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16. Februar 2012

Ahern, Cecelia: Zeit deines Lebens

Filed under: Roman — Ati @ 15:54

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Cecelia Ahern – Zeit deines Lebens

Originaltitel The Gift aus dem Englischen übersetzt von Christine Strüh

Fischer Taschenbuchverlag

ISBN 9783596183104

ISBN 3596183103

Belletristik

2. Auflage November 2010

Taschenbuch, 384 Seiten

[D] Preis 9,95 €

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Die 1981 geborene Tochter des ehemaligen irischen Ministerpräsidenten Ahern schrieb schon als Kind Geschichten. Nach Ihrem Studienabschluss in Journalismus und Medienkunde erschien 2004 der zwischenzeitlich in 15 Sprachen übersetzte Roman „P.S. Ich liebe dich“. Dass sie mit dem mit Hilary Swank und Gerald Butler verfilmten Roman keine Eintagsfliege geschaffen hat, beweisen ihre weiteren (Bestseller-)Romane, Theaterstücke und Drehbücher. Sie lebt in Dublin, ist verheiratet und hat eine Tochter.

 

Nach dem Erfolg mit „P.S. Ich liebe dich“ lag die Messlatte für Folgeromane natürlich entsprechend hoch. Und mit dem mir vorliegenden Titel, der 2009 als deutsche Erstausgabe zunächst beim Krüger Verlag erschien, löste Ahern tatsächlich nicht nur Begeisterungsstürme aus. Während ein Teil ihrer Leserschaft Zeit deines Lebens wunderbar anrührend und zum Träumen fand, beurteilte ihn der andere Teil als zu rührselig, zu langatmig und zu enttäuschend. Und genau wie das rot-braun gehaltene Cover mit gezeichneten Blüten, das sich von den mir sonst bekannten Buchcovern Aherns abhebt, ist auch der Inhalt nicht ganz so überzeugend bei mir angekommen, wie andere Romane der Autorin.

 

Die Inhaltsangabe hat mich trotzdem neugierig gemacht. Nicht zum ersten Mal beschäftigt sie sich darin mit dem Thema Tod und Verlust. In Zeit deines Lebens geht es um einen BWM – das ist kein Schreibfehler, denn damit ist keinesfalls die Automarke, sondern ein „Beschäftigter Wichtiger Mann“ gemeint. Lou hat für alles Mögliche Zeit, sofern es seine Karriere betrifft oder Personen, die damit in Verbindung stehen. Wenig bis gar keine Zeit erübrigt er dagegen für Eltern und Geschwister und vor allem auch nicht für seine eigene kleine Familie. Wie nah sie davor steht, zu zerbrechen, entgeht ihm vollkommen. Jedenfalls, bis er auf den Bettler Gabe trifft. Von diesem erhält er mit ein paar wundersamen Pillen auch ein wundervolles Geschenk: Zeit.

 

Gerade rechtzeitig zur Vorweihnachtszeit die zweite Auflage einer solchen Geschichte herauszubringen ist taktisch klug – denn es stößt LeserInnen inmitten der dadurch bedingten Hektik förmlich mit der Nase darauf, wie sinnvoll es ist, Prioritäten zu setzen. Sich Zeit zu nehmen. Allerdings habe ich das Buch erst lange danach gelesen.

 

Anfangs zieht sich die Geschichte etwas, doch schon bald kann man darin eintauchen. Eingebettet ist das Ganze in eine kleine Rahmengeschichte über das Opfer einer Scheidung. Über einen Jungen, der seinem Zorn Luft macht. Und von einem Polizisten der versucht ihm zu helfen, indem er ihm Lou’s Geschichte erzählt.

 

Lou stellt sich anfangs überaus unsympathisch, egoistisch und kalt dar, gewinnt aber dank der Pillen und der dadurch hervorgerufenen Veränderungen. Obwohl seine Familie eher im Hintergrund agiert, ist sie gut gezeichnet und liebenswert. Gabe, der sehr viel mehr als ein einfacher Bettler ist, ist ebenfalls realistisch beschrieben. Ahern schafft es, das in der Geschichte enthaltene fantastische Element glaubwürdig mit der Realität zu verweben.

