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26. Februar 2011

Quinn, Spencer: Bernie & Chet

Filed under: Abenteuer,Jugendbuch,Krimi/Thriller — Ati @ 11:33

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Originaltitel: Dog on It
aus dem Englischen übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck
Penhaligon Verlag
ISBN 978-3764530709
ISBN 3764530707
Krimi
Deutsche Ausgabe 2011
Umschlaggestaltung Hilden Design München
Taschenbuch, 352 Seiten
[D] 19,99 €

Verlagsseite

 

Spencer Quinn ist ein Pseudonym des am 28.06.1947 in Boston geborenen Autors Peter Brian Abrahams. Bevor er zum Schreiben kam, arbeitete er bei Radio und Fernsehen. Für seine unter dem Namen Abrahams veröffentlichten Kriminalromanen erfolgten Nominierungen für den Edgar Award. 2005 gewann er für den ersten Teil der Echo-Falls-Serie den Agatha Award für das beste Kinder-/Jugendbuch. Abrahams war unter anderem am Drehbuch für den 1996 entstanden Film „The Fan“ beteiligt.  Er mag die Musik von Louis Armstrong, den Film „China-Town“ und bezeichnet sich als glücklichen Menschen, dessen größte Herausforderung es war, vier glückliche Kinder zu erziehen. Mit diesen, seiner Frau und seiner Hündin, lebt der Autor auf Cape Cod. Auf die Idee zu dem Roman „Dog on It“ kam er durch seine Frau.

 

Katzenkrimis sind mir schon einige untergekommen, Hundekrimis weniger. Mit Bernie & Chet liegt der Erste vor mir und ich kichere immer noch, wenn ich gedanklich die eine oder andere Passage rekapituliere. Worum geht’s?

 

Zitat Inhaltsangabe: Bernie Little und sein Partner Chet sind die besten Privatdetektive der Stadt. Und das liegt vor allem an Chet, der immerhin beinahe mal ein Polizeihund geworden wäre. Zugegebenermaßen hat Chet all die typischen Schwächen eines Hundes: So verfügt er über einen unbezähmbaren Spieltrieb und ein äußerst lückenhaftes Erinnerungsvermögen. Doch das macht der smarte Vierbeiner mehr als wett mit seinem Jagdinstinkt und seiner untrüglichen Spürnase. Vor allem jedoch hat Chet ein großes, mutiges Herz, das ganz und gar für sein liebenswertes Herrchen Bernie schlägt – und für die hübsche Menschenfrau Suzie Sanchez, die nach Chets Ansicht das perfekte Weibchen für Bernie wäre. Aber was versteht ein Hund schon vom merkwürdigen Treiben der Menschen?

 

Gleich vorab – das gibt es schon mal sehr gut wieder. Die über 100 Pfund schwere, muskelbepackte Promenadenmischung Chet, die uns die Geschichte erzählt – präsentiert sich nicht nur laut Inhaltsangabe als leicht vergesslicher, Fast-Polizeihund (dem bei der entscheidenden Prüfung dummerweise eine Katze in den Weg kam) mit einer Spürnase, die ihn sich schon mal selbst verfolgen lässt. Er ist darüber hinaus äußerst verfressen und verleibt sich alles ein, was irgendwie essbar aussieht, selbst wenn das schon lange vergessen unter irgendwelchen Möbeln liegt und er es hinterher wieder herauswürgen muss. Kann man ihm das übel nehmen? Nein, dazu kommt Chet viel zu sympathisch daher. Ach ja, und sein Spieltrieb ist auch nicht zu verachten. Doch meist genügt nur eine Kleinigkeit, um ihn sich auf seine Aufgabe besinnen zu lassen. Sein Partner Bernie, ein ehemaliger Polizist, betreibt eine mehr schlecht als recht gehende Detektei und ist dankbar für Chets Hilfe. Er kämpft noch mit den Folgen seiner Scheidung oder vielmehr mit den Folgen, die das für seine Beziehung zu seinem Sohn mit sich bringt. Er hat seine Prinzipien, die er eisern verfolgt, selbst wenn sich daraus Nachteile für ihn ergeben.

 

Chet kennt seinen Platz und ist dankbar dafür, dass er nicht so wie der Nachbarhund leben muss. Bernie ist eindeutig der Rudelführer, aber der Rüde macht sich durchaus seine Gedanken über sein Herrchen. Über das Wasser, das bisweilen aus seinen Augen fließt und das seltsamerweise salziger schmeckt, als das Wasser, das er sonst so kennt. Über sein seltsames Verhalten, als die Journalistin Sanchez auftaucht. Ganz offensichtlich will Bernie die beeindrucken, selbst wenn er nicht gerade in Bestform ist. Zwar versteht Chet Bernie meistens sofort – umgekehrt gibt es da allerdings das eine oder andere Problem. Manchmal erscheint Bernie dem Hund ziemlich begriffsstutzig – jedenfalls so lange, bis er wieder einmal vergisst, was er gerade dachte, wollte oder sollte.

 

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Das ist aber mit Erteilung eines neuen Auftrags auch notwendig. Statt der üblichen Beschattung untreuer Ehepartner werden sie um Hilfe bei einer Entführung gebeten, bei der mehr und mehr seltsame Dinge ans Licht kommen. Sie werden sogar von dem Fall abgezogen, machen jedoch – da kommen Bernies Prinzipien ins Spiel, denen auch Chet treu, wie ein Hund es eben tut, folgt – machen unverdrossen weiter. In diesem Zusammenhang erlebt Chet selbst eine Entführung, ihm droht gar das endgültige Aus in einem Tierheim. Und auch Bernie gerät bei seinen Ermittlungen in größere Gefahr, als den beiden lieb sein kann.

