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Archiv der Kategorie Historisch - 18./19.Jahrh.

Chevalier, Tracy: Zwei bemerkenswerte Frauen

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Tracy Chevalier
Zwei bemerkenswerte Frauen

Originaltitel Remarkable Creatures
aus dem Englischen übersetzt von Anne Rademacher
Knaus Verlag
ISBN 978-3813503685
ISBN 3813503682
Historischer Roman
Deutsche Erstausgabe 2010       
Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten
[D] 19,99 €

 

Verlagsseite

Autorenseite

 

Zur Autorin

 

Die heute in London lebende, 1962 in den USA/Washington, DC., geborene und aufgewachsene Tracy Chevalier war das jüngste von drei Kindern. Sie studierte Anglistik in Ohio und – nach ihrem Umzug Anfang der 1980er-Jahre nach England - kreatives Schreiben. Kurz vor der Geburt ihres Sohnes im Jahr 1998 vollendete sie ihren Roman bisher erfolgreichsten Roman – Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Das Schreiben ist mittlerweile eine Vollzeitbeschäftigung für sie und zahlt sich auch aus. So gewann Das Mädchen mit dem Perlenohrring nicht nur den Barnes und Noble Award – es wurde über 4 Millionen Mal weltweit verkauft und 2003 mit Scarlett Johansson und Colin Firth in den Hauptrollen verfilmt. Auch die anderen Bücher der Autorin eroberten kurz nach Erscheinen die Bestsellerlisten Englands.

 

Zum Buch

 

Das Erste, was mir an dem Buch auffiel, war das Umschlagmotiv. Es zeigt neben einem Küstenabschnitt mit zwei Frauen einen goldfarbenen Ammoniten. Dieser ist etwas herausgearbeitet, was man beim Darüberstreichen fühlt.

 

Auch in Zwei bemerkenswerte Frauen vermischt Chevalier einmal mehr Fiktives mit historisch belegten Personen und Tatsachen. Dafür bedient sie sich – wie man ihrer Anmerkung im Buch entnehmen kann - der beiden von der Fachwelt lange totgeschwiegenen, aber dennoch belegten Frauen Mary Anning und Elizabeth Philpot, die sehr erfolgreich im Bereich der Fossilienforschung tätig waren.

 

Der Roman spielt im England des 19. Jahrhunderts und umfasst einen mehrjährigen Zeitraum. Elizabeth zieht zusammen mit ihren ebenfalls ledigen Schwestern aus finanziellen Gründen in den kleinen südenglischen Küstenort Lyme Regis. Ihr Leben verändert sich dadurch drastisch. Doch nachdem sie es zunächst eher als Strafe betrachtet, aufs Land abgeschoben zu werden, muss sie bald feststellen, dass der Umzug auch gewisse Vorteile bietet. So lebt sie beispielsweise wesentlich freier als im sittenstrengen London. Und einen Zeitvertreib hat sie auch bald gefunden, denn die Küste ist durchsetzt von Fossilien, die teils nach und nach durch die Flut freigespült werden, teils ausgegraben werden müssen. Hierbei begegnet sie Mary, die in Lyme Regis geboren und aufgewachsen ist und dort mit ihrer Familie in ärmlichen Verhältnissen lebt. Ein Zubrot verdienen sie sich durch den Verkauf von Fossilien. Entgegen aller Konventionen und trotz des Altersunterschiedes freunden sich Mary und Elizabeth an, verbringen viel gemeinsame Zeit, machen spektakuläre Entdeckungen. Und verlieben sich in den gleichen Mann, was fatale Folgen nach sich zieht und die Freundschaft schweren Prüfungen unterwirft.

 

Meine Meinung

 

Auch in diesem Roman ist es Chevalier gelungen, ein so lebensnahes Bild ihrer Charaktere zu zeichnen, dass man mit ihnen fühlt, fiebert und leidet. Nicht nur der beiden Haupt-, sondern auch sämtlicher Nebenfiguren. Atmosphärisch dicht gewebt, öffnet jede Szene einen klaren Blicken auf die verstaubten Konventionen, die Missstände, aber auch auf die dünkelhafte Ignoranz und die Verschlossenheit der männlich-dominierten (naturwissen-schaftlichen) Welt jener Zeit. Daneben gibt es noch die kindliche Neugier mit der Elizabeth an die Fossiliensuche herangeht oder die abgeklärte, geduldige, großzügige und immer wieder begeisterungsfähige Mary, die nicht nur ihr dabei hilft. Die Autorin lässt einmal sie, dann wieder Elizabeth zu Wort kommen. Auch dadurch werden die gesellschaftlichen Unterschiede deutlich. Elizabeth, etwas exzentrisch, die sich gewählt und sprachgewandt auszudrücken vermag. Mary, deren einfaches Gemüt sich ebenso wie ihre mangelhafte Bildung in ihrer Sprache und bisweilen auch in ihrem Tun niederschlägt. Der Kampf um die Anerkennung ihrer Leistung ist hart, scheint manchmal vergeblich bis unmöglich zu sein. Die sanften und dennoch eindringlichen Worte, mit denen Chevalier ihr Schicksal und den Verrat an ihr beschrieben hat, wecken den Kampfgeist. Nicht nur von Elizabeth, fast möchte man selbst mit zur Tat schreiten, um zu helfen.

