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17. November 2012

Faulstich, Joachim: Das Geheimnis der Heilung – Wie altes Wissen die Medizin verändert

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Joachim Faulstich: Das Geheimnis der Heilung – Wie altes Wissen die Medizin verändert

MensSana bei KNAUR
ISBN13: 9783426874837
ISBN10: 3426874830
Fachbuch Gesundheit
11/2012
Taschenbuch, 352 Seiten
[D] 10,99 €

Verlagsseite

Autorenseite

 

Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich der 1950 geborene Autor und Journalist Joachim Faulstich mit einem Thema, das manche, streng wissenschaftsgläubig, mit einem spöttischen Lächeln gerne in die Esoterik-Ecke einsortieren, die es ihrer Ansicht nach nicht verdient hat, mit einem zweiten aufmerksamen Blick betrachtet zu werden. Faktisch tummeln sich in dieser Ecke bekanntlich viele Scharlatane, doch nicht jeder, der sich mit der Thematik beschäftigt, gehört automatisch dazu. Und so bleibt es glücklicherweise jedem selbst überlassen, wie man etwas oder jemanden sieht und beurteilt.

 

Einen kritischen Blick bewies Faulstich schon in den 1970er-Jahren, wo er unter anderem Beiträge für die Sendungen Panorama und Monitor verfasste. Gegen Ende jenes Jahrzehnts kam Faulstich erstmals in Kontakt mit Behandlungsmethoden südamerikanischer Eingeborener. Seither beschäftigt er sich mit ethnologischen und komplementärmedizinischen Fragen, wie man seiner Homepage entnehmen kann. Dass es nicht nur Kritiker für seine Arbeiten gibt, beweisen die Preise, die er dafür erhielt, u. a. 2007 den populärwissenschaftlichen „Theophrastus Paracelsus Preis für Ganzheitliche Medizin“.

 

Bereits vor zwei Jahren erschien bei Knaur die Hardcoverausgabe des jetzt als Taschenbuch herausgegebenen Titels Das Geheimnis der Heilung – Wie altes Wissen die Medizin verändert. Das Buch ist eng an die Film-Dokumentation mit dem gleichen Titel angelehnt. Vielleicht auch umgekehrt, denn ich weiß ehrlich gesagt gerade nicht, was zuerst ausgestrahlt wurde bzw. im Buchhandel erschien. Lesenswert und informativ empfand ich Das Geheimnis der Heilung – Wie altes Wissen die Medizin verändert jedoch allemal, als ich das Buch kürzlich von meinem SuB nahm und mich darin vertiefte. Darauf gekommen bin ich nach Lektüre des Buches Die Maly-Meditation von Wolfgang Maly, die in Faulstichs Buch ebenfalls erwähnt wird.

 

Ich verdanke der herkömmlichen Schulmedizin viel, doch angesichts nicht nur eigener gesundheitlicher Probleme durfte ich glücklicherweise auch die Erfahrung machen, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Eine noch viel glücklichere Fügung offenbarte sich für mich darin, dass mittlerweile auch immer mehr Schulmediziner hierzulande über den Tellerrand sehen und Dinge ausprobieren oder zumindest mit ihrer Behandlungsweise kombinieren, gar in sie integrieren, die sie früher eher belächelt oder kategorisch abgelehnt hätten. So eine Denkweise war mir persönlich lange Zeit nur aus dem Ausland bekannt.

 

Es gehört Selbstüberwindung dazu, anzuerkennen, dass der eigene Weg zwar nicht unbedingt gänzlich falsch, aber doch ausbaufähig ist. Dass eine Zusammenarbeit wesentlich größeren Nutzen für Patienten beinhaltet. Dass Grenzen moderner Erkenntnisse durch die Wiederbelebung alten Wissens positiv verschoben werden können. Dass es wesentlich mehr gibt, als dass was man auf den ersten Blick wissenschaftlich beweisen und messen kann. Wer dies hierzulande laut ausspricht, wird jedoch, wie bereits eingangs bereits kurz angedeutet, gerne als Scharlatan oder herablassend als Spinner belächelt.

 

Dennoch gibt es sie. Nicht nur Esoteriker, Schamanen, Geistheiler haben diesen Schritt gewagt. Neben ihnen tun dies auch zunehmend Ärzte, medizinische Therapeuten und Pflegepersonal. Bei ihnen und zahlreichen Patienten hat der Autor für Das Geheimnis der Heilung – Wie altes Wissen die Medizin verändert nachgefragt. Bereits 2006 wurde eine Dokumentation von ihm produziert, die sich mit dem Thema rätselhafter Heilungserfolge beschäftigte. Faulstich hat jahrelang recherchiert, ging vielen Hinweisen nach und präsentiert in dem mir vorliegenden Buch erneut sehr anschaulich und nachvollziehbar seine Ergebnisse.

 

Egal ob es sich um Meditationen, Visualisierungen, reguläre TCM, chirurgische Eingriffe und anschließende Behandlungen durch Berührungen oder etwa auch die Wirkung von Musik geht. In seinem Buch kommen, genau wie in der oben erwähnten Dokumentation gleichen Namens, Patienten wie Behandler, die sich darauf eingelassen haben, zu Wort oder werden erwähnt. Egal ob Wissenschaftler, Ärzte, Therapeuten, Heiler oder Patienten – sie alle geben Zeugnis von einem ermutigenden Wandel im Denken, aber auch von wundersam klingenden Heilungen im Grunde aussichtsloser Fälle. Einiges davon kann schlüssig erklärt und sogar belegt werden, anderes nicht. Das setzt jedoch die Heilerfolge nicht herab.

