ist. Auch deshalb, weil dieser Umstand mit der Tatsache einhergeht, dass sie selbst nicht so gute und verständnisvolle Freunde waren, wie sie bis zu diesem Zeitpunkt dachten. Es tut weh, sich einzugestehen, dass jeder als Freund versagt hat und sich nie dafür entschuldigen konnte. Es sogar, sofern sich eine entsprechende Gelegenheit ergeben hätte, vielleicht trotz oder unter Umständen gerade wegen ihrer Freundschaft auch niemals gemacht hätte. Es tut so weh, dass sie bis zum Schluss die Schuld lieber auf andere schieben, als sich diese Wahrheit einzugestehen. Dadurch gerät auch ihre Beziehung zueinander auf den Prüfstand, denn genau genommen war Ross der Gründer und Motor des jäh auseinandergerissenen Quartetts. Durch die Polizei, die nach ihnen sucht, weil ihre eigenen Familien davon ausgehen, dass sie wie Ross ihren Selbstmord planen, wächst der Druck auf die Jungs zusätzlich. Ihnen kommen zunehmend Zweifel, ob der letzte Freundschaftsdienst für Ross alle Mühen und Schwierigkeiten wert ist. Sie stellen sich gar die Frage, für wen sie eigentlich alles auf sich nehmen. Schon bald klaffen tiefe Gräben zwischen ihnen.

Dem Autor ist es gelungen, eine Freundschaft zu beschreiben, die existiert, obwohl sie auf recht tönernen Füßen steht. Auf Äußerlichkeiten, die Hoffnungen und Träume, Wut und auch den vermeintlichen Freundschaftsdienst zulassen, aber nicht (beziehungsweise fast schon zu spät) Emotionen wie Angst und Schuld. Eine Freundschaft, die verraten werden und doch bestehen bleiben kann – zumindest, wenn man das Ziel nicht aus den Augen verliert.

Humorvoll und gleichzeitig tiefgründig, pubertär oberflächlich und zugleich einfühlsam gewinnen seine anfangs vielleicht noch etwas blassen Figuren zunehmend an Farbe. Es ist kein sehr fröhliches Buch mit Happy End. Das kann es aufgrund der Thematik schon gar nicht sein. Doch durch die kontinuierlich steigenden Spannungen zwischen den Figuren wird Grays Roman zu einem der Bücher, die den Leser – ob nun jugendlich oder so alt wie ich, männlich oder weiblich - unaufdringlich und doch nachdrücklich über das Leben und den Tod, über Freundschaft, Verständnis und vor allem Ehrlichkeit zu sich selbst nachdenken lassen. Eines der Bücher, das Leser in das Geschehen zieht und mitfühlen lässt, weil die Thematik etwas betrifft, was jedem von uns geschehen kann. Grays Sichtweise auf die schwierige, größtenteils tabuisierte Suizidthematik und sein lebendiger Stil birgt die Motivation für ein genaueres Überdenken von Verhaltensmustern in sich, verleitet vielleicht auch zu genauerem Hinschauen und Handeln. Das Ende der Geschichte ist gleichermaßen hoffnungsvoll wie verstörend, wie vermutlich alles was mit dem Erwachsenwerden zusammenhängt.

Fazit

Obwohl das Buch für Leser ab 13 Jahren geeignet ist, habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt und schnell in die Geschichte einfinden können. Grays Sprache ist lebendig, nichts in diesem Buch wirkt aufgesetzt. Dadurch wird das Geschehen zu etwas, dass jedem von uns passieren könnte – auch wenn man dafür nicht unbedingt erst eine Urne stehlen muss. Etwas skurril, doch mit einer tieferen Botschaft. Insofern aus meiner Sicht ein empfehlenswertes Buch, für das ich gerne fünf von fünf Sternen vergebe.

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

Fischer, CKLKH: Große Kannibalenschau

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Die große Kannibalenschau
von CKLKH Fischer

periplaneta
ISBN 978-3940767608
historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung Marion Alexa Müller
Taschenbuch, 240 Seiten
€ 13,00 [D]

 

www.periplaneta.com
www.cklkh.de

 

Zum Autor

 

Hinter dem auf dem Buchcover seltsam wirkenden Namen CKLKH Fischer verbirgt sich der Autor, Musik- und Kulturjournalist Christian Fischer. Neben seiner Tätigkeit für verschiedene Magazine wie etwa Melodie & Rhythmus oder auch Motor.de, war er Mitherausgeber der 2001 eingestellten Literaturzeitschrift Der kleine Dilettant. Doch damit nicht genug. Der Poet-2000-Stipendiat arbeitete in der Assistenz des Geschäftsführers des Maas-Verlages, lektorierte bei Heyne und Goldmann erschienene Bücher von Mark Pätzold und schrieb neben zwei Drehbüchern für Whiteport Film auch den hier vorgestellten Roman Große Kannibalenschau.

 

Zum Buch

 

Es ist abgesehen von Fischers Debütroman auch der 60. Roman aus dem Hause periplaneta. Gemäß der Inhaltsangabe entführt der Autor seine Leserschaft darin nach

 

Hamburg im September 1899.

 

In Europa ziehen Völkerschauen Millionen von Besuchern an. Sie bestaunen Eskimos, Beduinen oder Negerstämme, die im Zoo, Varieté und Zirkus zur Schau gestellt werden. Die Nachfrage nach den Wilden ist riesig. Und so sucht Agent Heinrich Hermann für die Spektakel im Tierpark Hagenbeck in den Kolonien nach den exotischsten Exemplaren.