 

Ein kleines Manko der Geschichte ist, dass die Beschreibung von Ausgrabungsszenen relativ häufig vorkommt. Das wirkt etwas störend, obwohl es natürlich rein von der Fossilienthematik her passt. Die ist zwar eindeutig die Passion beider Hauptfiguren, aber für mein Dafürhalten trotz aller Fundbeschreibungen auf vielen Seiten nur ein Nebenhandlungsstrang. Was mich viel mehr angesprochen hat, war die Emanzipierung, die die beiden Frauen durchlaufen. Und das alles in einer Zeit, in der das bis dahin geltende Weltbild aufgrund fossiler Funde ins Wanken geriet – was die Männer zwar (hin und wieder unter empörten Aufschreien der Kirche) machen durften, bei Frauen jedoch als skandalös und untragbar empfunden wurde.

 

Die ebenfalls enthaltene Liebesgeschichte ist eher angedeutet, dennoch berührt sie. Ebenso die Eifersüchteleien, die in diesem Zusammenhang entstehen. Dass die Frauen ihre Freundschaft über dieses Zerwürfnis hinaus in gewisser Weise retten können, wird ebenso nachvollziehbar beschrieben, wie alles andere. Chevalier bedient sich nicht falscher Dramatik, dafür aber einer gut strukturieren und greifbaren Dynamik, die den Roman trotz aller Versteinerungen lebendig lesenswert macht.

 

Fazit

 

Ein wunderschönes, unaufgeregt erzähltes Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft und das Behaupten zweier starker Frauen in einer verknöcherten, männlich-dominierten Gesellschaft, dem ich 4,5 von 5 Punkten geben möchte.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

Kaffke, Silvia: Das dunkle Netz der Lügen

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Silvia Kaffke

Das dunkle Netz der Lügen

 

Wunderlich Verlag

ISBN 978-3805208895

ISBN 3805208898

Historischer Kriminalroman

1. Auflage 2010

Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur

Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 496 Seiten

[D] 19,95 €

 

Verlagsseite

Autorenblog

 

Zur Autorin

 

Silvia Kaffke ist auf dem deutschen Buchmarkt längst keine Unbekannte mehr. Die 1962 in Duisburg/NRW geborene und ihrer Heimatstadt treu gebliebene studierte Publizistin, Germanistin und heute im PR-Management tätige Autorin bedient sowohl das aktuelle wie auch das historische Krimigenre. Handlungsort ist dabei Deutschland. Von 2000 bis 2006 erschienen insgesamt vier Romane um die BKA-Profilerin Barbara Pross; 2001 wurde der Erste davon mit Ann-Kathrin Kramer in der Hauptrolle von SAT1 verfilmt. 2008 wurde dann Kaffkes erster historischer Roman verlegt. Er beginnt eine Romanreihe um Lina Borghoff, die in dem Stadtteil spielt, in dem die Autorin lebt. Ihre berufliche Laufbahn brachte Kaffke neben einer Tätigkeit als Texterin, Lektorin und Sekretärin unter anderem zum Duisburger filmforum. Von der Stadt Düsseldorf wurde sie im gleichen Jahr, in dem auch ihr erster Roman „Messerscharf“ erschien, mit dem Kulturförderpreis ausgezeichnet.

 

Zum Buch

 

Der Hochglanz-Schutzumschlag zeigt rauchende Fabrikschlote, einen brennenden Himmel, eine schwach-leuchtende Gaslaterne, altmodisch gekleidete Menschen und eine düstere Straßenszene – kein Wunder, laut Umschlagtext soll mich die Geschichte ja nach Ruhrort ins Jahr 1861 bringen. Das Cover passt sehr gut zum Inhalt des Romans. Gefallen haben mir in diesem Zusammenhang auch die beiden Stadtpläne ganz vorne und ganz hinten im Buch. Was das Lesen etwas erleichtert hätte, fehlt leider – eine Auflistung der Personen, die in der Geschichte vorkommen. Doch das ist nur ein kleines Manko. Nach dem Prolog kann man sich nach Herzenslust in den folgenden 15 Kapiteln austoben, bevor der Roman mit einem kleinen Epilog und einer Danksagung der Autorin endet.

 

Doch zurück zum Roman:

 

Zitat Umschlagtext

 

Ruhrort, 1861: Dunkle Zeiten im Land von Stahl und Kohle

 

Lina hat es geschafft: Ihr kleiner Modesalon ist in aller Munde. Wie viele Bewohner des Städtchens hat sie die Aufbruchstimmung der letzten Jahre genutzt und sich nach ihrer Hochzeit mit Kommissar Robert Berghoff selbstständig gemacht. Ihre Welt wird erschüttert, als Anna Jansen erstochen wird. Wer hatte einen Grund, ihrer besten Näherin nach dem Leben zu trachten?

 

Doch das ist erst der Anfang. Ein weiterer Mord geschieht. Und während ganz Ruhrort den traditionellen Maiball begeht, werden die Villen reicher Bürger geplündert. Nicht nur der Polizei fällt auf: Die Taten waren gut geplant, zeugen von genauer Kenntnis der Örtlichkeiten und Besitztümer. Und: Sie betreffen ausschließlich Linas Kunden. Misstrauen schlägt ihr entgegen. Gestern noch eine angesehene Bürgerin Ruhrorts, muss Lina nun ihre Ehre verteidigen. Dabei steht nicht nur ihr Ruf auf dem Spiel.