 

Alle Fallbeispiele im Buch ziehen Nutzen aus uraltem, teils fast vergessenem und wiederbelebtem Wissen, wenngleich nicht alle Ergebnisse letztlich auf den ersten Blick absolut spektakulär sind. Dabei stürzt sich der Autor nicht auf eine Methode, um sie von allen Seiten beleuchtet, herauszustellen oder stellt die Schulmedizin ins Abseits. Letzteres verrät ja bereits der Titel. Stattdessen verweist er auf verschiedene Methoden, die letztlich eins bewirken: Das heilende Bewusstsein in Betroffenen zu wecken. Behandeln kann man auf vielfältige Art und Weise von außen. Egal ob mit esoterisch belächelten oder vielleicht auch ernst genommenen Behandlungsformen, schulmedizinischen Ansätzen, chirurgischen Eingriffen oder auch Medikamenten, egal ob kombiniert oder nicht. Heilung kommt jedoch letztlich immer von innen.

 

Fazit:

 

In seinem Buch hat Faulstich das Rad nicht neu erfunden. Die Erkenntnis und das Wissen um die Regenerations- und Heilfähigkeit unseres Körpers existiert schon lange. Doch der Autor macht nachdrücklich und gut recherchiert darauf aufmerksam, weshalb ich seinem Buch fünf von fünf Punkten geben möchte. Wer jedoch hofft, dass der erste Teil des Buchtitels wörtlich gemeint ist, sollte die Finger von dem Buch lassen. Faulstich bietet keine ultimative Behandlungsform mit Heilungserfolg per se. Er beschreibt verschiedene Behandlungsansätze, die anhand erfolgreicher Fallbeispiele belegt und durch Fachleute erklärt werden. Zumindest der Teil, der erklärt werden kann. Heilung bedeutet in gewisser Weise Arbeit – nicht nur von Seiten der Behandler, auch die Patienten selbst müssen tätig werden und zuvor eventuell zunächst ihren Horizont erweitern. Eine kleine Hilfe dazu liefert Das Das Geheimnis der Heilung – Wie altes Wissen die Medizin verändert. Praktischerweise liest sich das Buch leicht und flüssig.

 

Ich möchte es nicht nur Betroffenen ans Herz legen, die mit gesundheitlichen Problemen kämpfen und einen Weg suchen, zu gesunden. Es ist auch für Angehörige und Behandler lesenswert, da man damit einmal mehr begreifen kann, wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtungs- und Behandlungsweise ist. Wie wichtig es ist, modernes Wissen nicht zwingend zu negieren, jedoch auch nicht als nec plus ultra zu betrachten. War es nicht Albert Einstein, der wenige Jahre vor seinem Tod 1955 gesagt haben soll, dass diejenigen sich dem Gelächter der Götter aussetzen, die als Autorität im Bezug auf Erkenntnis und Wahrheit auftreten wollen? Es ist immer gut über den eigenen Tellerrand zu sehen, den Horizont zu erweitern. Dann erfährt man, welche Kräfte eigentlich in uns wohnen und auch wie wir sie nutzen können. Und wie sehr es sich lohnt, wenn altes Wissen unserer medizinisches Wissen verändert.


Copyright © 2012 Antje Jürgens (AJ)

16. November 2012

Thanner, Alex: Weihnachten mit Mama

Filed under: Belletristik,Roman — Ati @ 15:59

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Blanvalet
ISBN13: 9783764504472
ISBN10: 376450447
Belletristik
1. Auflage, 10/2012
Hardcover mit Schutzumschlag
[D] 14,99 €


Verlagsseite

Alle, die mich kennen, wissen, dass es Geschäfte bzw. Abteilungen darin gibt, die ich zu bestimmten Zeiten regelrecht boykottiere; Weihnachts-plätzchen werden erst ab einem gewissen Zeitpunkt gebacken und überhaupt stelle ich mich der von kommerzieller Seite in meinen Augen regelmäßig viel zu früh gestarteten Weihnachtsoffensive mal tapfer, mal frustriert oder auch schon mal missmutig entgegen. Seltsamerweise kann ich Bücher, deren Inhalt von Weihnachten handelt, jedoch ganzjährig lesen. Keine Ahnung, woran das liegt, aber es ist so.  

Dieses Jahr landete Weihnachten mit Mama frühzeitig auf meinem SuB. Dort verweilte Alex Thanners Roman dann doch tatsächlich ganze vier Stunden dort, bevor ich mich damit auf mein Sofa verzog. Gleich vorab: Er war viel zu schnell ausgelesen.  

Das gemalte Cover zeigt einen schwer bepackten Mann und eine Frau, die – wenn man dem erhobenen Zeigefinger Glauben schenken darf – das Kommando führt, ein wenig weihnachtliche Deko und einen Straßenzug. Die Inhaltsangabe beginnt mit „Hilfe, es weihnachtet sehr“ und lässt bereits erkennen, dass es neben dem Thema Weihnachten an sich vor allem um eins geht: um den Wahnsinn, der für viele mit diesem Fest verbunden ist. Dem Fest der Liebe, das jedoch oftmals in Streit und Unfrieden endet, weil die Personen, die daran teilnehmen, sich sonst teils ganzjährig aus dem Weg gehen. Etwa, weil sie alte Animositäten nicht völlig ad acta legen können.  

Johannes Siebenschön, die erzählende Hauptfigur, eilt nach einem Hilferuf seines Vaters als pflichtbewusster Sohn von Münster nach München, um Weihnachten zu retten. Nicht indem er den Weihnachtsmann spielt. Doch seine Mutter, die am 24. Dezember zudem ihren 65. Geburtstag feiern möchte, steht planungstechnisch eindeutig neben sich, sein Vater rundweg hilflos daneben. Wenige Tage vor dem großen Fest, zu dem zum ersten Mal seit längerer Zeit die ganze Familie erwartet wird, ist nichts vorbereitet, dem Chaos scheint der Weg perfekt bereitet. 

