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2. November 2010

Früh, Sigrid: Märchen vom Tod und neuem Leben

Filed under: Jugendbuch,Märchen — Ati @ 23:14

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Sigrid Früh (Hg.)
Märchen vom Tod und neuem Leben

Königsfurt-Urania Verlag GmbH
ISBN 978-3868260120
Kinderbuch, Märchen
Sonderausgabe 2009
Umschlaggestaltung Stefan Hose, Götheby-Holm
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten
€ 4,95 [D]

Verlagsseite 

Autorenseite 

 

Die 1935 geborene, studierte Germanistin und Volkskundlerin Sigrid Früh zählt zu den bekanntesten Märchenforscherinnen bzw. –Erzählerinnen in unserem Land. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart und bringt ihre Arbeit unter anderem in Seminaren und Vorträgen einer breiteren Öffentlichkeit dar.

 

Der Inhalt einer Traueranzeige (Zu früh, zu spät, tragisch, grausam, schmerzvoll, sinnlos, mitverschuldet, plötzlich. Immer unerwünscht, immer sinnlos darüber zu diskutieren, immer schmerzhaft, immer ungewollt, aber immer und schon von Geburt an vorbestimmt.), den ich kürzlich gelesen und aus unerfindlichen Gründen nicht mehr aus dem Kopf bekommen habe, hat mich mehr oder weniger dazu veranlasst, zu diesem Buch zu greifen. Dessen Cover übrigens in Natura nicht so grellleuchtend wie oben herüberkommt.

Es ist Teil einer Märchenreihe, die der Königsfurt-Urania Verlag in den letzten Jahren thematisch getrennt auf den Markt gebracht hat. Es gibt Märchen von Hexen und Weisen Frauen, von Wünschen, von Müttern und Töchtern ebenso wie Indianische Märchen, keltische oder türkische und – neben etlichen anderen – auch solche vom Tod und neuem Leben. Die teils überlieferten, teils schriftlich niedergelegten Geschichten im vorliegenden Buch wurden von Sigrid Früh in ganz Europa zusammengesucht, übersetzt und herausgegeben.

 

In diesem Buch wird der Tod als Freund und Gefährte dargestellt oder als Wegweiser. Als unabdingbarer Bestandteil des Lebens. Als Tor in eine andere Welt. Er tritt in vielerlei Gestalt auf. Mal strahlend faszinierend schön und jung, mal hässlich und alt. Wandelbar. Mal übermächtig und mal so, dass er gar überlistet werden kann. Jedenfalls zunächst, denn irgendwann heißt man ihn dann doch willkommen.

 

Anders also, als wir ihn gemeinhin sehen. In unserer realen Welt ist er oftmals zu etwas stilisiert, das Angst macht, wird mit Verderben und Hoffnungslosigkeit gleichgesetzt, ausgeklammert. Von vielen als Endpunkt betrachtet und gefürchtet. Unbekannt, durch das, was wir viele von uns aus ihm gemacht haben: ein Tabu. Dennoch gehört er bereits bei der Geburt zum Leben dazu.

 

Die in Märchen von Tod und neuem Leben enthaltenen 29 Geschichten sind in drei Bereiche gegliedert. Im ersten Teil handeln sie von der Gestalt des Todes, im Zweiten von Jenseitsvorstellungen, der Dritte geht auf die Punkte Tod und Wiederkehr ein – womit klar wird, dass er nicht als das Ende des Lebens verstanden werden soll. Teils sind sie bekannter (etwa von den Gebrüdern Grimm), teils sind sie (zumindest mir) eher unbekannt.

 

Einige der Geschichten sind sich trotz unterschiedlicher Herkunft sehr ähnlich. Das fällt besonders auf, da sie unmittelbar nacheinander kommen. Manche sind nur wenige Sätze lang, andere mehrere Seiten. In manchen müssen die Figuren symbolische Todeserfahrungen und Jenseitserlebnisse durchleben, über das Irdische hinausgehen, mutig ihre Furcht überwinden. Auch bei der dem Buch zugrunde liegenden Thematik spielen Demut, Aufopferung, Vertrauen und Liebe eine wichtige Rolle. Sie stehen für den Aufruf das Leben zu leben und dafür, dass es Dinge gibt, die über den physischen Tod hinausgehen. Für Hoffnung, durch Überwindung von Aufgaben und Ängsten weiterzukommen, beisammenzubleiben mit denen die wir lieben. Aber auch für die Hoffnung, nicht vergessen zu werden, Spuren zu hinterlassen.