 

Meine Meinung

 

2008 erschien ja, wie bereits erwähnt, Kaffkes erster historischer Roman „Das rote Licht des Mondes“ der sich ebenfalls um Lina, die Protagonistin von „Das dunkle Netz der Lügen“ drehte. Ich muss gestehen ich habe das Buch nicht gelesen und auch erst hinterher bemerkt, dass es da einen Vorgängerband gibt. Man kann also diesen zweiten Roman ohne Probleme lesen, wenn man das Vorgängerbuch nicht kennt.

 

Eheliche Gewalt, Ehebruch, Sorgerechtsstreitigkeiten, Erpressung, Raub und Mord, die Wirtschaftskrise. Eine Plage der Gegenwart? Mitnichten. All dies begegnet uns auch in Kaffkes zweitem historischen Kriminalroman. Doch das ist es nicht allein. Hier wird auch klar, wie undenkbar den Menschen von damals unser heutiges Leben vorkommen müsste, könnten sie denn einen Blick darauf werfen. Unser relativ leichter Zugang zu Grundnahrungsmitteln und Wasser, medizinischer Versorgung oder auch eine Verbrecherjagd mit allen verfügbaren technischen Mitteln.

 

Kaffke führt ihre Leserschaft nicht nur in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in einen damals noch als Vorort existierenden Stadtteil Düsseldorfs um sie dort an einem Kriminalfall teilhaben zu lassen. Sie unterhält darüber hinaus detailreich und verknüpft in spielerischer Leichtigkeit verschiedene Handlungsstränge. Historische Kulissen, wie etwa ein Stahlwerk oder die seit den 1960er-Jahren nicht mehr vorhandene Altstadt, sind genauso geschickt eingeflochten. Die dargestellten Charaktere – ob nun Haupt- oder Nebenfiguren, Sympathieträger oder eher verhasste Gestalten – sind klar und lebendig gezeichnet. Und das, obwohl man gleich von Anfang an mit vielen zurechtkommen muss. Sie sind nicht extrem selbstlos, besonders schön oder allzu heroisch. Viel eher sind es Menschen, die einem im täglichen Leben begegnen könnten. Harmonisch scheint es einzig im Haus der Protagonistin zwischen ihr und ihrem Ehemann zuzugehen. Ansonsten sind alle Stärken und Schwächen, alle Tiefen und Höhen der menschlichen Psyche vorhanden. Die Figuren gehören allen sozialen Schichten an. Teilweise wurden sie mitleiderregend, Verständnis heischend oder auch abstoßend gezeichnet – doch immer detailliert und lebendig. Kein Charakter wirkt aufgesetzt oder unglaubwürdig. Es gibt Personen, die vielleicht auf den ersten Blick überflüssig wirken mögen, auf den zweiten jedoch sehr gut hineinpassen. Alle sind sie sorgfältig konstruiert – genau wie die Handlung. Alles und jeder trägt einen kleinen Part zum großen Ganzen bei.

 

Mit klarer Sprache schildert die Autorin die damaligen Lebensumstände. Sie bedient sich dabei – wie bereits erwähnt – mehrerer Handlungsstränge. Erzählt werden sie alle aus der Sicht eines unbeteiligten Dritten. Kaffke schafft eine etwas düstere Grundatmosphäre, die die harten Lebensumstände umso glaubwürdiger wirken lässt. Obwohl dieser Roman eindeutig in das Genre des Kriminalromans passt, ist das Verbrechen darin nicht im Vordergrund. Diebstahl, Mord, Körperverletzung, Erpressung – all das kommt vor. Doch obwohl die Nebenschauplätze, wie etwa die Arbeit in der kräftezehrenden Stahlhütte, der halbwegs sichere, nicht weniger harte Alltag der Näherinnen, die Plackerei von Mägden und Knechten, fast genauso viel Raum einnehmen, wirken sie nicht störend oder überdeckend. Vielmehr vereint sich alles zu einem sehr real wirkenden Bild des Lebens zu dieser Zeit, an diesem Ort.

 

Die Wortwahl der Autorin sorgt einerseits dafür, dass sich die Geschichte sehr locker und flüssig lesen lässt. Der stetige Wechsel von gut zu böse, von fatalistisch zu tatkräftig, von reich zu arm, von Handlungsstrang zu Handlungsstrang, erfordert jedoch etwas Konzentration. Zwar verknüpft die Autorin die Einzelstränge sehr verschickt und sauber und lässt keinen davon im Nichts verlaufen. Gleichzeitig liegt hier jedoch auch eine kleine Schwäche. Durch diesen stetigen Wechsel weiß der Leser zwangsläufig mehr als die Figuren. Das lässt ihn einerseits mitfiebern oder mitleiden, andererseits raubt es stellenweise etwas von der Spannung einer Geschichte, die weniger auf besonders schwierig zu lösenden Fällen, als vielmehr auf Abgründen der menschlichen Spezies und ihrer psychologischen Beweggründe fußt.

 

Fazit

 

Einige verknüpfte Kriminalfälle vor einem authentisch wirkenden historischen Hintergrund. Trotz kleinerer Schwächen habe ich mich gut unterhalten gefühlt und möchte vier von fünf Punkten vergeben.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

 


Peters, Julie: Das Lied der Sonnenfänger

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Julie Peters
Das Lied der Sonnenfänger

 

Wunderlich/Rowohlt Verlag
ISBN 978-3805208963
ISBN 3805208960
Historischer Roman
1. Auflage 2010
Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur
Taschenbuch mit Breitklappenbroschur 528 Seiten
[D] 14,95 €

Verlagsseite


Zur Autorin


Hinter dem Pseudonym Julie Peters verbirgt sich die 1979 in Westfalen geborene Juliane Korelski. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, war sie als Buchhändlerin tätig und studierte Geschichte. Mit „Das Lied der Sonnenfänger“ präsentiert die neben ihrer schriftstellerischen Arbeit tätige Übersetzerin ihren ersten Roman.