Johannes tut, was er kann, und das ist einiges. Als LeserIn kann man seiner Geduld nur Respekt zollen. Als der große Tag mitsamt den geladenen Gästen da ist, geht dennoch trotzdem einiges schief. Daran sind nicht nur der überaktive Jack Russel oder die beiden Neffen von Johannes schuld, die sich unter allen Erwachsenen einfach nur langweilen und auf die Bescherung warten. Nein, vielmehr schaffen sich latent vorhandene und schwelende Zwistigkeiten Raum. Schließlich kommt es noch zu einem schrecklichen Streit, der der friedlichen Stimmung, die an einem solchen Tag herrschen sollte, den Rest zu geben scheint. Dabei sollte doch wenigstens an diesem Tag alles perfekt sein.  

Mit Wortwitz, stellenweise spöttisch, neckisch und durchaus selbstironisch, schildert Johannes seine Erlebnisse im Zuge der Vorbereitung aber auch während der Feier an Heiligabend. Er schlittert von einer niveauvoll erzählten und dennoch fast klamaukartigen Besorgung in die nächste. Beschreibt den Stress, ohne den Spaß beiseitezulassen. Egal ob es sich um die verzweifelte Suche nach dem passenden Tischtuch, dem Christbaumständer oder auch das Plätzchenbacken mit seiner Mutter handelt.  

Nicht nur Johannes selbst, sondern auch die übrigen Figuren Thanners sind herrlich menschlich dargestellt. Johannes macht sich während seiner Rettungsaktion nicht immer nur nette Gedanken um seine Familie, dennoch wird er nie bösartig. Herrlich lebendig, liebevoll und kratzbürstig, tolerant und engstirnig, edelmütig und missgünstig, so lernt man Thanners Figuren in Weihnachten mit Mama kennen. Erfährt, wie schwer es sein kann, über den eigenen Schatten zu springen oder dass man sich manchmal einfach selbst im Weg steht.  

Thanner macht es seinen LeserInnen leicht, sich in die Geschichte hineinziehen zu lassen. Man fühlt sich fast, als würde man neben Johannes stehen und gehen. Man leidet mit ihm, man lacht mit ihm. Man versteht sein Dilemma, weil er irgendwie zwischen den Stühlen sitzt und eigentlich stets um Harmonie und Friedfertigkeit bemüht ist. Die seinen Handlungen innewohnende Liebeserklärung an seine Mutter ist anrührend und lebensecht. Und sie bestätigt einmal mehr, was ich immer wieder erlebt habe. Liebe besteht aus vielen schönen Momenten, aus spaßigen, aus ernsten. Vor allem aber besteht sie trotz Fehlern, Schwächen oder auch starrköpfigem Eigensinn der Person, die man liebt.  

Fazit: Ein herrliches Buch zum Entspannen und durchaus auch zum Nachdenken. Thanners eloquent unterhaltsamer Schreibstil liest sich sehr flüssig. An zahlreichen Stellen konnte ich mir mein Lachen nicht mehr verkneifen. An anderen fühlte ich mich an meine eigene Familie und vergangene Feste erinnert. Eine wundervolle Geschichte über Familie, den ganz alltäglichen Wahnsinn und das Fest, das vielen von uns demnächst wieder bevorsteht. Perfekt um daran zu erinnern, das rechtzeitige Planung Chaos verhindert und wir uns selbst nicht immer so wichtig nehmen müssen. Schließlich haben nicht alle von uns einen Johannes, der alles wieder ins Lot bringt.  

Copyright © 2012 by Antje Jürgens (AJ)

13. November 2012

Mawer, Simon: Die Frau, die vom Himmel fiel

Filed under: Belletristik,Historisch,Roman — Ati @ 12:44

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Deutsche Verlags-Anstalt
Originaltitel: The girl who fell from the sky
Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
ISBN 13: 9783421045652
ISBN 10: 3421045658
1. Auflage 11/2012
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten
[D] 19,99 €

Verlagsseite            

Autorenseite (englisch)

Mit dem von DVA herausgegebenen Titel Die Frau, die vom Himmel fiel von Simon Mawer kommt dessen erster ins Deutsche übersetzter Roman auf den hiesigen Buchmarkt. Mawer wurde 1948 in England geboren, wuchs in Zypern und Malta auf und lebt heute in Italien. Seit 1989 erschienen acht seiner Romane, die in über zwölf Sprachen übersetzt wurden. Es handelt sich um Chimera, A place in Italy, The bitter cross, A jealous god, The gospel of Judas, The Fall, Swimming to Ithaca, Gregor Mendel: Planting the seeds of genetics, und The girl who fell from the sky, der in seiner deutschen Übersetzung gerade vor mir liegt. Darüber hinaus gab es noch Mendel’s Dwarf und The Glass Room. Beide wurden für den Booker-Preis nominiert. Mawer schreibt, wie man bereits den Titeln entnehmen kann, also keine Liebeskomödien. 

In Die Frau, die vom Himmel fiel geht er auf ein Thema ein, das vielen eher unbekannt sein dürfte. Darauf, dass im Zweiten Weltkrieg in England junge Frauen zur Spionage ausgebildet wurden. Etwa fünfzig von ihnen wurden mit Fallschirmen über besetztem Gebiet abgesetzt, damit sie dort ihrer Tätigkeit nachgehen konnten. Benannt wurden diese SOE-Frauen nach ihrer nachrichtendienstlichen Spezialeinheit (Special Operations Executive). Fünfzig Jahre nach Entsendung des ersten SOE-Agenten wurde von der französischen Regierung das Vaelençay-SOE-Mahnmal enthüllt, welches einundneunzig Männer und dreizehn Frauen ehrt, die im Rahmen ihrer Spionagetätigkeit ihr Leben verloren. Zwölf dieser Frauen fielen den Deutschen zum Opfer, eine starb an einer Hirnhautentzündung.  