 

Denn wie sagte schon Friedrich von Logau? Wenn wir aus dieser Welt durch Sterben uns begeben, so lassen wir den Ort. Wir lassen nicht das Leben.

 

Fazit:

 

Traurig und hoffnungsvoll zugleich. Da der Tod märchenhaft abstrakt dargestellt wird, eigenen sie sich zum Vorlesen und Erzählen genauso wie zum einfach so darin Lesen.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens

Diehl/Kiel: Klassische Ayurveda Massage

Filed under: Fach- & Sachbuch,Gesundheit/Behandlung — Ati @ 16:45

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Königsfurt-Urania Verlag GmbH
ISBN 978-3038190394
Sachbuch Gesundheit/Wellness
1. Auflage 2005
Umschlaggestaltung punkt KOMMA Strich, Freiburg
Illustrationen Daniela Farnhammer
Fotos Ulli Seer
Hardcover 272 Seiten
€ 28,50 [D]

Verlagsseite http://www.koenigsfurt-urania.com

 

Die Heilpraktikerin Erika Diehl befasst sich schon mehrere Jahre mit dem Thema Ayurveda. Sie hat ihre Ausbildungen mit dem Zertifikat des Klinischen Ayurveda Spezialisten beendet und assistierte H. H. Rhyner bei etlichen Ausbildungskursen. Ferner ist sie Dozentin der Seva-Akademie in München. (Weitere Infos unter http://www.anahata-zentrum.de/index-Dateien/Page580.htm .)

Die am Buch mitwirkende Edith Ch. Kiel ist Fachdozentin und Autorin in Bereich Ayurveda, ebenfalls Ayurveda-Spezialistin, und arbeitet auch als Lektorin. Ihr Wissen gibt sie in theoretischen und praktischen Kursen oder in ihren Büchern weiter. (Weitere Infos unter http://www.campusnaturalis.de/campus_team.php.)

Praxishandbücher – eine sehr gute Idee. Jedenfalls, wenn das darin verarbeitete Wissen nicht überaltert, zu trocken erklärt oder schlecht illustriert ist. Dass derjenige, der sich dafür interessiert, eine entsprechende, umfassende Ausbildung durchlaufen haben muss, bedarf keiner Worte.  

Mit dem mir gerade vorliegenden Buch „Klassische Ayurveda Massage“ hat man definitiv eins der Bücher in der Hand, die man gerne und oft zur Hand nimmt, weil es einfach von vorne bis hinten und in sich stimmig ist. Ein Praxisbuch, wie es sein soll. Und ein Praxisbuch, das auch diejenigen nutzen können, die gerade erst einen ersten Einblick in die Materie bekommen möchten, um vielleicht die eine oder andere Massage an sich selbst zu probieren. 

Neben einem Einblick in das ganzheitliche Gesundheitsprinzip der Ayurvedischen Heilkunde folgt ein Exkurs ins westliche Ayurveda. Interessierte erfahren einen Blick auf die Naturprinzipien und die ayurvedische Elementenlehre. Neben Typbestimmungen, Konstitutionstests und einem Kapitel über ayurvedische Öle geht es auf Seite 45 konkret an die Thematik der Massage.  

Die Massagetechniken sind nicht nur sehr gut Schritt für Schritt erklärt, sondern auch reich und übersichtlich mit Fotos und Grafiken illustriert. Das Davor und Danach kommt nicht zu kurz, ebenso wenig Indikationen und Kontraindikationen. Es wird gleichermaßen anschaulich auf Solo- oder Synchronmassagen wie Kopf- und Gesichtsmassagen, Fuß und Handmassagen, Rücken- und Bauchmassagen oder auch Eigenmassagen eingegangen. Die Herstellung von Zitronensäckchen wird ebenso erklärt wie die alternativ zum Öl mögliche Behandlung mit erwärmtem Pulver und/oder Seidenhandschuhen. Atemübungen runden das Ganze perfekt ab. Man merkt deutlich, wie viel Wissen und Hingabe der Autorinnen zu ihrem Beruf in diesem Buch steckt.  

Fazit: Ein Buch, das unter die Kategorie „Gelebtes Wissen“ fällt und deshalb überaus empfehlenswert – sowohl für interessierte Laien als auch diejenigen, die sich beruflich damit beschäftigen. Wie heißt es doch: Es gibt viele Krankheiten, aber nur eine Gesundheit – doch für die kann jeder für sich nach aufmerksamer Lektüre und Anwendung von Kapitel 12 (Eigenmassage) schon einiges tun.