Zum Buch / Meine Meinung


Zitat Inhaltsangabe:


Eine große Familiensaga im faszinierenden Neuseeland, 1894:


Die Familie O’Brien flieht vor Hunger und Not aus Irland ans andere Ende der Welt. Emily, die Tochter, überhört den Ruf ihres Herzens und geht eine Ehe ein, die sie fast ins Verderben stürzt. Kann sie der Dunkelheit entkommen, die sich auf ihr Gemüt senkt? Ihre Schwägerin Siobhan fürchtet sich vor allem – vor der Wildnis, vor ihrem Ehemann, vor den Eingeborenen. Dann begegnet sie dem Maori Amiri, der tiefe Gefühle in ihr weckt. Doch ihre Leidenschaft beschwört eine Katastrophe herauf …


Auswanderergeschichten sind ja grundsätzlich nichts Neues, dennoch lese ich sie immer wieder gerne und mit den über 500 Seiten halte ich mit Peters Debütroman etwas in Händen, das mich sofort neugierig macht. Die Umschlaggestaltung (eine Küstenlandschaft in beruhigendem blaugrün, relativ dunkel gehalten, auf der Vorderseite der Bug eines Segelschiffes, das darauf hindeutet, bald anzulanden), die ausführliche Inhaltsangabe im Klappentext, dazu ergänzend auf Seite 6 eine Karte, die die Gegend, in der der Roman spielt, zeigt, all das lässt die Vorfreude auf das Buch wachsen und ich stellte mich auf eine lange Lesenacht ein.


Gleich vorab: Sie wurde sehr lang – ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und wurde dank Julie Peters in eine Zeit entführt, in der Freude und Leid, Abenteuer und die Sehnsucht nach Beständigkeit eng beieinanderliegen. Ihre anfangs eher schemenhaft gezeichneten Figuren gewinnen rasch und zunehmend an Kontur, an Tiefe und Farbe und verführen dazu, weiterzulesen, um am Traum eines Mannes teilzuhaben, für den ihm seine ganze Familie in ein neues Leben folgt. Dabei ist völlig nebensächlich, dass er gar nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um seinen Traum zu realisieren. Vielmehr greift er dafür auf das Geld seiner Schwiegertochter zurück, die sich anfangs klaglos und ohne nachzudenken in ihr Schicksal fügt. In dieser einen Lesenacht durfte ich die Familie O’Brian über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleiten, mitfiebern, mitleiden.


Schon bald kristallisieren sich zwei Figuren im Vordergrund heraus. Da ist zum einen Siobhan – auf den ersten Blick glücklich verheiratet, jagt ihr dieser Aufbruch ins Ungewisse dennoch Angst ein. Das liegt nicht nur daran, dass ihr Mann, tagsüber zärtlich und zuvorkommend, sich in den Nächten bisweilen in etwas verwandelt, dass er selbst hasst. Es liegt auch daran, dass ihr weder das Land noch die Ureinwohner ganz geheuer sind. Doch genau einer dieser Ureinwohner ist es, der ihr Leben schon bald lebenswert macht. Und dann ist da Emily – ein träumender Wildfang. Büchervernarrt verfasst sie Gedichte und Geschichten und hegt den ihrer alten Heimat gänzlich unerfüllbaren Wunsch, eine Universität zu besuchen. Für sie kommt dieser Aufbruch gerade recht. Eine Ehemann passt eigentlich nicht so gut in ihr Weltbild, doch um dem Rollenverständnis ihrer Mutter gerecht zu werden, die ihr Siobhan immer wieder als leuchtendes Beispiel vor Augen führt, stürzt sie sich letztlich doch in eine Ehe. Die verändert schon bald auf sehr nachhaltige Weise ihr Leben.


Beide Frauen müssen ihr neues Leben meistern und drohen daran zu zerbrechen. Erschwerend kommen die weltweite Wirtschaftskrise und der 1. Weltkrieg dazu, der Emilys Bruder beinahe das Leben kostet. Zusammen mit der eigensinnigen, patriarchischen Art des Familienoberhauptes sorgt all dies dafür, dass das anfangs blühende Unternehmen der Auswanderer in ernsthafte Schwierigkeiten gerät und der ursprüngliche Traum zu platzen droht. Lediglich der Kraft der Frauen ist es zu verdanken, dass die Familie nicht völlig zerbricht.


Peters versteht es nicht nur das Leben der beiden Frauen ins Schlaglicht zu rücken, sie greift auch ihre Mitstreiter und Nebenfiguren erfreulich lebensecht und klar auf. Dass es in so einer Geschichte nicht nur gute Menschen geben kann, ist völlig klar. Dass sie für Turbulenzen und Verwirrungen sorgen, auch. Beide Seiten haben ihre Träume und Wünsche, Hoffnungen und Ängste, erleben Traumata, verspüren neben Glück auch Wut und Trauer. Die Dialoge, die sie führen, ihr Handeln – all das verleitet einen fast dazu, sie aufhalten zu wollen, wenn sie fast sehenden Auges in ihr Verderben laufen. Da man das nicht kann, hofft man darauf, dass sie mit einem blauen Auge davonkommen.