 

Das Ende von Zeit deines Lebens ist zugleich traurig und hoffnungsvoll. Es zeichnet sich im Grunde schon sehr früh ab, wie alles ausgeht, doch das stört nicht unbedingt, denn die Art und Weise wie Ahern es gestaltet ist relativ gelungen. Relativ deshalb, weil sie hart an der Grenze zur Melodramatik vorbeischrammt; für manche sicher auch darüber hinaus schießt. Doch die Erzählung all dessen, was Lou anfangs ausmacht, ist trotz allem ein Fingerzeig auf unsere Gesellschaft, auf verschobene Werte und falsche Idole. Auf das Verlangen immer mehr zu erhalten und emotional zu verarmen. Auf etwas, das wir im Grunde alle wissen, aber gerne beiseiteschieben. Auf etwas also, das man ändern sollte. Dass man nur selbst ändern kann. Am besten schnellstmöglich – denn Zeit ist kostbar. Nicht weil sie Geld kostet, sondern weil sie uns nur begrenzt zur Verfügung steht.

 

Fazit

 

Eine berührende Geschichte, die sich nach anfänglichen Problemen sehr flüssig lesen lässt. Wenn man sich auf Lou und die übrigen Figuren einlässt, leidet man unweigerlich mit ihnen. Wie sehr, darüber mögen sich die Geister streiten. Die Geschichte wirkt moralisch aber nicht zwingend tadelnd. Sie kommt unaufgeregt und doch dramatisch daher. Vielleicht, weil sie – wenn man von Aherns märchenhaft fantastischem Detail absieht – doch jedem von uns passieren könnte.

 

Copyright © 2012 by Antje Jürgens (AJ)

15. Februar 2012

St. Crow, Lili: Verraten

Filed under: Abenteuer,Fantasy, Horror, SciFi,Jugendbuch — Ati @ 17:52

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Lili St. Crow – Strange Angels 02:Verraten

Originaltitel Betrayals aus dem Englischen übersetzt von Sabine Schilasky

PAN

ISBN 9783426283462

ISBN 3426283468

Fantasy, Jungenbuch 12 – 15 Jahre

Deutsche Erstausgabe 2011

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 384 Seiten

[D] Preis 16,99 €

Verlagsseite

Autorenseite 

 

Lili St. Crow – unter diesem Pseudonym veröffentlicht die 1976 in New Mexico geborene und z. T. im Vereinigten Königreich auf einer Militärbasis aufgewachsene Autorin Lilith Saintcrow Geschichten und Bücher für Jugendliche, während sie sich unter ihrem richtigen Namen an ein erwachsenes Publikum wendet. Ein weiteres Pseudonym ist Anna Beguine. Die heute mit einigen Katzen und ihrer Familie in Vancouver lebende Autorin bevorzugt dabei die Genres Paranormale Romance oder Urban Fantasy.

 

Die Covergestaltung des zweiten Bandes der Strange-Angels-Reihe ist gelungen und passt in seiner samtig wirkenden Ausführung exakt zum ersten Teil, der – nebenbei erwähnt – zuerst gelesen werden sollte, bevor man in Dru’s Geschichte in Verraten eintaucht.

 

Übergangslos setzt die Autorin an die in Verflucht erzählten Ereignisse an. Diverse Rückblicke erleichtern zudem das Eintauchen in die Geschichte. Ein flüssiger Schreibstil und die Umgangssprache lassen auch jetzt die Figuren lebensecht, wenn auch das eine oder andere Mal etwas blass, und die Atmosphäre düster wirken. Gleichzeitig schafft St. Crow es, die fantastischen Elemente glaubwürdig mit der Realität zu verweben.

