Infos

Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Autoren M - P.

Mai 2012
M D M D F S S
« Mai    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Archiv der Kategorie Autoren M - P

Meyer, Axel S.: Das Buch der Sünden

 10_meyer_dasbuchdersunden.jpg

 

Axel Meyer
Das Buch der Sünden

 

Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3499253805
ISBN 3499253801
Historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung any.way, Katrin Günther
Taschenbuch, 784 Seiten
[D] 9,95 Euro

 

Verlagsseite
Autorenseite

 

Zum Autor

 

Vielleicht liegt es daran, dass er in der Stadt Heinrich des Löwen zur Welt kam, wenn auch erst 1968 und nicht zu Zeiten der historischen Persönlichkeit. Jedenfalls lebte und lernte Axel S. Meyer bis zur Beendigung seines Studiums in Germanistik und Geschichte dort. Heute lebt und arbeitet er in Rostock als Zeitungsreporter und Redakteur.

 

Zum Buch / Meine Meinung

 

Obwohl ich diverse negative Kommentare gelesen habe, hat mich das Buch neugierig gemacht. Nachdem es im letzten August erschienen war, wurde bereits im Oktober 2010 die dritte Auflage herausgebracht. Nachdem der Autor 2009 bei einer Verlagsausschreibung von Rowohlt damit den ersten Preis belegt hatte, wurde er in diesem Jahr zusätzlich mit Platz 26 bei einem Lovelybooks-Wettbewerb bedacht. Und das alles mit einem Debütroman.

 

Worum geht es darin?

 

Zitat Inhaltsangabe

 

Im Jahr 845 bringen die Normannen den Tod nach Paris. Die Mörder kommen über die Flüsse: Am Morgen besetzen 120 Drachenboote die Seineinsel, am Abend sind die Straßen mit Leichen übersät. Brandgeruch liegt in der Luft.

Hilflos muss der junge Odo mit ansehen, wie sein Vater getötet und seine Mutter verschleppt wird. Er schwört Rache. Jahre später fällt ihm im Kloster St. Gallen eine Schrift in die Hände: Das Buch der Sünden. Es prophezeit den Untergang der heidnischen Welt – sobald die sieben Todsünden gesühnt sind. Besessen von der Idee, dieses Werk zu verrichten, macht sich Odo auf den Weg nach Norden. In die gottlose Stadt der Wikinger, nach Haithabu ….

 

Was dabei unerwähnt bleibt, dennoch einen großen Raum einnimmt, parallel läuft und sich stellenweise mit dem in der Inhaltsangabe beschriebenen Handlungsstrang vermischt, ja sogar verbunden ist, ist die Geschichte des Schmiedes und späteren Woiwoden Helgi. Von seiner Liebe zu der Sklavin Runa. Von der Andeutung und Erahnung von Runas Vergangenheit. Von ihrer Flucht in Runas Heimat. Ich nenne Runa jetzt einfach weiterhin Runa, obwohl die spätestens nach Ankunft in ihrer alten Heimat ihren ursprünglichen Namen zurückerhält. Von seinem beziehungsweise ihrem neuen Leben.

 

Der Roman beginnt mit einer Offenbarung des Johannes (wie übrigens alle der folgenden sieben Buchteile), dann folgen zwei Karten, bevor es mit dem ersten Teil in Paris losgeht, der im Jahr 845 um die Osterzeit spielt. Der zweite Teil führt uns im Herbst 861 bis zum Frühjahr 862 nach St. Gallen. Im Dritten lenkt der Autor unser Augenmerk im Sommer 863 nach Haithabu, während der Vierte in Rujana von Sommer bis Herbst des gleichen Jahres spielt. Der fünfte Teil steuert zurück nach Haithabu und umfasst den Zeitraum von Herbst 863 bis Frühjahr 864, der Sechste bringt und wiederum nach Rujana, dieses Mal im Frühjahr 864, bevor der siebte und letzte Teil erneut um die Osterzeit im Jahr 864 nach St. Gallen zurückführt. Im Epilog macht die Geschichte nochmals einen Sprung nach Haithabu. Wir begleiten zumindest Odo also über einen Zeitraum von 19 Jahren, wobei aber große Sprünge gemacht werden. Ein Nachwort rundet alles ab. Alle Teile sind in kurze Kapitel gefasst, was das Lesen erleichtert. Gleichwohl gibt es einige Längen, die es wiederum stellenweise erschweren.

 

Mit dem Roman hat man sowohl einen Krimi/Thriller – es geschehen einige grausame Morde, ganz abgesehen davon, dass die Zeit damals sehr brutal dargestellt wird – als auch eine Liebesgeschichte in der Hand. Die Liebesgeschichte spielt sich vor dem Hintergrund der recht trostlos beschriebenen damaligen Welt ab. Das mindert sie nicht zwingend – wer jedoch auf einen Liebesroman mit reinem Happy-End-Feeling spekuliert, wird vielleicht etwas enttäuscht. Historische Bezüge zu heute noch existierenden Orten sind da, Meyer baut geschichtlich belegte Personen in seine fiktive Geschichte ein. Es wird sowohl das Problem der Christianisierung beschrieben, als auch das eigentliche Leben der Dänen und Wikinger, die ja nicht nur als Seefahrer und furchtlose Krieger zugange waren.