 

Die Geschichte bietet einige Wendungen und auch kleinere Perspektivwechsel, was die Hintergründe der Entführung relativ bald ans Licht bringt. Madison – das gesuchte Mädchen – weiß beispielsweise auch, wo sie ist und mit ihr erfahren es natürlich die Leser ebenfalls. Stört es? Nein, was mit Sicherheit an den sympathischen Figuren liegt. Die einfach gehaltene Sprache fällt ebenso wenig ins Gewicht, da die Geschichte über gute Strukturen verfügt. Der Plot ist durchgängig erfrischend umgesetzt. Chet wird nicht vermenschlicht, aber sehr überzeugend beschrieben. Ich habe mehrmals meine eigene Hündin angesehen und mich gefragt, ob der Autor vielleicht mal bei uns zu Gast war und ihr Verhalten beobachtet hat. Bernie und die übrigen Zweibeiner sind ebenfalls lebendig beschrieben und könnten gleich nebenan wohnen. Ob Wichtigtuer, Loser, Hysteriker, alter Mann oder Biker – um nur ein paar zu nennen. Sie kommen einem durchweg etwas bekannt vor.

 

Fazit:  Es ist kein Krimi, in dem Action und Spannung sich in rasanter Weise mit schockigen Aha-Effekten abwechseln. Der Krimianteil ist eher … sagen wir mal … gering gehalten, obwohl es am Ende durchaus noch abgeht. Wer mit seinen Lesevorlieben speziell darauf abzielt, sollte vielleicht die Finger von dem Buch lassen. Lesern, die Geschichten über Freundschaften mit einem Schuss Krimi in lockerem, entspannendem und humorigem Erzählstil mögen, kann ich Chet und sein Herrchen jedoch absolut empfehlen. Da ich Ersteres bei einem Hundekrimi nicht wirklich erwartet habe, hat mir das Buch sehr gut gefallen, es war flüssig zu lesen, sorgte für mehrere Lacher und ist für Kinder wie Erwachsene als Unterhaltungs- und Entspannungsbuch geeignet. Deshalb von mir die volle Punktzahl und die Hoffnung auf einen bereits angedeuteten Folgeband. Chet ist einfach unwiderstehlich.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

25. Februar 2011

Harvey, Samantha: Tage der Verwilderung

Filed under: Roman — Ati @ 15:59

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Originaltitel: The Wilderness
aus dem Englischen übersetzt von Barbara Heller
DVA
ISBN 978-3421043825
ISBN 3421043825
Roman
Deutsche Ausgabe 2010
Umschlaggestaltung Rothfos & Gabler, Hamburg
Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten
[D] 21,95 €

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Die studierte Philosophin und Mitbegründerin einer 2005 aus der Taufe gehobenen, karitativen Umweltorganisation wurde 1975 in Kent geboren. Samantha Harvey reist sehr gerne und lebte in Irland, Japan und Neuseeland, bevor sie sich in Bath niederließ. Mit der Originalausgabe von „Tage der Verwilderung“ (The Wilderness) stellt Samantha Harvey ihren Debütroman vor. Von Harper’s Bazar wurde sie zur „Women to Watch in 2009“ gekürt.

 

Zitat Buchrücken: Ein Haus, ganz aus Glas, inmitten der Moorlandschaft von Lincolnshire, das war Jakes lebenslanger Traum. Doch es kam anders: Einzig für das örtliche Gefängnisgebäude ist der Architekt bekannt – und dort sitzt nun sein Sohn ein.

Das bewegende Porträt eines Mannes, der darum kämpft seine Erinnerungen zu bewahren, gekleidet in wunderschöne, eindringliche Bilder voller Poesie.

 

2005 habe ich einen Film gesehen, der sich – wie es nur wenige Filme schaffen – sofort in mein Unterbewusstsein einklinkte und mich bis heute nicht vergessen ließ. James Garner, Gena Rowlands und Nick Casavattes Umsetzung von „Wie ein einziger Tag“, schafften etwas aus einem Sparks-Roman zu schaffen, was mich berührte. Es ging um das Thema Demenz und dem hoffnungslos anmutenden, aber anhaltenden Versuch eines Mannes, seine Frau in ihrer Welt zu erreichen.

 

Durch Zufall stolperte ich kürzlich über die Inhaltsangabe von Samantha Harveys „Tage der Verwilderung“ und abgesehen davon, dass sofort die Erinnerung an diesen leisen, aber sehr eindrücklichen Film da war, wollte ich unbedingt dieses Buch lesen. In dem geht es ebenfalls um die Thematik Alzheimer und Demenz. In Harveys Fall jedoch aus der Sicht des daran erkrankten Patienten selbst.

 

Samantha Harvey Tage der Verwilderung – ihr Debütroman, in dem sie sich sofort an ein überaus schwieriges Thema heranwagte – heimste bereits kurz nach der Veröffentlichung Auszeichnungen ein. So etwa den Betty Trask Award 2009 oder den AMI-Literatur-Award 2009. Darüber hinaus wurde er unter anderem für den bedeutendsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt, den „Booker-Preis“ nominiert. Er ist zwischenzeitlich in 12 Sprachen übersetzt worden und setzt seinen Siegeszug fort. Bei uns ist er traurigerweise trotz allem noch eher unbekannt. Warum? Nun, Harveys Schreibstil hat aus etwas, das schwer in Worte zu fassen ist, einen sehr bildhaften Tribut geschaffen. Mit klaren und ergreifenden Worten lässt sich die Autorin über die Verletzlichkeit dessen aus, was uns Menschen ausmacht – unseres Geistes. Mit ihrem Buch hat man eines von denen in Händen, die sich schwer beiseitelegen lassen, wenn man sich erst herangewagt hat. Und eins von denen, die man nicht so schnell vergisst.