 

Auf ihrer Flucht, die Dru zusammen mit Graves in eine Schule für übernatürliche Wesen (Werwölfe und Vampire) führt, zeigt diese sich zorniger als im ersten Teil der Geschichte. Nicht nur weil Graves, der durch einen Angriff mittlerweile selbst zum Werwolf wurde, dort eher angenommen wird als sie selbst. Auch weil sie mit ihrer heranreifenden Bestimmung nicht so ohne Weiteres zurechtkommt. Abgesehen davon ist da noch Christophe, der Vampir, der für Verwirrung bei ihr sorgt. Und ganz unabhängig davon, ist ihr Versteck nicht so sicher, wie es sein sollte. Graves, der im ersten Teil bereits sehr zuverlässig und loyal, aber eher noch schüchtern daherkam, mausert sich mehr und mehr und beschützt sie so gut es geht. Doch im Lauf der Geschichte wird klar, dass Dru nach wie vor in Gefahr ist und weiter fliehen muss.

 

Das Ganze gestaltet sich anfangs eher zäh. Nahezu die Hälfte des zweiten Bandes beleuchtet Dru’s inneren Zwiespalt. Kämpfe, wie im ersten Teil, habe ich allerdings dennoch nicht zwingend vermisst. Während Graves sich in Richtung Alphatier entwickelt (wobei er auch in diesem Band wieder sehr erwachsen wirkt), zieht Dru sich erst einmal zurück. Während ihm etwas beigebracht wird, wird sie oftmals vor den Kopf gestoßen und mit seltsamen Andeutungen oder Schweigen abgespeist. Sie tritt sehr lange auf der Stelle, stellt sich wie ein bockiger Teenager an. Gleichzeitig wird genau dadurch ihre Vereinsamung und Verstörung hervorgehoben, was mich letztlich dazu bewogen hat, an der Geschichte dranzubleiben. Auch der seltsam diffus dargestellte, mehrfach um Vertrauen bittende und lange Zeit untergetauchte Christophe trägt nicht unbedingt dazu bei, die Spannung zu erhöhen. Neu hinzukommende Figuren ebenso wenig. Und wie im ersten Teil, kommt es auch im zweiten Band zu gewissen Längen durch Wiederholungen. Im Grunde genommen geschieht also anfangs im Gegensatz zu Verraten sehr wenig, was wohl zum größten Teil an Dru’s Passivität liegt. Doch irgendwann berappelt sich nicht nur die Autorin, sondern auch Dru und es kommt etwas mehr Tempo in die Geschichte.

 

Dru muss sich ihren Ängsten und ihrer ungewissen Zukunft stellen. Und wie bereits im ersten Teil, geht die Autorin nicht sehr zartfühlend mit ihr um. Wenn Dru leidet, dann richtig. Sie springt nicht auf wie die Stehaufmännchen anderer Geschichten, wenn sie einsteckt. Sie ist kein porentief sauberes, durchgestyltes Püppchen mit Nahkampfausbildung. Sie ist, bei allem was sie erlebt, ein unsicheres, normales Mädchen, das schon mal bewusstlos zusammenklappt und dem der Rotz übers Gesicht läuft. Und das an einem Ort, an dem sie so gut wie niemandem trauen kann und zu einer Zeit, in der sie sich gleich von zwei männlichen Figuren angezogen fühlt, die beide die Führungsrolle übernehmen wollen.

 

Fazit:

 

St. Crow spinnt den eigentlichen Handlungsfaden in dem 384 Seiten starken Buch also nicht unbedingt sehr viel weiter. Dru befindet sich zu Anfang und Ende auf der Flucht. Über ihr Geheimnis wird der Leser von ihr nicht unbedingt weiter informiert, weil sie selbst im Grunde nicht viel weiß. Dennoch versorgt die Autorin ihre LeserInnen in der aus Dru’s Sicht erzählten Geschichte mit weiteren Hintergrundinformationen. Sie lässt Dru’s Mitstreiter und Gegenspieler heranreifen, mal mehr mal weniger sympathisch. Sie beantwortet offene Punkte aus dem Auftaktroman und legt neue Fährten aus. Damit endet dann Verraten genauso offen wie Verflucht und macht Lust auf den Folgeband. Obwohl die Geschichte anfangs des zweiten Teils wesentlich an Tempo verloren hat und dieser nicht unbedingt viel im Bezug auf das Ende der Geschichte preisgegeben hat, bin ich auf den dritten Band gespannt und gebe der Geschichte 4 von 5 Punkten.

