Die Leselustige Ati's Rezi-Seite – Buchbesprechungen, Ankündigungen, etc.

4. Juni 2012

Frank, Kim: 27

Filed under: Roman — Ati @ 17:22

207_frank_27.jpg

Verlag: rororo
ISBN: 978-3499215773
ISBN: 3499215772
Altersempfehlung: 0 – 16 Jahre (???)
Taschenbuch: 256 Seiten
[D] 8,99 €
Erscheinungsdatum Mai 2011

 

27 – das ist nicht nur der Titel von Kim Franks Debütroman, das ist auch das Alter des 1982 in Flensburg geborenen und Hamburg lebenden Autors, in dem 27 entsteht. Was autobiografische Züge trägt und was davon schriftstellerischer Freiheit entspringt, wird vermutlich immer sein Geheimnis bleiben. Denn Frank kennt sich in der Musikbranche durchaus aus. Von 1994 bis 2002 war er Mitbegründer, Sänger und Frontmann der Band Echt. Wer sich nicht mehr daran erinnert, dem hilft vielleicht der Titel „Denn du trägst keine Liebe in dir“ oder Textstellen wie „Sag mal weinst du oder ist es der Regen“ auf die Sprünge. Mit dem eben genannten Titel gelang der Band und Frank Ende der 1990er der Durchbruch in Deutschland. Nur vier Jahre später zerbrach die Band dann allerdings. Auch danach beschäftigte sich Frank weiter mit Musik, startete eine Solokarriere, lieh seine Stimme verschiedenen Bands, verdiente sich seine Brötchen jedoch beispielsweise auch als Sprecher von Hörspielen. Außerdem war und ist er als Schauspieler, Fotograf sowie Kameramann und Regisseur von Musikvideos tätig.  

Doch zurück zu seinem Debütroman. Er handelt von dem jungen Mika, der über Nacht zum Star aufsteigt. Ein Traum? Nur bedingt, denn Mika lebt bereits vor seiner steilen Karriere in der Überzeugung, zum Klub der 27 zu gehören.

Zitat Klappentext:

Mika hat Angst. Angst vor dem Tod. Dem Tod mit 27. Die Zahl verfolgt ihn, so wie sie die meisten großen Musiker verfolgt hat, die dann zu Mitgliedern des Klub 27 wurden, doch Mika hat nichts mit Musik zu tun. Das Bewusstsein niemand zu sein, treibt ihn dazu, jemand gewesen sein zu wollen, und er tut alles, um seinen selbst auferlegten Fluch zu erfüllen. Er wird einer der Großen, eine Ikone, lebt ein Leben, das er nicht mehr kontrollieren kann, das unaufhaltsam auf sein Ende zusteuert. 

Ist es ein Segen oder eher ein Fluch, dass Frank selbst den einen oder anderen musikalischen Erfolg in seinem Lebenslauf vorweisen kann? Faktisch dürfte zumindest seine Fangemeinde mit einigen Erwartungen und Hoffnungen auf spektakuläre Outings und knallharte Abrechnungen an die Sache herangegangen sein. Manch einer dürfte sich auch gefragt haben, was er als Autor wirklich kann oder ob er lediglich mithilfe von Ghostwritern auf einen an sich gemütlich dahinfahrenden Zug aufspringen würde, um mit mehr oder weniger erfundenen Storys wieder weiter nach vorn ins Rampenlicht zu gelangen. 27 hat Frank dann auch prompt sowohl Lob als auch Tadel eingebracht.  

Obwohl ich nicht gerade behaupten kann, ein Echt- und damit Kim Frank-Fan gewesen zu sein, lag das Buch irgendwann auf meinem SUB-Stapel. Nicht nur, aber doch auch aufgrund zahlreicher überaus enthusiastischer und fast genauso zahlreicher negativer Kommentare lag es dann allerdings sehr lange dort, bis ich mich endlich daran machte. Von amüsant und interessant, über langweilig und bedrückend, bis hin zu absolut enttäuschend war da alles dabei. Und nachdem ich es in mehreren Anläufen gelesen hatte, hatte ich auch prompt Probleme, es einzuordnen. Vielleicht weil ich weiblich bin? Vielleicht weil ich die anvisierte Altersgruppe deutlich überschreite? Ich weiß es nicht. Was ich jedoch weiß ist, dass ich es niemandem aus dieser Altersgruppe „0 – 16“ und nur bedingt denen aus der Gruppe „junge Erwachsene“ empfehlen möchte. Vielleicht bin ich altmodisch, doch ich habe etwas dagegen, 16Jährigen die Beschreibung von Blowjobs mit Zimmermädchen oder vom Onanieren unter Zuhilfenahme des Porno-Kanals ans Herz zu legen.  

Franks Geschichte des über Nacht (aufgrund einer Verwechslung) zum gefeierten Rockstar avancierenden Mika birgt keine großen Geheimnisse. Sprache und Schreibstil sind einfach bis vulgär (Zitat S. 161: „Auf drei fickt gerade ein schwarzer Riesenschwanz in Großaufnahme das Arschloch einer schreienden Weißen mit Hängetitten und Zahnlücke.“). Passend zum Klischee der Branche? Ich denke ja. Man muss vielleicht wirklich Musiker sein, um sie wirklich zu genießen, denn sie ist auch mit musikalischen Begriffen durchsetzt. Die gewählte Schriftgröße lässt einen an und für sich schnell durch die 256 Seiten gleiten, der Inhalt selbst jedoch sorgt dafür, dass kein rechter Lesefluss aufkommt. Das Cover passt zum Inhalt, da es bekannte Gesichter von früh verstorbenen 27er-Klub-Mitgliedern darstellt. Und auch der Klappentext verrät gut, worum es geht.  

