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14.2.2011 von Ati.
Keith Gray
Ostrich Boys
Originaltitel “Ostrich Boys”
aus dem Englischen übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3499215322
ISBN 3499215322
Jugendbuch ab 13 Jahre
Dt. Ausgabe 2010
Umschlaggestaltung any.way, Hamburg
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
[D] 12,95 €
Zum Autor
Der in Schottland geborene und Edinburgh lebende Keith Gray hat bereits mehrere preisgekrönte Jugendbücher geschrieben. Auch „Ostrich Boys“ wurde für die Carnegie Medal und den Costa Book Award nominiert. Seine Liebe zu Büchern an sich und später auch zum Schreiben entdeckte er durch Robert Westalls „Der Feind“.
Zum Buch/Meine Meinung
Zitat Buchrücken:
„Das ist aber kein richtiges Kidnapping, oder? Dazu müsste er doch lebendig sein!“
Drei Freunde, eine gestohlene Urne, eine wilde Reise nach Schottland – Kenny, Sim und Blake haben nur ein Ziel: Sie wollen ihrem verstorbenen Freund Ross ein Begräbnis ermöglichen, wie es ihm gefallen hätte. Ross, der ihr Leben so geprägt hat. Sie ahnen nicht, wie stark sein Einfluss immer noch ist.
Ein Roman über Freundschaft, Verrat und den Tod.
Mit seinem Buch geht der Autor ein Thema an, dass leider und viel zu oft vorkommt. Jugendliche Selbstmörder.
Vor einigen Jahren war ich auf einer Beerdigung mit anschließender Trauerfeier. Die Worte eines sehr guten Freundes „Beerdigungen und Trauerfeiern sind für die, die übrig bleiben – mit den Toten selbst haben sie meist kaum etwas zu tun.“, kamen mir damals sehr verbittert und zynisch vor und ich habe sie bis heute nicht vergessen. Bei der Lektüre von Keith Grays Roman „Ostrich Boys”, kamen sie mir automatisch wieder in den Sinn. Womöglich ging es meinem Freund damals ja genauso wie Sim, Kenny und Blake, die in Grays Roman mit dem Unfalltod ihres besten Freundes klarkommen müssen.
Der Titel hat mir von Anfang bis Ende nicht wirklich etwas gesagt, erst als ich mich danach schlaugemacht habe, wurde mir klar, dass er nicht passender hätte gewählt sein können. Übersetzt bedeutet „ostrich“ schlicht und ergreifend Vogel Strauß und die sollen ja bekanntlich gerne mal den Kopf in den Sand stecken.
Das machen genau genommen die drei Hauptfiguren, als sie sich anfangs ganz ihrem Schmerz über den Verlust ihres besten Freundes hingeben. Ihre Wut auf die, die ihrer Meinung nach Ross‘ letzte Tage verdorben haben, ist so groß, dass sie in einer ersten Reaktion alle dafür bestrafen wollen. Ideen dazu gibt es viele. Als es allerdings daran geht, den Entschluss in die Tat umzusetzen, geraten sie erstmals in Streit, was vielleicht daran liegt, dass sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sim, der leicht explodiert, stammt aus einer kaputten Familie und seine Chancen auf eine gute Zukunft sind eher klein. Kenny, dessen Eltern geschieden sind und das schlechte Gewissen ihm gegenüber mit Geld beruhigen, ist eher der ängstliche Typ. Blake, der Erzähler der Geschichte, ist behäbig, gleicht gerne aus. Von ihm kommt der Vorschlag, Ross‘ Urne zu stehlen, um ihm das zum Abschied zu geben, was er seiner Meinung nach von dessen Familie nicht bekommen hat: Eine anständige Trauerfreier an einem Ort, an den Ross unbedingt wollte, aber wegen seines Unfalltods nie mehr von alleine hinkommt. Und seine beiden Freunde springen auf seinen Vorschlag an, nicht ahnend, was Blake wirklich dazu motiviert.
Über die Gefühle der anderen – etwa der Familie ihres Freundes – macht sich keiner von ihnen wirkliche Gedanken. Ihrer Meinung nach haben alle mit ihrem Verhalten und allein schon der Trauerfeier an sich die Würde ihres Freundes verletzt. Als dann noch das Gerücht aufkommt, dass Ross sich womöglich freiwillig vor das Unfallauto manövriert hat, sind sie vollends entsetzt. Offenbar hat niemand außer ihnen Ross jemals wirklich verstanden. Was liegt also näher, als ihrem Freund ein allerletztes Geleit zu geben, in Würde und unter Beachtung seiner Träume. Ihrer Meinung nach nichts und so macht sich das Trio tatsächlich mit der gestohlenen Urne auf. Darüber hinaus attestieren sie sich selbst, dass sie vermutlich die Einzigen sind, die den wirklichen Ross niemals vergessen werden.
Niemals? Obwohl Ross in Form seiner Asche durch den gesamten Roman hindurch quasi allgegenwärtig ist, verblasst sein eigentliches Leben dank der Spekulationen und Sichtweisen der drei Freunde auf bestimmte Dinge zu etwas Diffusem. Ganz andere Sachen drängen mit Macht in den Vordergrund. Ross letzte Reise steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Abgesehen davon, dass seine Familie den Diebstahl sofort mitbekommt, vergisst ausgerechnet Kenny, der als Einziger über genügend Geld verfügt, seinen Rucksack beim Umsteigen in einen Anschlusszug. Aus dem werden sie bald darauf geworfen, da in Kennys Rucksack auch seine Fahrkarte war. Nahezu ohne Geld und noch viele Kilometer von ihrem Zielort entfernt, müssen sie sich das eine oder andere einfallen lassen, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Dadurch wird die Idee, Ross‘ Asche schnellstmöglich nach Schottland zu bringen und zu verstreuen, und dann wieder zurück zu sein, bevor irgendjemand etwas davon merkt, zu einem Trip, der sie dazu zwingt, die Augen zu öffnen, ob sie wollen oder nicht. Pubertär unbeholfen und restlos überfordert und genau dadurch liebenswert Verständnis erweckend halten sie dennoch an ihrem Entschluss fest.
Ihre Wut auf Lehrer und Mitschüler, auf den Unfallfahrer, auf seine Eltern, auf so ziemlich alle um sie herum, ist anfangs noch groß. Dazu wird den Jungs bewusst, was Ross alles nicht mehr erleben wird. Wie zerbrechlich Leben sein kann. Doch die Zeit, die sie zusätzlich brauchen, die Umwege die sie gehen müssen, um doch unbeirrt ihr Ziel anzusteuern - all das sorgt dafür, dass Unbewusstes sich mit Macht an die Oberfläche drängt. Unterdrückte Schuldgefühle und Schuldzuweisungen kochen hoch und lassen gleichzeitig zumindest aus Sicht des Erzählers Blake so etwas wie Verständnis für Ross‘ Familie wachsen. Es fällt den drei Jungs schwer, sich einzugestehen, dass das Gerücht um einen Selbstmord vielleicht gar nicht so weit hergeholt ist. Auch deshalb, weil dieser Umstand mit der Tatsache einhergeht, dass sie selbst nicht so gute und verständnisvolle Freunde waren, wie sie bis zu diesem Zeitpunkt dachten. Es tut weh, sich einzugestehen, dass jeder als Freund versagt hat und sich nie dafür entschuldigen konnte. Es sogar, sofern sich eine entsprechende Gelegenheit ergeben hätte, vielleicht trotz oder unter Umständen gerade wegen ihrer Freundschaft auch niemals gemacht hätte. Es tut so weh, dass sie bis zum Schluss die Schuld lieber auf andere schieben, als sich diese Wahrheit einzugestehen. Dadurch gerät auch ihre Beziehung zueinander auf den Prüfstand, denn genau genommen war Ross der Gründer und Motor des jäh auseinandergerissenen Quartetts. Durch die Polizei, die nach ihnen sucht, weil ihre eigenen Familien davon ausgehen, dass sie wie Ross ihren Selbstmord planen, wächst der Druck auf die Jungs zusätzlich. Ihnen kommen zunehmend Zweifel, ob der letzte Freundschaftsdienst für Ross alle Mühen und Schwierigkeiten wert ist. Sie stellen sich gar die Frage, für wen sie eigentlich alles auf sich nehmen. Schon bald klaffen tiefe Gräben zwischen ihnen.