 

Copyright © 2012 by Antje Jürgens (AJ)

12. Februar 2012

Kantelhardt, Sven R.: Die Chroniken des Mönchs – Abenteuer unter Heiden

Filed under: Historisch,Roman — Ati @ 12:31

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Sven R. Kantelhardt: Die Chroniken des Mönchs – Abenteuer unter Heiden
ACABUS Verlag
ISBN 9783941404984
ISBN 3941404989
Historischer Roman
Deutsche Erstausgabe Februar 2011
Umschlaggestaltung ACABUS Verlag
Taschenbuch, 270 Seiten
[D] Preis 13,90 €

Verlagsseite

Der AcabusVerlag hat mich schon mehrere Male mit einem lesenswerten amüsanten oder ernsthaften Buch überrascht und so schaue ich regelmäßig in sein Angebot hinein. Vor einiger Zeit landete dadurch der Debütroman von Sven R. Kantelhardt mit dem Titel Die Chroniken des Mönchs – Abenteuer unter Heiden auf meinem SuB.

Wofür das R. in seinem Namen steht, weiß ich nicht; aber Kantelhardt wurde 1976 in Gießen geboren. Er studierte Humanmedizin und Ökotrophologie, promovierte 2003 und arbeitet als Neurochirurg. Daneben reist er gerne, interessiert sich für Geschichte und verfasst Fachartikel in medizinischen Zeitschriften.

Die Chroniken des Mönchs – Abenteuer unter Heiden ist, wie bereits erwähnt, sein Debütroman. Die Covergestaltung ist Schwarz mit einem schmalen Streifen Grau, in das ein Ausschnitt eines handschriftlichen Skripts eingebettet scheint, wie es Mönche in ihren Skriptorien verfassten. Ferner zeigt es eine hölzerne Stele einer slawischen Gottheit, zu deren Fuße sich einige Knochen befinden. Damit passt sie schon mal zur Inhaltsangabe, die folgendes verrät.

Zitat:

Das Siedlungsgebiet Schleswig-Holstein im 9. Jahrhundert: Sachsen, Abodriten und Wikinger treffen aufeinander. Teilweise bereits christlich, teilweise noch heidnisch, stehen sich die Stämme meist feindlich gegenüber. Es ist eine Zeit der Umbrüche. Grausamkeiten, Kriege und Raubzüge sind an der Tagesordnung.

In seiner „Hamburgerischen Kirchengeschichte“ aus dem Jahr  1076 berichtet Adam von Bremen knapp von einem fast vergessenen Abenteuer. „…wo Burwido gegen einen Kämpen der Slawen einen Zweikampf bestand und denselben tötete. Zum Andenken daran ist auch an jene Stelle ein Stein gesetzt.“ Dieses Ereignis hat der Autor in eine lebendige Geschichte aus dem frühen Mittelalter eingebunden.

So schreibt der Mönch Wilfrith eine Chronik über die Ereignisse des Winters 880/881, eine Geschichte voller Abenteuer, Glauben und Zweifel, Kampf und Liebe. Von Hamburg aus bricht er mit einer Handvoll Gefährten auf und durchquert die Sümpfe, Wälder und Meere jenseits des limes saxoniae und des Danewerk, um seinen verschollenen Lehrer, den Missionar Dietrich, zu suchen. Doch die Reise führt weiter als Gedacht und die Zeit drängt, denn der nordelbischen Heimat droht eine unerwartete Gefahr ….

Gleich eingangs führt der Autor eine Liste der Hauptfiguren auf, die teils geschichtlich belegt sind. Es folgt ein Inhaltsverzeichnis und der Prolog bevor Kantelhardt seinen Mönch mit der eigentlichen Chronik in 16 Kapitel tätig werden, und das Buch mit einem Epilog, historischen sowie medizinischen Anmerkungen, einer Erklärung alter Maßeinheiten, Hinweisen zur Schreibweise der Ortsnamen und zwei Karten inklusive dazu passender Legende ausklingen lässt. Die einzelnen Kapitel beginnen jeweils mit einem großen, verzierten Initial und in den Kapiteln wiederum gibt es Unterteilungen nach einzelnen Personen, die nicht immer wirklich chronologisch sind.