 

Tief berührend, schön und gleichzeitig erschreckend, schafft es die Autorin, zu fesseln. Vielleicht weil sie Tage der Verwilderung nach eigenen Angaben mit ihrem Herzen geschrieben hat. Klingt sentimental? Möglich, doch wer sich in ihren Roman vertieft, wird schnell merken, dass diese Worte nicht einfach nur so dahergesagt sind. Absolut unsentimental, dafür aber eindringlich und überaus emphatisch führt Harvey an ihre Figur Jake heran. Wer ist er, wer war er?

 

Jemand der verzweifelt versucht, zu begreifen und zu verarbeiten, was mit ihm geschieht. Jemand, dessen Gegenwart bröckelt. Jemand dessen Leben im Nichts verschwindet. Jemand, der versucht, aus alten Erinnerungsfetzen, sein Leben zu rekonstruieren. Erinnerungsfetzen, die viel länger halten, als das, was beispielsweise gestern der Erinnerung hinzugefügt wurde. Und doch etwas, das auf Dauer keinen Bestand mehr hat. Ein Mann mit schwieriger Kindheit. Mit einer Mutter, die vom Holocaust traumatisiert wurde. Mit einer Frau, die in ihrem Glauben ruht und deren Tod unsinnig scheint. Mit einem Sohn, der im Gefängnis landet – warum, daran kann Jake sich nicht mehr erinnern.

 

In poetischer Bildhaftigkeit lässt die Autorin die Leser an seiner Welt teilhaben. Lässt seinen Schmerz, seine Verwirrung mitfühlen. Etwa in den Geschichten über Liebesbriefe an seine verstorbene Frau, die er nicht zuordnen kann. Über das fehlende E, die nicht greifbare Tochter oder den Kirschbaum, die Flucht. Sie fragen sich, was darin geschieht? Dann geht es Ihnen genauso wie Jake. Sein Leben wirkt ihm fremd, sein Er-Leben qualvoll. Ausgerechnet der Mann, dessen Name nicht mit der Realisierung großer Träume, sondern nur mit einem Gefängnisgebäude in Verbindung gebracht wird, ausgerechnet dieser Mann wird zu einem Gefangenen der Krankheit. Ausgerechnet der Mann, der zur Erschaffung von Neuem Altes demontieren ließ, erlebt die unaufhaltsame Demontage seines Selbst. Zunächst bewusst, dann zunehmend unbewusster. Immer dann, wenn sich Gegenwart und Vergangenheit überlappen. Realität oder Wahnvorstellung? Die Grenzen sind fließend. Seine Einsamkeit, die Trostlosigkeit seiner Zukunft – all das wird durch die plakative Darstellung von Jakes Situation wie auch seiner Umgebung verdeutlicht. Wie kann man sich mit jemandem unterhalten, Fragen stellen, wenn die Worte dazu fehlen? Wie kann man neue Eindrücke verarbeiten, wenn man hoffnungslos von ihnen überrollt wird. Hilflos, wie ein kleines Kind – das wird Jake; das ist Jake.

 

Fazit:  Kein Buch für zwischendurch, keine leichte Kost. Kein beruhigendes, aber auch kein Angst machendes Buch. Ein wundervoller, menschlicher Roman. Gleichermaßen schockierend wie faszinierend. Souverän meistert die Autorin die schwierige, oft ignorierte Thematik. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Figur aufbaut und begleitet, den Zerfall beschreibt, ohne die Würde zu vernachlässigen, zog mich durch die Geschichte. Man kann dafür nur die volle Punktzahl geben und hoffen, dass noch weitere Romane von dieser Autorin folgen.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

17. Februar 2011

Hannah, Kristin: Wenn Engel schweigen

Filed under: Belletristik,Roman — Ati @ 16:10

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Originaltitel: Angel Falls
aus dem Amerikanischen übersetzt von Dietlind Kaiser
Ullstein Taschenbuchverlag
ISBN 978-3548252988
ISBN 3548252982
Roman
3. Auflage 2002
Taschenbuch, 335 Seiten
[D] 7,95 €
überarbeitete Ausgabe im Ullstein Verlag 2009 unter ISBN 978-3548269771

 

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Wer hätte gedacht, dass die Verfasserin der schrecklichsten, klischeehaftesten, historischen Liebesgeschichte, die jemals geschrieben wurde, einmal zu einer Bestsellerautorin mutiert, der nachgesagt wird, dass sie mit ihren realistischen Romanen die verborgensten Saiten ihrer Leser zum Klingen bringt?