Oder vielmehr um wen – Mika, der bereits vor seinem steilen Aufstieg von Todessehnsucht, Einsamkeit und der Neurose gequält wird, die ihn dazu zwingt, aus allen Zahlen irgendwie die 27 zu lesen, da er davon ausgeht, dass in diesem Alter sein Leben endet. Die steile Karriere befreit ihn davon nicht, im Gegenteil es wird alles immer schlimmer.  

Frank unterteilt seine Geschichte. Der erste Teil beinhaltet die Heranführung an Mika und den Beginn seiner Karriere, der Zweite geht nach einem Zeitsprung einige Jahre später weiter. Dabei nimmt sein gefühlsmäßiger Abstieg genauso schnell Fahrt auf, wie seine Karriere. Im dritten Teil schließlich erlebt seine Hauptfigur eine Veränderung, wobei sein Ende offenbleibt. Auf Mika geht Frank sehr detailliert ein, was durch den Erzählstil (Mika erzählt in der Ich-Form) bedingt und gleichzeitig verstärkt wird. Die Nebenfiguren erscheinen sehr blass dagegen. Fast zu unsichtbar, andererseits zeichnet sich Mikas Einsamkeit so noch stärker ab und die Seelen raubende Schattenseite seiner an sich traumhaften Karriere wird so umso deutlicher.  

Sympathischer wird Franks Hauptfigur dadurch nicht. Mika wirkt eher selbstmitleidig als bemitleidenswert in seiner gleichermaßen lebensgierigen wie todessehnsüchtigen Art. Oberflächlich und egoistisch. Seine Neurosen wirken dabei gleichermaßen glaubwürdig wie nervig. Als Schutzmechanismus kann das durchaus echt wirken, allerdings – da wir nur Mikas Seite sehen – kommt dieser vermutete Schutzmechanismus nicht wirklich zum Vorschein.  

Doch obwohl es schwerfällt, die zunehmend abstoßend werdende, teils melodramatische Romanfigur zu ertragen, bleibt man dabei. Denn immer deutlicher wird, wie zerbrechlich nicht nur der Erfolg, sondern vor allem Mika ist. Man möchte ihn schütteln und aufrütteln. Das Umfeld (Presse und Management) aufhalten, die zu seinem Zerfall beitragen. Gleichzeitig stellt man sich tatsächlich die Frage, ob und welches der Schlag auf Schlag erzählten und die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit der Branche widerspiegelnden Ereignisse wohl den tatsächlichen Erfahrungen des Autors entspricht. Wie Frank selbst erklärte, sind darin tatsächlich Erinnerungen verarbeitet. Hoffen wir mal, dass es nicht die beschriebene unschöne Erinnerung an Koks und Erbrochenes ist, denn bekanntermaßen und bekennenderweise hat der einstige Mädchenschwarm Frank selbst jahrelang täglich Drogen konsumiert und stand an manchen Tagen gar nicht mehr auf, bevor er sich gefangen hat und seine Solokarriere startete.  

Fazit:

Wie bereits erwähnt, bislang gut gehütete Geheimnisse oder sonderlich Positives findet man in 27 sicherlich nicht. Bahnbrechend neu ist Franks Grundidee auch nicht, sie wurde zudem schon besser umgesetzt. Ich hatte auch Probleme, mich wegen der für mich unsympathischen Figur durch das Buch zu arbeiten.  

Wirklich abgrundtief schlecht empfinde ich 27 jedoch im Nachhinein nicht. Denn auch wenn die Thematik und die Figur mir das eine oder andere Hindernis im Lesefluss bereitet haben, muss ich doch Respekt zollen, für die Art und Weise, wie Frank seinen Mika herausgearbeitet hat. Seine Zerrissenheit, seine Einsamkeit, seine Ruhelosigkeit, seine Selbstzerstörung. Obwohl ich anfangs dachte, dass Franks Debütroman mir nicht sonderlich lange im Gedächtnis bleibt oder mich nicht zum Nachdenken anregt, war letztlich das Gegenteil der Fall. Warten wir mal ab, ob Frank ein Onehit-Wonder-Autor bleibt, oder noch einmal nachlegt. Für seinen Debütroman möchte ich ihm jedenfalls drei von fünf Punkten geben.  