Dem Autor ist es gelungen, eine Freundschaft zu beschreiben, die existiert, obwohl sie auf recht tönernen Füßen steht. Auf Äußerlichkeiten, die Hoffnungen und Träume, Wut und auch den vermeintlichen Freundschaftsdienst zulassen, aber nicht (beziehungsweise fast schon zu spät) Emotionen wie Angst und Schuld. Eine Freundschaft, die verraten werden und doch bestehen bleiben kann – zumindest, wenn man das Ziel nicht aus den Augen verliert.
Humorvoll und gleichzeitig tiefgründig, pubertär oberflächlich und zugleich einfühlsam gewinnen seine anfangs vielleicht noch etwas blassen Figuren zunehmend an Farbe. Es ist kein sehr fröhliches Buch mit Happy End. Das kann es aufgrund der Thematik schon gar nicht sein. Doch durch die kontinuierlich steigenden Spannungen zwischen den Figuren wird Grays Roman zu einem der Bücher, die den Leser – ob nun jugendlich oder so alt wie ich, männlich oder weiblich - unaufdringlich und doch nachdrücklich über das Leben und den Tod, über Freundschaft, Verständnis und vor allem Ehrlichkeit zu sich selbst nachdenken lassen. Eines der Bücher, das Leser in das Geschehen zieht und mitfühlen lässt, weil die Thematik etwas betrifft, was jedem von uns geschehen kann. Grays Sichtweise auf die schwierige, größtenteils tabuisierte Suizidthematik und sein lebendiger Stil birgt die Motivation für ein genaueres Überdenken von Verhaltensmustern in sich, verleitet vielleicht auch zu genauerem Hinschauen und Handeln. Das Ende der Geschichte ist gleichermaßen hoffnungsvoll wie verstörend, wie vermutlich alles was mit dem Erwachsenwerden zusammenhängt.
Fazit
Obwohl das Buch für Leser ab 13 Jahren geeignet ist, habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt und schnell in die Geschichte einfinden können. Grays Sprache ist lebendig, nichts in diesem Buch wirkt aufgesetzt. Dadurch wird das Geschehen zu etwas, dass jedem von uns passieren könnte – auch wenn man dafür nicht unbedingt erst eine Urne stehlen muss. Etwas skurril, doch mit einer tieferen Botschaft. Insofern aus meiner Sicht ein empfehlenswertes Buch, für das ich gerne fünf von fünf Sternen vergebe.
Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 5 von 5 Punkten, Autoren E - H, Abenteuer, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Roman | Keine Kommentare »
13.11.2010 von Ati.
Die große Kannibalenschau
von CKLKH Fischer
periplaneta
ISBN 978-3940767608
historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung Marion Alexa Müller
Taschenbuch, 240 Seiten
€ 13,00 [D]
www.periplaneta.com
www.cklkh.de
Zum Autor
Hinter dem auf dem Buchcover seltsam wirkenden Namen CKLKH Fischer verbirgt sich der Autor, Musik- und Kulturjournalist Christian Fischer. Neben seiner Tätigkeit für verschiedene Magazine wie etwa Melodie & Rhythmus oder auch Motor.de, war er Mitherausgeber der 2001 eingestellten Literaturzeitschrift Der kleine Dilettant. Doch damit nicht genug. Der Poet-2000-Stipendiat arbeitete in der Assistenz des Geschäftsführers des Maas-Verlages, lektorierte bei Heyne und Goldmann erschienene Bücher von Mark Pätzold und schrieb neben zwei Drehbüchern für Whiteport Film auch den hier vorgestellten Roman Große Kannibalenschau.
Zum Buch
Es ist abgesehen von Fischers Debütroman auch der 60. Roman aus dem Hause periplaneta. Gemäß der Inhaltsangabe entführt der Autor seine Leserschaft darin nach
Hamburg im September 1899.
In Europa ziehen Völkerschauen Millionen von Besuchern an. Sie bestaunen Eskimos, Beduinen oder Negerstämme, die im Zoo, Varieté und Zirkus zur Schau gestellt werden. Die Nachfrage nach den Wilden ist riesig. Und so sucht Agent Heinrich Hermann für die Spektakel im Tierpark Hagenbeck in den Kolonien nach den exotischsten Exemplaren.
Eben zurückgekehrt von einer strapaziösen Reise nach Deutsch-Neuguinea, wo er einen Stamm Kopfjäger unter Vertrag genommen hat, genießt er die Zeit mit seiner Familie, die ihn viel zu selten sieht. Doch ihm ist nur wenig Ruhe vergönnt, denn eines Morgens, als er gerade beim Kaffee sitzt, meldet das Dienstmädchen aufgeregt:
„Herr Hermann? Da ist jemand vom Tierpark. Er sagt, Sie sollen schnell mitkommen. Er sagt, es eilt. Er sagt auch, Ihre Wilden würden - streiken. Und sie hätten sich einen Anwalt genommen.“
CKLKH Fischers historischer Roman über die Zeit der Menschenzoos ist manchmal grotesk, oft auch etwas schräg und sehr kurzweilig. Tolle Unterhaltung für Wilde, Herrenmenschen und für deren Nachfahren.
Treffender könnte sein Roman nicht beschrieben werden. Der Autor hat das Buch in drei Handlungsstränge geteilt. Der Erste umfasst eine Reise Hermanns nach Neuguinea zur Beschaffung neuer Objekte für Hagenbeck. Der Zweite sein Leben, seine Familie und die Ausstellungszeit in Hamburg. Der dritte in die beiden anderen geschickt verwobene Strang Hermanns Kampf mit sich selbst.
Meine Meinung
In seinem Debütroman führt der Autor den Leser in eine bizarre und skurrile Welt, die faszinierend kurzweilig unterhält und gleichsam ein Gedankenkarussell in Gang setzt, das nicht so einfach zu stoppen ist. Der Roman selbst mag zwar fiktiv sein, die der Geschichte zugrunde liegende Idee besitzt jedoch durchaus einen historischen Kontext, an den sich Fischer größtenteils hält.
Es scheint einerseits schwer vorstellbar, was man zu lesen bekommt. Wer würde heute noch in einen Zoo gehen, um jemandem dabei zuzusehen, wie er kocht? Andererseits hat sich, auch wenn heute die sogenannten Wilden größtenteils zivilisiert sind und damit uninteressant geworden zu sein scheinen, doch ein ähnliches Phänomen bis in die heutige Zeit gerettet. Immerhin gibt es Menschen, die sich an irgendwelchen Orten zusammenpferchen lassen, um ihre Kunststückchen und verbalen Ergüsse für ihre Anhängerschaft vor laufender Kamera vorzuführen. Und noch immer finden sich weltweit seltsamerweise Zuschauer aus allen Bevölkerungsschichten, die mehr oder weniger gebannt zusehen.
Damals jedoch waren es Menschen, die – im Gegensatz zu den Figuren in Fischer Roman oder den Teilnehmern irgendwelcher Fernsehsendungen – vermutlich nicht freiwillig gekommen sind, um Hagenbeck-Besucher (oder die anderer Zoos, Zirkusse, Varietés) zu ergötzen. Menschen, die oftmals und allenfalls als Tiere bezeichnet und stellenweise weitaus schlimmer behandelt wurden. Aus ihrem natürlichen Umfeld und ihren Familien gerissen und zur Schau gestellt. Und, falls sie das Pech hatten hier einer der zahlreich auf sie einstürmenden Krankheiten zu erliegen, weit ab der Heimat und ihren Vorfahren nicht würdig beigesetzt, sondern eventuell seziert und für die Ewigkeit konserviert zu werden. Und das alles vielleicht, nachdem sie zuvor in ihrer Heimat bereits feststellen mussten, dass die seltsamen Fremden, die übers Meer zu ihnen gekommen waren, nicht so nett waren, wie sie anfangs schienen. Sie in bestimmten Situationen zwar als so menschlich betrachteten, dass sie für Mischlingsnachwuchs mit ihnen sorgten, ansonsten jedoch als amüsante Alternative zu sonstigen Haustieren oder als billige, beliebig austauschbare, arbeitende Kreaturen sahen.
Klingt bitter und nach keinem Kapitel unserer Geschichte, auf das wir stolz sein können, kommt aber dank Fischers Idee, die Wilden den Spieß umdrehen zu lassen, sie als geschäftstüchtige, durchaus gewiefte Figuren und nicht als absolut hilf- und willenlose Kreaturen darzustellen, anders herüber.