 

Die 1960 in Kalifornien geborene und im Bundesstaat Washington aufgewachsene Anwältin und Bestsellerautorin Kristin Hannah (die das von ihrem ersten Werk, welches in Zusammenarbeit mit ihrer krebskranken, todgeweihten Mutter entstand, sagt) sicher nicht. Das Manuskript verschwand nach dem Tod ihre Mutter in einer Kiste und wurde weggeräumt. Hannah machte mit ihrem bisherigen Leben weiter, heiratete, wurde schwanger. Als ihr Mann sie während ihrer Schwangerschaft an das Manuskript erinnerte, holte sie es wieder hervor und fand heraus, dass die prophetischen Worte ihrer Mutter, die in ihr eine Schriftstellerin sah, sich bewahrheiteten. Hannah fand ihre Berufung, die sie bis heute nicht verloren hat: Geschichten erzählen. „Wenn Engel schweigen“ war ihr neunter Roman.

 

Das unscheinbare Buch, das gerade vor mir liegt, ist schon etwas älter. Auf der Verlagsseite finde ich es schon nicht mehr. Neue Exemplare können schon für 50 Cent erworben werden. Puh, das beweist wieder einmal, wie schnelllebig der Buchmarkt heutzutage ist. Na ja, nicht ganz. Es gibt schon eine überarbeitete Ausgabe für 8,95 € beim gleichen Verlag….

 

Worum geht es darin? Zitat der Inhaltsangabe:

 

Nach einem Reitunfall liegt Mikaela, Mutter zweier Kinder, im Koma. Die Chancen auf Heilung stehen schlecht. Aber Liam, ihr Ehemann, will die Hoffnung nicht aufgeben. Tag für Tag sitzt er am Bett seiner Frau, hält ihre Hand, spricht mit ihr – ohne Erfolg. Völlig verzweifelt greift er zu einem letzten Mittel: Mikaelas großer Liebe. Liam fühlt, dass der weltberühmte Filmstar Julian True der Einzige ist, der seine Frau ins Leben zurückholen kann. Aber zu welchem Preis? Wem wird Mikaela sich zuwenden, sollte sie tatsächlich durch Julians Hilfe aufwachen?

 

Ganz ehrlich? Das gibt nur unzureichend wieder, was alles darin vorkommt, hat aber gereicht, mich neugierig zu machen und es zur Hand zu nehmen. Trotzdem war ich skeptisch, weil ich bei einem Onlineanbieter Bewertungen gelesen hatte, in denen bemängelt wurde, dass alles zu perfekt (Ehe, Eltern, Kinder, Schwiegermutter, Beruf, Heim) und zu schmalzig ist. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Der Roman beinhaltet zwar passagenweise eine gewisse Melodramatik und die eine oder andere Länge.

 

Gleichwohl denke ich, dass die Autorin sehr anschaulich beschreibt, was die gesamte Familie nach Mikaelas Reitunfall durchlebt. Angefangen von ihrem kleinen Sohn, vor dessen Augen sie stürzt und der lange Zeit nicht glauben kann, dass seine Mom noch lebt. Ebenso nachvollziehbar ist das Verhalten der Mutter, die die Hoffnung und ihren Glauben daran nicht aufgibt, dass ihre Tochter den Unfall überlebt. Oder nehmen wir Liam, der dafür, dass seine Frau die Chance hat, aus ihrem Koma zu erwachen, sogar riskiert, seine große Liebe zu verlieren. Denn obwohl er immer ahnte bzw. wusste, dass er niemals ihre erste Wahl gewesen wäre, stellt das, was er findet, während er Kleidung für seine Frau im Krankenhaus zusammensucht, ihr ganzes gemeinsames Leben infrage. Ebenso wenig wird Mikaelas Tochter aus erster Ehe vergessen, die bis zum Auftauchen ihres leiblichen Vaters zwar immer wusste, dass sie nicht Liams Tochter ist, die aber gleichzeitig keinen Schimmer davon hatte, wie berühmt ihr Erzeuger wirklich ist. Auch dessen Charakter plakatiert Hannah lebensnah überzeugend, ebenso wie dessen Agent. Jeder der Charaktere fällt zusammen mit Mikaela in eine Art Schockstarre und jeder von ihnen muss sich auf seine Art daraus lösen und die Vergangenheit teilweise aufarbeiten, dass normale Leben weiterleben. Längst nicht alles läuft dabei perfekt. So vergisst etwa Liam über seinen Schmerz fast seine Kinder, was sich fatal auf seinen Sohn auswirkt, der mit seinem Trauma, mit seinen Ängsten so alleine dasteht, dass man ihn unwillkürlich in die Arme schließen möchte.

 

Die Autorin überfrachtet die Geschichte nicht mit medizinischen Details, ist allerdings diesbezüglich etwas zu oberflächlich recherchiert. Auch der Unfall, der das Leben aller Figuren so drastisch verändert, wird nicht über Gebühr ausgeschlachtet. Von Anfang an ist das Hauptaugenmerk auf Gefühle gerichtet. Auf Schmerz, teilweisen Verrat, Überraschung aber vor allem Liebe. Dies wird sehr bewegend und feinfühlig dargestellt. Ganz Hannah eben – denn wie meinte sie einmal? (Zitat) Liebe ist kein gewaltiges Feuer, das die Seele versengt und nur verkohlte Reste übrig lässt. Es sind schlichte, alltägliche Momente, die Bausteine aufeinanderlegen, Stück für Stück, bis sie solides Fundament bildet, das nichts zum Einsturz bringen kann. Kein Wind, kein Regen … nichts.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

16. Februar 2011

Wolff, Isabel: Der Stoff, aus dem die Liebe ist

Filed under: Roman — Ati @ 17:42

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Originalausgabe: A Vintage Affair
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3499252860
ISBN 3499252864
Roman
Deutsche Erstausgabe 2010
aus dem Englischen übersetzt von Elvira Willems
Umschlaggestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Taschenbuch, 432 Seiten
[D] 9,95 €

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Autorenseite

Die in London lebende und aus Warwickshire stammende Autorin Isabel Wolff ist in der Bücherwelt nicht ganz unbekannt. Ihre Romane wurden bereits in 23 Sprachen übersetzt.  Neben ihren schriftstellerischen Ambitionen ist sie als freie Journalistin für verschiedene britische Zeitschriften und die BBC tätig. Mit „Der Stoff aus dem die Liebe ist“ bringt die Bestsellerautorin ihr neuestes Buch auf den Markt.