Marian Sutro ist einer dieser Frauen. Sie entstand in Erinnerung an Colette, der Mawer seine Geschichte widmet. Marian Sutro, alias Alice Thurrock, alias Anne-Marie Laroche. Als sie angeworben wird, ist sie schnell bereit zu tun, was man von ihr erwartet. Was ihr etwas Probleme bereitet ist, dass sie nicht in alles eingeweiht wird und das auch weiß. Sie muss blind vertrauen lernen. Nicht nur ihren Vorgesetzten und anderen Agenten, mehr noch sich selbst. Denn im Grunde darf sie gleichzeitig niemandem mehr trauen. Ihr Bauchgefühl, ihr Verstand, ihr inneres Radar muss funktionieren, wenn sie unentdeckt bleiben will. Sie muss ihre Vergangenheit als Tochter eines britischen Diplomaten und einer französischen Mutter vergessen, ihren Bruder. Eigentlich sollte sie auch Clément vergessen, den sie vor dem Krieg kannte, doch der rückt mit ihrer Mission plötzlich wieder zum Greifen nah, da er wie ihr Bruder Physiker ist. Sie muss von heute auf morgen eine Lüge leben, einfach weil sie die Fähigkeit besitzt, Französisch wie ihre Muttersprache zu sprechen. Sie wird im Töten ausgebildet, lernt Fallschirmspringen, zu morsen, sich zu verstellen. Das alles während des Krieges, also quasi im Schnelldurchgang.  

Speziell zu lernen, niemandem mehr zu trauen, ist überaus schwierig. Was man sein Leben lang gemacht hat, prägt schließlich das momentane Handeln. Situationsgebundene paranoide Denkweisen entstellen das Weltbild, das man für gewöhnlich hat. Als Marian gerade neunzehnjährig in Frankreich in ein Netzwerk von Spionen und ihren Helfern eintaucht, wird ihr bewusst, dass es keinen Plan B gibt. Dass im Notfall höchstens die Zyankali-Kapsel auf sie wartet, die ihr kurz vor Verlassen Englands überreicht wird. Da hilft es auch nichts, dass sie im Rahmen ihrer Ausbildung Benoit kennenlernt und eine Affaire mit ihm beginnt. In Frankreich ist sie auf sich allein gestellt. Der Großteil ihrer Tätigkeit ist Beobachten, Ausharren, auf den richtigen Moment warten. Doch sie wird auch als Kurier benutzt oder an der Ausschleusung relevanter Personen beteiligt. Clément ist als Physiker und im Wettlauf um die Bombe von überaus großem Interesse für die Engländer.  

Und genau wie andere Agenten muss sie bitter erfahren, dass die Deutschen ihre Augen und Ohren nicht selbst überall haben, sondern dass aus wegsehenden Zivilisten genau wie aus enttarnten Agenten Kollaborateure und Verräter werden können.  

Die Times schrieb zu Die Frau, die vom Himmel fiel: „Leidenschaft plus Gefahr – was könnte aufregender sein?“  

Mawers beginnt mit dem Kapitel Trapez. Überaus passend tituliert, denn was darin geschieht, weist eindrücklich darauf hin, dass es bei der Operation kein rettendes Netz gibt und eine einzige falsche Entscheidung zum Tod führen kann. Der Autor teilt danach seine Kapitel in die Zeit in England und Frankreich. Während die Zeit im ersten Teil im Präteritum abgefasst ist, sind die Kapitel in Frankreich im Präsens geschrieben. Diese Zeitform lese ich grundsätzlich nicht so gerne, allerdings unterstreicht sie in meinen Augen den Druck, unter dem Marian steht. Die einzelnen Kapitel sind relativ kurz und viele Details weben ein klares Bild der damaligen Zeit und Denkweisen. Marian wirkt erwachsen und abgeklärt, man sieht sie klar und doch in gewisser Weise gesichtslos vor sich. Ebenso die anderen Charaktere. Doch auch dies konveniert in meinen Augen mit ihrer Spionagetätigkeit.

Störend wirkte auf mich die Fülle französischer Formulierungen. Nicht weil ich etwas gegen die Sprache habe. Genau genommen ginge es mir mit jeder anderen Sprache genauso. Wenn die Atmosphäre stimmt und Marian glaubwürdig keinen Unterschied zwischen ihren beiden Muttersprachen macht (beides habe ich so empfunden), stört der beständige Wechsel eher. Zumal nur einige Formulierungen zeitnah übersetzt oder erklärt werden, andere jedoch gar nicht. 

Der Autor erzählt die Geschichte aus Marians Sicht in dritter Person. Allerdings kommen auch Passagen vor, in denen man sich direkt vom Erzähler angesprochen fühlt. Speziell im Frankreichteil fiel mir dies auf. Manchmal wirkten diese fast wie Gedanken von Marian, dann wieder wie die des Erzählers. Einige wirkten jedoch auch etwas hölzern auf mich und störten meinen Lesefluss. 

Gut umgesetzt ist jedoch der Wechsel im Erzähltempo. Mehr als einmal bremst Mawer an genau der richtigen Stelle ab, um heikle Momente hervorzuheben. Mehr als einmal nimmt genau im exakten Augenblick erzähltechnisch wieder Fahrt auf. 