Während aus der lebenslustigen, neugierigen Emily zunehmend ein lebensuntüchtiges Wrack zu werden droht, gewinnt Siobhan konsequent an Stärke und Mut, den sie im letzten Abschnitt des Romans auch zwingend braucht. Dank Peters Schreibstil geschieht dies keinen Moment langatmig oder unglaubwürdig, verkitscht oder auf Happy End getrimmt.


Fazit


Ein wundervoller Roman, für den es einfach nur fünf von fünf Punkten geben kann. Ein Roman, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt und den ich garantiert ein weiteres Mal lese. Einfach, weil die darin vorkommenden Figuren, die enthaltene Dramatik und Leidenschaft, die Wünsche, Träume und Hoffnungen und das Unglück so authentisch und fein abgewogen sind, dass alles stimmig ist. Ich bin auf weitere Werke der Autorin gespannt.


Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

 

 

Fischer, CKLKH: Große Kannibalenschau

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Die große Kannibalenschau
von CKLKH Fischer

periplaneta
ISBN 978-3940767608
historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung Marion Alexa Müller
Taschenbuch, 240 Seiten
€ 13,00 [D]

 

www.periplaneta.com
www.cklkh.de

 

Zum Autor

 

Hinter dem auf dem Buchcover seltsam wirkenden Namen CKLKH Fischer verbirgt sich der Autor, Musik- und Kulturjournalist Christian Fischer. Neben seiner Tätigkeit für verschiedene Magazine wie etwa Melodie & Rhythmus oder auch Motor.de, war er Mitherausgeber der 2001 eingestellten Literaturzeitschrift Der kleine Dilettant. Doch damit nicht genug. Der Poet-2000-Stipendiat arbeitete in der Assistenz des Geschäftsführers des Maas-Verlages, lektorierte bei Heyne und Goldmann erschienene Bücher von Mark Pätzold und schrieb neben zwei Drehbüchern für Whiteport Film auch den hier vorgestellten Roman Große Kannibalenschau.

 

Zum Buch

 

Es ist abgesehen von Fischers Debütroman auch der 60. Roman aus dem Hause periplaneta. Gemäß der Inhaltsangabe entführt der Autor seine Leserschaft darin nach

 

Hamburg im September 1899.

 

In Europa ziehen Völkerschauen Millionen von Besuchern an. Sie bestaunen Eskimos, Beduinen oder Negerstämme, die im Zoo, Varieté und Zirkus zur Schau gestellt werden. Die Nachfrage nach den Wilden ist riesig. Und so sucht Agent Heinrich Hermann für die Spektakel im Tierpark Hagenbeck in den Kolonien nach den exotischsten Exemplaren.

 

Eben zurückgekehrt von einer strapaziösen Reise nach Deutsch-Neuguinea, wo er einen Stamm Kopfjäger unter Vertrag genommen hat, genießt er die Zeit mit seiner Familie, die ihn viel zu selten sieht. Doch ihm ist nur wenig Ruhe vergönnt, denn eines Morgens, als er gerade beim Kaffee sitzt, meldet das Dienstmädchen aufgeregt:

„Herr Hermann? Da ist jemand vom Tierpark. Er sagt, Sie sollen schnell mitkommen. Er sagt, es eilt. Er sagt auch, Ihre Wilden würden - streiken.  Und sie hätten sich einen Anwalt genommen.“


CKLKH Fischers historischer Roman über die Zeit der Menschenzoos ist manchmal grotesk, oft auch etwas schräg und sehr kurzweilig. Tolle Unterhaltung für Wilde, Herrenmenschen und für deren Nachfahren.

 

Treffender könnte sein Roman nicht beschrieben werden. Der Autor hat das Buch in drei Handlungsstränge geteilt. Der Erste umfasst eine Reise Hermanns nach Neuguinea zur Beschaffung neuer Objekte für Hagenbeck. Der Zweite sein Leben, seine Familie und die Ausstellungszeit in Hamburg. Der dritte in die beiden anderen geschickt verwobene Strang Hermanns Kampf mit sich selbst.

 

Meine Meinung

 

In seinem Debütroman führt der Autor den Leser in eine bizarre und skurrile Welt, die faszinierend kurzweilig unterhält und gleichsam ein Gedankenkarussell in Gang setzt, das nicht so einfach zu stoppen ist. Der Roman selbst mag zwar fiktiv sein, die der Geschichte zugrunde liegende Idee besitzt jedoch durchaus einen historischen Kontext, an den sich Fischer größtenteils hält.

 

Es scheint einerseits schwer vorstellbar, was man zu lesen bekommt. Wer würde heute noch in einen Zoo gehen, um jemandem dabei zuzusehen, wie er kocht? Andererseits hat sich, auch wenn heute die sogenannten Wilden größtenteils zivilisiert sind und damit uninteressant geworden zu sein scheinen, doch ein ähnliches Phänomen bis in die heutige Zeit gerettet. Immerhin gibt es Menschen, die sich an irgendwelchen Orten zusammenpferchen lassen, um ihre Kunststückchen und verbalen Ergüsse für ihre Anhängerschaft vor laufender Kamera vorzuführen. Und noch immer finden sich weltweit seltsamerweise Zuschauer aus allen Bevölkerungsschichten, die mehr oder weniger gebannt zusehen.