Copyright © 2012 Antje Jürgens (AJ)

 

3. Mai 2012

Ness, Patrick nach einer Idee von Siobhan Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht

Filed under: Jugendbuch,Roman,Tod/Trauer,Tod/Trauer — Ati @ 15:38

189_nessdowd_siebenminutennachmitternacht.jpg

Patrick Ness nach einer Idee von Siobhan Dowd: Sieben Minuten nach Mitternacht


Originaltitel: A monster calls
Aus dem Englischen übersetzt von
Bettina Abarbanell
Goldmann Verlag
ISBN-13:
9783442312801
ISBN-10:
3442312809
Jugendbuch (ab 12 Jahre)
1. Auflage 2011
Illustration:
Jim Kay
Hardcover mit Schutzumschlag, 216 Seiten
[D] 16,99 €

Verlagsseite
Autorenseite
(englisch)

 

Die 1960 geborene irisch-britische Autorin Siobhan Dowd verstarb 2007 nach dreijähriger Krankheit an Brustkrebs. Dowd kam erst spät zum Schreiben. Ihre drei zu Lebzeiten veröffentlichen Romane (A swift pure cry/Ein reiner Schrei, The London Eye Mystery/ Der Junge, der sich in Luft auflöste und Bog Child/Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort) wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Solace of the Road/Auf der anderen Seite des Meeres konnte erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden. Doch der Roman war genauso lebendig und packend wie seine Vorgänger. Ihr fünftes Werk konnte sie nicht mehr vollenden. Doch es gab bereits ein detailliertes Exposé, einen Anfang, die Figuren. Aus diesem Romanfragmenten schuf dann der 1971 geborene US-amerikanische Autor Patrick Ness A monster calls, dessen deutsche Übersetzung Sieben Minuten nach Mitternacht mit wunderbaren Illustrationen von Jim Kay gerade vor mir liegt.

 

Mit diesem Buch gelang ihm – posthum, und obwohl er nie persönlich auf Dowd traf – eine wundervolle Gemeinschaftsarbeit. Der Roman passt nicht nur zu Dowds Schreibstil, ist also ebenfalls aufrüttelnd, lebendig, einfühlsam und berührend geschrieben. Er ist darüber hinaus ein würdiger Abschluss der Idee der wunderbaren, viel zu früh verstorbenen Autorin. Ness, der bisher mit seinen ebenfalls preisgekrönten SF-Romanen für Jugendliche von sich reden machte, überzeugt mit diesem Roman und erhielt sowohl die Carnegie Medal wie auch den Deutschen Jugendliteraturpreis.

 

In Sieben Minuten nach Mitternacht geht es um Conor. Die Mutter des 13Jährigen unterzieht sich gerade erneut einer Krebsbehandlung, doch es ist abzusehen, dass sie den Kampf gegen ihre Krankheit nicht gewinnen kann. Sein Vater lebt in Amerika, hat eine neue Familie gegründet.

 

Gleich eingangs wird klar, wie schwach Conors Mutter bereits ist. Und wie schwer die Situation für Conor sein muss, der ihren sukzessiven Verfall aus nächster Nähe miterlebt. Er liebt seine Mutter über alles und möchte sie nicht verlieren. Deshalb klammert er sich verständlicherweise an die kleinsten Strohhalme der Hoffnung, redet sich selbst gut zu und vieles schön. Da er jedoch weiß, wie sehr seine Mutter sich quälen muss, fühlt er sich schuldig, weil er sie nicht loslassen kann. Unbewusst ist ihm längst klar, dass der Kampf verloren ist. Bewusst lässt er dieses Denken jedoch nicht zu und fühlt sich noch schuldiger, wenn er sich und ihr wünscht, dass sie endlich sterben darf.

 

Der Kummer, der ihn erfüllt, während er hilflos beobachten muss, wie seine Mutter von Tag zu Tag schwächer wird und das Wissen um den baldigen Verlust nehmen ihm den Atem. Tagsüber wird er immer unberechenbarer, worauf jedoch niemand strafend reagiert, wie er sich das eigentlich wünscht. Alle nehmen Rücksicht auf ihn. Nur in seinen Träumen nimmt der Tod seiner Mutter – seine größte Angst, der gleichzeitig auch sein größter Wunsch ist – Gestalt an. Dann entgleitet sie ihm. Stürzt ab, weil er sie nicht mehr halten kann. Dieser monströse Albtraum lässt ihn Nacht für Nacht panisch und schweißgebadet Sieben Minuten nach Mitternacht hochschrecken. Er kann sich niemandem anvertrauen. Und dann nimmt ein ganz anderes Monster Gestalt an und drängt in sein Leben. Eine Eibe vom Friedhof verwandelt sich um Sieben Minuten nach Mitternacht.

 

„Wer ich bin?“, wiederholte das Monster, immer noch brüllend. „Ich bin das Rückgrat, auf dem die Berge ruhen! Ich bin die Tränen, die die Flüsse weinen! Ich bin die Lunge, die den Wind atmet! … Es sah Conor direkt in die Augen. „Ich bin die wilde Erde selbst, und ich bin deinetwegen hier, Conor O´Malley.“

 

So schrecklich das Monster auch ist, Conor fürchtet sich nicht vor ihm. Es erzählt ihm drei Geschichten und will dann als vierte Conors Wahrheit von ihm hören. Eine Wahrheit die Conor schmerzt und LeserInnen zu Tränen rührt, egal ob es sich um das jugendliche Zielpublikum oder jemanden wie mich handelt, die etliche Jahre davon entfernt ist. Denn das Monster kennt seine größte Angst und seinen innigsten Wunsch, für den er sich selbst hasst.