 

Zitat Inhaltsangabe:

 

Jedes Kleid hat ein Geheimnis. Jede Frau auch …

 

Endlich ist Phoebes großer Traum wahr geworden: Sie hat einen Laden für Vintage-Mode eröffnet. Jede der rauschenden Abendroben erzählt eine Geschichte. Und nichts macht Phoebe glücklicher, als das richtige Kleid für die richtige Frau zu finden. Doch noch immer überschattet ein schreckliches Ereignis ihr Leben. Damals hat sie nicht nur ihre große Liebe verloren, sondern auch die beste Freundin – für immer. Erst als Phoebe die Französin Thérèse kennenlernt, findet sie die Kraft, sich der Vergangenheit zu stellen. Denn die alte Dame weiß, was Schuld bedeutet …

 

 

Das gibt eigentlich sehr gut wieder, worum es in dem Buch geht. Oder zumindest gehen sollte. Was es bedauerlicherweise nicht beschreibt, ist das, was mich bereits zu Anfang des Buches fast vom Lesen der eigentlich guten Idee abgehalten hat. Die einen begeistert es, bei mir führte es dazu, dass sich meine Nackenhaare sträubten. Die Darstellung des Vintage-Elements kam so plakativ und vor allem penetrant oft vor, dass es sich geradezu in den Vordergrund drängte und sowohl die eigentlichen Haupt-, wie auch diverse Randfiguren im Gegenzug beiseiteschob.  Kleider erzählen – wie viele alte Dinge – Geschichten und können spannend sein. Doch für mein Dafürhalten war bereits die eigentliche Grundidee des Buches etwas, das genug Spannung bot.

 

„Der Stoff aus dem die Liebe ist“  lernen wir dank Phoebe kennen, die die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt. Phoebe, eine junge Frau im England der Gegenwart, die gerade aus ihrem bisherigen Leben ausgebrochen ist, ihre Stellung gekündigt und sich von dem Mann getrennt hat, den sie eigentlich heiraten wollte. Das alles geschieht, nachdem ihre beste Freundin aus Kindertagen gestorben ist, die in den Wochen vor ihrem Tod unendlich unglücklich war. Phoebe, die damit leben muss, dass Emma – über die sie Guy kennengelernt hat – in den gleichen Mann wie sie verliebt war. Den Mann, der in Phoebes Augen für Emmas Tod mit verantwortlich ist. Um keinen Ärger mit Guy zu provozieren, ignorierte sie einen Hilferuf ihrer Freundin, für die daraufhin jede Hilfe zu spät kam.

 

Die Frage, wie tief Phoebes Trauma tatsächlich ist, wie nachvollziehbar ihre Entscheidungen sind, stellt sich sehr bald. Während sie einerseits nach Emmas Tod und ihrer Trennung von Guy (sie verliert ihn nicht, sie trennt sich bewusst von ihm) jeden Kontakt zu diesem meidet, lernt sie andererseits unmittelbar bei  bzw. nach der Eröffnung ihres zwei Männer kennen, denen sie den Kopf verdreht und auf die sie sich mehr oder weniger ernsthaft einlässt. Der eine, Dan, scheint ein Habenichts und Überlebenskünstler zu sein. Der andere, Miles, ist älter als sie, allein erziehender Vater und nicht ganz unvermögend. Phoebes Tun wirkt oberflächlich in Anbetracht des Traumas, das sie erlebt hat. Da speziell dieses Trauma essenzieller Bestandteil des Plots ist, wirkt entweder die dargestellte Traumatisierung oder der Neustart nicht sehr glaubwürdig auf mich. Zum einen hat sie ihre seit Kindertagen bestehende Freundschaft mit Emma für die Liebe zu Guy geopfert und will sich – durchaus nachvollziehbar – aus purem Selbstschutz nicht mit der Thematik befassen. Zum anderen ist sie schon für etwas Neues offen, obwohl sie so traumatisiert.

 

Eine wirkliche Aufarbeitung von Emmas Tod und damit eigentlich von Phoebes schmerzlichem Erleben findet nicht statt. Dafür hat Phoebe genau genommen auch keine Zeit. Abgesehen davon, dass dieser Handlungsstrang nur wenige Monate umfasst, beinhaltet er einfach zu viel. Nur Monate nach dem Tod ihrer Freundin hat sie völlig mit ihrem alten Leben gebrochen und startet neu durch, verliebt sich neu, wird beruflich aus dem Stehgreif erfolgreich. Sie laviert sich durch unzählige kleinere Nebenschauplätze – etwa dem Leben von Miles mitsamt seiner schwierigen Beziehung zu seiner Tochter im Teenageralter einschließlich eines Buches seines Weingutes. Die schwierige Beziehung ihrer Eltern gehört ebenso wie die einzelnen Facetten, die Dan ihr so bietet, dazu. Oder die Gedanken, die sie sich um ihre Kundinnen macht.