Copyright © 2010 by Antje Jürgens

Vollmar, Klausbernd: Das große Buch der Farben

Filed under: Esoterik,Fach- & Sachbuch,Gesundheit/Behandlung — Ati @ 16:44

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Das große Buch der Farben

Von Klausbernd Vollmar

 

Königsfurt-Urania Verlag GmbH

ISBN 978-3868261097

Sachbuch

2. Auflage 2010

Umschlaggestaltung Antje Betken

Illustrationen Monika Obser

Softcover 288 Seiten

€ 14,90 [D]

 

www.koenigsfurt-urania.com

 

Zum Autor

 

Der 1946 bei Köln geborene Autor und Diplom-Psychologe reiste zunächst einmal lernend und arbeitend durch die Welt (Finnland, Kannada) bevor er sein Zweitstudium in Psychologie begann. Er lebte und arbeitete in Holland und Nepal, ist Mitbegründer der Internetfirma TraumOnline und lebt heute in England. Seit Jahren hält er Seminare und Vorträge, führt Beratungen und Team-Coachings und schreibt. Seine Bücher wurden in mehr als 15 Sprachen übersetzt. (Weitere Infos unter www.kbvollmar.de oder auch www.traumonline.eu)

 

Zum Buch/Meine Meinung

 

Gleich vorab – ich bin von diesem Buch begeistert. Worum es geht? Nun wie der Titel schon sagt, um Farben. Farben, die immer um uns herum sind. Künstlich hergestellt oder natürlichen Ursprungs können sie uns genauso heilen, wie gesund machen. Unsere Tagesform lässt uns bestimmte Farben bevorzugen oder ablehnen, während die Farben gleichzeitig unsere Launen beeinflussen. Das Problem unserer „farbigen Welt“ ist, dass vieles in einem Einheitsbrei an Farben zu versinken droht und nicht wenige von uns das meiste nur noch schmutzig-braun, grau oder gar schwarz wahrnehmen. Was tun?

 

Die aufmerksame Lektüre von Vollmars Buch könnte einen Schritt in die richtige Richtung weisen. Sein Wissen aus über 30 Jahren über der Wirkung der Farben auf unser Leben ist sehr umfangreich. Herausgekommen ist dabei unter anderem das gerade vor mir liegende Buch. Es enthält ein breites Informationsspektrum zu:

 

       Psychologie und Symbolik der Farben,

       Einrichtungstipps,

       Farbtypen, Kleidung und Make-up,

       Wirkung verschiedener Farben aufeinander,

       Farbenlehren von Newton, Goethe bis zur Moderne,

       Volkswissen und Mythologie,

       Herkunft der Farbbezeichnungen und Pigmente,

       Wichtige Tipps für Kunstmaler und Handwerker,

       Heilen mit Pflanzen, Steinen und ihren Farben,

       Farbmeditationen und Wahrnehmungsübungen.

 

Hört sich umfangreich an, ist aber so anschaulich beschrieben, dass tatsächlich jeder einiges daraus sofort problemlos auf sich beziehen und für sich nutzen kann. Kein trockenes Fachsimpeln, sondern ein anschauliches Lehrbuch erwartet einen, wenn man die erste Seite aufschlägt. Nach einer Einführung wird auf 110 Seiten zunächst auf die Primärfarben (Gelb, Blau und Rot) eingegangen. Danach folgen 61 Seiten zu den Sekundärfarben (Violett, Orange und Grün), 3 Seiten Lichtfarben (entstehen durch selbstleuchtende Körper, fluoreszierende Zifferblätter oder gefärbte Glühbirnen), 18 Seiten Tertiärfarben (Braun, Olive oder buntes Grau), 18 Seiten Metallfarben (etwa Gold oder Silber) und 51 Seiten „unbunte“ Farben (etwa schwarz oder weiß, auch wenn das oft nicht als Farbe betrachtet wird), bevor das Buch mit Anmerkungen ausklingt. Sukzessive, logisch und leicht verständlich werden die Farben abgearbeitet, sodass eigentlich keine Fragen übrig bleiben.

 

Fazit:

 

Auch hier würde ich sagen, dass das Buch in die Kategorie „gelebtes Wissen“ gehört. Wer es aufmerksam liest, wird vielleicht künftig nicht nur erkennen, was sein Gegenüber durch die Wahl der von ihm gewählten Farben ausdrückt, sondern sich vielleicht selbst mit den richtigen Farben in der einen oder anderen Situation helfen können.