 

Das Buch ist temporeich und beschreibt den Alltag des Jungen. Es enthält neben dem thematisch ernsten, überaus emphatisch umgesetzten Teil auch humorvolle Streitgespräche zwischen Conor und der Monster-Eibe. Im Gegensatz zu allen anderen packt sie ihn nicht in Watte. Trotzdem fühlt sich Conor nicht im geringsten von ihr eingeschüchtert, geht teils sehr respektlos mit dem riesigen Baum um, sieht er doch die Geschichten als unsinnig an. Doch sie haben einen tieferen Sinn, der sich gegen Ende offenbart. Sie zeigen nicht nur, dass gut und böse willkürliche Begriffsdefinitionen sind. Sie lehren Conor auch, dass er seine Gefühle zulassen muss, um von seiner Mutter Abschied nehmen zu können.

 

Das alles beschreibt Ness voller Symbolkraft in einer klaren, bildhaften Sprache und webt so eine authentische Atmosphäre. Diese ist teils unheimlich aber niemals so bedrohlich, dass man das Buch weglegen möchte. Trotz des fantastischen Elements lässt sie keinen Raum für Fantasie im Hinblick auf die gegebene Situation. Ness beschreibt diese schnörkellos und ohne Beschönigungen. Erschafft lebendige Charaktere wie Conor, der trotz seiner Hilflosigkeit stark ist. Auf jeder Seite fühlt man sich mitten darin, direkt neben dem Jungen; bis Ness voller Emotionen aber gänzlich unsentimental Conor Sieben Minuten nach Mitternacht die letzten Momente mit seiner Mutter erleben lässt. Unterstützt wird das so entstehende Kopfkino durch die Illustrationen von Kay, die schwarz-weiß gehalten, perfekt dazupassen.

 

Obwohl früh klar ist, dass der Tod über das physische Leben von Conors Mutter siegen wird, das Buch also Trauer, Wut und Hilflosigkeit thematisiert, plädiert es noch weitaus mehr für das Leben. Lässt Liebe und Verständnis nicht außen vor. Vor allem jedoch spricht Ness direkt an, was in unserer Gesellschaft gerne verdrängt wird. Was uns sprachlos und hilfslos macht.

 

Fazit:

 

Kein leichtes Buch, das man einfach so nebenbei lesen kann oder sollte, dazu ist es zu sehr an die Realität angelehnt. Sieben Minuten nach Mitternacht ist jedoch eine gelungene Umsetzung eines schwierigen Themas und durchaus eine symbolträchtige Hilfestellung für real vergleichbare Situationen. Was die jugendliche Zielgruppe betrifft: Ja, es ist für sie geeignet, allerdings würde ich sie nicht mit diesem Buch alleine lassen, da ich denke, dass Gespräche dazu sinnvoll wären. Darüber hinaus ist es jedoch auch für ältere LeserInnen lesenswert. Eine unendlich traurige, zeitlose Geschichte die tief berührt und nachdenklich macht. Eine, die man nicht so einfach vergessen kann und sollte. Ein wunderbares Buch, trotz der darin enthaltenen Tragik, dem ich fünf von fünf Sternen geben möchte.

 

Copyright ©, 2012 Antje Jürgens (AJ)

2. Mai 2012

HERTZ, ANNE: SAHNEHÄUBCHEN

Filed under: Belletristik,Chick-Lit,Roman — Ati @ 15:24

192_hertz_sahnehaubchen.jpg

Knaur Taschenbuch Verlag
ISBN-13: 9783426638712
ISBN-10: 3426638711
Belletristik
Ausgabe 01/2011
Taschenbuch, 368 Seiten
[D] 8,99 €

Verlagsseite
Autorenseite

Im Januar 2006 wurde das Romandebüt von Anne Hertz mit dem Titel Glückskekse erfolgreich veröffentlicht. Nach zwei weiteren Büchern (Wunderkerzen und Sternschnuppen) erfuhr die Öffentlichkeit mit der Publikation von Trostpflaster, dass es sich bei Anne Hertz um das Pseudonym der Schwestern und Wahlhamburgerinnen Frauke Scheunemann und Wiebke Lorenz handelt. Die beiden kamen 1969 bzw. 1972 in Düsseldorf zur Welt und sind Journalistinnen. Die eine studierte Jura, die andere Anglistik. Die eine ist verheiratet, die andere nicht. Sie arbeiten nicht nur zusammen, sondern leben auch im selben Haus. Dass dies bekannt wurde, lag (wie man der Homepage entnehmen kann) daran, dass „Anne Hertz“ nach ihren Bucherfolgen immer mehr Interviewanfragen bekam und sie es irgendwann satt hatten, so zu tun, als ob sich dahinter eben nur eine Person verbirgt. Neben den vier vorgenannten sind noch drei Romane des Autorinnenduos bei Knaur erschienen. Zwischen Goldstück und Wunschkonzert wurde auch der vor mir liegende Roman Sahnehäubchen im Januar 2011 ins Verlagsprogramm aufgenommen. Für 2013 sind weitere angekündigt.  