 

Damals jedoch waren es Menschen, die – im Gegensatz zu den Figuren in Fischer Roman oder den Teilnehmern irgendwelcher Fernsehsendungen – vermutlich nicht freiwillig gekommen sind, um Hagenbeck-Besucher (oder die anderer Zoos, Zirkusse, Varietés) zu ergötzen. Menschen, die oftmals und allenfalls als Tiere bezeichnet und stellenweise weitaus schlimmer behandelt wurden. Aus ihrem natürlichen Umfeld und ihren Familien gerissen und zur Schau gestellt. Und, falls sie das Pech hatten hier einer der zahlreich auf sie einstürmenden Krankheiten zu erliegen, weit ab der Heimat und ihren Vorfahren nicht würdig beigesetzt, sondern eventuell seziert und für die Ewigkeit konserviert zu werden. Und das alles vielleicht, nachdem sie zuvor in ihrer Heimat bereits feststellen mussten, dass die seltsamen Fremden, die übers Meer zu ihnen gekommen waren, nicht so nett waren, wie sie anfangs schienen. Sie in bestimmten Situationen zwar als so menschlich betrachteten, dass sie für Mischlingsnachwuchs mit ihnen sorgten, ansonsten jedoch als amüsante Alternative zu sonstigen Haustieren oder als billige, beliebig austauschbare, arbeitende Kreaturen sahen.

 

Klingt bitter und nach keinem Kapitel unserer Geschichte, auf das wir stolz sein können, kommt aber dank Fischers Idee, die Wilden den Spieß umdrehen zu lassen, sie als geschäftstüchtige, durchaus gewiefte Figuren und nicht als absolut hilf- und willenlose Kreaturen darzustellen, anders herüber.

 

Exotische Länder und Lebewesen. Eine bei allem Mangel an Zivilisation lockende Freiheit. Eine gewisse Machtposition in der Fremde und die Chance auf Bewunderung, wenn er erfolgreich heimkehrt. All das steht seinem engen bürgerlichen, scheuklappenbehaftetem Dasein gegenüber. Mit all dem muss Fischers Protagonist fertig werden und zeigt die Tendenz, daran zu zerbrechen. Seine Erlebnisse, seine Ängste, seine Hoffnungen. Von all dem schreibt Fischer überaus lebendig und tiefgründig und schafft es gleichzeitig das Ganze dezent und unkompliziert zu gestalten. Sein humoriger Schreibstil und seine greifbaren Beschreibungen sowohl der einzelnen Handlungsschauplätze als auch der versnobten, ach so zivilisieren Bürgerschaft in Europa, respektive Hamburg, mit überaus bigotten Ansichten, machen seinen Debütroman zu einem Buch für mich, das ich mit Sicherheit nochmals lesen und gerne weiterempfehlen kann.

 

Fazit

 

Skurrile und kurzweilige Unterhaltung vor einer realen historischen Kulisse. Macht eindeutig Lust auf mehr und verdient 5 von 5 Punkten.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)

 

Freise, Charlotte: Die Seelenfotografin

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Charlotte Freise

Die Seelenfotografin

 

Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-499-25512-0

Historischer Roman

Originalausgabe 2010

Umschlaggestaltung any.way Sarah Heiß

Taschenbuch, 320 Seiten

€ 8,95 [D]

 

www.rororo.de

 

Zur Autorin:

 

Die bereits unter dem Namen Karla Schmidt tätige Autorin Charlotte Freise wurde 1974 in Göttingen geboren. Sie studierte Kultur-, Theater- und Filmwissenschaften. Im Jahr 2009 erhielt sie den Deutschen Science-Fiction-Preis für die beste Kurzgeschichte. Die Autorin lebt zusammen mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Berlin. Der Umstand, dass im März 2010 bereits ein Psychothriller unter ihrem richtigen Namen Karla Schmidt veröffentlicht wurde, hat die Autorin dazu gebracht, ihren ersten historischen Roman „Die Selenfotografin“ unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. (Weitere Infos unter www.karla-schmidt.de.)

 

Zum Buch:

 

Die Inhaltsangabe verspricht einen Ausflug ins historische Berlin mit einem Hauch Fantasy. Die Zeilen darüber (Ein Mann ohne Vergangenheit. Ein Mädchen ohne Zukunft. Eine Liebe, die nicht sein darf.) klingen gut; sind jedoch nach Lektüre des Buches ein klitzekleiner Widerspruch in sich. Denn natürlich hat der Mann eine Vergangenheit. Und genau genommen hat die Protagonistin auch eine Zukunft; wenngleich die anders aussieht, als man sich das anfangs vorstellt. Was stimmig war und blieb, ist die Liebe, die nicht sein darf.

 

Denn Isabel ist Teil von Ruvens Vergangenheit, an die er sich jedoch fast den ganzen Roman hindurch nicht erinnert. Seine früheste Erinnerung beginnt im Waisenhaus, in dem er ein zwar ein hilfsbedürftiges, elternloses Kind war, aber eben auch nur ein hungriges Maul, das sich schon früh sein tägliches Brot durch harte Arbeit verdienen musste. Während diverse Mädchen von der Leiterin des Heims als „Modelle“ zum Wanderfotografen Bing geschickt werden, verkauft sie Ruven an ihn, damit er ihm zur Hand geht. Viele Jahre zieht er mit Bing umher und absolviert quasi eine Lehre. Doch er lernt nicht nur die Kunst des Fotografierens. Er sieht viel Gewalt. Bing verachtet Frauen, misshandelt, missbraucht und/oder fotografiert sie – Aktfotografien, die etwas zensiert, als wissenschaftliches Anschauungsmaterial verkauft werden.