Doch was erwartet den Leser in der Geschichte selbst? Keine Mainstreamgeschichte – das wird jedem sehr schnell klar. Ortsnamen, die ungewöhnlich klingen, etwa Hammaburg für Hamburg oder Starigard für das holsteinische Oldenburg. Und auch die eine oder andere Bezeichnung mag gewöhnungsbedürftig sein. Diese werden zwar sehr gut erklärt, doch genau das dürfte den einen oder anderen beim Eintauchen in die Geschichte oder im Lesefluss selbst stören. Die Erklärungen erfolgen nicht im zeitnahen Verlauf der Geschichte. Vielmehr befinden sie sich am Ende der betreffenden Kapitel. Wenn man – wie ich etwa – wissen will, was sie bedeuten, blättert man natürlich sofort hin und her. Und genau das stört dann in der Fülle, in der sie vorkommen. Zudem startet die Geschichte eher gemächlich und die Ausführlichkeit, mit der Kantelhardt manches beschreibt, stört die angekündigte Spannung.

Doch durchhalten lohnt durchaus, denn was einerseits die Spannung stört, vermittelt andererseits eine bedrückende Atmosphäre, zeichnet harte Lebensumstände  und anschauliche Ereignisse. Kantelhardt verzettelt sich bei seinen Beschreibungen nicht und er geht nicht sehr zartfühlend mit seinen Figuren um. Die Handlung spielt im tiefsten Winter, unter widrigen Wetterbedingungen, in Sümpfen und Wäldern. Doch das ist es nicht alleine. Denn um Dietrich zu suchen, müssen Wilfrith und seine Gefährten es auch mit Heiden aufnehmen, ohne auch nur andeutungsweise zu wissen, ob ihre Suche tatsächlich zum Erfolg führt oder ob der vermisste Lehrmeister noch lebt. Sie verlassen eine zwar harte aber doch halbwegs sichere Heimat und begeben sich unter Heiden in die Fremde.

Das schlicht gehaltene Cover spiegelt sich nicht nur die Inhaltsangabe, sie passt auch hervorragend zu der von Kantelhardt gewählten schlichten Sprache. Überflüssige Darstellungen seiner Figuren lässt er weg. Manche Dialoge wirken zugegebenermaßen flach. Doch die kurz gehaltene Erzählweise reflektiert das damalige Leben sehr gut. Seine in den Roman einfließenden Recherchen, die nicht immer im korrekten Kontext von ihm wiedergegeben werden (worauf er in seinen historischen Anmerkungen hinweist), lassen Die Chroniken des Mönchs – Abenteuer unter Heiden jedoch gleichfalls üppig ausfallen. Illustrativ wird die gefahrvolle und beschwerliche Suche beschrieben. Plausibel wirkt auch die Schilderung der Glaubenskonflikte oder die ungleichen Lebensanschauungen der Figuren. Missionieren bedeutete damals Lebensgefahr. Und diese Gefahr bekommt man trotz des stellenweise unterbrochenen oder durchhängenden Spannungsbogens durchaus gut vermittelt.

Fazit:

Keine ganz leichte Kost, kein Lesequickie. Kantelhardts Debütroman verlangt dem Leser etwas Durchhaltevermögen ab und gehört nicht zu den spannendsten Büchern die ich gelesen habe. Aber er ist nach heutigem Wissen um die damalige Zeit lebensnah und eindrücklich gestaltet, vermittelt einiges über das Leben im Mittelalter. Und irgendwann, ohne es zu merken, tauchte ich wider Erwarten darin ein. Deshalb möchte ich für Die Chroniken des Mönchs – Abenteuer unter Heiden drei von fünf Punkten vergeben.