 

Empfehlenswert? Auf alle Fälle. Ich habe, obwohl ich mich schon lange für Farben interessiere, einiges darin gefunden, was ich noch nicht wusste. Kein entspannendes Lesebuch, sondern ein fundiertes Nachschlagewerk, welches ich sicher noch gerne und oft in die Hand nehmen werde.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens

 

1. November 2010

Zehm, Carsten: Die Chroniken der Reisenden – Staubkristall

Filed under: Abenteuer,Fantasy, Horror, SciFi,Jugendbuch — Ati @ 11:55

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Carsten Zehm
Die Chroniken der Reisenden – Staubkristall

ACABUS Verlag Hamburg
ISBN 978-3941404045
Fantasyroman
Originalausgabe 2010
Umschlaggestaltung grafikdesign-silvia.de
Taschenbuch 232 Seiten
€ 14,90 [D]

Verlagsseite www.abacus-verlag.de

Autorenseite www.carsten-zehm.de und www.chroniken-der-reisenden.de

 

Zum Autor

 

Der 1962 in Erfurt geborene Berufsschullehrer und Autor stellt mit „Die Chroniken der Reisenden – Staubkristall“ seinen ersten Roman vor. Die Idee zu der in diesem Buch erwähnten „Schwelle“ kam ihm bereits in seiner Jugend. Doch obwohl er sich schon immer gerne dem Fantasygenre (mit Ausflügen zu Märchen, Krimis und Horror) widmete, schrieb er lange Zeit nur Kurzgeschichten. Viele davon wurden ab 2004 in diversen Anthologien oder der Tagespresse veröffentlicht. 2009 erschien sein erstes Kinderbuch.

 

Zum Buch/Meine Meinung

 

Was, wenn unsere Erde nur eine Erscheinungsform von vielen ist, nur eine Ebene von scheinbar unendlich vielen Parallelwelten? Was, wenn diese Welten durch ein System miteinander verbunden sind?

Es ist die ‚Schwelle’, welche Reisende auswählt und diese auf andere Ebenen der Erde schickt, weil sie dort eine Aufgabe zu erfüllen haben.
Ihre Abenteuer sind festgehalten in den ‚Chroniken der Reisenden‘.

Nach diesen vielversprechend klingenden Worten habe ich mich neugierig an den 232 Seiten starken Roman gemacht – und ihn in einem Rutsch durchgelesen. Und ich bin sicher, dass es vielen Lesern ebenso gehen wird.

 

Warum? Eigentlich ist die Idee nichts grundsätzlich Neues. Es geht um die bekannte Erzählung von Zerstörung und Vertreibung aus dem Paradies, und dem Versuch es wieder zurückzugewinnen. Es gibt eine uralte Prophezeiung, die Möglichkeit zwischen Welten zu wandeln, die zur nah und doch unerreichbar scheinenden Lösung des Problems führt. Menschen gelangen in eine andere Welt und müssen eine nahezu unlösbare Aufgabe erfüllen, um diese Welt zu retten, bevor sie wieder in ihre eigene zurückdürfen. Etwas Altbekanntes also, das aber so wie von Zehm beschrieben zu einem kurzweiligen und packenden Lesegenuss wird.

 

Wer in diese Fantasywelt – wie auf der Buchrückseite beschrieben, eine parallele Ebene der Erde, in der die Uhren etwas anders gehen und fremdartige Pflanzen und Wesen existieren, aber durch die gleich aussehenden Gestirne eben doch ein Bezug zu unserer Welt da ist – eintaucht, bekommt sehr klar gezeichnete Figuren zu sehen. Der Leser der Chroniken wird in ein wunderschön gewobenes Geflecht aus Abenteuer, Liebe, Hoffnung und Verzweiflung geführt. Läuft durch die herrlichen Beschreibungen von Figuren und Landschaften quasi neben dem Protagonistenpärchen her und lacht oder leidet mit ihnen.

 

Auf ihrer Hochzeitsreise, zu der sich Karen nur widerstrebend überreden lässt, weil es sich nicht um einen von ihr favorisierten Pauschalurlaub, sondern um eine Trekkingtour in Deutschland handelt, geraten die beiden in unvorhergesehene Schwierigkeiten. Einer inneren Stimme folgend, macht sich Mihai auf, einen alten Stollen zu erkunden und als Karen ihm zunächst besorgt, dann eher leicht wütend folgt, muss sie mit Entsetzen feststellen, dass ihr Mann gerade durch einen Felsen vor ihren Augen verschwindet. Ohne groß nachzudenken, greift auch sie in diesen Stein, wagt einen Schritt nach vorne, dann noch einen und landet plötzlich, genau wie Mihai vor ihr, in der anderen Ebene. Ein Zurück gibt es nicht.