Exotische Länder und Lebewesen. Eine bei allem Mangel an Zivilisation lockende Freiheit. Eine gewisse Machtposition in der Fremde und die Chance auf Bewunderung, wenn er erfolgreich heimkehrt. All das steht seinem engen bürgerlichen, scheuklappenbehaftetem Dasein gegenüber. Mit all dem muss Fischers Protagonist fertig werden und zeigt die Tendenz, daran zu zerbrechen. Seine Erlebnisse, seine Ängste, seine Hoffnungen. Von all dem schreibt Fischer überaus lebendig und tiefgründig und schafft es gleichzeitig das Ganze dezent und unkompliziert zu gestalten. Sein humoriger Schreibstil und seine greifbaren Beschreibungen sowohl der einzelnen Handlungsschauplätze als auch der versnobten, ach so zivilisieren Bürgerschaft in Europa, respektive Hamburg, mit überaus bigotten Ansichten, machen seinen Debütroman zu einem Buch für mich, das ich mit Sicherheit nochmals lesen und gerne weiterempfehlen kann.
Fazit
Skurrile und kurzweilige Unterhaltung vor einer realen historischen Kulisse. Macht eindeutig Lust auf mehr und verdient 5 von 5 Punkten.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 5 von 5 Punkten, Historisch - 18./19.Jahrh., Autoren E - H, Abenteuer, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Roman | Keine Kommentare »
13.11.2010 von Ati.
Das Schwert der Druiden
von Werner Diefenthal
Acabus
ISBN 978-3941404687
Fantasy
Originalausgabe 2010
Taschenbuch, 233 Seiten
€ 13,90 [D]
Zum Autor
Ein Besuch auf einem Trödelmarkt und damit verbunden der Anblick eines alten Schwertes brachte den 1963 geborenen Rheinländer, der heute mit seiner Familie in Oberfranken lebt, dazu, seinen ersten Roman zu schreiben. Nach einer Ausbildung zum Schlosser ist er heute hauptberuflich im Qualitätsmanagement tätig. Zwischen der Idee, dem ersten Manuskript und der Veröffentlichung im Acabus Verlag vergingen fast zwei Jahrzehnte.
Zum Buch/Meine Meinung
Das Angebot auf Trödelmärkten ist ein Stück gelebte Geschichte. Die Teile, die man dort betrachten oder kaufen kann, erzählen etwas. Mal größere, mal kleinere Geschichten. Oder sie regen, wie zum Beispiel bei Diefenthal geschehen, dazu an, eine Fantasygeschichte zu schreiben
Die Inhaltsangabe umreißt ziemlich gut, worum es geht:
Nach dem Tod seines Großvaters ist für den 17jährigen Michael nichts mehr, wie es einmal war. Im Zimmer seines Großvaters entdeckt er nämlich ein geheimnisvolles Schwert, und ehe er es sich versieht, findet er sich in einer fremden Welt wieder und dessen Bewohner heißen ihn als “Erlöser” willkommen, der in einer langen Reihe von Kriegern dazu auserkoren ist, eine alte Prophezeiung zu erfüllen…
Nichts wirklich Neues also, aber das ist bei der Masse an erhältlichen Büchern auch gar nicht mehr machbar. Dennoch überraschen die Fantasien immer wieder, die sich um ein uraltes Thema ranken. Das Thema, welches vom Kampf gut gegen Böse berichtet, von alten Prophezeiungen, von einem Erlöser. Von Hoffnung.
In Diefenthals Roman trifft es Michael. Gerade mal mit 17 und relativ unbedarft stolpert er in eine Welt, die es nach normalem Dafürhalten eigentlich nicht geben kann. Eine Welt, in der die Toten seiner Welt nicht unbedingt tot sein müssen. Eine Welt, in der Menschen aus seinem realen Umfeld vorkommen. Eine Welt, die akut bedroht und für immer verloren ist, wenn er versagt, denn er ist genau genommen der letzte Krieger einer uralten Prophezeiung.
Wie so oft braucht es ein Portal, um diese magische Parallelwelt zu betreten, die irgendwo in der Vergangenheit festzustecken scheint und im Großen und Ganzen doch der unseren ähnelt. Das Portal ist im Falle von Diefenthals Roman ein magisches Schwert, welches Michael nach dem Tod seines Großvaters in einer Truhe findet – oder das genau genommen ihn findet. Und ihn bei genauerem Betrachten zu dieser Aufgabe zwingt, denn bei einer Weigerung droht ihm der Tod durch eben dieses Schwert.
Das Problem bei magischen Portalen ist meist, dass sie die Protagonisten kalt erwischen. Michaels Vater etwa konnte Jahre vor ihm beispielsweise nicht reiten und war im Schwertkampf genauso wenig bewandert wie Michael das jetzt ist. Dabei bleibt wenig Zeit, solche Dinge zu lernen, und die Mitstreiter, die den prophezeiten Kriegern solche Kleinigkeiten beibringen sollten, verzweifeln fast, weil das eben nicht so schnell geht.
Natürlich meistert auch Diefenthals Protagonist nach vielen Problemen seine Aufgabe, rettet die Parallelwelt und seine eigene, darf dorthin zurück und wird letztlich noch belohnt für seinen Tapferkeit und seinen Mut – so wie es den Protagonisten solcher Geschichten für gewöhnlich immer geht. Man fiebert gemeinhin trotz des an sich ja bekannten Plots immer wieder aufs Neue mit. Die Kunst bei dieser Thematik ist es einfach, die Erzählung immer wieder so zu gestalten, dass sie den Lesern/Leserinnen neu vorkommt. Dies ist Diefenthal jedoch leider nur bedingt gelungen, da vieles zu vorhersehbar war und sich die eine oder andere Schwierigkeit zu einfach quasi in Luft auflöste.
Dadurch wird das Buch aber nicht wirklich schlecht. Der Autor versteht es durchaus, seine Figuren lebendig zu gestalten und entführt sein Publikum in eine Welt, die alte Werte heraufbeschwört. Mut und Vertrauen etwa. Durchhalten, auch wenn etwas fast unmöglich scheint. Durch die einfache Sprache des Autors wird das Hineinfinden in die von ihm geschaffene Fantasywelt erleichtert. Und der flüssige Schreibstil sorgt dafür, dass man verwundert feststellt, dass man bereits die letzte Seite aufgeschlagen hat.
Fazit
Ich würde das Buch als Jugendbuch (ab 14 Jahre) bewerten, habe mich jedoch durchaus kurzweilig unterhalten gefühlt, obwohl ich bereits weit älter bin. Auf einer Skala von 1 – 5 Punkten würde ich dafür 3,5 Punkte vergeben.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Autoren A - D, 3 von 5 Punkten, Abenteuer, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Fantasy & Horror, Roman | 2 Kommentare »
12.11.2010 von Ati.
Brigitte Riebe
Die Nacht von Granada
cbj
ISBN 978-3570136805
historischer Roman, Thriller, Liebesgeschichte, Jugendbuch ab 12 Jahre
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung Geviert – Büro für Kommunikationsdesign
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 400 Seiten
€ 15,99 [D]
Zur Autorin
Die 1953 in München geborene Brigitte Riebe studierte Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte, ist promovierte Historikerin und arbeitete als Museumspädagogin und später als Verlagslektorin bei Bertelsmann. Diese Stelle gab sie 1991 zugunsten einer Tätigkeit als freie Schriftstellerin auf. Genre übergreifend schrieb sie seither etwa 30 Romane. Sie ist über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, da ihre Romane in über acht Sprachen übersetzt wurden.
In den 1990er Jahren verfasste Griebe moderne Gesellschaftsromane. Darüber hinaus erschien bei Goldmann 1992 der erste Band einer letztlich achtbändigen Krimireihe um die Juristin und Antiheldin Sina Teufel. Diesen und die folgenden sieben Bände verfasste die Autorin jedoch unter dem Pseudonym Sara Stern. Im achten Roman der Krimireihe verabschiedete sich Riebe/Stern von ihrer Hauptfigur. Einer der Bände wurde Mitte der 1990er Jahre unter anderem mit Rufus Beck unter dem Titel Inzest filmisch in Szene gesetzt.
Während in den 1990ern neben ihren modernen Gesellschaftsromanen nur zwei historische Romane erschienen, verlagerte sich der Schwerpunkt ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ab 2000 eindeutig auf den historischen Roman. Seither erschienen 11 weitere Romane mit dieser Thematik, wovon zwei als Jugendbücher verlegt wurden. Eines davon möchte ich heute vorstellen.