 

Ich bin ehrlich gestanden etwas gespalten, was meine Meinung zu dem Buch betrifft. Einerseits beschreibt Meyer sehr plakativ die damaligen Lebensumstände. Die Morde gehen weder unter noch werden sie bei aller Brutalität übertrieben blutrünstig dargestellt. Runas Rechtlosigkeit in ihrer Zeit als Sklavin, die Armut, die Emotionen der Romanfiguren – all das vermag der Autor glaubwürdig zu vermitteln. Der Wandel des Waisenjungen und späteren Mönchs Odo zum Verfechter seiner fanatischen Ideologie ist so beschrieben, dass sie angesichts seines kindlichen Traumas erklärbar ist. Soweit so gut.

 

Doch die Geschichte verliert immer wieder genau diese Glaubwürdigkeit durch das gleichzeitige Einbringen von Zufällen, die in manchen Passagen einfach zu viel sind. Logischerweise muss Odo auf das Buch der Sünden treffen, es finden, um sein Verhalten zu rechtfertigen. Doch die Weise, wie das in dieser Geschichte geschieht, überzeugt mich nicht. Logischerweise muss er das Schicksal seiner Mutter eruieren, damit der Handlungsbogen von Helgi und Odo zu einem schlüssigen Ende kommt. Angesichts des kurzen Zeitraumes, in dem Odo dies gelingt, hapert es aber schon wieder an meinem Verständnis dafür. Logischerweise muss Odo eine sichere Basis (sprich den kleinen Orden in Haithabu) für sein Vorhaben finden. Die Umstände, die dazu führen, sind aber eben sehr zufällig.

 

Es gibt kleinere Nebenstränge. Beispielsweise die abgrundtiefe Feindseligkeit zwischen Runa und ihrer Schwester. Woher der Hass derselben kommt, arbeitet der Autor nicht genau heraus. Er nutzt ihn in meinen Augen einfach als Mittel, die Geschichte gegen Ende noch einmal hochzuputschen. Fast scheint es, als würde Meyer sich in zu vielen Nebenschauplätzen verlieren. Doch das stimmt nur bedingt. Zumindest teilweise führen wie einfache Füllkapitel wirkende Passagen tatsächlich letztendlich irgendwie zum Ende des Gesamthandlungsbogens. Ebenfalls negativ aufgefallen ist mir eine gewisse Vorhersehbarkeit, die mal schwächer, mal stärker ausgeprägt daherkommt. Leider wirkt das tödlich auf die Spannung, die dadurch kein wirklich hohes Level erreicht. Und auch die vielen, vielen lebensbedrohlichen Situationen, in die beispielsweise Helgi kommt, sind mir etwas zu überzogen dargestellt. Mag sein, dass das mit der damaligen Zeit zusammenhängt, in der man sich seines Lebens nicht sicher war. Doch auf mich wirkt es einfach so, als ob die Spannung künstlich aufgeputscht wird. – Was schade ist, denn der Schreibstil Meyers hat das im Grunde genommen nicht nötig. Das Ende selbst könnte aus Hollywood stammen. Zwar explodiert nichts, aber etwas zu blutig wird es spätestens jetzt allemal und wie alte Westernhelden schaffen es auch die Figuren in Meyers Roman noch das eine oder andere mit übermenschlich wirkender Kraft in Angriff zu nehmen und gar zu erledigen, bevor sie denn sterben. Von dramatisch einstürzenden Gebäuden, just an dem Ort, an dem Odo seinen Plan vollenden will, ganz zu schweigen.

 

Dennoch, obwohl diese Sachen es mir stellenweise sehr schwer gemacht haben, den Roman zu Ende zu lesen, war gleichzeitig etwas darin, das mich immer wieder zum Weitermachen angestachelt hat. War es die Hoffnung, dass sich die Schwächen in nichts auflösen? Der sympathisch dargestellte Helgi? Der völlig unsympathische, doch seltsam diffus bleibende Soziopath Odo? Die Neugier, weil Haithabu und Rujana gleich um die Ecke liegen und ich einfach hinfahren könnte (obwohl natürlich so gut wie nichts mehr von damals im Heute vorhanden ist)? Ich weiß es wirklich nicht.

 

Fazit

 

Ein durchaus opulenter Roman, der aber die eine oder andere Schwäche aufweist. Kein Lesequickie, man sollte dabei bleiben, damit der Handlungsfaden nicht verloren geht. Die Geschichte hat mich nicht wirklich überzeugt und gepackt. Aber auch nicht endgültig abgeschreckt. Deshalb 3 von 5 Punkten für Meyers Debütroman.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)

Peters, Julie: Das Lied der Sonnenfänger

08_peters_daslieddersonnenfanger.jpg

Julie Peters
Das Lied der Sonnenfänger

 

Wunderlich/Rowohlt Verlag
ISBN 978-3805208963
ISBN 3805208960
Historischer Roman
1. Auflage 2010
Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur
Taschenbuch mit Breitklappenbroschur 528 Seiten
[D] 14,95 €

Verlagsseite


Zur Autorin


Hinter dem Pseudonym Julie Peters verbirgt sich die 1979 in Westfalen geborene Juliane Korelski. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, war sie als Buchhändlerin tätig und studierte Geschichte. Mit „Das Lied der Sonnenfänger“ präsentiert die neben ihrer schriftstellerischen Arbeit tätige Übersetzerin ihren ersten Roman.