 

Das junge Paar – ganz Mensch – denkt sich zuerst irgendwo sicher Hilfe finden zu können. Wer geht schon bei genauerem Nachdenken einfach so durch Felswände, nachdem eine Stimme ihn gerufen hat? Es darf einfach nicht sein, was nicht sein kann. Sie marschieren los, in der Hoffnung eine Straße, Ansiedlung, Menschen zu finden. Doch bei einer Rast beginnt Mihai, genauer hinzusehen. Ihm fallen Merkwürdigkeiten an den Insekten auf. Es gibt keine größeren Tiere. Der Wald ist eigentümlich rötlich gefärbt, worauf der Verdacht in ihm erwacht, dass sie durch einen dummen Zufall auf einem atomaren Testgelände gelandet sind. Als sie kurz darauf Geräusche hören, die auf Funkgeräte schließen lassen und Gestalten sehen, die den Wald durchstreifen, versuchen sie so unsichtbar wie möglich zu bleiben, denn die Gestalten scheinen bewaffnet. Und bevor sie noch richtig begreifen, dass sie riesige aufrecht gehende Echsen vor sich haben, werden sie schon von diesen gefangen genommen und nicht sehr sanft, aber überaus neugierig betrachtet. Die Geräusche kamen nicht aus Funkgeräten, sondern direkt von den sich unterhaltenden Echsen. Es scheint keine Möglichkeit der Verständigung zu geben. Bis sie nach einigen Problemen in die Siedlung der Echsen kommen und durch einen sogenannten Hüter und dessen Nachfolgerin, die ihre Sprache sprechen, die eine oder andere Unklarheit ausgeräumt werden kann bzw. erst neu entsteht. Denn obwohl die Echsen schon mit Reisenden der Ebenen in Kontakt gekommen sind, ist ihnen noch nie jemand begegnet, der völlig unvorbereitet, zu zweit und vor allem ohne ihr Wissen in der Echsenebene gelandet ist. Die Echsen bemerkten, dass jemand eintraf, haben aber genau wie die Menschen keinen Plan, was diese genau machen sollen.

 

Doch sehr schnell kristallisiert sich heraus, dass sie den Staubkristall – eine uralte Waffe – zurückholen müssen, der kurz zuvor aus dem Dorf gestohlen wurde. Eine ebenso alte Prophezeiung sagt voraus, dass nach der Zerstörung der Echsenebene auch andere Ebenen der Erde vom Schattenherrn (dem Dieb des Kristalls) und dem von ihm geschaffenen Wesen erobert werden. Bereits jetzt scheint die Sonne nur noch durch einen grauen Schleier hindurch, raubt den Echsen zunehmend Kraft und zerstört sukzessive die Ebene der Echsen samt ihren Bewohnern.

 

Die beiden machen sich also auf, ihre Mission zu erfüllen. Begleitet von Echsen, die ihnen alle nicht feindlich, sondern freundschaftlich gesonnen sind. Echsen, die geistig hoch entwickelt sind, obwohl sie andererseits wie in der Steinzeit leben. Die, obwohl man es nicht einfach so sieht, tief empfinden und Moralvorstellungen haben. Echsen, die ihr eigenes Leben opfern, um das ihre zu retten. Denn Karen zieht wieder und wieder Kreaturen an, die ansonsten nie auf den Gedanken kämen, die Echsen anzugreifen. Auch die Pflanzen scheinen sich letztlich gegen sie verschworen zu haben.

 

Die Reise und Aufgabe der Menschen und ihrer Echsenfreunde ist lang und beschwerlich und wird immer schwieriger, weil die Kraft der Echsen mit dem immer weniger werdenden Sonnenlicht zusehends schwindet. Weil Verletzte und Tote zu beklagen sind. Zuletzt müssen Karen und Mihai alleine weiterziehen und gegen den Schattenherrn kämpfen. Ein Kampf, der einen hohen Preis fordert. Ein Kampf, der von vornherein eher für Karen als für den „gerufenen“ Mihai gedacht war? Zumal der Schattenherr ein besonderes Interesse an Mihai hat.