Zum Buch
Geht man auf die Verlagsseite, erfährt man Folgendes über den Inhalt:
Packender Thriller und mitreißende Liebesgeschichte
Granada 1499: Die 16-jährige Lucia, Tochter des Goldschmieds Antonio, ist seit ihrer Kindheit eng befreundet mit Nuri, der Tochter des Steinschleifers Kamal. Und verliebt in Rashid, Nuris Bruder. Eine solche Verbindung wird jedoch undenkbar: Nach der Vertreibung der Juden richtet sich das spanische Königspaar nun gegen die Mauren, die in Granada jahrhundertelang friedlich mit Juden und Christen zusammengelebt haben. Kamal gerät in die Fänge der Inquisition, die ihre Fühler auch nach Antonio ausstreckt. Lucia ist verzweifelt. Da tritt Miguel auf den Plan, ein junger Steinschleifer, der Lucias Gefühle heftig durcheinanderbringt …
Diese Geschichte ist auf 358 Seiten verteilt in Worte umgesetzt, gebunden und mit einem Schutzumschlag versehen worden, der durch das ruhige Gesicht vor der mondbeschienenen Kulisse Granadas schlicht aber schön wirkt. Das Buch soll für LeserInnen ab 12 Jahren sein. Ein Nachwort, in dem die Autorin auf die damalige Zeit und einen Bezug zum Dritten Reich eingeht, füllt zusammen mit einem Anhang aus alphabetisch sortierten Begriffserklärungen die restlichen Seiten.
Meine Meinung
Nicht zum ersten Mal streckte die Autorin also ihre Recherchefühler in die Vergangenheit aus. Dieses Mal entführt sie LeserInnen in die Zeit der erzwungenen Christianisierung Granadas. Einer Stadt, in der muslimische Mauren viele Jahrhunderte als Herrscher in friedvoller Gemeinschaft mit den beiden anderen großen Religionen (Christentum und Judentum) lebten. Ein Leben, in dem Kultur und Wissen einen hohen Stellenwert hatten. Ein Leben, in dem Freundschaften entstanden, die Familienverhältnissen glichen und in dem sich lange Zeit niemand an der Andersartigkeit der Glaubensrichtungen störte. Sie nicht nur tolerierte, sondern mit lebte.
Doch all das hat ein Ende, als, kurz nachdem die Juden erfolgreich ausgegrenzt und gejagt wurden, auch die Mauren dazu gezwungen werden, den christlichen Glauben anzunehmen oder zu fliehen, wenn sie dem Tod entgehen wollen. Ein sehr düsteres Kapitel in der Kirchengeschichte, der Geschichte des spanischen Königshauses, der Menschheit überhaupt. Ein Kapitel, das deutlich vor Augen führt, was im Namen des Glaubens alles angerichtet wurde und bedauerlicherweise immer noch wird. Riebes Roman stimmt nachdenklich, wirft die Frage auf, wie das Verhältnis der Weltreligionen untereinander heute wohl sein könnte, wenn damals nicht aus Machtgier und künstlich heraufbeschworenem Hass unter dem Deckmantel des Glaubens so viel zerstört worden wäre.
Diese gewaltsame Christianisierung, die mit verständlicher Gegengewalt vonseiten aufständischer Muslime beantwortet wird, ist einer der Themenstränge in Riebes Geschichte. Eng verbunden damit ist der Zweite, der die Aufklärung eines Diebstahls betrifft, und wiederum mit dem Dritten, einer religionsübergreifenden Liebesgeschichten verknüpft ist.
Diese Grundgedanken an sich haben mir gefallen, allerdings empfand ich sowohl die einzelnen Charaktere als auch die Handlungsstränge stellenweise zu flach. Es mag sein, dass das an meinem Alter liegt, das nicht mehr der Zielgruppe (ab 12 Jahren) entspricht. Allerdings habe ich mit der Freigabe für diese Zielgruppe auch so meine Probleme. Warum? Nun das Buch ist zum einen angenehme Alternative zu den derzeit auf den Markt befindlichen Fantasygeschichten für junge LeserInnen, vermittelt nachvollziehbar historische Begebenheiten und ergeht sich trotz der darin beschriebenen Brutalität nicht in Gewaltorgien. Auch die Sexualität wird nicht als verkaufsförderndes Element mit einbezogen. Dennoch würde ich persönlich es meinen Nichten in dem Alter noch nicht geben, wobei ich auch denke, dass diese ganz leichte Probleme mit dem Sprachgebrauch der Autorin hätten. Ihre Sprache ist einfach, wirkt aber bisweilen fast melodramatisch und lässt dann wiederum an Tiefe vermissen.
Die, laut Klappentext, mitreißende Liebesgeschichte von Lucia und Rashid ist leider nicht wirklich tief gehend beschrieben. Sie enthält romantische Momente, geht aber genau genommen fast verloren. Fast gleichwertig scheint die Beziehung der muslimischen Haushälterin und Geliebten zu Lucias Vater. Auch die zarten, sich zwischen Nuri und Miguel anbahnenden Bande, verblassen in ihrer Andeutung und werden für mich nicht ausreichend beleuchtet, gehen fast unter gegenüber der Erwähnung der Gefühle, die ein befreundeter Priester für Lucias Tante empfindet. Selbst unter Berücksichtigung dessen, dass die Liebesgeschichte ja hauptsächlich um Lucia und Rashid gehen soll, wobei Lucias Gefühle wegen Miguel durcheinandergeraten, gewinnt dieser Strang nicht an Faszination. Daneben erscheint sowohl die Aufklärung des Diebstahls als auch der Part, der an dieser Stelle eingreifenden Inquisition, zu eindimensional und vorhersehbar dargestellt.
Gelohnt hat es sich für mich trotzdem, das Buch zu lesen. Denn der erstgenannte Handlungsstrang rettet Riebes Geschichte. Die Nacht von Granada ist nicht nur der Titel des Buches, sondern auch der Gipfel dessen, was damals passierte. Die unnötige und berechnende Vernichtung von Wissen und Kulturschätzen durch den Erlass der Verbrennung aller arabischen Schriften, die damals zu wochenlangen Aufständen führte. Riebes Beschreibung des Vertrauensbruchs, den die Kirche und spanische Krone durch die Missachtung des Übergabevertrages der Stadt von den bisherigen an die neuen Machthaber begangen hat, ist sehr gut gelungen. Ebenso die Schilderung der erzwungenen Taufen und der Diskriminierungen, die die maurische Bevölkerung ertragen musste. Ihre den Umstand beschreibenden Worte, dass Angst vor einer ungewissen Zukunft Stimmungen weckt, die massenhysterische Züge annehmen können, sind nachvollziehbar echt gewählt. Da auch die Tatsache, dass es schon immer in allen Glaubensgemeinschaften Menschen gegeben hat, die ihren Glauben gelebt und nicht missbraucht haben, nicht zu kurz kommt, gefiel mir der für mich eigentliche Hauptstrang gut.
Fazit
Vielleicht ist es etwas weit hergeholt, aber historische Romane wie Die Nacht von Granada können mit dazu beitragen, dass es ein besseres Verständnis zwischen den Religionen geben kann. Das ist leider auch in der heutigen Zeit noch ein nach wie vor aktuelles Thema. Und damit wird das Buch, trotz anfänglicher Bedenken, dann doch wieder etwas für junge LeserInnen. Und ältere Fans historischer Romane kommen auch nicht zu kurz.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in 3 von 5 Punkten, Historisch - Mittelalter, Autoren Q - T, Abenteuer, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Roman | Keine Kommentare »
7.11.2010 von Ati.
Sigrid Früh und Ulrike Krawczyk (Hg.)
Märchen von Müttern und Töchtern
Königsfurt-Urania Verlag GmbH
ISBN 978-3-86826-010-6
Kinderbuch, Märchen
Sonderausgabe 2009
Umschlaggestaltung Stefan Hose, Götheby-Holm
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
Verlagsseite
Die 1935 geborene, studierte Germanistin und Volkskundlerin Sigrid Früh zählt zu den bekanntesten Märchenforscherinnen bzw. –Erzählerinnen in unserem Land. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart und bringt ihre Arbeit unter anderem in Seminaren und Vorträgen einer breiteren Öffentlichkeit dar. Die Vorliebe für das Märchengenre teilt sie mit ihrer Tochter Ulrike Krawczyk, die, 1953 geboren, ebenfalls Germanistik studierte. Ferner absolvierte sie ein Studium in Linguistik und zusätzliche Ausbildungen in Sprecherziehung und Stimmbildung. Auch sie hält Seminare zum Thema Märchen und veröffentlichte, unter anderem in Zusammenarbeit mit ihrer Mutter, ihre Arbeiten bei verschiedenen Verlagen.
Nicht zum ersten Mal haben sich Mutter und Tochter zusammengetan, um das zu tun, was sie leidenschaftlich gerne tun. Mündlich überlieferte wie schriftlich aufgezeichnete Geschichten in ganz Europa sammeln, übersetzen und, zu einem Buch zusammengefasst, veröffentlichen. Der Verlag hat eine Reihe Märchenbücher veröffentlicht, in denen jeweils andere Themen aufgegriffen wurden.