Zum Buch / Meine Meinung


Zitat Inhaltsangabe:


Eine große Familiensaga im faszinierenden Neuseeland, 1894:


Die Familie O’Brien flieht vor Hunger und Not aus Irland ans andere Ende der Welt. Emily, die Tochter, überhört den Ruf ihres Herzens und geht eine Ehe ein, die sie fast ins Verderben stürzt. Kann sie der Dunkelheit entkommen, die sich auf ihr Gemüt senkt? Ihre Schwägerin Siobhan fürchtet sich vor allem – vor der Wildnis, vor ihrem Ehemann, vor den Eingeborenen. Dann begegnet sie dem Maori Amiri, der tiefe Gefühle in ihr weckt. Doch ihre Leidenschaft beschwört eine Katastrophe herauf …


Auswanderergeschichten sind ja grundsätzlich nichts Neues, dennoch lese ich sie immer wieder gerne und mit den über 500 Seiten halte ich mit Peters Debütroman etwas in Händen, das mich sofort neugierig macht. Die Umschlaggestaltung (eine Küstenlandschaft in beruhigendem blaugrün, relativ dunkel gehalten, auf der Vorderseite der Bug eines Segelschiffes, das darauf hindeutet, bald anzulanden), die ausführliche Inhaltsangabe im Klappentext, dazu ergänzend auf Seite 6 eine Karte, die die Gegend, in der der Roman spielt, zeigt, all das lässt die Vorfreude auf das Buch wachsen und ich stellte mich auf eine lange Lesenacht ein.


Gleich vorab: Sie wurde sehr lang – ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und wurde dank Julie Peters in eine Zeit entführt, in der Freude und Leid, Abenteuer und die Sehnsucht nach Beständigkeit eng beieinanderliegen. Ihre anfangs eher schemenhaft gezeichneten Figuren gewinnen rasch und zunehmend an Kontur, an Tiefe und Farbe und verführen dazu, weiterzulesen, um am Traum eines Mannes teilzuhaben, für den ihm seine ganze Familie in ein neues Leben folgt. Dabei ist völlig nebensächlich, dass er gar nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um seinen Traum zu realisieren. Vielmehr greift er dafür auf das Geld seiner Schwiegertochter zurück, die sich anfangs klaglos und ohne nachzudenken in ihr Schicksal fügt. In dieser einen Lesenacht durfte ich die Familie O’Brian über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleiten, mitfiebern, mitleiden.


Schon bald kristallisieren sich zwei Figuren im Vordergrund heraus. Da ist zum einen Siobhan – auf den ersten Blick glücklich verheiratet, jagt ihr dieser Aufbruch ins Ungewisse dennoch Angst ein. Das liegt nicht nur daran, dass ihr Mann, tagsüber zärtlich und zuvorkommend, sich in den Nächten bisweilen in etwas verwandelt, dass er selbst hasst. Es liegt auch daran, dass ihr weder das Land noch die Ureinwohner ganz geheuer sind. Doch genau einer dieser Ureinwohner ist es, der ihr Leben schon bald lebenswert macht. Und dann ist da Emily – ein träumender Wildfang. Büchervernarrt verfasst sie Gedichte und Geschichten und hegt den ihrer alten Heimat gänzlich unerfüllbaren Wunsch, eine Universität zu besuchen. Für sie kommt dieser Aufbruch gerade recht. Eine Ehemann passt eigentlich nicht so gut in ihr Weltbild, doch um dem Rollenverständnis ihrer Mutter gerecht zu werden, die ihr Siobhan immer wieder als leuchtendes Beispiel vor Augen führt, stürzt sie sich letztlich doch in eine Ehe. Die verändert schon bald auf sehr nachhaltige Weise ihr Leben.


Beide Frauen müssen ihr neues Leben meistern und drohen daran zu zerbrechen. Erschwerend kommen die weltweite Wirtschaftskrise und der 1. Weltkrieg dazu, der Emilys Bruder beinahe das Leben kostet. Zusammen mit der eigensinnigen, patriarchischen Art des Familienoberhauptes sorgt all dies dafür, dass das anfangs blühende Unternehmen der Auswanderer in ernsthafte Schwierigkeiten gerät und der ursprüngliche Traum zu platzen droht. Lediglich der Kraft der Frauen ist es zu verdanken, dass die Familie nicht völlig zerbricht.


Peters versteht es nicht nur das Leben der beiden Frauen ins Schlaglicht zu rücken, sie greift auch ihre Mitstreiter und Nebenfiguren erfreulich lebensecht und klar auf. Dass es in so einer Geschichte nicht nur gute Menschen geben kann, ist völlig klar. Dass sie für Turbulenzen und Verwirrungen sorgen, auch. Beide Seiten haben ihre Träume und Wünsche, Hoffnungen und Ängste, erleben Traumata, verspüren neben Glück auch Wut und Trauer. Die Dialoge, die sie führen, ihr Handeln – all das verleitet einen fast dazu, sie aufhalten zu wollen, wenn sie fast sehenden Auges in ihr Verderben laufen. Da man das nicht kann, hofft man darauf, dass sie mit einem blauen Auge davonkommen.


Während aus der lebenslustigen, neugierigen Emily zunehmend ein lebensuntüchtiges Wrack zu werden droht, gewinnt Siobhan konsequent an Stärke und Mut, den sie im letzten Abschnitt des Romans auch zwingend braucht. Dank Peters Schreibstil geschieht dies keinen Moment langatmig oder unglaubwürdig, verkitscht oder auf Happy End getrimmt.


Fazit


Ein wundervoller Roman, für den es einfach nur fünf von fünf Punkten geben kann. Ein Roman, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt und den ich garantiert ein weiteres Mal lese. Einfach, weil die darin vorkommenden Figuren, die enthaltene Dramatik und Leidenschaft, die Wünsche, Träume und Hoffnungen und das Unglück so authentisch und fein abgewogen sind, dass alles stimmig ist. Ich bin auf weitere Werke der Autorin gespannt.


Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

 

Mannel, Beatrix: Die Hexengabe

01_mannel_diehexengabe.jpg

Beatrix Mannel
Die Hexengabe

Diana Verlag
ISBN 978-3453354258
ISBN 3453354257
Historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung t.mutzenbach design, München
Taschenbuch, 576 Seiten
[D] 9,99 €

 

Verlagsseite
Autorenseite

 

 

Zur Autorin

 

Wer die Homepage der 1961 in Hessen geborenen Autorin besucht, erfährt, dass ihre Liebe zum Schreiben bereits früh entstand und etwas damit zu tun hat, dass sie etwas schaffen wollte, das Bestand hat, das man Zitat: „immer wieder anfassen, betrachten, unters Kopfkissen legen kann. Etwas, in dem man Veilchen pressen, Sandkörner transportieren, einen wackelnden Tisch ruhigstellen, Notizen machen kann“.

 

Das war 1996. Heute - 2011 - sind mehrere Bücher von ihr bei verschiedenen Verlagen erschienen. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Mit „Die Hexengabe“ erscheint im Diana-Verlag ihr erster historischer Roman. Doch Mannel schreibt nicht nur selbst, sie gibt auch kreative Schreibworkshops für jung und alt – sprich für solche, die ihre Leidenschaft teilen.

 

 

Zum Buch

 

Ich mag historische Romane, ich mag fantastische Romane. Der Text auf dem Buchrücken verspricht beides.

 

Zitat:

Nürnberg 1697: Rosa ist begabt und schön und doch scheint sie verflicht zu sein. Denn an ihrer linken Hand hat sie einen sechsten Finger, den sogenannten Hexenfinger.

Als ihr Vater unerwartet stirbt, möchte man sie deshalb nur zu gern loswerden. Aber sie ringt dem Rat der Stadt ein Ultimatum ab:  Gelingt es ihr, binnen zwei Jahren ihren Neffen, den einzigen männlichen Erben, aus Ostindien zu holen, darf die Familie die Spielkarten­druckerei des Vaters weiterführen. Auf der gefahrvollen Reise leistet ausgerechnet ihr sechster Finger wertvolle Dienste – denn mit seiner Hilfe kann Rosa erkennen, wenn jemand lügt …

 

 

Meine Meinung

 

Das klang schon mal spannend und ich machte mich neugierig ans Werk. Tatsächlich brachte Mannel mich in eine farbenfrohe und gleichzeitig recht trost- und für Frauen erschreckend rechtlose Welt. Rosas abenteuerliche Aufgabe wird dadurch erschwert, dass jemand einen Mörder auf ihre Spur hetzt und dass ihr vermeintlicher Vater gar nicht ihr Vater ist. Hat ihr Finger, das vermeintlich fantastische Element in dieser Geschichte geholfen? Obwohl er irgendwie dazu beigetragen hat, ihre Aufgabe zu lösen, würde ich eher nein sagen.

 

Es gibt tatsächlich Passagen in der Geschichte, die immer wieder dafür sorgten, dass ich weiterlas. Spannung kam dennoch nicht wirklich auf. Für meinen Geschmack beginnt Rosas Abenteuer und ihr Aufbruch in eine ferne Welt überaus schleppend und dehnt sich etwas, während das Ende mit der Rückkehr in ihre Heimat samt der Auflösung des Geheimnisses um ihre Herkunft ziemlich schnell aus der Feder der Autorin geflossen sein muss. Darüber hatte ich aber auch mit gewissen Ungereimtheiten und der enervierenden Blauäugigkeit sowie nahezu fatalistisch wirkenden Edelmütigkeit der Hauptfigur zu kämpfen. Der Entschluss nach Indien zu reisen, passt nicht zu dem Bild, das Mannel zunächst von Rosa zeichnet.

 

Zwar ist es einerseits relativ nachvollziehbar für mich, dass Rosa ihren Hexenfinger bewusst vor anderen verbirgt (um ihr Leben zu schützen). Andererseits erscheint es wenig logisch, wie sparsam sie ihn einsetzt, um tatsächliche Gefahr abzuwenden oder auch einfach nur weiterzukommen. Noch weniger schlüssig kommt mir die Leichtigkeit vor, mit der sie ihren Neffen im fernen Indien findet und zurückbringt. Das Problem, dass seine Eltern das vielleicht verbieten, hat die Autorin gekonnt aus dem Weg geräumt, indem sie diese … sagen wir mal eliminiert – soweit so gut. Doch immerhin kann Rosa nicht einfach in ein Flugzeug steigen und in Indien ein Fahrzeug anmieten. Und Geld, damit sie eine Art mittelalterlichen All-Inklusive-Reisegutschein buchen kann, hat sie auch nicht. Außerdem weiß sie weder, wo genau ihr Neffe sich befindet, noch wie dieser aussieht. Beides nicht ganz unabdingbar, wenn ich mir vorstelle, einen kleinen Jungen in einem mir völlig unbekannten Land zu suchen. Einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche, dessen Gewohnheiten ich nicht kenne, etc. Und in meiner Vorstellung eine Frau bin, die bis dato nicht über Nürnbergs Grenzen hinausgekommen ist. Wenn ich dazu noch davon ausgehe, wie sehr ihr das Überleben ihrer kleineren Schwestern und ihrer Mutter am Herzen liegt und welchen Aufwand sie betreibt bzw. welches Risiko sie mit der Reise eingeht, um diese zu retten, überrascht mich andererseits der Mangel an Fantasie. Da wären ganz andere Lösungen meines Erachtens viel naheliegender gewesen. Aber geradezu heroisch hält Rosa an ihrem Plan „ihren“ Neffen nach Nürnberg zu holen fest und wird für ihren Einsatz durch haarsträubend glückliche Zufälle belohnt. Hierbei bedient sich die Autorin eines Perspektivwechsels. Einmal beschreibt Mannell Rosas Geschichte und dann die einer Sklavin, die entscheidend für Rosas Heimkehr ist. Was im Grunde genommen spannend sein könnte, allerdings so vorhersehbar ist, dass besagte Spannung nicht wirklich aufkommen möchte.