 

Besonders gefallen hat mir, dass Zehm seine „Menschen“ menschlich kämpfen ließ. Genau wie die Echsen. Diese Geschichte kommt ohne Zaubersprüche aus. Es werden keine Feuerbälle wie so oft geschleudert. Es gibt keine wirbelnden Lichtschwerter. Mit Pfeil und Bogen, Messern und vor allem Köpfchen müssen sich Karen und Mihai und ihre Freunde verteidigen und angreifen. Ihre tierischen oder pflanzlichen Widersacher, die unter dem Einfluss des Schattenherrn stehen, werden nicht einfach als böse klassifiziert. Die Unterhaltungen zwischen Hüter und Menschen weisen die Eigenheiten auf, die eben auftauchen, wenn unterschiedliche Menschen bzw. Sprachen aufeinandertreffen und nur einer davon beide Sprachen kann. Es gibt kleinere Probleme, obwohl man im Großen und Ganzen miteinander reden kann. Karen und Mihai werden nicht zu übernatürlichen Helden stilisiert. Zehm lockert ihre Unterhaltungen mit kleinen Wortgefechten und Spitzfindigkeiten auf, die ich in kaum einem anderen Roman jemals auch nur angedeutet so gelesen habe und die die beiden einfach nur menschlich machen. Zu jemandem, der direkt neben uns leben könnte. Lässt sie lebendige Unterhaltungen führen, die teilweise vielleicht sogar an eigene Gespräche erinnern. Sie Erzieherin, er Lehrer. Sie Tochter einer Alkoholikerin, er ehemals selbst am Abgrund des Drogensumpfs. Genau das ist es übrigens, was die beiden zusammenschweißt und Kraft für das zu absolvierende Abenteuer gibt.

 

Fazit

 

Der Schreibstil Zehms, seine spannende Umsetzung einer an sich nicht unbekannten Idee: Für diese Geschichte würde ich auf einer Skala von 1 – 5 Punkten die volle Punktzahl vergeben. Es herrscht eine gesunde Ausgewogenheit zwischen Kampfszenen, dem Herantasten der unterschiedlichen Figuren untereinander, der Beziehung zwischen Mihai und Karen. Nichts wird irgendwo kopflastig oder zäh. Eine lebendige Geschichte, die sowohl für Jugendliche wie auch Erwachsene lesenswert ist.

 

Der letzte Satz im Buch macht Hoffnung auf eine Fortsetzung dieser, in meinen Augen empfehlenswerten, Fantasiegeschichte.

 

Copyright © 2010 by Antje Jürgens

 

31. Oktober 2010

Jahnke, Stefan: Ausgelöscht

Filed under: Belletristik,Historisch,Roman — Ati @ 22:24

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BoD – Books on Demand, Norderstedt
ISBN 978-3837087253
Historischer Thriller
Originalausgabe 2009
Umschlaggestaltung Stefan Jahnke
Taschenbuch 310 Seiten


Autorenseite

Obwohl der 1967 geborene Autor seine Liebe zum Schreiben früh entdeckte, wagte er sich erst 2008 an Romane heran. Seither erscheinen mit schöner Regelmäßigkeit Bücher von ihm. Sein Spektrum reicht von Krimis und Thrillern über historische Romane bis hin zu Reiseberichten. Die privaten wie beruflichen Interessen des studierten Maschinenbauers sind breit gefächert. So arbeitete er unter anderem in einer Werbeagentur in London. Diese Tätigkeit ging in Anstellungen in der Verlagsbranche über, was wiederum von der Leitung und Beteiligung an einer Bildungseinrichtung oder leitenden Forschungs- und Entwicklungsaufgaben bei einem der größten Reprografen Deutschlands abgelöst wurde. Jahnke ist verheiratet und lebt zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern in Dresden und Radebeul. Er ist Mitbegründer des Autorenvereins Kristallfeder.

Das Cover ziert das Foto einer verschneiten Landschaft und lässt noch nicht viele Rückschlüsse auf das Buch zu.

Laut Inhaltsangabe geht es jedenfalls ins Mittelalter. Jahnkes Schreibstil, obwohl sofort klar erkennbar, bedient sich einer etwas anderen Sprache als sonst. Einer, die mir auf Mittelaltermärkten begegnet ist, was das Eintauchen in die Geschichte für mich gleichermaßen erleichterte, wie erschwerte. Denn der Autor lässt seine Charaktere nicht nur so sprechen und denken. Seine Beschreibungen von Dingen, Gegenden und/oder Begebenheiten sind genauso gehalten.  