Dieses Mal geht es um Märchen in denen, wie der Titel schon verrät, Mütter und Töchter die Hauptrolle spielen. Das Schöne an diesem Buch ist, dass es eine Sammlung an 29 Märchen beinhaltet, wie es sie nicht überall gibt. Bekannte Gestalten, wie etwa Frau Holle, kommen zwar vor; allerdings in einem weniger bekannten Zusammenhang. Auch die in Märchen selten beliebte Stiefmutter wird hier etwas anders gezeichnet und muss sich beispielsweise nicht in glühenden Schuhen zu Tode tanzen.
Alles Friede, Freude, Eierkuchen? Mitnichten. Die Beziehungen von Müttern zu ihren Kindern, Mädchen wie Jungen, können vielfach gestaltet sein. Nicht immer und zu jeder Zeit sind Mütter ihren Töchtern gegenüber (oder umgekehrt) hilfreich und, sogar über den Tod hinaus, beschützend. Es gibt auch eifersüchtige und bedrohliche Mutter-Töchter-Verhältnisse. Oder mystisch und magisch angehauchte, in denen eine ganze Bandbreite an Gefühlen zum Ausdruck kommt. Neid und Missgunst treiben manche der Mütter im Hinblick auf ihre eigenes (vertanes) Leben und der Schönheit und dem damit verbundenen Erfolg ihrer Töchter zu Handlungen, die deren Vernichtung dienen sollen. Doch, obwohl bedrohliche Situationen vorkommen, werden diese meines Erachtens nach nicht zu gewalttätig, wie es bisweilen in den eher bekannten Märchen vorkommt.
Es gibt Märchen, in denen die innige Beziehung der Mütter und ihrer Töchter beschrieben wird, während andere von Neid und Missgunst bestimmt sind. Und solche, die von Trauer, Krieg, Tod und Melancholie berichten. Problematisch-konfliktbeladene Situationen wiegen sich mit innig-verbundenen auf. Die Symbolik in den Märchen spiegelt das wider, was im Leben passiert. Und das, was den Menschen antreibt – Hoffnung. Auf das Erreichen von Liebe und Glück, aber auch Selbstständigkeit, Zufriedenheit. Bis das soweit ist, durchlaufen die Hauptfiguren der Märchen diverse Prozesse. Abnabelung, der Weg von der Unselbstständigkeit in ein selbst behauptetes Leben, der Moment des Loslassens. Situationen, in denen der Schutz der Kinder oberste Priorität hat und solche, in denen ohne nachzudenken willkürlichen Befehlen Folge geleistet wird, Situationen, in denen das beschrieben wird, was jahrhundertelang real praktiziert wurde und stellenweise nach wie vor praktiziert wird: die Vormachtstellung des Patriarchats. Augenblicke des Verlustes und solche der Wiederkehr.
Durch die liebevoll zusammengetragenen und umgesetzten Geschichten ist dieses Buch nicht nur zum Vorlesen geeignet, sondern – für Märchenfans, wie beispielsweise mich – auch einfach so zum darin schmökern. Geschichten, die zum Nachdenken anregen. Die an Werte erinnern, die heute oft viel zu flüchtig verkommen; durch das Bewahren dieser Geschichten jedoch erhalten und weitergegeben werden können.
Fazit:
Empfehlenswert. Für Märchenfans und solche, die es werden wollen. Und diejenigen, die einfach mal etwas andere Märchen kennenlernen möchten.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens
Geschrieben in 4 von 5 Punkten, Märchen, Autoren I - L, Autoren E - H, All Age, Kinder- & Jugendbuch | Keine Kommentare »
2.11.2010 von Ati.
Sigrid Früh (Hg.)
Märchen vom Tod und neuem Leben
Königsfurt-Urania Verlag GmbH
ISBN 978-3868260120
Kinderbuch, Märchen
Sonderausgabe 2009
Umschlaggestaltung Stefan Hose, Götheby-Holm
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
€ 4,95 [D]
Die 1935 geborene, studierte Germanistin und Volkskundlerin Sigrid Früh zählt zu den bekanntesten Märchenforscherinnen bzw. –Erzählerinnen in unserem Land. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart und bringt ihre Arbeit unter anderem in Seminaren und Vorträgen einer breiteren Öffentlichkeit dar.
Der Inhalt einer Traueranzeige (Zu früh, zu spät, tragisch, grausam, schmerzvoll, sinnlos, mitverschuldet, plötzlich. Immer unerwünscht, immer sinnlos darüber zu diskutieren, immer schmerzhaft, immer ungewollt, aber immer und schon von Geburt an vorbestimmt.), den ich kürzlich gelesen und aus unerfindlichen Gründen nicht mehr aus dem Kopf bekommen habe, hat mich mehr oder weniger dazu veranlasst, zu diesem Buch zu greifen. Dessen Cover übrigens in Natura nicht so grellleuchtend wie oben herüberkommt.
Es ist Teil einer Märchenreihe, die der Königsfurt-Urania Verlag in den letzten Jahren thematisch getrennt auf den Markt gebracht hat. Es gibt Märchen von Hexen und Weisen Frauen, von Wünschen, von Müttern und Töchtern ebenso wie Indianische Märchen, keltische oder türkische und – neben etlichen anderen – auch solche vom Tod und neuem Leben. Die teils überlieferten, teils schriftlich niedergelegten Geschichten im vorliegenden Buch wurden von Sigrid Früh in ganz Europa zusammengesucht, übersetzt und herausgegeben.
In diesem Buch wird der Tod als Freund und Gefährte dargestellt oder als Wegweiser. Als unabdingbarer Bestandteil des Lebens. Als Tor in eine andere Welt. Er tritt in vielerlei Gestalt auf. Mal strahlend faszinierend schön und jung, mal hässlich und alt. Wandelbar. Mal übermächtig und mal so, dass er gar überlistet werden kann. Jedenfalls zunächst, denn irgendwann heißt man ihn dann doch willkommen.
Anders also, als wir ihn gemeinhin sehen. In unserer realen Welt ist er oftmals zu etwas stilisiert, das Angst macht, wird mit Verderben und Hoffnungslosigkeit gleichgesetzt, ausgeklammert. Von vielen als Endpunkt betrachtet und gefürchtet. Unbekannt, durch das, was wir viele von uns aus ihm gemacht haben: ein Tabu. Dennoch gehört er bereits bei der Geburt zum Leben dazu.
Die in Märchen von Tod und neuem Leben enthaltenen 29 Geschichten sind in drei Bereiche gegliedert. Im ersten Teil handeln sie von der Gestalt des Todes, im Zweiten von Jenseitsvorstellungen, der Dritte geht auf die Punkte Tod und Wiederkehr ein – womit klar wird, dass er nicht als das Ende des Lebens verstanden werden soll. Teils sind sie bekannter (etwa von den Gebrüdern Grimm), teils sind sie (zumindest mir) eher unbekannt.
Einige der Geschichten sind sich trotz unterschiedlicher Herkunft sehr ähnlich. Das fällt besonders auf, da sie unmittelbar nacheinander kommen. Manche sind nur wenige Sätze lang, andere mehrere Seiten. In manchen müssen die Figuren symbolische Todeserfahrungen und Jenseitserlebnisse durchleben, über das Irdische hinausgehen, mutig ihre Furcht überwinden. Auch bei der dem Buch zugrunde liegenden Thematik spielen Demut, Aufopferung, Vertrauen und Liebe eine wichtige Rolle. Sie stehen für den Aufruf das Leben zu leben und dafür, dass es Dinge gibt, die über den physischen Tod hinausgehen. Für Hoffnung, durch Überwindung von Aufgaben und Ängsten weiterzukommen, beisammenzubleiben mit denen die wir lieben. Aber auch für die Hoffnung, nicht vergessen zu werden, Spuren zu hinterlassen.
Denn wie sagte schon Friedrich von Logau? Wenn wir aus dieser Welt durch Sterben uns begeben, so lassen wir den Ort. Wir lassen nicht das Leben.
Fazit:
Traurig und hoffnungsvoll zugleich. Da der Tod märchenhaft abstrakt dargestellt wird, eigenen sie sich zum Vorlesen und Erzählen genauso wie zum einfach so darin Lesen.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens
Geschrieben in 4 von 5 Punkten, Märchen, Autoren E - H, All Age, Kinder- & Jugendbuch | Keine Kommentare »
1.11.2010 von Ati.