 

Eben zurückgekehrt von einer strapaziösen Reise nach Deutsch-Neuguinea, wo er einen Stamm Kopfjäger unter Vertrag genommen hat, genießt er die Zeit mit seiner Familie, die ihn viel zu selten sieht. Doch ihm ist nur wenig Ruhe vergönnt, denn eines Morgens, als er gerade beim Kaffee sitzt, meldet das Dienstmädchen aufgeregt:

„Herr Hermann? Da ist jemand vom Tierpark. Er sagt, Sie sollen schnell mitkommen. Er sagt, es eilt. Er sagt auch, Ihre Wilden würden - streiken.  Und sie hätten sich einen Anwalt genommen.“


CKLKH Fischers historischer Roman über die Zeit der Menschenzoos ist manchmal grotesk, oft auch etwas schräg und sehr kurzweilig. Tolle Unterhaltung für Wilde, Herrenmenschen und für deren Nachfahren.

 

Treffender könnte sein Roman nicht beschrieben werden. Der Autor hat das Buch in drei Handlungsstränge geteilt. Der Erste umfasst eine Reise Hermanns nach Neuguinea zur Beschaffung neuer Objekte für Hagenbeck. Der Zweite sein Leben, seine Familie und die Ausstellungszeit in Hamburg. Der dritte in die beiden anderen geschickt verwobene Strang Hermanns Kampf mit sich selbst.

 

Meine Meinung

 

In seinem Debütroman führt der Autor den Leser in eine bizarre und skurrile Welt, die faszinierend kurzweilig unterhält und gleichsam ein Gedankenkarussell in Gang setzt, das nicht so einfach zu stoppen ist. Der Roman selbst mag zwar fiktiv sein, die der Geschichte zugrunde liegende Idee besitzt jedoch durchaus einen historischen Kontext, an den sich Fischer größtenteils hält.

 

Es scheint einerseits schwer vorstellbar, was man zu lesen bekommt. Wer würde heute noch in einen Zoo gehen, um jemandem dabei zuzusehen, wie er kocht? Andererseits hat sich, auch wenn heute die sogenannten Wilden größtenteils zivilisiert sind und damit uninteressant geworden zu sein scheinen, doch ein ähnliches Phänomen bis in die heutige Zeit gerettet. Immerhin gibt es Menschen, die sich an irgendwelchen Orten zusammenpferchen lassen, um ihre Kunststückchen und verbalen Ergüsse für ihre Anhängerschaft vor laufender Kamera vorzuführen. Und noch immer finden sich weltweit seltsamerweise Zuschauer aus allen Bevölkerungsschichten, die mehr oder weniger gebannt zusehen.

 

Damals jedoch waren es Menschen, die – im Gegensatz zu den Figuren in Fischer Roman oder den Teilnehmern irgendwelcher Fernsehsendungen – vermutlich nicht freiwillig gekommen sind, um Hagenbeck-Besucher (oder die anderer Zoos, Zirkusse, Varietés) zu ergötzen. Menschen, die oftmals und allenfalls als Tiere bezeichnet und stellenweise weitaus schlimmer behandelt wurden. Aus ihrem natürlichen Umfeld und ihren Familien gerissen und zur Schau gestellt. Und, falls sie das Pech hatten hier einer der zahlreich auf sie einstürmenden Krankheiten zu erliegen, weit ab der Heimat und ihren Vorfahren nicht würdig beigesetzt, sondern eventuell seziert und für die Ewigkeit konserviert zu werden. Und das alles vielleicht, nachdem sie zuvor in ihrer Heimat bereits feststellen mussten, dass die seltsamen Fremden, die übers Meer zu ihnen gekommen waren, nicht so nett waren, wie sie anfangs schienen. Sie in bestimmten Situationen zwar als so menschlich betrachteten, dass sie für Mischlingsnachwuchs mit ihnen sorgten, ansonsten jedoch als amüsante Alternative zu sonstigen Haustieren oder als billige, beliebig austauschbare, arbeitende Kreaturen sahen.

 

Klingt bitter und nach keinem Kapitel unserer Geschichte, auf das wir stolz sein können, kommt aber dank Fischers Idee, die Wilden den Spieß umdrehen zu lassen, sie als geschäftstüchtige, durchaus gewiefte Figuren und nicht als absolut hilf- und willenlose Kreaturen darzustellen, anders herüber.

 

Exotische Länder und Lebewesen. Eine bei allem Mangel an Zivilisation lockende Freiheit. Eine gewisse Machtposition in der Fremde und die Chance auf Bewunderung, wenn er erfolgreich heimkehrt. All das steht seinem engen bürgerlichen, scheuklappenbehaftetem Dasein gegenüber. Mit all dem muss Fischers Protagonist fertig werden und zeigt die Tendenz, daran zu zerbrechen. Seine Erlebnisse, seine Ängste, seine Hoffnungen. Von all dem schreibt Fischer überaus lebendig und tiefgründig und schafft es gleichzeitig das Ganze dezent und unkompliziert zu gestalten. Sein humoriger Schreibstil und seine greifbaren Beschreibungen sowohl der einzelnen Handlungsschauplätze als auch der versnobten, ach so zivilisieren Bürgerschaft in Europa, respektive Hamburg, mit überaus bigotten Ansichten, machen seinen Debütroman zu einem Buch für mich, das ich mit Sicherheit nochmals lesen und gerne weiterempfehlen kann.

 

Fazit

 

Skurrile und kurzweilige Unterhaltung vor einer realen historischen Kulisse. Macht eindeutig Lust auf mehr und verdient 5 von 5 Punkten.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)