Leser, die sich darauf einlassen, landen in einer Welt, in der die Bevölkerung den willkürlichen Entscheidungen und Launen ihrer Landesherren und der heiligen Kirche unterworfen waren, die ihre Dogmen genau wie ihre Vormachtstellung auf Biegen und Brechen halten wollten. Was dafür getan werden, wer dafür bezahlen musste, war völlig gleichgültig. Die Kirche ging dafür so weit, ein ganzes Dorf verschwinden zu lassen.

Doch das kristallisiert sich erst später heraus. Zunächst einmal lernt man im Prolog jenen Ritter kennen, der später mit zur Aufklärung des Sachverhalts beiträgt. Einen Menschen mit allen Fehlern und Schwächen der damaligen Welt, der bisweilen allerdings schon wie jemand zu denken scheint, der etwas später gelebt und andere Denkweisen gelernt hat. Der, obwohl seit Jahren ein treuer und loyaler Diener seines Herrn, trotzdem immer damit rechnen muss, in Ungnade zu fallen. Und dem geht es zu Anfang gar nicht gut. Ihm droht Folter oder gar der Tod, weil er seinem Herrn nicht das besorgen konnte, was der wollte – ein wirksames Mittel gegen die Pest und andere Gebrechen. Dabei konnte er das gar nicht, denn Eich, ein Dorf, das jahrzehntelang neben zahlreichen Wundern (in Form von Heilungen) auch für Ärger sorgte, ist mit Mann und Maus, Haus und Hof verschwunden. Nichts scheint mehr darauf hinzudeuten, dass dort überhaupt jemals eine florierende Siedlung stand. Nur mit einigem Glück kann Hannes Balthasar überzeugen gen Eich zu ziehen, um sich selbst von dieser Ungeheuerlichkeit zu überzeugen.

Danach geht es in die eigentliche Geschichte und der Leser lernt den ungestümen Balthasar kennen, der trotz seiner Jugend von gerade mal 13 Jahren nicht vor Raub, Unterdrückung und Vergewaltigung zurückschreckt und schon eine Gruppe um sich schart, die ihn ein Leben lang begleitet. Bereits allein durch ihn wird deutlich, dass Frauen damals weniger als Vieh galten, das die arme, z. T. hungernde Bevölkerung geknechtet und ausgepresst wurde und gegen all das wenig unternehmen konnte, weil sie quasi zum Besitz des Landesherren gehörten. Und der Junge – Balthasar – ist der Sohn dieses Landesherren, und schreckt übrigens auch nicht davor zurück, den eigenen Vater zu bestehlen.

Dann jedoch geschieht etwas, was den Hitzkopf Balthasar zum Umdenken bewegt. Er wird kein Heiliger, aber er ändert sich. Es ist ein langsamer, aber unaufhaltsamer Prozess, der beginnt, als sich ihm der unbewaffnete Holger von Roßberg in den Weg stellt. Er ist aufgrund einer Eingebung nach Eich gezogen, um den Bewohnern dort beizustehen. Etwas an dem Mann lässt Balthasar innehalten und wieder und wieder nach Eich kommen, um von ihm zu lernen. Dabei könnte er ihn kurz nach ihrem Kennenlernen, ohne irgendwelche Repressalien fürchten zu müssen, vernichten. Denn Balthasars Vater stirbt und er, obwohl er das Mündel seines älteren Bruders Friedrich ist, wird zum Herrn über die Wartburg. Doch er merkt schnell, dass er mehr von einem lebendigen als von einem toten von Roßberg profitieren kann.

Der junge Herr der Wartburg hebt bald schon seine schützende Hand über die Gemeinde Eich und von Roßberg. Schutz ist nötig, denn was von Roßberg bewirkt, lässt das Misstrauen der Kirche erwachen. Seine Bemühungen sind nicht ganz ungefährlich, denn auch Adlige können schnell unter Kirchenbann gestellt werden. Damit taucht der Autor in einen sehr dunklen Abschnitt der Glaubensgeschichte ein. Die damalige Kirche verteilte Vergebung und Gnade nicht an Bedürftige, sondern an zahlende Kundschaft. Doch der Autor geht weiter, erinnert an die Welle von Tod und Verderben, die die damalige Kirche lostrat, um ihre Machtposition zu halten.