 

Als sich Ruven eine Chance bietet, neu anzufangen, greift er zu. Sprichwörtlich. Er stiehlt seinem Chef eine Fotoausrüstung und folgt dem Ruf eines Arztes, der ihm eine Festanstellung verspricht. Ruven soll fortan, psychisch Kranke vor und nach ihrer Behandlung ablichten. Mit dem ebenfalls gestohlenen Geld mietet er sich ein Zimmer bei der alleinstehenden Elfie und ihrem Sohn. Dieses Zimmer wiederum befindet sich im selben Haus, in dem Isabel wohnt. Sie ist eine der Patientinnen, die Ruven fotografieren soll. Isabel interessiert sich nicht nur fürs Fotografieren, sie ist fasziniert von der Art der Fotos, die Ruven bis dahin angefertigt hat. Denn Peter, der Sohn seiner Zimmerwirtin, ist nicht nur mit Isabel befreundet und bringt sie zu den Behandlungsterminen in die Klinik (wo er auf Ruven trifft und mit zu sich nach Hause nimmt, als er feststellt, dass es ihm nicht gut geht). Er ist ferner in den Wagen von Bing eingebrochen und hat die dabei gestohlenen Fotos teilweise Isabel gezeigt. Und – bei diesem Einbruch wurde er von Ruven ertappt, der sich gerade mit seinem eigenen Diebesgut davonstehlen wollte.

 

Alles scheint gut zu werden. Zwischen Ruven und Elfie bahnen sich zarte Bande an, die Arbeit in der Klinik sichert ihm ein geregeltes Einkommen. Er denkt daran, eine Familie zu gründen. Doch eine ihm unerklärliche Faszination für Isabel, die er nur wenige Male gesehen hat, hindert ihn daran, Elfie einen Antrag zu machen. Er überlegt, die ihm zunehmend an die Nieren gehende Arbeit in der Klinik aufzugeben und ein eigenes Fotoatelier zu eröffnen. Letztlich verdankt er das Atelier Isabel, die ihm nicht nur eine von ihr entwickelte Formel für ein neues, revolutionäres Verfahren übergibt, sondern auch an der Erfindung der Seelenplatte arbeitet, von der sie ihn ebenfalls zu überzeugen versucht.

 

Die Charaktere sind klar gezeichnet. Ruven - ein junger Mann, will weiterkommen, das Elend und die Gewalt hinter sich lassen, und begeht dafür sogar eine Straftat; und wird schneller von seiner Vergangenheit eingeholt, als ihm lieb ist. Peter - ein Teenager, der aufgrund der Armut keine Kindheit und Jugend hat, sich aber immer irgendwie durchmogelt. Seine Mutter Elfie - hilfsbereit, aufopferungsvoll, immer fröhlich, höflich, und desillusioniert. Anna - die Tante, die Isabel versorgt, nachdem ihre Familie bei einem Unglück ums Leben kam, alt und krank. Isabel – ein junges Mädchen, wissbegierig, gebildet, vertrauensvoll unschuldig und berechnend manipulativ, verzweifelt und doch lebenslustig. Der Arzt - pflichtbewusst, fortschrittlich …

 

Doch wie weit darf dieser Fortschritt gehen? Seine Versuche gereichen Frankenstein zur Ehre. Er experimentiert mit Toten. Was in Ruven den Wunsch weckt, zu kündigen. Der Arzt strebt danach, diese Versuche auch am lebenden Objekt zu probieren. Als Isabel erfährt, wie Ruvens und ihre Vergangenheit zusammenhängen, erleidet sie einen Zusammenbruch und wird zum geeigneten Versuchsobjekt für den Arzt. Und die Seelenplatte zum einzigen Versuch, Isabel zu retten.

 

Meine Meinung:

 

Die Autorin hat durch Wortwahl und Schreibstil eine Kulisse für die Geschichte geschaffen, die den Leser wie einen Voyeur auf die damalige Zeit blicken lässt. Er sieht die unschönen Seiten eines Daseins in Not und Elend. Bis auf wenige Ausnahmen scheint nichts dieses Leben dort wirklich lebenswert zu machen. Und doch gibt es sie. Gestohlene Momente des Glücks, die Hoffnung und so etwas wie Zufriedenheit in den Charakteren der Geschichte wecken.

 

Die Grundidee ist gut und die gesamte Geschichte an sich ist nicht ohne Spannung. Ob die Story allerdings wirklich packend ist, steht auf einem anderen Blatt. Zum einen sind die Charaktere zwar klar, aber etwas flach gezeichnet. Zum anderen schrammt man aber größtenteils an Erpressung, sexuellem Missbrauch, medizinischem Wahnsinn oder auch dem tagtäglichen Kampf ums Überleben genauso vorbei wie an der eigentlichen Liebesgeschichte zwischen den beiden Protagonisten. Man blickt neugierig darauf, taucht aber nicht richtig ein. Die Geschichte liest sich zwar flüssig, aber nicht reißend. Außerdem – das Buch ist in vier Teile gegliedert – erscheint der letzte Teil schneller und flüchtiger erzählt.