Obwohl ich so ziemlich alles lese, zählen Agentenromane eher zu den Büchern, die ich weniger gerne zur Hand nehme. Vielleicht weil ich durch einen Exfreund bedingt etwas Bond-geschädigt bin. Sobald das Wort Agentenroman fällt, habe ich erst einmal diesen Namen im Kopf, bevor ich mich dann an andere erinnere. Egal ob die Figuren darin fiktiv oder reflektiv dargestellt werden, er drängt sich gedanklich bei mir recht unschön in den Vordergrund. Irgendwie störte mich seine Lizenz zum Töten, der technische Schnickschnack, mit dem er gegen die Bösen kämpft. Oder die Art, wie er das alles übersteht, quasi wie Phoenix aus der Asche steigt. Warum ich das erwähne? Wegen des oben stehenden Zitats der Times. Natürlich gehen nicht alle Agentenromane in diese Richtung, doch wer angesichts der Times-Formulierung eventuell erwartet, James-Bond-ähnliche Sexszenen in Hotelzimmern, im Flugzeug oder im-am-unter-auf-dem-Wasser zu lesen, wird enttäuscht. Mawers Roman kommt auch ohne große Explosionen und technische Spielereien mit Crash-Boom-Bang-Effekt aus. Und zwar ohne, dass etwas fehlt. 

Die Figuren in Die Frau, die vom Himmel fiel sind keine unzerstörbaren Kämpfer für Gut und gegen Böse. Es sind Menschen wie wir, die in etwas hineingezogen wurden, was größer ist, als sie vielleicht jemals annahmen. Schachfigurartige Spieler in einer Realität, die sich verselbstständigt hat. In der nicht immer hundertprozentig klar ist, wer nun richtig oder falsch handelt. Die Feinde und Freunde oder zumindest wohlgesonnene Dritte nicht immer gleich auf Anhieb erkennen. Die Fehler und Schwächen haben.  

Die im Times-Zitat erwähnte Leidenschaft spiegelt sich für mich im Bezug auf die Tätigkeit der Agenten wieder. Zwar hat Marian ganz normale Bedürfnisse, doch die treten angesichts der Geschehnisse dezent in den Hintergrund. Stört das? Sicher nicht, zumal man die Gefahr, in der sie und ihre Mitstreiter schweben, gut nachvollziehen kann. Die latente, aber ständig vorhandene Angst wird greifbar.  

Fazit: Laut Verlaggseite handelt es sich um einen packenden Roman über eine starke junge Frau, die Mut in gefährlichen Zeiten beweist, und eine »Casablanca«-gleiche Liebesgeschichte vor der Kulisse des historischen Paris. Doch nicht nur Casablancafreunde werden sich mit Die Frau, die vom Himmel fiel unterhalten fühlen. Trotz der vorgenannten Punkte konnte ich das Buch nicht zur Seite legen, wollte wissen, wie es mit Marian weitergeht. Angesichts des historischen Kontextes blieb Mawers ja wenig Spielraum für den Ausgang der Geschichte im Bezug auf den Rest der Welt. Marians Schicksal jedoch konnte er bis zum letzten Kapitel ungewiss lassen. Im Gesamten betrachtet wirkte der Großteil der Geschichte eher abstrakt distanziert als wirklich aufwühlend auf mich. Sie macht dennoch nachdenklich und berührend fand ich Die Frau, die vom Himmel fiel allemal. Daher möchte ich für Mawers Roman vier von fünf Punkten dafür vergeben. 

Copyright © 2012, Antje Jürgens (AJ)

10. November 2012

Dres. med. H. U. Hecker & Kay Liebchen: Aku-Taping

Filed under: Fach- & Sachbuch,Gesundheit/Behandlung — Ati @ 17:22

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TRIAS
ISBN13: 9783830468646
ISBN10: 3830468644
Fachbuch, Ratgeber Gesundheit
3. überarbeitete und erweiterte Auflage 2012
Softcover, 128 Seiten
[D] 19,99 €


Verlagsseite
 

Die Autoren, Dres. med. Hecker und Liebchen, beschäftigen sich beide mit Akupunktur. Hecker zudem mit Chinesischer Medizin, wozu er schon zahlreiche Publikationen in mehreren Sprachen veröffentlichte, mit Homöopathie und Naturheilverfahren. Liebchen befasst sich in seiner orthopädischen Praxis auch mit Osteopathie und. Eine besondere Form der Schmerzbehandlung stellt dabei sicher das von ihm und Hecker gemeinsam entwickelte Aku-Taping dar. Sowohl Hecker als auch Liebchen geben ihr Wissen nicht nur in Form von entsprechenden Fachbüchern, sondern auch in Seminaren weiter.  

Was ist der Unterschied zwischen Kinesio-Taping und Aku-Taping? Letzteres ist, wie man dem Buch Aku-Taping gleich nach Inhaltsverzeichnis und Vorwort entnehmen kann, eine Weiterentwicklung von Ersterem. Eine perfekte Ergänzung also zu dem zuvor besprochenen Buch Das Taping-Selbsthilfe-Buch von John Langendoen und Karin Sertel. Beide Bücher lassen LeserInnen an einem gelebten Erfahrungsschatz teilnehmen, der sowohl für Laien als auch für diejenigen interessant ist, die sich beruflich mit der Materie beschäftigten. Laien dürfte kein wirklicher Unterschied auffallen, orientieren sich doch beide Taping-Formen an Meridianverläufen und Akupunkturpunkten, verwenden dehnfähige Klebebänder in unterschiedlichen Farben und sind beide Erfolg versprechend bei gleichzeitig gemeinsamen Kontraindikationen. Es scheinen einfach verschiedene Begriffe zu sein und doch gibt es natürlich entsprechende Unterschiede. Praktischerweise sind beide Taping-Formen in ihren Grundzügen leicht auch von absoluten Laien lernbar, die sich dafür interessieren.