 

Fazit

 

Eins der Bücher, das mich sehr gespalten zurücklässt. Einerseits kann ich sagen, dass Mannels Schreibstil flüssig und das Buch gut formuliert ist, was für einen gewissen Lesefluss sorgt. Bestimmte Ideen klingen spannend, lassen mich aber angesichts der Auflösung eindeutig frustriert ausatmen. Bestimmte Passagen sind zu sehr gedehnt, andererseits fehlt eindeutig etwas.

 

Die Welt ist klein – selbst wenn man davon ausgeht, dass die Protagonistin für ihre Aufgabe einmal von Nürnberg nach Indien und wieder zurück reisen muss. Mein Herz ist rein – so rein, dass einfach alles gut ausgehen muss. Die Mischung aus beidem lässt mich der Geschichte auf einer Skala von 1 bis 5 Punkte 2 Punkte geben. Die gibt es für die zwischendurch vorkommenden guten Passagen in einer ansonsten leider eher flachen Geschichte.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)

 

 

Marklund, Liza (Hg.): Mörderische Weihnachten

marklund_morderischeweihnachten.jpg

Mörderische Weihnachten – Spannende Geschichten aus Skandinavien

von Liza Marklund (Hg.)

 

List Taschenbuch

ISBN 978-3-548-61015-3

Erzählungen

Originalausgabe 2010

Umschlaggestaltung bürosüd° GmbH, München

Taschenbuch, 256 Seiten

€ 8,95 [D]

 

www.list-taschenbuch.de

 

 

Zu den Autoren

Für die Sammlung dieser Erzählungen haben sich verschiedene skandinavische Autoren zusammengeschlossen. Neben Liza Marklund arbeiteten Arne Dahl, Torbjörn Flygt, Åke Edwardson, Kjell Eriksson, Helene Tursten, Johanna Nilsson, Leif Davidsen, K. Arne Blom und Inger Frimansson an der Verwirklichung des Buches mit.

 

Zum Buch/Meine Meinung

 

Neben dem Vorwort von Liza Marklund und dem Quellennachweis erwarten den Leser 11 skandinavische Geschichten, die mit Weihnachten insoweit zu tun haben, als es eben in dieser Zeit geschieht. Wirklich mörderisch sind sie nicht alle. Unterhaltsam jedoch schon. Einige wurden bereits in Skandinavien veröffentlicht.

Marklund – „Silvesternacht“ aus dem schwedischen von Anne Bubenzer und Dagmar Lendt. Originaltitel „Näst sista dagegen på året.

 

Dahl – „Die fliegende Mumie“ aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein. Originaltitel „Mumien flyger“ (Buch: „Mord under julgranen“).

 

Flygt - „Vor der Pause“ aus dem Schwedischen von Katrin Frey, Originaltitel „Före paus“ (Buch: „Mord under julgranen“).

 

Edwardson - „Als der Schnee fiel“ aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch, Originaltitel „När snön föll“  (Buch: „Mord under julgranen“).

 

Eriksson - „Weihnachtsüberraschung“ aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn, Originaltitel „Julstök“ (Buch: „Mord i juletid“).

 

Tursten - „Mittwintermord“ aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger, Originaltitel „Kallt Mord“ (Buch: Midvintermord och andra kriminalnoveller“).

 

Nilsson - „Würdest du für mich sterben?“ aus dem Schwedischen von Katrin Frey, Originaltitel „Vill du dö för mig?“ (Buch: „Mord under julgranen“).

 

Davidsen - „Eine Weihnachtskarte aus der Vergangenheit“ Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs.

Blom - „Engel im Schnee“ aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn, Originaltitel „Snöängel“ (Buch: Midvintermord och andra kriminalnoveller“).

 

Frimansson - „Das Rote“ aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt, Originaltitel: „Det röda“ (Buch: „Mord under julgranen“).

 

Marklund - „Der Holzdieb“ aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann.

 

Gleich im Vorwort, geht Marklund auf Weihnachten und die damit verbundenen Traditionen ein, auf die Erwartungen und zwangsläufig folgenden Enttäuschungen. Darauf, dass sie am liebsten in sonnige Gefilde oder eben einfach von daheim weg dem ganzen Trubel entflieht. Überaus nachvollziehbar, zumindest so, wie sie alles schildert.

 

Danach fängt der Lesegenuss langsam an, es dauert etwas, bis die erste Leiche auftaucht. Jede der Geschichten ist in sich abgeschlossen, sie können querbeet oder nacheinander gelesen werden. Da löst eine Kommissarin einen Fall, bei dem auffällig viele Kinder plötzlich Verletzungen aufweisen. In einer anderen Geschichte kommt jemand in arge Bedrängnis, weil aus einem ihm überlassenen Sack Blut tropft. Ungewöhnlich starke Schneefälle pferchen ein streitendes Geschwisterpaar zusammen. Ein Holzdieb lässt einen alten Mann quasi Amok laufen. Nicht immer kommen Tote in den Geschichten vor, aber wenn sie fehlen, fehlen sie gar nicht wirklich. Wenn sie dann doch auftauchen, könnte man fast erschrecken, da man nicht mehr mit ihnen gerechnet hat.