 

Dennoch kann ich nicht sagen, dass mir das Buch nicht gefallen hat. Wie gesagt, die Idee ist gut. Die Beschreibung der damaligen Lebensumstände oder etwa der Behandlungen auch – größtenteils eine bloße Draufsicht, aber das stört nicht völlig. Ich empfand das sogar fast detaillierter beschrieben als das, was in der Inhaltsangabe angekündigt war. Mir persönlich fehlte der tiefere Einblick in die eigentliche Liebesgeschichte. Und auch mehr zu der Seelenplatte an sich und den damit verbundenen Aspekten. Allerdings: Das Ende ist mehr oder weniger offen. Vielleicht gibt es ja irgendwann einen zweiten Teil, in dem ich dann auf meine Kosten komme. Auf einer Werteskala (von 1 – 5) würde ich deshalb 3,75 Punkte für „Die Seelenfotografin“ Isabel vergeben; die übrigens eigentlich gar nicht selbst fotografiert. Mir persönlich hätte der ursprünglich angedachte Titel „Isabels Schöpfung“ besser gefallen.

 

Für die freundliche Überlassung des Rezensionsexemplares möchte ich mich beim Rowohlt Taschenbuch Verlag herzlich bedanken.

 

Copyright © 2010 Antje Jürgens (AJ)

 

Follet, Ken: Die Brücken der Freiheit

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Die Brücken der Freiheit

Von Ken Follet

 

Bastei Lübbe

ISBN 978-3404128150

Historischer Roman

04/1998

Softcover 546 Seiten

€ 9,99 [D]

 


Zum Buch:

 

Ken Follets „Brücken der Freiheit“ taucht der Leser zunächst ins Schottland des 18. Jahrhunderts. Er begegnet unzufriedenen, geknechteten – nein eigentlich versklavten - Menschen in den Bergwerken eines Feudalherren, die aufgrund der unmenschlichen Arbeitsbedingungen dort, dem Hunger und der Kälte vor allem eins bewegt – die Freiheit. Denn bereits Neugeborene werden ihrem Herrn zur Zwangsarbeit verpflichtet.

 

Der junge McAsh lehnt sich dagegen auf - muss jedoch feststellen, dass auch seine Flucht nach London ihm nicht unbedingt ein besseres Leben beschert, denn die Arbeitsbedingungen dort sind fast genauso katastrophal. Dort kommt er als Aufständischer in Konflikt mit dem dort herrschenden Patriarchat. Er wird gefangen genommen und kommt in Ketten nach Amerika. Und damit eigentlich vom Regen in die Traufe.

 

Doch er und seine Kohlebrüder sind nicht als Einzige unzufrieden. Auch Lizzy Jamisson, eine junge Adlige will sich mit ihrem vorhersehbaren Leben nicht abfinden. Und auch sie kommt – wenn auch auf ganz andere Weise – nach Amerika. Heiratet dort und trifft – welch Zufall – auf McAsh. Womit der Leser dann in den dritten Buchteil eintaucht - in dem Lizzy und McAsh so unaufhaltsam aufeinander zusteuern, wie es nur sein kann.

 

Meine Meinung:

 

Konnte mich das Buch wirklich fesseln – ehrlich gesagt nicht. Was aber zunächst daran lag, dass ich es im unmittelbaren Anschluss an „Säulen der Erde“ und „Pfeiler der Macht“ gelesen habe. Das Cover von „Brücken der Freiheit“ reiht sich perfekt in die der vorgenannten Bücher ein. Leider plätschert jedoch der Inhalt von „Brücken der Freiheit“ viel zu seicht und vor allem bereits nach kurzer Zeit völlig vorhersehbar vor sich hin. Follet scheint in diesem Roman kein Klischee auszulassen. Die „Guten“ sind einfach gut und edel - am Beispiel von Lizzy gesehen schlicht das Vorbild der emanzipierten Frau (wenn auch reichlich naiv), daneben aber natürlich auch adlig, gut aussehend und edelmütig, am Beispiel von Mc Ash betrachtet der Mann schlechthin, der geborene Revoluzzer, der alle in seinen Bann ziehen kann und auch noch ehrlich und wahrheitsliebend. Die Bösen – nun ja, die sind leider völlig vorhersehbar, weil sie einfach das pure Gegenteil der beiden Protagonisten sind: geldgeile, verschlagene Säufer die nicht nur ihre Frauen ausnehmen, sondern auch noch schlagen.

 

Was das Buch unter diesem Vergleichsaspekt zu den vorgenannten Romanen betrachtet etwas rettet, sind Follets - wie immer detaillierte - Einblicke in historische Fakten.

 

Wenn ich das Ganze separiert betrachte, dann kommt dabei ein einfacher Liebesroman heraus. Nett erzählt, mit historisch glaubwürdigen Aspekten gewürzt, netten Protagonisten und reichlich Melodramatik (muss ja nicht alles immer absoluten Tiefgang haben :-D). Doch auch unter diesem Aspekt gibt es mir in der Geschichte in sich zu viele Zufälle, um sie wirklich wirken zu lassen. Sicher, die Welt ist klein, aber Lizzy begegnet McAsh beispielsweise in Schottland, in England und im großen Amerika. Sie immer erhaben und edel, er immer unterprivilegiert. Das Ganze ist gewürzt mit ganz klassischen Liebesroman-Elementen wie Eifersucht, Hass, Liebe, Rache … In der Badewanne hat mir der Roman dann ganz gut gefallen – zum leichten Entspannen eignet er sich also durchaus (das meine ich ganz ehrlich und auch nicht abwertend). Ich würde „Die Brücken der Freiheit“ als (seitenstarke) Geschichte für laue Urlaubsabende empfehlen.

 

Copyright Antje Jürgens (03/2010)

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