 

Nicht zu vergessen natürlich ihre Begegnung mit Thérèse, durch die quasi von außen die Erkenntnis von Phoebes eigentlichen Schuldgefühlen gegenüber Emma wirklich deutlich wird. Thérèse, die sich am Ende ihres Lebens von vielen Dingen trennen muss.  Der blaue Kindermantel, den Phoebe dabei entdeckt, gehört jedoch nicht dazu. Er hat eine viel zu persönliche Geschichte, in der es auch um Schuld oder vielmehr um naives und missbrauchtes Vertrauen geht. Phoebe bringt Thérèse nicht nur dazu, ihr genau diese Geschichte zu erzählen, sie öffnet sich selbst gegenüber der alten Frau bei diesen Treffen überraschend schnell und gelangt so zu der oben angesprochenen Erkenntnis. Es war ihre Entscheidung, Emmas Bitte um Hilfe zu ignorieren. Ihre Entscheidung sie auf später zu vertrösten. Dieses Eingeständnis hilft ihr zwar, die Welt wieder mit etwas anderen Augen zu sehen, ließ bei mir jedoch ein gewisses Gefühl von Betrogenheit zurück, da sie es sich nicht wirklich selbst erarbeitet hat. Hier fehlt einfach etwas.

 

Die Geschichte hat ein Happy End und doch auch wieder nicht. Thérèse stirbt erst, als sie dank Phoebes Engagement erfährt, was genau aus dem Mädchen ihrer Kindheit wurde, für das sie den blauen Mantel all die Jahrzehnte aufgehoben hat.  Dieser Part der Geschichte ist so lebensnah dargestellt, dass die Erlebnisse der todkranken, dahinsiechenden Thérèse im Europa des 2. Weltkriegs nicht spurlos vorbeiziehen, kann jedoch die oben erwähnten Mängel nicht aufheben.

 

Und Phoebe? Die hat eindeutig eine neue Happy-End-Perspektive, diesem Handlungsstrang fehlt jedoch die Konsequenz.

 

Fazit: Wer mehr über Mode und Vintage erfahren möchte, oder auch über Wein, der wird von der Leidenschaftlichkeit, mit der das in diesem Roman thematisiert wird, angenehm überrascht sein. Bedauerlicherweise ist jedoch die eigentlich gute Grundidee nicht konsequent umgesetzt, seltsam offen und eher seicht abgefasst. Leider hat sich die Autorin in zu vielen Nebenschauplätzen verzettelt. Hier wäre weniger mehr gewesen, oder hätte alternativ mehr Seiten gebraucht. Auf einer Punkteskala von 1 bis 5 würde ich deshalb nur 2 Punkte vergeben – für den Part von Thérèse.

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

Lind, Christiane: Die Geliebte des Sarazenen

Filed under: Belletristik,Historisch,Roman — Ati @ 17:19

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Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3499254598
ISBN 349925459X
Historischer Roman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung any.way, Hanke/Schmidt
Taschenbuch, 384 Seiten
[D] 8,95 €

Verlagsseite
Autorenseite 

 

Die 1964 in Helmstedt geborene Christiane Lind lebt heute in Kassel und in Düsseldorf, was an ihrer Wochenend-Pendel-Ehe liegt. Sie mag Katzen aber keine Vorgesetzten, weshalb sich die promovierte Sozialwissenschaftlerin sich als Unternehmensberaterin und Sozialforscherin selbstständig machte. Da sie seit ihrer frühesten Kindheit Bücher liebt, ist ihr Faible für Bibliotheken nachvollziehbar. Zum Schreiben ist sie 2005 gekommen, ein Jahr später begann sie, sich an diversen Ausschreibungen zu beteiligen, wobei sie den einen oder anderen Preis gewann. Mit „Die Geliebte des Sarazenen“ stellt sie ihren ersten historischen Roman vor.


Zitat Inhaltsangabe:

 

Wagnisse der Liebe – eine Frau zwischen Orient und Okzident.

Braunschweig zur Zeit der Kreuzzüge: Die junge Leonore von Calven begibt sich auf Wallfahrt nach Jerusalem. Was niemand weiß: Leonore trägt ihr Pilgergewand nur zum Schein. Der wahre Grund ihrer Reise muss verborgen bleiben.

Viele Gefahren lauern auf dem Weg in die Heilige Stadt. Doch die junge Frau findet hilfsbereite Gefährten – und sie ist nicht die Einzige, die ein Geheimnis hütet. …

Als Leonores Leben bedroht wird, rettet sie der Karawanenführer Nadim. Durch ihn taucht sie ein in eine faszinierende fremde Welt. Aber der Friede im Heiligen Land ist zerbrechlich. Und Leonore muss sich der Frage stellen, ob eine Christin einen Sarazenen lieben darf …

 

Klingt spannend, geheimnisvoll, nachvollziehbar. In einer Zeit, in der Frauen wenig Rechte haben und man nicht eben mal ins Flugzeug steigen kann, um von A nach B zu kommen, eine so abenteuerliche Reise zu wagen, stelle ich mir gefährlich vor. Dass Fremdes faszinieren kann, weiß wohl auch jeder. Also stürzte ich mich frohgemut in die Lektüre von Linds Debütroman, zumal diverse positive Kommentare meine Neugier anfachten.