Copyright © 2012, Antje Jürgens (AJ)

29. Januar 2012

Geisler, Bernd: Das Buch Deborah

Filed under: Krimi/Thriller,Roman — Ati @ 15:57

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Bernd Geisler: Das Buch Deborah
Gardez! Verlag
ISBN-13: 9783897962194
ISBN-10: 3897962195
Thriller
1. Auflage 10/2010
Taschenbuch, 302 Seiten
[D] 9,90


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Der 1950 in Herten geborene Bernd Geisler unterrichtet kreatives Schreiben und arbeitet als freier Autor und Journalist. Schriftstellerisch bewegt er sich im Genre Krimi/Thriller. 2005 wurde sein Der Geldwurm für den Deutschen-Kurzkrimi-Preis nominiert. Geislers 2010 veröffentlichter Roman Der geschmackvolle Tod ist nicht nur sein Debütroman, sondern auch der Auftakt einer Trilogie. Dem vor mir liegenden zweiten Band Das Buch Deborah soll der dritte Band mit dem Titel Spitze folgen.

 

Die Trilogie spielt in der Gegenwart. Hauptfiguren sind Kriminalkommissar Saupe und Deborah Goldmann, eine junge Frau, die gegen ihren Willen in das mordlastige Geschehen gezogen wird. Mit ihr mischt sich ein Hauch Mystery in die Geschichte, denn Deborah ist nicht ganz so gewöhnlich, wie man vielleicht glauben möchte. Sie kann das Ableben anderer im Voraus sehen. Es äußerst sich in einem Dröhnen in ihren Ohren, Schwindelgefühl und Blutstropfen auf der Stirn der betreffenden Person.

 

Im zweiten Band Das Buch Deborah möchte Deborah eigentlich nur einen Neuanfang in Bergisch Gladbach machen. Einen ruhigen, lebenswerten Auftakt. Dieser zweite Band bildet im Übrigen die eigentliche Vorgeschichte zu Band 1. Insoweit muss dieser nicht zwangsläufig vorab gelesen werden.

 

Im Zuge des Neuanfangs sucht die arbeitslose Brückeningenieurin auch eine neue Arbeitsstelle und eine Nachbarin möchte ihr bei der Suche helfen. Dazu kommt es allerdings nicht mehr, denn kurz darauf wird eben jene Nachbarin ermordet und zerstückelt. Deborah gerät prompt unter Mordverdacht, doch noch kann ihr niemand etwas beweisen und sie bleibt auf freiem Fuß.

 

Das ist allerdings noch längst nicht alles, was schief läuft. Deborah wird in ihrer Wohnung überfallen und muss nach einem Unfall ins Krankenhaus und gerät so ganz nebenbei in den Bannkreis einer obskuren Sekte, die in ihr so etwas wie eine Anführerin sieht. Dass die in Das Buch Deborah vorkommenden Ermordeten allesamt zu eben dieser Sekte gehören, trägt nicht gerade zu Deborahs Entlastung bei.

 

Das gezeichnete Cover mit seiner Hand, dem Buch und der gesichtslosen (statt Gesichtszügen findet sich dort eine Turmfassade) mit einem Kapuzenmantel verhüllten Gestalt, finde ich im übrigen gut gelungen. Es vermittelt allerdings nicht unbedingt den absolut stimmigen Hinweis auf den Buchinhalt.

 

Saupe versucht Deborah zu überführen, konzentriert sich völlig auf sie. Doch damit ist er bei Deborah an der falschen Adresse. Ihre innere Überzeugung sorgt dafür, dass sie sich trotz aller Vorkommnisse nicht völlig aus der Bahn werfen lässt; ihr Mundwerk dafür, dass sich ihre Versuche für Geislers LeserInnen kurzweilig gestalten. Sie bildet einen relativ sympathischen Gegenpol zu der eher miesepetrig und eigenwillig gestalteten männlichen Hauptfigur Saupe. Trotz der an und für sich brutalen Thematik sorgt Geisler für den einen oder anderen Lacher oder zumindest hochgezogenen Mundwinkel. Der Schnellhefter mit Deborahs Bewerbungsunterlagen begleitet beispielsweise die LeserInnen quer durch die Geschichte, Deborah denkt auch in der unmöglichsten Situation an ihn. Auf glaubhafte Art, denn wer schon einmal eine brenzlige Situation erlebt hat, wird vielleicht wissen, dass einem die seltsamsten Gedanken durch den Kopf schießen (das zuhause noch das Frühstücksgeschirr steht etwa, oder dass man ein Loch im Socken hat, weil man ja eigentlich nur kurz vor die Tür wollte und dachte, dass das mit dem Socken damit gerade noch geht).