 

Fazit

 

Wer Skandinavienkrimis mag, kommt mit diesem Buch nicht zu kurz und hält kurzweilige Unterhaltung in Händen.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens

Morris, Sally Ann: Geister küsst man nicht

morris_geister_kusst_man_nicht.jpg


 

Geister küsst man nicht

von Sally Ann Morris

 

Titel der englischen Originalausgabe „Trick or Treat“

Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-499-25518-2

Roman

Deutsche Erstausgabe 2010

aus dem englischen von Sabine Maier-Längsfeld

Umschlaggestaltung any.way Hannah Krause

Taschenbuch, 352 Seiten

€ 8,95 [D]

 

www.rororo.de

 

 

Zur Autorin:

 

Auszug aus der Verlagsseite: Sally Anne Morris lehrte über zehn Jahre Psychologie, bevor sie mit dem Schreiben begann. Ihr Studium finanzierte sie mit Hilfsarbeiten als Kurierfahrerin, Erntehelferin und Kellnerin. Früher mochte sie laute Musik, Motorräder und Mode aus den 50ern. Heute lebt sie mit einem ehemaligen Rockmusiker und ihren zwei Kindern in London. Die Vorliebe für Kleider aus den 50ern ist geblieben. (Weitere infos unter www.sallyannemorris.com)

 

Zum Buch/Meine Meinung:

 

Die Inhaltsangabe gibt schon mal gut wieder, worum es in dem Buch geht.  Wenngleich man Lucy nicht unbedingt unterstellen kann, ein Liebesleben zu haben. Es sei denn, man zählt einen gut aussehenden Arbeitskollegen dazu, der sich lediglich aufgrund einer Wette mit ihr einlässt. Was sie aber hat, ist ein SBF (schwuler bester Freund, in den sie quasi verliebt ist) und eine leicht durchgeknallte aber schöne und erfolgreiche beste Freundin, die schon mal die Rechnung für das Dreigespann übernimmt, wenn die anderen beiden wieder einmal pleite sind. Alle drei sind Singles, mehr oder weniger glücklich darüber, um die Dreißig und damit am Scheideweg. Das Ganze spielt in England, wobei der Schauplatz der Geschichte sich auch überall auf der Welt befinden könnte. Lucys Mutter ist eine reichlich durchgeknallte Esoterikerin, mit der Lucy eigentlich so gar nichts am Hut hat. Sie selbst ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen und sehnt sich nach einem normalen Leben mit gesichertem Einkommen und einem Mann an ihrer Seite. Also eins der Bücher, die es schon zuhauf gibt.

 

Spaß hat die Lektüre trotzdem gemacht. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, leicht und spritzig. Es gab Passagen, bei denen ich reichlich verwirrte Blicke aus meiner mehr oder weniger unmittelbaren Umgebung geerntet habe, weil ich angesichts dessen, was ich gerade gelesen hatte, einfach loskichern musste. Mit „Geister küsst man nicht“ hat man definitiv ein Buch zum Entspannen in der Hand. Wobei ich anmerken muss, dass nicht alles so spritzig leicht rüberkommt, wie die Inhaltsangabe es andeutet. Dies trifft auf den ersten Teil des Buches zu, als Lucy und Jonathan aufeinander aufmerksam werden und er sich, wie Falschgeld, in ihr Leben drängt. Der Wechsel in den nicht so unbeschwerten Teil geht recht sprunghaft und ist auch nur kurz, bevor alles wieder in einer entspannenden Leichtigkeit endet.

 

Nach dem überraschenden Auftauchen des Geistes kann Lucy ihre Freunde ebenso wenig wie sich selbst davon überzeugen, dass alles mit rechten Dingen zugeht und ihre Psyche ihr wegen Dauerbelastung lediglich einen unschönen Streich spielt. Spätestens als Gegenstände durch ihre Wohnung fliegen, karren Jojo und Nigel die mittlerweile recht verzweifelte Lucy zu ihrer Mutter, weil sie sich am ehesten Rat von dieser erhoffen. Die bringt allerdings nur insofern etwas Licht ins Dunkel, als sie Lucy von einem Ritual erzählt, dass anlässlich ihrer Geburt für sie abgehalten wurde und in dem sie quasi für eine besondere Gabe gesegnet wurde. Lucy sieht nicht nur im Erwachsenenalter Geister. Sie hatte schon in ihrer Kindheit einen unsichtbaren Freund, tat ihn allerdings ab einem gewissen Alter als Fantasiegestalt ab. Jetzt scheint ihre Gabe wieder hervorzubrechen. Der frisch verstorbene Geist Jonathan will eigentlich nur eines von ihr, dass sie seiner trauernden Verlobten eine Nachricht überbringt. Doch das ist gar nicht so einfach. Erstens, weil Lucy und Jonathan sich erst einmal aneinander gewöhnen müssen. Zweitens, weil Jonathans Kräfte schwinden, je öfter er sich ihr zeigt. Doch das erfahren die beiden erst nach und nach.