Carsten Zehm
Die Chroniken der Reisenden – Staubkristall
ACABUS Verlag Hamburg
ISBN 978-3941404045
Fantasyroman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung grafikdesign-silvia.de
Taschenbuch 232 Seiten
€ 14,90 [D]
Verlagsseite www.abacus-verlag.de
Autorenseite www.carsten-zehm.de und www.chroniken-der-reisenden.de
Zum Autor
Der 1962 in Erfurt geborene Berufsschullehrer und Autor stellt mit „Die Chroniken der Reisenden – Staubkristall“ seinen ersten Roman vor. Die Idee zu der in diesem Buch erwähnten „Schwelle“ kam ihm bereits in seiner Jugend. Doch obwohl er sich schon immer gerne dem Fantasygenre (mit Ausflügen zu Märchen, Krimis und Horror) widmete, schrieb er lange Zeit nur Kurzgeschichten. Viele davon wurden ab 2004 in diversen Anthologien oder der Tagespresse veröffentlicht. 2009 erschien sein erstes Kinderbuch.
Zum Buch/Meine Meinung
Was, wenn unsere Erde nur eine Erscheinungsform von vielen ist, nur eine Ebene von scheinbar unendlich vielen Parallelwelten? Was, wenn diese Welten durch ein System miteinander verbunden sind?
Es ist die ‚Schwelle’, welche Reisende auswählt und diese auf andere Ebenen der Erde schickt, weil sie dort eine Aufgabe zu erfüllen haben.
Ihre Abenteuer sind festgehalten in den ‘Chroniken der Reisenden’.
Nach diesen vielversprechend klingenden Worten habe ich mich neugierig an den 232 Seiten starken Roman gemacht – und ihn in einem Rutsch durchgelesen. Und ich bin sicher, dass es vielen Lesern ebenso gehen wird.
Warum? Eigentlich ist die Idee nichts grundsätzlich Neues. Es geht um die bekannte Erzählung von Zerstörung und Vertreibung aus dem Paradies, und dem Versuch es wieder zurückzugewinnen. Es gibt eine uralte Prophezeiung, die Möglichkeit zwischen Welten zu wandeln, die zur nah und doch unerreichbar scheinenden Lösung des Problems führt. Menschen gelangen in eine andere Welt und müssen eine nahezu unlösbare Aufgabe erfüllen, um diese Welt zu retten, bevor sie wieder in ihre eigene zurückdürfen. Etwas Altbekanntes also, das aber so wie von Zehm beschrieben zu einem kurzweiligen und packenden Lesegenuss wird.
Wer in diese Fantasywelt – wie auf der Buchrückseite beschrieben, eine parallele Ebene der Erde, in der die Uhren etwas anders gehen und fremdartige Pflanzen und Wesen existieren, aber durch die gleich aussehenden Gestirne eben doch ein Bezug zu unserer Welt da ist – eintaucht, bekommt sehr klar gezeichnete Figuren zu sehen. Der Leser der Chroniken wird in ein wunderschön gewobenes Geflecht aus Abenteuer, Liebe, Hoffnung und Verzweiflung geführt. Läuft durch die herrlichen Beschreibungen von Figuren und Landschaften quasi neben dem Protagonistenpärchen her und lacht oder leidet mit ihnen.
Auf ihrer Hochzeitsreise, zu der sich Karen nur widerstrebend überreden lässt, weil es sich nicht um einen von ihr favorisierten Pauschalurlaub, sondern um eine Trekkingtour in Deutschland handelt, geraten die beiden in unvorhergesehene Schwierigkeiten. Einer inneren Stimme folgend, macht sich Mihai auf, einen alten Stollen zu erkunden und als Karen ihm zunächst besorgt, dann eher leicht wütend folgt, muss sie mit Entsetzen feststellen, dass ihr Mann gerade durch einen Felsen vor ihren Augen verschwindet. Ohne groß nachzudenken, greift auch sie in diesen Stein, wagt einen Schritt nach vorne, dann noch einen und landet plötzlich, genau wie Mihai vor ihr, in der anderen Ebene. Ein Zurück gibt es nicht.
Das junge Paar – ganz Mensch – denkt sich zuerst irgendwo sicher Hilfe finden zu können. Wer geht schon bei genauerem Nachdenken einfach so durch Felswände, nachdem eine Stimme ihn gerufen hat? Es darf einfach nicht sein, was nicht sein kann. Sie marschieren los, in der Hoffnung eine Straße, Ansiedlung, Menschen zu finden. Doch bei einer Rast beginnt Mihai, genauer hinzusehen. Ihm fallen Merkwürdigkeiten an den Insekten auf. Es gibt keine größeren Tiere. Der Wald ist eigentümlich rötlich gefärbt, worauf der Verdacht in ihm erwacht, dass sie durch einen dummen Zufall auf einem atomaren Testgelände gelandet sind. Als sie kurz darauf Geräusche hören, die auf Funkgeräte schließen lassen und Gestalten sehen, die den Wald durchstreifen, versuchen sie so unsichtbar wie möglich zu bleiben, denn die Gestalten scheinen bewaffnet. Und bevor sie noch richtig begreifen, dass sie riesige aufrecht gehende Echsen vor sich haben, werden sie schon von diesen gefangen genommen und nicht sehr sanft, aber überaus neugierig betrachtet. Die Geräusche kamen nicht aus Funkgeräten, sondern direkt von den sich unterhaltenden Echsen. Es scheint keine Möglichkeit der Verständigung zu geben. Bis sie nach einigen Problemen in die Siedlung der Echsen kommen und durch einen sogenannten Hüter und dessen Nachfolgerin, die ihre Sprache sprechen, die eine oder andere Unklarheit ausgeräumt werden kann bzw. erst neu entsteht. Denn obwohl die Echsen schon mit Reisenden der Ebenen in Kontakt gekommen sind, ist ihnen noch nie jemand begegnet, der völlig unvorbereitet, zu zweit und vor allem ohne ihr Wissen in der Echsenebene gelandet ist. Die Echsen bemerkten, dass jemand eintraf, haben aber genau wie die Menschen keinen Plan, was diese genau machen sollen.
Doch sehr schnell kristallisiert sich heraus, dass sie den Staubkristall – eine uralte Waffe – zurückholen müssen, der kurz zuvor aus dem Dorf gestohlen wurde. Eine ebenso alte Prophezeiung sagt voraus, dass nach der Zerstörung der Echsenebene auch andere Ebenen der Erde vom Schattenherrn (dem Dieb des Kristalls) und dem von ihm geschaffenen Wesen erobert werden. Bereits jetzt scheint die Sonne nur noch durch einen grauen Schleier hindurch, raubt den Echsen zunehmend Kraft und zerstört sukzessive die Ebene der Echsen samt ihren Bewohnern.
Die beiden machen sich also auf, ihre Mission zu erfüllen. Begleitet von Echsen, die ihnen alle nicht feindlich, sondern freundschaftlich gesonnen sind. Echsen, die geistig hoch entwickelt sind, obwohl sie andererseits wie in der Steinzeit leben. Die, obwohl man es nicht einfach so sieht, tief empfinden und Moralvorstellungen haben. Echsen, die ihr eigenes Leben opfern, um das ihre zu retten. Denn Karen zieht wieder und wieder Kreaturen an, die ansonsten nie auf den Gedanken kämen, die Echsen anzugreifen. Auch die Pflanzen scheinen sich letztlich gegen sie verschworen zu haben.
Die Reise und Aufgabe der Menschen und ihrer Echsenfreunde ist lang und beschwerlich und wird immer schwieriger, weil die Kraft der Echsen mit dem immer weniger werdenden Sonnenlicht zusehends schwindet. Weil Verletzte und Tote zu beklagen sind. Zuletzt müssen Karen und Mihai alleine weiterziehen und gegen den Schattenherrn kämpfen. Ein Kampf, der einen hohen Preis fordert. Ein Kampf, der von vornherein eher für Karen als für den „gerufenen“ Mihai gedacht war? Zumal der Schattenherr ein besonderes Interesse an Mihai hat.