 

Gleich vorab: Gut gelungen finde ich das Begreifen und Umdenken von Leonore, dass andere Religionen nicht besser oder schlechter als die eigene sind. Lustig ist auch Leonores erstes Zusammentreffen mit Nadim – vielmehr mit Kamelen, die sie für sandfarbene Wüstendämonen aus der Unterwelt hält. Und vor allem gefällt mir, dass Leonore größtenteils verletzlich und nicht als Überfrau dargestellt wird. Zu Beginn des Buches stellt die Autorin in einer Auflistung alle mehr und minder maßgeblichen Figuren vor, was sich immer als hilfreich erweist. Am Schluss findet man neben einem Glossar auch Karten von Braunschweig und Jerusalem, beide sollen die Städte im 12. Jahrhundert darstellen. Die Geschichte selbst ist in drei Teile gesplittet. Teil eins befasst sich mit der Entführung, Teil zwei mit der Reise, Teil drei mit der Entscheidung.

 

Doch zurück zum Inhalt: Die im Kloster aufgewachsene Leonore wird eines Tages überraschend von ihrem Vater nach Braunschweig beordert. Bereits hier fiel mir etwas auf, was zwar als Versuch der Autorin gewertet werden könnte, ihre Hauptfigur genauer zu beschreiben, auf mich aber eher störend wirkte. Das genügsame, im Kloster völlig behütet und eher weltfremd aufgewachsene Mädchen kommentiert innerlich beispielsweise das ihrer Ansicht nach eitle Verhalten der sie begleitenden Stiefmutter, gleichzeitig befasst sie sich jedoch auch auf ebenso eitle Art mit ihrem eigenen Aussehen. Dass die Nonnen vor Männern gewarnt haben, scheint nachvollziehbar, doch sobald sie ihren Kutscher sieht, denkt sie sofort das Allerschlimmste. Ich erwähnte speziell das jetzt, weil mir etwas Ähnliches etwas später wieder auffiel. In Braunschweig angekommen wird sie mit einem Geschäftspartners ihres Vaters verheiratet, dem sie zwar eine Tochter aber keinen Stammhalter gebiert. Ihre Ehe ist nicht die beste. Ihr Mann ist einerseits beherrschend, andererseits wirkt er willensschwach. Die Schwiegermutter macht ihr das Leben zur Hölle. Hier präsentiert sich Leonore als unterwürfig, ängstlich, unselbstständig.

 

Als ihre Tochter sechs Jahre alt ist, erscheinen eines Tages zwei Fremde in ihrem Haus.Kurz danach verschwinden sie zusammen mit ihrem Mann, der ihre Tochter bei sich hat. Von einer Entführung würde ich hier nicht sprechen, denn für mich scheint ihr Mann zwar nicht begeistert, aber durchaus freiwillig mitzugehen. Zu diesem Zeitpunkt wendet sich Leonores Verhalten. Sie wird zwar keine taffe Heldin, genau genommen bleibt sie den gesamten Roman hindurch eher ängstlich und zögerlich, aber sie stellt sich ihren Ängsten. Sie setzt alles daran, jemanden zu mobilisieren, der Mann und Tochter zurückbringt. – vergeblich. Was sie dazu bringt, sich selbst aufzumachen. Auf ihrer Suche nach einem Begleiter gerät sie in die Armenviertel der Stadt und ihr droht eine Vergewaltigung. Die arme Bevölkerung, respektive die Männer, werden als nichtsnutzige Säufer, brutal, gewalttätig und immer auf der Suche nach einem Opfer in Gestalt einer Frau dargestellt. Zwar mögen Frauen in dieser Zeit wenig Rechte gehabt haben und diesen Gefahren sehr real ausgesetzt gewesen sein, gleichwohl stach die Beschreibung dessen unangenehm hervor. Ich kann nicht behaupten, dass andererseits die Ratsmitglieder wirklich edelmütig und gut dargestellt werden, aber insgesamt betrachtet, erscheint mir die Darstellung von Reich und Arm doch zu klischeehaft.

 

Die drohende Vergewaltigung findet nicht statt, da sie von einem Ritter gerettet wird. Genau den hat sie gesucht, weil ihr gesagt wurde, dass er ihr wohl als einziger helfen könnte. Was er auch macht, zusammen mit einer von Brandnarben entstellten Frau, die quasi als Anstandsdame fungiert. Beide umgibt ein Geheimnis (das leider zunehmend vorhersehbar am Ende der Geschichte gelüftet wird). Das Trio tarnt sich als Pilger auf dem Weg in die Heilige Stadt. Niemand darf ahnen, warum sie wirklich losziehen, denn dadurch könnte Leonores Tochter in Gefahr geraten, was sie eindeutig verhindern möchte. Hier stellte sich die Frage, wie jemand, der die Reise vor ihnen antritt, von ihrer Suche erfahren soll. Noch dazu jemand, der sich über Verfolger vermutlich keine Gedanken macht. Die Reise gestaltet sich etwas mühsam, dennoch kommen sie überraschend gut voran. Bei einem Sturm wird Leonore über Bord gespült. Glücklicherweise treibt die Strömung sie an die Küste, wo sie von einer Karawane – angeführt von Nadim – aufgefunden und mitgenommen wird. Obwohl Leonore beim Verschwinden ihrer Tochter automatisch den Schluss „Ungläubige rauben Christenkind für Sklavenmarkt“ gezogen hat, kommt Nadim natürlich nicht im Geringsten auf so einen Gedanken, sein Fundstück zu versklaven. Als Muslim ist ihm die Gastfreundschaft viel zu heilig.