Knaur hat Sahnehäubchen im Genre Romantik und Leidenschaft, Humor und Charme angesiedelt. Es soll laut Inhaltsangabe um eine PR-Agentin in den 30ern gehen. Nina ist aus Überzeugung Single, selbstbewusst und erfolgreich. Sie arbeitet in einer kleinen Agentur in Hamburg und muss sich auf Wunsch ihrer Chefin eines Volontärs annehmen. Tom ist etwa gleich alt, von Haus aus jedoch Sohn eines Verlegers. Besagter Verleger möchte das neue Buch des Texaners und Obermachos Dwaine vermarkten, ein Aufreißer-Ratgeber für notleidende Männer, der bezeichnenderweise den Titel „Ich kann sie alle haben“ trägt. In dem Zusammenhang soll Nina eine Reihe Lesungen mit dem Autor absolvieren. Bedauerlicherweise ist der Auftrag an das Volontariat von Tom gekoppelt, den Nina als total unsympathisch und vor allem nichtsnutzig einstuft. Außerdem kann sie Machos wie Dwaine sowieso nicht leiden. Allerdings gelingt es beiden Männern Nina näherzukommen und ihre Überzeugungen geraten ins Schwanken. 

Keine ganz neue Grundidee also, wenn sich eine toughe Single-Powerfrau plötzlich zwischen zwei Männern befindet. Doch im Grunde kommt es ja auf die Umsetzung an. Leider muss ich gestehen: Umgehauen hat mich Sahnehäubchen nicht. Zwar startet das Buch relativ lustig, doch dann plätschert es lange Zeit vor sich hin, bevor es am Schluss noch mal etwas zu überzogen rund geht. Das auf der Verlagsseite angegebene Genre passt grundsätzlich zur Grundidee, die Ausführung derselben hinkt allerdings hinterher.

Das beginnt bereits mit Nina, die mich nicht überzeugen konnte. Bei ihr muss man Selbstbewusstsein nicht zwingend mit Selbstsicherheit, Stolz oder Durchsetzungsvermögen übersetzen, kann es aber durchaus mit den Begriffen unzugänglich, anmaßend, zugeknöpft und überheblich versuchen. Sie offenbart sich zickig-schnippisch, übellaunig-unzufrieden zu den Leuten gehörend, die zum Lachen in den Keller gehen. Hertz‘ Hauptcharakter nervt einfach alles. Ihr Blick in die Welt wirkt sehr eingeschränkt und vor allem wenig positiv. Überzeugung im punkto Single sieht irgendwie anders aus. Die Art und Weise, mit der sie ihre Arbeit erledigt, wirft zudem unwillkürlich die Frage auf, wie sie sich so lange einigermaßen erfolgreich in der Branche halten konnte. Und obwohl sie ja eine moderne Frau darstellen will/soll, würde ich sie eher als passiv hinnehmend einstufen, die, abgesehen von ihrer Freiheit zu trinken, was sie wann auch immer möchte, mit teils konservativen Einstellungen behaftet ist. Dass sie sich so unsympathisch zeigt, erschwert die Vorstellung, dass sich da so etwas wie Romantik und gar Leidenschaft anbahnen könnte. Auch der Humor geht in der ganzen Zickigkeit Ninas geradezu unter.  

Das Autorinnenduo lässt Nina die Geschichte in Ich-Form erzählen. Genau wie alle anderen Erzählformen birgt natürlich auch diese die eine oder andere Tücke. Logischerweise bekommt man Verhaltens- und Denkweisen ebenso wie die Handlungen Dritter nur aus diesem Blickwinkel mit. Das erspart einerseits zwar meist eine zu große Vorhersehbarkeit. Andererseits kann dies jedoch auch dazu führen, dass Dritte nicht wirklich sympathisch wegkommen (wenn LeserInnen bereits die erzählende Figur nicht sympathisch ist) und andere Charaktere zudem unter Umständen auch nicht klar gezeichnet werden.

So empfand ich Dwaine eingangs einfach nur nervtötend. Warum er alleine durch ein Geständnis Nina gegenüber von dieser plötzlich attraktiv und charmant empfunden wird, konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Auch Tom bleibt viel zu schemenhaft. Von anderen Nebencharakteren ganz zu schweigen. Überhaupt scheinen in Sahnehäubchen männliche Figuren weitaus mehr als ein plattes Klischee zu erfüllen. Und auch damit fragt man sich, wie so etwas wie Romantik und Leidenschaft aufkommen soll.

Was vom Grundgedanken her eine durchaus mehr als amüsante, romantisch ausgebaute und spannend gestaltete Note hätte haben können, weil es ja Dwaine (der es wohl einfach nicht lassen kann) und Tom (der ja eigentlich gar kein so übler Kerl ist) gibt – all das ist leider zwar angesichts des flüssigen Schreibstils lesbar, vom Aufbau her aber nicht allzu lesenswert gelungen. Es dauert eine ganze Weile und etliche Seiten, bis Hertz-LeserInnen dann eine etwas andere Nina kennenlernen.

Fazit: 02perlenpunkte.jpg

Es dauert fast die Hälfte des Buches, bis die Geschichte langsam an Fahrt aufnimmt. Ins Ende wird dann jedoch zu viel zu schnell und zu oberflächlich hineingepackt. Trotz durchaus witziger Sprüche fehlen spritzige Dialoge und wirklich sympathische Figuren. Romantik? Leidenschaft? Dezent ist in diesem Zusammenhang ein zu schwaches Wort. Der flüssige Schreibstil konnte es dann letztlich auch nicht mehr herausreißen. Vielleicht lag es an meiner Erwartung, einen amüsant-netten, flotten Lesequickie für die Badewanne in Händen zu halten, dass ich irgendwie enttäuscht war. Doch Sahnehäubchen konnte mich nicht überzeugen und hat mir zu viel Durchhaltevermögen abverlangt, um mehr als zwei von fünf Punkten zu erhalten.