Besonders gefallen hat mir, dass Zehm seine „Menschen“ menschlich kämpfen ließ. Genau wie die Echsen. Diese Geschichte kommt ohne Zaubersprüche aus. Es werden keine Feuerbälle wie so oft geschleudert. Es gibt keine wirbelnden Lichtschwerter. Mit Pfeil und Bogen, Messern und vor allem Köpfchen müssen sich Karen und Mihai und ihre Freunde verteidigen und angreifen. Ihre tierischen oder pflanzlichen Widersacher, die unter dem Einfluss des Schattenherrn stehen, werden nicht einfach als böse klassifiziert. Die Unterhaltungen zwischen Hüter und Menschen weisen die Eigenheiten auf, die eben auftauchen, wenn unterschiedliche Menschen bzw. Sprachen aufeinandertreffen und nur einer davon beide Sprachen kann. Es gibt kleinere Probleme, obwohl man im Großen und Ganzen miteinander reden kann. Karen und Mihai werden nicht zu übernatürlichen Helden stilisiert. Zehm lockert ihre Unterhaltungen mit kleinen Wortgefechten und Spitzfindigkeiten auf, die ich in kaum einem anderen Roman jemals auch nur angedeutet so gelesen habe und die die beiden einfach nur menschlich machen. Zu jemandem, der direkt neben uns leben könnte. Lässt sie lebendige Unterhaltungen führen, die teilweise vielleicht sogar an eigene Gespräche erinnern. Sie Erzieherin, er Lehrer. Sie Tochter einer Alkoholikerin, er ehemals selbst am Abgrund des Drogensumpfs. Genau das ist es übrigens, was die beiden zusammenschweißt und Kraft für das zu absolvierende Abenteuer gibt.
Fazit
Der Schreibstil Zehms, seine spannende Umsetzung einer an sich nicht unbekannten Idee: Für diese Geschichte würde ich auf einer Skala von 1 – 5 Punkten die volle Punktzahl vergeben. Es herrscht eine gesunde Ausgewogenheit zwischen Kampfszenen, dem Herantasten der unterschiedlichen Figuren untereinander, der Beziehung zwischen Mihai und Karen. Nichts wird irgendwo kopflastig oder zäh. Eine lebendige Geschichte, die sowohl für Jugendliche wie auch Erwachsene lesenswert ist.
Der letzte Satz im Buch macht Hoffnung auf eine Fortsetzung dieser, in meinen Augen empfehlenswerten, Fantasiegeschichte.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens
Geschrieben in 5 von 5 Punkten, Autoren U - Z, Abenteuer, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Fantasy & Horror | Keine Kommentare »
23.10.2010 von Ati.
Märchen für die Seele – Märchen zum Erzählen und Vorlesen
von Dickerhoff/Lox (Hg.)
Königsfurt-Urania Verlag GmbH
ISBN 978-3-86826-017-5
Märchen
Sonderausgabe 2010
Umschlaggestaltung Jessica Quistorff
Hardcover, 480 Seiten
€ 12,90 [D]
Zu den Autoren bzw. Herausgebern
Die 1963 geborene Harlinda Lox ist Vizepräsidentin der Europäischen Märchengesellschaft, Erzählforscherin, Germanistin, und wissenschaftliche Autorin. In Zusammenarbeit mit dem 10 Jahre älteren Heinrich Dickerhoff, dem Präsidenten der Europäischen Märchengesellschaft, der als Dozent an einer katholischen Akademie und Heimatvolkshochschule tätig ist, entstand der Sonderband „Märchen für die Seele“.
Zum Buch
Märchen aus Sibirien, Brasilien, Ungarn, Irland, Deutschland, China – eigentlich aus aller Welt. Es scheint unendlich viele zu geben. Und von den vielen wieder unendlich viele Variationen.
Im vorliegenden Buch findet sich eine Zusammenfassung von insgesamt drei bereits veröffentlichten Märchenbüchern (Traumhaus und Wolkenschloss – 2003 Königsfurt-Urania Verlag; Märchen, an denen mein Herz hängt – 2006 Königsfurt-Urania Verlag; Diebe, Dummlinge, Faulpelze & Co – 2009 Selbstverlag der Europäischen Märchengesellschaft).
Im Vorwort meldet sich nicht nur der Herausgeber zu Wort, sondern auch der Neurobiologe Gerald Hüther, der auf die Bedeutung von Märchen in der Entwicklung von Kindern aufmerksam macht. Hinter jedem Märchen steht ein Kommentar. Im knapp 20 Seiten starken Nachwort wiederum kann man Ausführungen zu den Themen Märchen und Seele nachlesen, bevor das Buch im Quellennachweis ausklingt.
Meine Meinung
Es ist immer wieder verblüffend, wie ähnlich sich doch viele Geschichten sind. Und wie einnehmend jede wiederum für sich sein kann. So ist mir beispielsweise die in diesem Buch enthaltene Aschenputtelvariante wesentlich lieber als die allseits bekannte; immerhin muss das arme Mädchen in dieser Geschichte nicht erst herausgeputzt auf dem Ball erscheinen, damit der Königssohn sich in sie verliebt.
Gerade in unserer schnelllebigen, oft viel zu oberflächlichen Zeit ist es sinnvoll, unseren Kindern Märchen zu erzählen, um ihnen früh zu vermitteln, innere Werte zu schätzen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Oder dass es sinnvoll ist, ältere Menschen und ihr Wissen zu achten. Das Demut und Dankbarkeit nichts schlechtes sind. Wie wichtig Träume sind. Die leicht verständlichen Märchen in diesem Buch helfen mit Sicherheit dabei.
Besonders gefallen hat mir auch die Verknüpfung des Vorworts/Nachworts mit den Kommentaren und den Märchen. Mit „Märchen für die Seele“ hat man deshalb kein reines Vorlesebuch in Händen.
Fazit
Ich bin bekennender Märchenfan und trotzdem von vielen Büchern mit Volksmärchen enttäuscht. Das liegt nicht daran, dass sich viele Märchen ähneln, sondern in den meisten Fällen vielmehr an der Art der Zusammenstellung. Die ist in „Märchen für die Seele“ gelungen, weshalb ich das Buch mit 5 von 5 Punkten bewerten möchte. Immer wieder schön zum Vor- aber auch Nachlesen.
Copyright © 2010 by Antje Jürgens
Geschrieben in 5 von 5 Punkten, Märchen, Autoren I - L, Autoren A - D, All Age, Kinder- & Jugendbuch | Keine Kommentare »
23.10.2010 von Ati.
Bartimäus – Der Ring des Salomo
von Jonathan Stroud
Titel der englischen Originalausgabe: Bartimaeus – The Ring of Solomo
cbj, München
ISBN 978-3-570-13967-7
Fantasy, Jugendbuch
1. Auflage 2010
aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung
Umschlaggestaltung Klaus Renner
Hardcover, 480 Seiten
€ 18,99 [D]
Zum Autor
Der in Bedford/England geborene und bei London lebende Jonathan Stroud schreibt bereits seit 33 Jahren Geschichten, hat also seine Vorliebe dafür bereits mit sieben Jahren entdeckt. Nachdem er Jahre später zunächst als Lektor für Kindersachbücher tätig war, beschloss er nicht nur seine eigenen Kinderbücher zu veröffentlichen. Er wollte sich auch fortan ganz dem Schreiben widmen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Zum Buch
„Bartimäus – Der Ring des Salomo“ ist eigentlich die Entstehungsgeschichte zu den bereits veröffentlichten Bänden der Bartimäus-Trilogie. Ein in sich abgeschlossenes Buch, in dem es um einen gewitzten, stets zu Streichen aufgelegten Dschinn geht, der immer wieder wider Willen von Magiern heraufbeschworen wird. Man kann es völlig unabhängig von der Trilogie lesen.
Gleich zu Beginn folgt eine Liste der Hauptpersonen, eine Karte mit den Ländern Israel, Saba und deren Umgebung zum Handlungszeitpunkt. Nach dem eigentlichen Schluss der Geschichte kommen noch Anmerkungen zu Zauberei und Geistern. Und nach Erwähnung der Trilogie ein kleines Kapitel, von dem ich ausgehe, dass es sich um ein Kapitel des ersten Bandes der Trilogie handelt – die ich leider noch nicht gelesen habe.
Doch zum Inhalt. Bartimäus ist ein Dschinn. Ein Wesen, das seinem Meister alle Wünsche erfüllen muss. Sein Herr ist Magier am Hofe König Salomos 959 v. Chr. in Jerusalem. Salomo wiederum, Hüter eines Ringes, der ihm unendliche Macht und Reichtum verleiht, scheint sich alle umliegenden Königreiche untertan machen zu wollen. Er schreckt nicht davor zurück, den Geist des Ringes heraufzubeschwören, um seine Macht zu erhalten und sein Gefolge gefügig zu halten.
Als Salomo das Königreich Saba bedroht, schickt die Königin eine ihrer Wächterinnen nach Jerusalem. Diese soll den König töten und den Ring nach Saba bringen. Asmira, die Wächterin macht sich sofort auf den Weg und trifft dabei auf Bartimäus und seinen Herrn. Mit ihrer Hilfe gelangt sie schneller als erwartet in den Palast Salomos.