 

Und während Lucy noch versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und nach Möglichkeiten strebt, ihre „Gabe“ zu nutzen, bekommt sie nicht mit, wie sich das Leben ihrer Freunde drastisch zu verändern beginnt. Im Laufe der Geschichte kommt Lucy mit einer Gesellschaft in Verbindung, die sich der „Erforschung anormaler Phänomene“ verschrieben hat. Da kommt dann ein leichter Gruseltouch hinzu, denn die Mitglieder der Gesellschaft beschwören mit Lucy etwas herauf, das nicht ganz so nett wie Jonathan ist und ihr Leben in Gefahr bringt. Jonathan wiederum organisiert Leidensgenossen aus seiner neuen Welt, die Lucy helfend zur Seite eilen und plötzlich hat sie nicht nur einen Geist, sondern gleich sieben an ihrer Seite und für alle soll sie Botschaften überbringen. Eine Aufgabe, die sich stellenweise sehr leicht und stellenweise fast unmöglich zu gestalten scheint. Simon, eines der Mitglieder der Gesellschaft, unterstützt sie bei ihrer Aufgabe. Lucy und er kommen sich dabei näher und gerade, als sich herauszukristallisieren beginnt, dass Lucy vielleicht doch ein Liebesleben hat, erfährt sie etwas über ihn, das ihr den Boden unter den Füßen wegzieht. Fast zeitgleich bekommt sie von den Nöten ihrer Freunde etwas mit und die bis dahin wohl wichtigste Bezugsperson in ihrem Leben stirbt. Reichlich viel Aufregung also, über die sie ihren Hauptgeist Jonathan fast vergisst.

 

Fazit:

 

Man könnte sagen, „Geister küsst man nicht“ ist ein bisschen Ghostwisperer auf englisch. Wobei Lucys Geister weder halb zerfallen durch die Gegend laufen noch mit Schockeffekten auf sich aufmerksam machen müssen. Vielmehr stellen sie sich schön in Reih und Glied, wie man es vom typischen Engländer eben zu erwarten scheint. Der Teil, in dem Lucy ihre Geister bzw. Aufgaben nach und nach abarbeitet, hat genau genommen gut zur gesamten Geschichte gepasst und hätte vermutlich dennoch nicht wirklich gefehlt, wäre er beiseitegelassen worden. Deshalb gibt es auf einer Werteskala (von 1 bis 5) nicht die volle Punktzahl. Stattdessen würde ich, weil der Roman sehr kurzweilig war, 4 Punkte vergeben.

 

Für die freundliche Überlassung des Rezensionsexemplares möchte ich mich beim Rowohlt Taschenbuch Verlag herzlich bedanken.

 

Copyright © 2010 Antje Jürgens (AJ)

Meyer, Stephenie: Seelen

meyer_seelen.jpg


Seelen

Von Stephenie Meyer

 

Titel der amerikanischen Originalausgabe „The Host“

Carlsen Verlag GmbH

ISBN: 978-3-551-58190-7

Science Fiction/Fantasy, Jugendbücher

Deutsche Erstausgabe 2008

Aus dem amerikanischen von Katharina Diestelmeier

Gebundene Ausgabe, 864 Seiten

€ 24,90 [D]

 

Zur Autorin

 

Die 1973 in Connecticut geborene Jugendbuchautorin wuchs in Arizona auf und lebt auch heute noch dort. Meyer ist verheiratet und hat drei Söhne. Bereits ihr erster Roman wurde zum internationalen Bestseller. Die Geschichte um Bella und Edward war wohl auch in den Biss-Folgebänden einer der Faktoren für den weltweiten Hype auf Vampirgeschichten. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen dafür. Meyer wird als Thronfolgerin von J.K.Rowlings gehandelt. Zu Recht oder nicht mag dahingestellt sein. Aber: Meyer hat knapp sieben Millionen Bücher verkauft und mit vier Titeln vier Mal die amerikanischen Bestsellerlisten erobert. (Autorenhomepage www.stepheniemeyer.com)

 

Zum Buch

 

Zitat der Inhaltsangabe:

 

Planet Erde, irgendwann in der Zukunft. Fast die gesamte Menschheit ist von sogenannten Seelen besetzt. Diese nisten sich in die menschlichen Körper ein und übernehmen sie vollständig - nur wenige Menschen leisten noch Widerstand und überleben in den Bergen, Wüsten und Wäldern. Eine von ihnen ist Melanie. Als sie schließlich doch gefasst wird, wehrt sie sich mit aller Kraft dagegen, aus ihrem Körper verdrängt zu werden und teilt ihn fortan notgedrungen mit der Seele Wanda. Verzweifelt kämpft sie darum, ihren Geliebten Jared wiederzufinden, der sich mit anderen Rebellen in der Wüste versteckt hält - und im Bann von Melanies leidenschaftlichen Gefühlen und Erinnerungen sehnt sich auch Wanda mehr und mehr nach Jared, den sie nie getroffen hat. Bis sie sich in Ian verliebt … Der ungewöhnliche Kampf zweier Frauen, die sich einen Körper teilen müssen, eine hinreißende Liebesgeschichte und die wohl erste Dreiecksgeschichte mit nur zwei Körpern.

 

Meine Meinung

Diese Inhaltsangabe gibt schon mal sehr gut das wieder, was in 864 Seiten ausführlicher verpackt ist. Das Cover mit dem kleinen Hologramm ist schlicht, wirkt aber gut.