Copyright ©, 2012 Antje Jürgens (AJ)

12. März 2012

Frankel, Valerie: Verhext und zugenäht

Filed under: Belletristik,Roman — Ati @ 14:23

verhext-und-zugenaht.jpg

Valerie Frankel: Verhext und zugenäht
Originalausgabe: Hex and the single girl
aus dem amerikanischen übersetzt von Karolina Fell
Ullstein Buchverlage
ISBN 9783548267838
ISBN 3548267831
Belletristik, Liebeskomödie
Deutsche Erstausgabe Oktober 2007
Umschlaggestaltung Hilden Design, München
Taschenbuch, 368 Seiten
[D] Preis 7,95 €

 

Verlagsseite

Autorenseite

Ich gebe zu, ich brauche manchmal einfach einen. Einen Quickie, der mich in seiner Leichtigkeit und Schnelligkeit wieder aufmuntert. Nach einem stressigen Tag etwa, oder wenn ich Kopfweh habe oder der Schlaf einfach nicht kommen will, oder auch nach einem Buch oder Film, der mir nachgeht. Kürzlich war es wieder soweit. Nach einer Dokumentation über Schweinemastbetriebe, die mich zwei Nächte lang im Traum verfolgt hat, musste dringend einer her. Die Nachrichten zur Lage Europas und mit für mich seltsamen Ansichten mancher Politiker taten ein übriges. In mir schrie alles nach einem Quickie. Das musste nichts Neues sein, nichts wirklich Aufregendes. Ein Quickie eben. Ein schneller Griff ins entsprechende Regal bescherte mir einen solchen, verfasst von Valerie Frankel.

 

Das Cover (rothaarige Frau mit farblich nicht zum Buchinhalt passenden Augen, die über die Schulter sieht und lächelt, die Skyline einer Großstadt, ein Zauberstab mit Sternspitze) und der Name der Autorin zauberten ein Lächeln auf mein Gesicht. Die in Brooklyn lebende Frankel veröffentlicht nicht nur regelmäßig in verschiedenen Zeitschriften sondern hat auch bereits mehrere Romane und Sachbücher geschrieben. Bis auf zwei Ausnahmen nicht ins Deutsche übersetzt und nur bedingt erhältlich. Verhext und zugenäht ist eine der beiden Ausnahmen, Blondine ehrenhalber die andere – beide erschienen bei Ullstein. Frankels Schreibstil ist locker, leicht und die Themen in der Regel das, was ich gerade brauchte. Sofort fiel mir wieder etwas ein, was ich vom ersten Lesen noch im Gedächtnis hatte: Eine Szene, in der Emma (die Hauptfigur) geräuschvoll feucht geküsst wird, was sie gedanklich einen Vergleich mit einem glibberigen Rohrreiniger ziehen lässt.

 

Also Badewasser in die Wanne und mit einem wohligen Seufzer sowohl in selbige wie auch in die Geschichte eintauchen. Das geht im Fall von Verhext und zugenäht ganz fix. Die Geschichte spielt in der Gegenwart und handelt von Emma. Einer Hexe, die um die Butter auf ihren Brötchen und vor allem ihre Wohnung zu finanzieren, eine Art Partnervermittlung betreibt. Nicht mit Zaubertränken und ähnlichem, ihre Magie besteht darin, durch Berührungen Bilder zu vermitteln. Bilder ihrer Kundinnen, die sie deren Traumpartnern ins Gehirn pflanzt, in der Hoffnung, dass besagte Männer sich danach um ihre Kundinnen bemühen und sich verlieben – wobei das ganz allein Sache des Pärchens ist, denn Emma will diesen nur erleichtern, die erste Hürde in Sachen Beziehung zu nehmen. Bekanntlich hat alles zwei Seiten und so ist Emmas eigenes Liebesleben ein komplettes Desaster, die Männer sind ihr bisher, spätestens wenn es zur Sache ging, davon gelaufen, denn da wird durchaus berührt und wie die meisten von uns, verfügt auch Emma über ein lebhaftes Kopfkino.

 

Bis, tja bis sie William Dearborne begegnet. Der ist nicht nur ein gefeierter Künstler und Softwareentwickler sondern auch noch Junggeselle. Und er und Emma erleben aufgrund einer Verwechslung ihren sprichwörtlich heißesten Kuss, der dafür sorgt, dass der eine die andere nicht vergessen kann und umgekehrt. Das ist angesichts von Emmas Begabung ein zweifaches Dilemma, denn unabhängig von der Angst, ihn genauso zu vergraulen, wie alle anderen, ist er eigentlich auch der Mann, auf den sie ihre neueste Kundin angesetzt hat.