In Aku-Taping findet man fünfundzwanzig Basis-Tapes, die vom Aufbau her modernen kinesiologischen Tapes ähneln, und mit denen man erfolgreich gegen eine Reihe von Beschwerden und Schmerzen vorgehen kann. Der Grund, aus dem die Autoren sich auf diese Zahl beschränken, liegt darin, dass sie mit dem 128 Seiten umfassenden Buch allenfalls auch für Laien geeignetes Basiswissen vermitteln können. Und auch hier sollte man im übrigen mindestens zu zweit einen Blick in das Buch werfen und zwar aus genau denselben Gründen wie bei Das Taping-Selbsthilfe-Buch von John Langendoen und Karin Sertel. Es gibt einfach Bereiche, die man selbst nicht erreicht. 

Die Autoren bieten leicht verständliche, ausführliche Informationen zu dem Thema. Beschreiben, worum es sich bei Aku-Taping handelt, gehen auf Vor- und Nachteile ein, die Taping ratsam oder weniger ratsam scheinen lassen. Man erfährt wissenswerte Tipps und Hinweise über die Beschaffenheit und Farben der Bänder. Auch in Aku-Taping kommen Vorteile und Wirkweise von Cross-Taping nicht zu kurz. Und nach einer Rundreise durch den menschlichen Körper schließt der erste Teil des Buches ab.  

Nebenbei bemerkt, auch in diesem Buch ist die Gestaltung wie bei dem zuvor besprochenen Das Taping-Selbsthilfe-Buch gehalten. Ein ganzseitiges Foto und ein farbiges Trennblatt schaffen einen harmonischen Übergang vom einen zum anderen Teil.  

Nach fünfzig theoretischen Seiten gelangt man dann zum eher praktischen Anleitungsteil. In Aku-Taping findet man ebenfalls nützliche Tabellen zum Nachschlagen mit Beschwerdebildern von A – Z und die dazugehörigen Taping-Empfehlungen. Praktischerweise wird hier auch gleich der Verweis auf die entsprechende Anleitungsseite gegeben.  

Jede der fünfundzwanzig Anleitungen umfasst eine Doppelseite. Auf den geraden Seiten findet sich die schriftliche Anleitung, auf den Ungeraden dazu passende, durchnummerierte Fotos (je nach Erklärungsbedarf zwischen zwei und acht Stück, wobei eines immer das fertige Tape zeigt). Die schriftliche Anleitung teilt sich in einen Info-Bereich. In diesem wird angeführt, bei welchen Beschwerden das Tape angewendet wird, wie viele Streifen man benötigt und wo diese angebracht werden. Die Beschreibung ist hier sehr knapp gehalten, wird jedoch durch die Fotos so gut ergänzt, dass nicht wirklich etwas fehlt. Zudem beschreiben die Autoren das Anbringen direkt neben dem Infofeld etwas mehr, gehen dabei aber auch eine weitere wichtige und unterstützende Maßnahme ein: das Vordehnen des entsprechenden Anwendungsgebietes vor Anbringen des Tapes. Auf den Fotos sieht man übrigens auch, wie dieses auszusehen hat. 

Mit einem ganzseitigen Foto und dem farbigen Trennblatt geht es dann in den dritten Teil zum Cross-Taping. Die einzelnen Punkte werden beschrieben und fotografisch dargestellt, was das Anbringen der kleinen, hilfreichen Pflaster für Laien enorm erleichtern dürfte.  

Im Anhang findet man dann noch Hinweise für die Suche nach dem richtigen Therapeuten (falls man sich nicht persönlich an die Sache traut oder einfach niemanden hat, der einem notfalls helfen kann), Bezugsquellen für das benötigte Material und eine Schlussbemerkung. Denn selbst wenn man die Grundzüge von und mit Aku-Taping leicht lernen kann, gilt auch hier der kritische Blick, der vor Fehlern infolge falscher Anwendung oder Nichtbeachtung von Gegenanzeigen schützt. Man sollte sich immer vor Augen halten, was bei richtiger Anwendung gut hilft, kann bei falscher Anwendung nicht nur nicht helfen, sondern auch schaden.  

Fazit: Auch hier gilt natürlich, dass das Buch weder eine Diagnose noch – je nach Art und Dauer der Beschwerde – einen erfahrenen Behandler ersetzt. Aku-Taping ist für mich ein gelungenes und für Laien empfehlenswertes Praxisbuch. Die Autoren vermitteln ihr Wissen lebendig und nachvollziehbar. Aku-Taping stellt eine Bereicherung für meine Bibliothek dar, da ich damit mein Wissen auffrischen und etwas erweitern konnte und zudem ein kleines Nachschlagewerk habe, das es mir erleichtert, dieses Wissen anzuwenden. Also, wer interessiert ist, einfach kaufen und lesen. Und dann heißt es probieren, probieren, probieren. Und wer die Wirkung dieser Behandlung noch nicht kennt, wird gewiss eine mehr als positive und angenehme Überraschung erleben. 

Copyright © 2012 by Antje Jürgens (AJ)

Langendoen, John & Karin Sertel: Das Taping-Selbsthilfe-Buch mit DVD

Filed under: Fach- & Sachbuch,Gesundheit/Behandlung — Ati @ 16:59

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TRIAS
ISBN-13: 978-3830439035
ISBN-10: 3830439032
Fachbuch, Ratgeber
Flexcover, 250 Seiten mit DVD
[D] 29,99 €