Den ersten Romanen der Autorin bin ich lange aus dem Weg gegangen. Nachdem ich einige Leseproben des ersten Biss-Bandes gelesen hatte, war ich etwas erstaunt über den Hype, den die Bücher auslösten. Aber da Geschmäcker verschieden sind, fand ich das nicht weiter tragisch. Als meine Nichten sich jedoch für die Biss-Reihe zu interessieren begannen, habe ich dann alle vier Bände gelesen und war – beim vierten Band definitiv – der Meinung, dass das nichts für 12 oder 13jährige Mädchen ist. Als besagte Nichten jetzt Interesse an „Seelen“ bekundeten, machte ich mich deshalb sofort ans Lesen des Buches. Immerhin erinnerte mich die kurze Inhaltsangabe doch sehr stark an einen Film und mir kam augenblicklich Donald Sutherlands Lockenkopf mit aufgerissenem Mund und das schweineartige Gequieke daraus in den Sinn.

Gleich vorab. „Seelen“ und die „Biss“-Reihe sind (glücklicherweise) unterschiedlich. Man erkennt Meyer hinter beiden Geschichten, aber in „Seelen“ hat mich so gut wie alles von und um Wanderer bzw. Melanie mehr angesprochen, als irgendetwas der im seltenen Sonnenlicht glitzernden Vampire aus Forks.

Die Grundidee zu Seelen ist ja wie gesagt nicht neu, etwas daran erinnerte mich an den Film „Die Körperfresser kommen“. Allerdings setzte Meyer sie wesentlich jugendfreundlicher um. Obwohl ich stellenweise Passagen fand, die mir überflüssig vorkamen und die m. E. durchaus gestrichen hätten werden können, hätte ich andererseits am Ende der Geschichte gerne mehr Seiten gehabt. Meyers „Seelen“ lesen sich trotz der eben erwähnten etwas schwächeren Passagen und ein, zwei kleineren Ungereimtheiten sehr flüssig. Ihr Schreibstil hat mich recht schnell in diesen Roman eintauchen lassen. Besonders gefallen hat mir der Anfang, als Wanderer in Melanies wieder zusammengeflickten Körper transplantiert wird und sie sich gezwungenermaßen, mit mehr oder weniger Schwierigkeiten, aneinander gewöhnen, weil Melanie sich nicht so einfach aus ihrem Körper verdrängen lassen möchte.

Gefühlvolle Passagen – die eine ganze Bandbreite an Emotionen beinhalten - lassen den Leser an Wanderers eigentlich unerträglichen Zustand teilhaben. Obwohl sie im Grunde unmöglich sympathisch sein kann, weil sie Melanies Körper wider deren Willen besetzt (ebenso wie Millionen anderer Seelen das tun), kommt man nicht umhin, Mitgefühl mit ihr zu empfinden. Genau wie mit Melanie, die sich mehr und mehr ihren Körper zurückerobert. Und dann mit beiden. Weil die eine immer bei der anderen ist. Weil neue Gefühle und gefühlte Erinnerungen ebenso geteilt werden wie Berührungen. Was der einen gefällt, stört die andere und doch weiß jede von ihnen, dass alles ohne die andere nicht machbar wäre. Vielleicht klingt es etwas seltsam, aber beim Lesen hatte ich immer wieder das Bild von siamesischen Zwillingen vor Augen. Untrennbar verbunden und doch eigenständig, mit eigenen Ängsten, Wünschen und Hoffnungen.

Während der Aufenthalt Wanderer, die sich nach einiger Zeit Wanda nennt, vor Augen führt, wie falsch das Verhalten der Seelen ist, lernen die „unbeseelten“ Menschen von ihr, wie brutal sie selbst sich gegenüber „beseelten“ Menschen und den darin enthaltenen Seelen verhalten. Ein Lernprozess setzt ein, der dazu führt, dass Wanderer sich bei aller Zugehörigkeit immer einsamer fühlt.

In einige Kritiken habe ich gelesen, dass Wanderer bzw. Melanie und die beiden Männer um sie herum ein sehr konservatives Männer-Frauen-Bild zeichnen. Dann, dass wenig Spannung und keine Romantik im Buch sind. Es gibt tatsächlich keine großen Crash-Boom-Bang-Effekte. Fehlen sie? Ich denke nicht, schon gar nicht in einem Jugendbuch. Und was die Romantik betrifft - nun ja, die hätte ich persönlich etwas unpassend empfunden, angesichts der Lebensumstände der noch nicht „beseelten“ freien Menschen, bei denen Wanderer bzw. Melanie Unterschlupf gefunden haben. Außerdem wird ja schon in der Inhaltsangabe auf eine Liebesgeschichte verwiesen. Und dass eine an sich friedliebende, wenn auch Körper okupierende Seele nicht ständig Amok läuft, wenn sie in einem fremden Körper steckt, war für mich auch von vornherein relativ klar. Dass Wanderer Menschen retten will, als sie erkennt, wie falsch das Verhalten der Seelen ist, ist eine logisch nachvollziehbare Schlussfolgerung. Umso mehr hat mir das bereits erwähnte, größtenteils emphatisch und gefühlvoll beschriebene Gefühlsdilemma gefallen in dem Wanderer/Wanda und Melanie sich befinden. Was mir etwas weniger gefallen hat, war der Schluss. Der passte zwar genau genommen auch zur Geschichte und zum Jugendbuch. Dennoch erschien er mir persönlich etwas zu schöngefärbt.

Fazit

Ich werde das Buch noch mal lesen - falls es tatsächlich eine Fortsetzung gibt, werde ich auch die weiterverfolgen. Und ich kann „Seelen“ getrost meinen Nichten überlassen – zumindest denen die älter als 14 sind …

Copyright © 2010 Antje Jürgens (AJ)