 

Obwohl es eine Liebeskomödie ist, dreht sich fortan nicht alles nur noch um den dennoch omnipräsenten William Dearborne. Dazu bleibt sein Charakter zu blass. Emma dagegen wird sehr gut dargestellt. Sie wirkt sympathisch, aufgeweckt, augenzwinkernd, selbstironisch. Die Nebencharaktere bestehend aus Freunden, Bekannten, Kunden und einem Halunken zeigen sich skurril, berechnend, ichbezogen, witzig, normal und überaus passend zu Emma. Emmas finanzielle Situation und die daraus resultierenden Folgen, ihre Verkupplungskünste, die Versuche ihre Freundin vor dem falschen Mann zu bewahren – all das findet neben der eigentlichen Liebesgeschichte noch Platz. Viele Gespräche drehen sich um Sex, ohne wirklich plump zu wirken. Ein Hauch Erotik, witzige Erwiderungen und/oder Wortspielereien und natürlich Emmas Versuche ihren neuesten Auftrag professionell zu erledigen, wofür sie nach dem ersten unerwarteten Zusammentreffen mit Dearborne ihre ganzen Verkleidungskünste aufwenden muss, um nicht aufzufallen – all das unterhält auf leichte, angenehme Art.

 

Das Tempo ist flott, was mich dann allerdings kurz bevor ich das Bad verließ, daran erinnerte, dass mir beim ersten Lesen das Ende des Romans nicht so gefallen hat. Ich war neugierig, wie ich es beim zweiten Lesen empfinden würde. Leider hat sich an meinem Urteil nichts geändert. Von der Thematik – wir wissen schließlich alle wie romantische Liebeskomödien ausgehen – hat es durchaus gepasst. Was mich letztlich gestört hat war, dass das Tempo extrem angezogen hat und die letzten Kapitel im Superschnelldurchlauf gestaltet sind. Das könnte an der Übersetzung liegen, oder an Streichungen oder einfach daran, dass die spritzig-witzige Grundidee ausging. Doch was auch immer es ist, es fehlt eindeutig etwas. Da hätte ein weiterer Lacheffekt gutgetan oder einfach eine größere Streichung. So bleibt das Ende etwas unbefriedigend, schmälert den Gesamteindruck im Großen und Ganzen jedoch nicht sehr.

 

Fazit:

 

Eine Geschichte um Magie und Liebe oder vielleicht auch die Magie der Liebe oder liebe Magie. Vor allem dass Emma zwar eine Hexe, aber gleichzeitig auch eine ganz normale junge Frau ist, hat mir gefallen. Verhext und zugenäht ist und bleibt ein Lesequickie für mich, der für mehrfache Lacher und hochgezogene Mundwinkel sorgt. Ein Buch, das man getrost kurz oder auch länger beiseitelegen und dann einfach weiterlesen kann. Eins das eintauchen lässt, in eine mehr oder weniger heile Buchwelt. Eins mit dem man abschalten kann. Eins für fast jede Gelegenheit also. Und damit bekommt es vier von fünf Punkten von mir.

 

Copyright © 2012, Antje Jürgens (AJ)

16. Februar 2012

Marchetta, Melina: Winterlicht

Filed under: Fantasy, Horror, SciFi,Jugendbuch,Roman — Ati @ 18:53

 200-x2_marchetta_winterlicht.jpg

Melina Marchetta – Winterlicht

Originaltitel Finnikin of the Rock – aus dem australischen Englisch übersetzt von Petra Koob-Pawis und Franziska Jaekel

Ravensburger Buchverlag

ISBN 9783473353347

ISBN 3473353345

Jugendbuch, 14 – 16 Jahre

Fantasy

1. Auflage März 2011

Hardcover mit Schutzumschlag, 544 Seiten

[D] Preis 17,95 €

Verlagsseite

Autorenseite

 

Im März 1965 wurde die in Sydney lebende Autorin italienischer Abstammung geboren. Nachdem sie mit 15 Jahren von der Schule abging, gelangte sie auf einigen Umwegen an eine Schule zurück und unterrichtete 10 Jahre lang Geschichte und Englisch. Im Jahr 1992 erschien ihre erste Novelle, die einige Jahre später nach ihrem eigenen Drehbuch verfilmt wurde. Nachdem Marchetta während ihrer Tätigkeit als Lehrerin ihre zweite Novelle vollendete, gab sie ihre Lehrtätigkeit 2006 auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Bereits 2008 erschien dann die englische Originalausgabe (Finnikin of the Rock) der mir vorliegenden deutschen Hardcoverversion Winterlicht. Es handelt sich dabei um den Auftaktroman einer Jugendbuch-Fantasyreihe  mit dem Titel Lumatere Chronicles und es ist nur eines von weiteren Projekten der Autorin. Ihre Novellen wurden bislang in 17 Sprachen übersetzt und sie erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen für ihre Arbeiten.

 

Optisch ist mir der Roman von Melina Marchetta sofort ins Auge gestochen. Ich liebe Hardcoverbücher, meist schon wegen der Umschläge. Im Fall von Winterlicht ist dieser in bläulich-schwarzen Tönen gehalten (hinten hell, vorne dunkel), und darüber hinaus noch vorne mit einer schwarz glänzenden Prägung mit silbrigen Lackglanzelementen versehen, die Eiskristallen oder Schneeflocken ähneln. Er zeigt ferner das Gesicht eines Mädchens und im Hintergrund Äste sowie einen zunehmenden Mond rechts und links von ihr. Das Motiv der Prägung findet sich übrigens auch im Inneren des Buches an den Kapitelanfängen wieder. Dort natürlich einfach grau gedruckt. Im Buch finden sich gleich anfangs auch zwei gezeichnete Landkarten.