Verlagsseite

Mein persönliches Schmerzempfinden ist so, dass ich nicht augenblicklich zu Schmerztabletten oder entsprechenden Salben greifen muss und will. Allerdings plagt mich um diese Jahreszeit seit einem (Mehrfach-)Bruch ein eklatant schmerzhaftes Ziehen im Bereich der Achillessehne, welches trotz entsprechender Bewegungstherapie und/oder Akupunktur nicht wirklich nachlässt. Doch es gibt ja noch andere Behandlungsmöglichkeiten. 2004 verfolgte mein Arzt, nachdem ich eine Operation kategorisch abgelehnt hatte, zähneknirschend den Behandlungsverlauf besagten Bruches. Er belächelte meinen Enthusiasmus, mit dem ich auf den Vorschlag meines Physiotherapeuten einging, der mich tapen wollte. Dessen Chef, Thomas Metzger (Inhaber der physiotherapeutischen Praxis medVital in Schwäbisch Gmünd), hatte sich nicht nur bereits früh mit dieser Behandlungsform beschäftigt, sondern auch bei meinem Therapeuten ausbildungstechnisch ganze Arbeit geleistet. Der Behandlungserfolg verblüffte nicht nur meinen Arzt, sondern auch alle anderen, die über mein pink- und/oder türkisfarben beklebtes Bein samt Fuß gelacht hatten. Heute sieht man die Leute querbeet bunt beklebt herumlaufen. Vom einfachen Schüler, über Büroangestellte und Arbeiter, bis hin zum Leistungssportler. Von der Nase bis zum kleinen Zeh.  

Die Wirkung hat mich damals so verblüfft, dass ich, sobald es mir möglich war, einen Kurs belegt habe. Wirklich angewandt habe ich das Gelernte danach selten. Und deshalb tut eine Auffrischung dringend not. Nicht nur wegen meiner aktuellen ziehenden Schmerzen, auch weil man damit verschiedene Beschwerden quasi einfach wegkleben kann, indem man sich an Meridianverläufen und Akupunkturpunkten orientiert. Ich bestellte mir also entsprechende Tapes und bald darauf lagen sie vor mir, in den schönsten, leuchtendsten Farben. Ein paar Zentimeter breit, einige Meter lang. Das eher langweilige Schwarz und Beige einzelner Rollen unterstrich den leuchtenden Pinkton, das klare Blau, das giftige Grün, das appetitliche Brombeer oder das satte Rot der anderen. Allein angesichts der Farbenpracht der Aku-Tapes, auch Kinesio-Tapes oder einfach Tapes genannt, vergisst man schon fast das Zwicken und Zwacken, das einen laut Pharma-Werbung mit zunehmendem Alter zu plagen hat.  

Damit die schönen bunten Tapes jedoch nicht einfach nur schön waren, sondern auch ihre volle Wirkung entfalten konnten, bekamen meine Bücherregale zusätzlich Zuwachs in Form von zwei Büchern aus dem Hause TRIAS. Eins davon war Das Taping-Selbsthilfe-Buch. In dem Gemeinschaftswerk von John Langendoen und seiner Frau Karin Sertel geht es um die Hilfe zur Selbsthilfe in Form von Taping. Die beiden Autoren sind unter anderem als Physiotherapeuten tätig und beide kamen 2002 erstmals mit kinesiologischem Taping in Kontakt. Langendoen wurde während der Fußball-WM durch die Behandler der koreanischen Nationalmannschaft damit infiziert, seine Frau wiederum von ihm. Zehn Jahre später wenden beide diese Behandlungsform nicht nur erfolgreich an, Langendoen unterrichtet sie darüber hinaus international in mehr als fünfzehn Ländern. 

Die beiden wissen also, wovon sie reden. In ihrem Das Taping-Selbsthilfe-Buch mit DVD lassen sie auch interessierte LeserInnen an ihrem Wissen teilhaben. Über 70 Anleitungen zum richtigen Anlegen von Tapes sollen nicht nur gegen Schmerzen grundsätzlich helfen, sondern auch bei über 160 Beschwerden (unter anderem etwa gegen Ödeme, Menstruations- oder Atemprobleme). Wobei sollen eindeutig die falsche Formulierung ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich um die Wirksamkeit einer solchen Behandlung. 

Bevor man auf Seite 49 in zwei Tabellen jeweils von A bis Z etwas über Beschwerdebilder und die dafür geeigneten Tapes oder die in der Inhaltsangabe angekündigten 70 Tape-Anlagen, ihre Anwendungsgebiete und Kombinationsmöglichkeiten nachschlagen kann, sollte man sich durch die ausführlichen Informationen arbeiten.  

Die findet man im ersten Teil des Buches, von Inhaltsverzeichnis und Vorwort gut abgegrenzt durch ein ganzseitiges Foto und eine farbige Trennseite mit der Überschrift Was sie über Taping wissen sollten. Bereits die Lektüre dieser Informationen verweist auf das fundierte Wissen der Autoren. Hier erfährt man Grundsätzliches über die Einsatzmöglichkeiten und Kontraindikationen. Denn auch beim Taping gilt natürlich: Keine Wirkung ohne Gegenwirkung und so sollten beispielsweise Lernwillige mit Herzproblemen den Kontraindikationen Beachtung schenken, wenn sie ihren Lymphfluss anregen wollen, um im Do-it-yourself-Verfahren gegen Wassereinlagerungen vorzugehen. Beachtet man die Warnhinweise, hat man jedoch tatsächlich eine Behandlungsform ohne Nebenwirkungen für sich entdeckt (sofern man sie noch nicht persönlich kennt). Man erfährt etwas über die Wirkweise, die Funktion und die Entwicklungsgeschichte. Doch damit nicht genug. Das Autorenduo geht ebenso ausführlich auf die Materialien, die Herstellung, den Tragekomfort, vorherige Enthaarung, Tragedauer und Entfernung der Tapes ein. Oder auf die Wirkweise der Farben, wobei grundsätzlich fürs Tapen jede Farbe genutzt werden kann. Ab Seite 35 widmen sie sich der Vorbereitung der Tapes (etwa Abmessen und Zuschneiden), der Suche nach der Ausgangs- und Endstellung der Tapes oder geben Tipps zur Fehlervermeidung.  