 

Dieser Teil der Geschichte fordert einiges an Durchhaltevermögen, da er nicht nur Längen, sondern auch zu viele glückliche Zufälle oder aus dem nichts konstruierte, wenig nachvollziehbare Gefahrensituationen aufweist. So kann ich zwar das langsame Annähern zwischen Leonore, den Mitgliedern der Karawane und im speziellen Nadim gut nachvollziehen, der als einziger ihre Sprache spricht. Abgesehen von der glücklichen Fügung, dass Leonore gerettet wird und sich überraschend schnell erholt, tauchen jedoch plötzlich Kreuzritter auf (teils edelmütig, teils gierig dargestellt), die die Karawane überfallen wollen und mit denen Nadim noch eine Rechnung aus seiner Vergangenheit offen hat. Die Mordlust der Kreuzritter wird allein durch …. soll ich Leonores Liebreiz oder lieber überraschend heldenmütigem Auftreten schreiben? Ach nein, es war ja auch die Erinnerung an ihre Tätigkeit als Gotteskrieger … verhindert wird, was ein weiteres Mal überaus klischeehaft auf mich wirkt. Ausgerechnet die zaghafte Leonore kann also Schlimmeres verhindern, schließt sich den Kreuzrittern an, und reist mit ihnen nach Akkon weiter. In Gegenwart der Kreuzritter hat Leonore seltsamerweise keine Angst mehr, dass herauskommen könnte, weshalb sie wirklich nach Jerusalem will. Bereits kurz nach ihrem Zusammentreffen vertraut sie sich einem von ihnen an, der ihr sofort und edelmütig seine Hilfe anbietet. Das ist aber gar nicht nötig, denn kaum treffen sie in Akkon ein, findet sie ihre ehemaligen Weggefährten wieder. Welch glückliche Fügung, dass egal ob man über Land oder den Seeweg reist, alle gleichzeitig ankommen und sich problemlos in einer Stadt wiederfinden, in der Pilger über Pilger eintreffen, welche – zumindest teilweise – von den Kreuzrittern begleitet nach Jerusalem weiterreisen sollen.

 

Bevor es dahin geht, tritt erneut Nadim auf den Plan (der überhaupt des öfteren überraschend schnell aus dem Hintergrund auftaucht und wieder verschwindet), der Leonore für ihren Einsatz beim Zusammentreffen mit den Kreuzrittern ein kostbares Pferd schenkt, während die Mitglieder der Karawane sie ebenfalls mit Geschenken überhäufen. Ohne diese Geschenke, müssten Leonore und ihre Begleiter zu Fuß weiterziehen und sich völlig ohne Kreuzritter den Unbillen der Wüste und den Gefahren durch Ungläubige ausliefern.  Nadim verschwindet dann erst einmal wieder. Zu groß ist die Gefahr, die eine weitere Begegnung mit den Kreuzrittern in sich birgt. Eine Gefahr, die sich kurz danach nicht gerade ins Nichts auflöst, aber doch nahezu zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Warum?  Weder das eine noch das andere wird genauer erläutert. Warum Leonore überhaupt Gefühle für ihn entwickelt übrigens auch nicht, es war einfach plötzlich die Rede (vielmehr der Gedanke) von Liebe. Nadim bleibt von Anfang bis Ende seltsam diffus, nebensächlich. Doch es geht noch weiter. Nehmen wir eine explizit beschriebene Begegnung mit Sybilla von Jerusalem, vor der Leonore eindringlich gewarnt wird, der sie aber trotzdem hilft. Ein neuer Handlungsstrang? Nicht wirklich, denn danach kommt nichts weiter darüber. Bald darauf erfolgt ein Überfall von Assassinen auf Leonore und den sie begleitenden Ritter – deren Auftauchen und die Beweggründe werden nicht näher erläutert. Sie werden in meinen Augen einfach benutzt um das Verhältnis von Gottfried und Leonore (welches lang vor ihrer ersten Begegnung in der Vergangenheit begann) auseinander zu dividieren. Natürlich erst, nachdem sein Geheimnis für die, die es bis dahin nicht schon ahnten, gelüftet ist. Auch die Suche nach ihrer Tochter, die Leonore gleichzeitig zu ihrem Mann führt, gelingt zu einfach, zu schnell. Mein ursprünglicher Gedanke, dass er die Sarazenen freiwillig begleitet hat, bestätigte sich hierbei. Das Warum und Weshalb ist in wenigen Sätzen abgehandelt und etwas durchsichtig. Sein Verhalten wirkt auch hier einerseits beherrschend und andererseits nachgiebig und oberflächlich selbstsüchtig. Mit seinem Auffinden scheint sich Leonore sofort wieder in ihr anfängliches Verhaltensmuster zu ergeben. Eine Frau, die nicht lange davor Nadim Szenen für Sachen bereitet hat, die einen irritiert die Stirn runzeln lassen. Ihr Weg scheint wieder Richtung Braunschweig zu weisen. Obwohl, eigentlich verrät der Titel schon, was geschehen könnte.

 

Fazit: Leonore und ihre Mitstreiter oder Gegenspieler haben mich trotz des eigentlich interessant klingenden Plots nicht in ihren Bann gezogen. Obwohl die Autorin einen flüssig-leichten und durchaus plakativen Schreibstil hat, stolpert man über zu viele Geheimnisse, Ungereimtheiten, Oberflächlichkeiten und nicht zu Ende gesponnene Handlungsverläufe. Deshalb bekommt „Die Geliebte des Sarazenen“ nur zwei von fünf Punkten, schon allein, weil die nach dem Titel vermutete Liebesgeschichte viel zu schwach beleuchtet wird.

 

 

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)

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