Deshalb sorgt Balthasar auch dafür, dass König Karl und der amtierende Papst Eich ebenfalls Schutz bieten. In diesem Zusammenhang lernt auch der Ritter Hannes den geheimnisumwobenen Ort und den Mann kennen, der dafür verantwortlich ist. Der Heiler bringt nicht nur Balthasar viel bei, sondern sorgt durch seine wundersam wirkenden Handlungen dafür, dass die bis dahin unscheinbare Gemeinde zu einer blühenden Siedlung heranwächst und Pilgerströme anzieht. Während das übrige Land unter der Pest leidet und Raubrittertum, Verwahrlosung und Hunger sich ausbreiten, blüht neben Eich auch der Verwaltungsbereich auf, den Balthasar leitet. Bis, ja bis eben zu jenem schicksalshaften Tag Jahre später, an dem Eich von heute auf morgen verschwunden zu sein scheint. Zauberei? Eine dreiste Lüge und Verschwörung seines bisher treuen Ritters Hannes und des Heilers von Roßberg?

Erst als Balthasar sich mit eigenen Augen von dem an sich unerklärlichen Phänomen überzeugt, erteilt er Hannes den Auftrag, nach einer Klärung zu suchen. Sehr bald stellt sich heraus, dass die Kirche etwas mit dem Verschwinden zu tun haben muss. Eine Kirche, die damals schnell etwas als Häresie und Ketzerei abtat, die Menschen folterte, ertränkte oder verbrannte, nur weil sie anders dachten, altes Wissen hegten und pflegten, etc. Nur – welcher der gerade amtierenden Päpste hat den Auftrag erteilt? Und was ist aus den Menschen von Eich geworden, allen voran aus Holger von Roßberg? Was haben die Templer mit diesem Ort zu tun, die von der Kirche verfolgt werden, weil sie Maria Magdalena verehren und nicht als Hure abstempeln? Was haben sie mit dem Ritter selbst zu tun. Von diesem Handlungsstrang (Templer) hätte ich ehrlich gesagt gerne mehr gelesen. Aber er fügt sich auch so gut in die Geschichte ein.

 

Der Autor schlägt einen weiten Bogen, der letztlich im Epilog in Schottland mit Hannes endet, Jahre nach dem Verschwinden von Eich oder dem Tod Balthasars, der beteiligten Päpste oder Könige.

Die von Jahnke gewählte Sprache, das Herausstellen der teilweise recht verqueren Ansichten sogenannter „Edler“ und „Ritter“, das Schlaglicht auf ein sehr dunkles Kapitel in der europäischen Geschichte – all das führt den Leser durch die 310 gut gefüllten Seiten.

Seiten, die auch flüchtig davon sprechen, dass man ohne Vergangenheit, ohne das gelebte Wissen langjähriger Erfahrungen, wohl existieren, aber nicht immer unbedingt gut leben kann. Diese Thematik ist nach wie vor aktuell und wird doch so oft ignoriert. Ebenso aktuell, wenn auch in veränderter Form, ist der Umstand, dass auch heute noch sinnlose Opfer auf dem Altar der Machterhaltung gemacht und gebracht werden, sowohl vor religiösen wie auch wirtschaftlichen Hintergründen. Auch wenn vieles in Jahnkes Roman reine Fiktion ist, der weitergesponnene Faden einer teilweise sicher belegten Recherche – man stellt sich unwillkürlich die Frage, welch ungeheurer (Wissens-)Schatz verloren ging, weil ein machthungriger Teil einer Organisation, der weit jenseits dessen scheint, was Glauben bedeuten sollte, seine Interessen rücksichtslos und zielstrebig wahrte. Führt allgemein betrachtet vor Augen, dass einige wenige reichen, um viele zu unterdrücken; Halbwahrheiten oder gar Lügen zu verbreiten, wenn sie es geschickt anstellen. Intrigen zu spinnen, die in die heutige Zeit reichen, auch wenn sich vieles zum Besseren geändert haben mag. Macht klar, dass viele vieles über sich ergehen lassen, weil sie eigentlich nur eins wollen: Leben.

Beim Lesen des Titels fiel mir übrigens ein Spruch ein. Ich weiß nicht, von wem er stammt, aber er lautet: „Alles, was lebt, sich bewegt, hinterlässt eine Spur. Keine Tat wird ausgelöscht, kein Gedanke fällt ins nichts.“ Dass an dem Spruch etwas dran ist, belegen die Worte des Autors ganz vorne im Buch. Eich und andere Orte mögen aus welchen Gründen auch immer ausgelöscht worden sein. Doch etwas von ihnen lebt weiter: In Archiven, Gedanken, Erinnerungen. Seine Recherchen haben Jahnke für diese Geschichte in Archive in Berlin, Eisenach, Avignon und Rom gebracht und mich durch seine Worte für einen kurzweiligen Abend ins Mittelalter. Wer historische Roman mag, sollte auf alle Fälle einen Versuch wagen.

Copyright © 2010 Antje Jürgens

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