Dann beginnt der zweite Buchteil, wieder gut abgegrenzt durch ein ganzseitiges Foto sowie eine farbige Trennseite mit der Überschrift Alle Tape-Anlagen von Kopf bis Fuß. Es wird auf sechs Basis-Tapes, elf Fuß- und Unterschenkel-Tapes, dreizehn Knie- und Oberschenkel-Tapes, siebzehn Brust-, Bauch- und Rücken-Tapes, sieben Hand- und Finger-Tapes, sieben Ellbogen- und Unterarm-Tapes, acht Schultergürtel-Tapes, sieben Halswirbelsäulen-Tapes und vier Tapes am Kopf bzw. im Gesicht eingegangen. Bei einem der Hüftgelenks-Tapes umfasst die Anleitung vier Seiten, ansonsten widmen sich je zwei Seiten einem Tape.  

Auf den geraden Seiten findet man dabei die schriftliche Anleitung, auf den ungeraden entsprechende Fotos. Die Anzahl dieser Fotos variiert je nach Anleitung zwischen drei und sieben Stück. Die Größeren zeigen dabei jeweils das fertige Tape. Die Kleineren, zum besseren Verständnis unten links nummeriert, den Aufbau. Der schriftliche Teil daneben ist fast rezeptartig aufgebaut. Nach der jeweiligen Bezeichnung des Tapes, und dem Hinweis, warum man es wo einsetzt, folgt eine kleine Einleitung. Dann kommt linksseitig quasi die Zutat (wie viele Tape-Streifen, welche Zuschnittsform, Anwendungsdauer, wie viel Zug auf das Tape gebracht werden darf), sowie mögliche Kombi-Tape-Bezeichnungen. Überaus praktisch empfinde ich hier die kleinen Zeichnungen zu den benötigten Tapes/Tape-Zuschnitten. Rechtsseitig folgt dann die ausführliche Anleitung, die durch die nachfolgenden Bilder lehrreich unterstützt wird.  

Ein weiteres ganzseitiges Foto sowie eine farbige Trennseite schaffen die Abgrenzung oder den Übergang zum dritten Buchteil. Wie die Autoren von Aku-Taping beschäftigen sich auch Langendoen und Sertel mit Sonderpunkten, gehen auf Gitter-Tapes und ihre Anwendung sowie deren unterstützende Wirkung ein. Man erfährt, dass die Gitter-Tapes auch durch andere kleinere Pflaster ersetzt werden können, bzw. durch welche. Sodann widmet sich das Autorenduo auf vierzehn Seiten den dafür in Frage kommenden Punkten. Wer bis jetzt noch nichts darüber wusste, kennt nach der Lektüre den einen oder anderen Meridian- und Akupunkturpunkt oder relevante Nervenstellen.  

Abschließend enthält Das Taping-Selbsthilfe-Buch mit DVD auch Hinweise auf Tapemarken, ihre Erhältlichkeit, auf Kurse oder Therapeuten und etwaige Kosten. Eine Danksagung, eine Schlussbemerkung und ein Stichwortverzeichnis rundet alles ab. 

Alles? Nicht ganz. Denn ganz am Schluss, schon auf dem hinteren Vorsatzpapier des Buches findet man nochmals eine kleine Fotoserie mit den Top Ten von Selbsthilfe-Tapes und direkt gegenüber natürlich die in einer kleinen Plastikhülle steckende DVD, auf der man eben diese Top-Ten-Tapes vorgeführt bekommt.  

Allerspätestens beim Ansehen der DVD wird klar, dass man zwar vielleicht nicht alle Tapes im Alleingang für sich selbst anlegen kann. Selbsthilfe bedeutet jedoch nicht automatisch, dass man alles immer selbst an sich machen muss oder kann. Helfende Hände sind manchmal durchaus nötig. Doch nicht immer müssen diese zu perfekt ausgebildetem Fachpersonal gehören. Wadenwickel oder Verbände können schließlich auch nicht nur Krankenschwestern anlegen. 

Fazit: Ein sehr gut gelungenes Lehr- und Praxisbuch, in dem fundiertes Wissen lebendig vermittelt wird. Einen Arzt ersetzt es natürlich nicht. Länger anhaltende und vor allem unklare Beschwerdebilder sollten zuvor fachmännisch abgeklärt werden. Dennoch hält man mit Das Taping-Selbsthilfe-Buch mit DVD eine wertvolle Hilfe zur Selbsthilfe in der Hand, die man mit Sorgfalt umsetzen sollte. Und wer einmal davon infiziert ist, wird vielleicht auch noch den einen oder anderen Kurs belegen. Notwendig ist das jedoch dank der bildhaften Darstellung wie auch anhand der leicht nachvollziehbaren Beschreibungen im Buch nicht zwingend. Das Buch zeigt, dass man die Grundzüge des Tapens relativ leicht lernen kann. In Das Taping-Selbsthilfe-Buch mit DVD wird gleichermaßen kompakt wie ausführlich elementares Wissen über diese Behandlungsform vermittelt, was das Buch nicht nur für Fachleute, sondern auch für interessierte Laien überaus aufschlussreich macht. Ein empfehlenswertes Buch und eine Bereicherung für mein Buchregal. Jetzt muss ich mir nur noch neue Tapes besorgen. Die sind nämlich schon alle aufgebraucht. Nicht nur weil ich mir durch das Tapen meines Unterschenkels und Fußes in Kombination mit Akupunktur selbst geholfen habe, sondern auch und vor allem weil mir die vielen Anleitungen so Spaß gemacht haben, dass ich mir alle möglichen Übungsopfer gesucht habe. Lesen allein hilft ja bekanntlich nicht, man muss üben, üben, üben. Und das geht mit diesem Lehr- und Praxisbuch sehr gut. 

Copyright © 2012 by Antje Jürgens (AJ)

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