Doch dort stellt sich heraus, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Ihr blinder Gehorsam gegenüber ihrer eigenen Königin ist plötzlich infrage gestellt, als sie mit Bartimäus Hilfe in den Besitz des Ringes zu kommen versucht. Ist Salomo ein tyrannischer Machthaber oder gehen hinter seinem Rücken Dinge vor, die er nicht weiß? Herrscht er oder wird er beherrscht? Sie und der Dschinn müssen einige Schwierigkeiten meistern und um ihr Leben kämpfen.
Meine Meinung
Ich würde das Buch in die Kategorie All-Age (zumindest ab 14 aufwärts) einsortieren und wurde von der ersten bis zur letzten Seite gut unterhalten. Stroud hat mich in eine fantastische Welt aus Zauberern, Kobolden, Dämonen und Menschen eintauchen lassen. Der Schauplatz ist größtenteils im antiken Jerusalem, wobei Zeit und Ort vermutlich auch hätten beliebig ausgetauscht werden können, denn es ist gewissermaßen eine ganz eigene Welt, in die man sich beim Lesen begibt. Am Ende kommt wie gesagt vermutlich der Auftakt der Trilogie. Jedenfalls landet der Dschinn in der modernen Zeit bei einem Jungen in London.
Doch soweit ist es anfangs noch nicht. Bösartige und gewalttätige Dschinns werden beschrieben, die immer bereit sind auf ihren Herrn zu stürzen und diesen zu töten, sobald dieser die kleinste Schwäche zeigt. Und ihre Sehnsucht nach Freiheit, die genau genommen nie erfüllt wird, denn jeder der ihren Namen kennt, kann sie heraufbeschwören und sie müssen ihm bedingungslos gehorchen oder werden bestraft. Bartimäus ist ein bereits uralter Dschinn, sarkastisch und humorvoll und trotz seiner Hinweise auf seinen Appetit kommt er liebenswert herüber. Er glaubt an das Gute im Menschen, als er auf Asmira trifft, und wird gewissermaßen belohnt. Sie schafft es nicht nur, den Bann, der ihn an seinen bisherigen Herrn bindet, zu brechen (an der Stelle habe ich mich köstlich amüsiert, wer die Gelegenheit hat einen Blick auf die Seiten 276-280 zu werfen, weiß vielleicht warum). Sie verspricht ihm auch die Freiheit, sobald er ihr geholfen hat, den Ring zu bekommen. Asmira wiederum würde alles für ihre Königin tun, sogar ihr eigenes Leben opfern. Blind gehorcht sie jedem Befehl, bis sie zu begreifen beginnt, dass Gehorsam vielleicht nicht alles ist und es zwischen Schwarz und Weiß viele Grautöne gibt.
Stroud lässt zum einen Bartimäus selbst zu Wort kommen, zum anderen wird die Geschichte von einem Beobachter erzählt. Was mich anfangs etwas störte, waren die Fußnoten, die keiner eigentlichen Erklärung dienen, sondern genau genommen teilweise recht biestig-eloquente Gedanken des Dschinns sind. Doch das war wie gesagt nur anfangs, was vielleicht wiederum am äußerst lebendigen Stil und modernen Sprachgebrauch des Autors liegen könnte. Damit führt er einen leicht verständlich in die Handlung ein, wobei er gleichzeitig von Anfang an Spannung aufbaut. Seine Ideen sind durchdacht, nichts wirkt langatmig. Die Beschreibung seiner Figuren, wie auch ihrer Erlebnisse ist detailliert.
Fazit
Das Buch hat eindeutig nicht nur für Jugendliche Unterhaltungswert. Mich hat es auf die bereits 2006/2007/2008 erschienene Trilogie mehr als neugierig gemacht. Auf einer Skala von 1 – 5 bekommt „Bartimäus – Der Ring des Salomo“ die volle Punktzahl, weil einfach alles stimmt.
Copyright © 2010 Antje Jürgens
Geschrieben in Autoren Q - T, 5 von 5 Punkten, Abenteuer, All Age, Kinder- & Jugendbuch, Fantasy & Horror, Roman | Keine Kommentare »
21.10.2010 von Ati.
Gute Frage, nächste Frage - Willi gibt schlaue Antworten auf clevere Fragen
Von und mit Willi Weitzel und Florian Sailer
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 978-3-548-37351-5
Genre: Sachbuch, Kinder, Wissen
Umschlaggestaltung HildenDesign, München
Originalausgabe 2010
Paperback, 267 Seiten
€ 7,95 [D]
Zum Autorenteam
Das Duo Weitzel/Sailer hat bereits bei dem Film „Willi und die Wunder dieser Welt“ zusammengearbeitet. Wer den Film kennt, kann nachvollziehen, warum auch das gleich im Anschluss besprochene Buch lesens- und empfehlenswert ist.
Willi Weitzel wurde 1972 in Stadtallendorf geboren und begann nach seinem Studium für den Bayrischen Rundfunk als Kinderreporter tätig zu werden. Die Sendung „Willi wills wissen“, ausgestrahlt in der ARD, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und für seinen Film „Willi und die Welt der Wunder“, der 2009 in die Kinos kam, erhielt er den Adolf-Grimme-Preis (siehe auch www.williweitzel.com).
Der Autor und Journalist Florian Sailer lebt in München. Er ist Mitarbeiter der Redaktion „Willi wills wissen“ und arbeitete auch, wie bereits erwähnt, an dem mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Kinofilm mit.
Zum Buch/Meine Meinung
Wer mit Kindern zu tun hat, weiß, dass die allermeisten ein schier unerschöpfliches Fragenpotenzial haben. Ihr Wissensdurst, gepaart mit einer noch gesunden Neugier, geht viel weiter als der von Erwachsenen und hat mich schon manches Mal hart schlucken lassen und das Bedürfnis geweckt, schnell noch mal die Schulbank zu drücken. Denn mit einer schnellen Antwort ist es meistens nicht getan. Kinder denken unkompliziert und stellen unkomplizierte, aber sehr gute und kluge Fragen. Jedenfalls so lange, bis sie es sich abgewöhnen, weil sie eventuell öfter die Antwort „das ist aber eine dumme Frage“ bekommen, als dass ihr Wissensdurst gestillt wird. Und das dann nicht, weil es eine dumme Frage ist (die gibt es ja bekanntlich nicht), sondern weil viele einfach die Antwort nicht kennen.
Viele Fragen kann man selbst gut beantworten, aber wie gesagt nicht alle. Wie gut, dass es Willi gibt. Den Mann, der denkt, das echte Reporter nie ganz erwachsen werden dürfen und auch niemals aufhören dürfen, wissensdurstig zu bleiben. Was sich übrigens meiner Meinung nach für jeden Menschen gehört.
Im Buch „Gute Frage, nächste Frage“ kommen Kinder und ihr schier unerschöpflicher Wissensdurst zu Wort. Fragen über ganz Alltägliches, über Tiere, über Menschen. Wissen Sie, warum Giftschlangen sich nicht selbst vergiften? Oder wieso unsere Finger alle unterschiedlich lang sind? Oder haben Sie sich schon mal gefragt, zu welchem Land ein Kind gehört, das in einem fliegenden Flugzeug zur Welt kommt? Warum es in Flugzeugen Schwimmwesten aber keine Fallschirme gibt? Fragen über Fragen und auf alle findet Willi in Zusammenarbeit mit etlichen Experten und seinem Team passende, detaillierte Antworten. Und übersetzt sie so, dass sowohl Erwachsenen als auch Kinder sie verstehen, ohne irritiert nachfragen zu müssen. Auf die typische Art und Weise, wie Willi alles erklärt.
Fazit:
Gute Frage, nächste Frage ist eins der Bücher, dass ich sehr gerne weiterempfehle. Es eignet sich zum Vorlesen ebenso wie für Kinder, die selbst lesen. Auf einer Werteskala von 1 – 5 möchte ich diesem Buch eine 5+ geben und werde garantiert auch in Zukunft öfter einen Blick hineinwerfen. Vielleicht habe ich ja dann öfter passende Antworten auf kluge Fragen eines Kindes, über die ein Erwachsener gar nicht mehr nachdenkt.
Copyright © 2010 Antje Jürgens (AJ)
Geschrieben in Wissen, 5 von 5 Punkten, Autoren U - Z, Autoren Q - T, Fach- & Sachbuch, All Age, Kinder- & Jugendbuch | Keine Kommentare »