 

Mit Winterlicht überrascht die Autorin ihre LeserInnen mit sehr realistischen Darstellungen, schneidet ethische Themen genauso an wie politische. Dadurch fällt es etwas aus dem Rahmen dessen, was ich erwartet habe. Die Idee dazu ist zugegebenermaßen nicht neu (ein verratenes, verfluchtes Land hofft auf Rettung, diese wird durch eine rätselhafte Prophezeiung in Aussicht gestellt). Doch das muss sie auch nicht sein, wenn die Umsetzung gut ist. Im Fall von Winterlicht finde ich die Geschichte über Freundschaft und Liebe, Hoffnung und Mut und von Zusammenhalt auch in Zeiten der Entwurzelung, der Trauer, des Verrats und des Leids gelungen.

 

Marchetta zeichnet ganz eigene Figuren und lässt diese einiges erleben. Wie bei vielen Fantasygeschichten dauert es auch bei Winterlicht, bevor man darin abtauchen kann und sich dort sicher zurechtfindet. Bevor die eigene Fantasie sich auf die der Autorin einstimmt sozusagen. Doch wenn das geschieht, dann fällt es schwer, das Buch beiseitezulegen und wieder in der Realität aufzutauchen.

 

Der Klappentext verrät, dass auf Lumatere eine dunkle Bedrohung liegt. Ein Fluch verhindert, dass man es einfach so betreten oder verlassen kann. Doch jeder Fluch lässt sich bekanntlich brechen. Finnikin (einer von vielen Flüchtlingen, die gerade noch so aus Lumatere herauskamen) etwa weiß, wie man speziell diesen Fluch brechen kann. Man muss den rechtmäßigen Thronerben zu seinem Thron verhelfen. Als er sich aufmacht, seine Aufgabe zu erfüllen, treffen er und sein Begleiter auf Evanjalin. Finnikin verliebt sich in sie, obwohl sie eigentlich dem neuen König versprochen ist. Mit ihr an seiner Seite versucht er, die Bedrohung für Lumatere abzuwenden.

 

Wie bereits erwähnt, zeichnet die Autorin ganz eigene Figuren. Sie erscheinen fragwürdig und unsympathisch oder genau gegenteilig. Immer jedoch authentisch und individuell. Man fühlt ihre Emotionen – Freude wie Hass, Ängste wie Stärken, Hoffnungslosigkeit wie Mut. Oder immer wieder die in einem Jahrzehnt gewachsene Sehnsucht, in die Heimat zurückzukehren, zu den eigenen Wurzeln. Bildhaft und facettiert führt Marchetta ihre LeserInnen in eine ganz eigene Welt (die der unseren vor vielen, vielen Jahren stellenweise vielleicht nicht ganz unähnlich ist, sofern man die fantastischen Elemente weglässt).

 

Was anfangs idyllisch wirkt, wird gleich darauf durch die Schilderung dessen zerstört, was mit der Königsfamilie und den Bewohnern Lumateres passiert. Das geschieht in wenigen Absätzen, recht grob umfasst. Aber man merkt den Bruch. Warum und weshalb es geschehen ist, stellt sich erst im Laufe der größtenteils aus Finnikins Sicht erzählten Geschichte und seiner Reise mit seinen Mitstreitern heraus. Es fehlen anfangs Informationen zu den darin erwähnten Ereignissen, Namen und Ländern. Doch diese offenbaren sich sukzessive und nach und nach zeichnet sich das Ausmaß des Leides von Lumatere und seinen Bewohnern beziehungsweise den Flüchtlingen ab. Obwohl Marchetta an schönen Erlebnissen und Gegebenheiten teilhaben lässt, verschont sie ihre Figuren und LeserInnen andererseits auch nicht vor weniger schönen und gewaltreichen Einblicken. Trotz überraschender Wendungen steuern die Figuren beharrlich ihre Ziele an.

 

Hierbei allerdings gibt es ein kleines Manko, denn die Autorin bemüht selbst für einen Fantasy-Roman etwas zu oft den guten alten Zufall, was die eine oder andere Szene konstruiert wirken lässt. Und wer vermutet, dass der Fokus auf der im Klappentext angedeuteten Liebesgeschichte liegt, liegt falsch. Sie bleibt genau das: eher angedeutet. Allerdings fehlt sie nicht unbedingt zwingend, da sie sich bei aller Knappheit nachvollziehbar und still entwickelt. Kapitelübergreifend gibt es leider trotz aller Bildhaftigkeit auch die eine oder andere Länge. Doch all das wird durch das sprachliche und erzählerische, lesenswerte Niveau der Geschichte überspielt, die etwas abseits des Mainstream-Geschmacks liegen dürfte.

 

Fazit:

 

Ich gebe zu, ich bin weit außerhalb der eigentlichen Zielgruppe, die der Ravensburger Buchverlag mit diesem Titel ansprechen möchte. Dennoch habe ich mich trotz der gerade erwähnten kleineren Schwächen mit Winterlicht gut unterhalten gefühlt. Und ich frage mich schon, wie Froi – einer der Figuren – sich im zweiten Teil der Chroniken von Lumatere weiterentwickelt. Deshalb möchte ich dem Roman vier von fünf Punkten geben.

 

Copyright © 2012 Antje Jürgens (AJ)

« Newer PostsOlder Posts »

Powered by WordPress