 

Die Geschichte lässt sich leicht lesen. Geisler knüpft eine Szene an die andere, das Tempo ist relativ hoch. Das eigentlich grausame Geschehen kommt durch den, sagen wir mal, dunkel angehauchten Humor jedoch gar nicht so brutal heraus. Der Spannungsbogen wirkt manchmal allerdings etwas überdehnt. Das liegt auch daran, dass Deborah selbst ermittelt. Angesichts Saupes Verbohrtheit klingt das zwar zunächst durchaus logisch – irgendjemand muss sie ja entlasten. Doch wirklich schlüssig fand ich nicht alle Handlungsansätze und Überlegungen. Es geschieht einfach fast zu viel und vor allem zu schnell. Hier hätten ein paar Kapitel mehr oder der eine oder andere Ansatz weniger notgetan, um das Ganze ausführlicher zu gestalten.

 

Allerdings, wer den ersten Teil gelesen hat, wird sich daran erinnern, dass Deborah dort an Saupes Seite ermittelt. In ganz normalen Kriminalfällen, ohne Sektenhintergrund. Der im zweiten Band versuchte Neuanfang gelingt also letztlich doch, wenn auch anders als geplant.

 

Fazit:

 

Wer einen knallharten Thriller sucht, ist mit Das Buch Deborah eher schlechter bedient. Geisler spinnt eher scheinbar mühelos sein Garn als Erzähler für lange Winterabende, in denen es eben auch um Mord geht. Die sind deshalb allerdings noch lange nicht langweilig oder wenig lesenswert. Ich habe mich trotz der kleinen Schwächen gut und kurzweilig unterhalten gefühlt und möchte für Das Buch Deborah vier von fünf Punkten vergeben.

 

Copyright © 2012, Antje Jürgens (AJ)

28. Januar 2012

Wisnewski, Gerhard: Operation 9/11 – Der Wahrheit auf der Spur

Filed under: Fach- & Sachbuch,Wissen — Ati @ 18:27

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Gerhard Wisnewski: Operation 9/11: Der Wahrheit auf der Spur
Knaur Taschenbuch Verlag
ISBN-13: 9783426784365
ISBN-10: 342678436X
Sachbuch
Erschienen 08/2011
Taschenbuch, 480
[D] 12,99 €

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Es gibt Dinge im Leben, die prägen sich unauslöschlich in uns ein. Bilder, Gerüche, Worte, Töne, Gefühle. So auch am 11.09.2001. Damals unterstützte ich gerade meinen Bruder als Aufpasserin und Animateurin bei der Geburtstagsfeier meiner Nichte mit ihren Kindergartenfreunden. Irgendwann, während ich Topfschlagen mit den Kindern spielte, flüsterte mir mein Bruder ins Ohr, dass ein Turm des WTC eingestürzt war. Mein Bruder hat zugegebenermaßen einen manchmal bizarren, pechschwarzen Humor und im ersten Moment fragte ich mich, was mich im Folgenden wohl noch erwarten würde. Leider meinte er es todernst und so feierten wir zwar mit den Kleinen, allerdings mit einem überaus schlechten Gefühl. Die Folgetage schürten dieses schlechte Gefühl.

 

Nicht nur, weil die Worte Krieg und Terror plötzlich in aller Munde waren. Auch weil hier allzu schnell ein Schuldiger benannt und der Krieg erklärt wurde, während im Zuge anderer terroristischer Aktivitäten oft jahrelang erfolglos ermittelt wird. Ich bin keine Verschwörungstheoretikerin, doch das kam mir mehr als spanisch vor. Eine objektive Berichterstattung vermissten wohl die meisten nicht sofort, dafür war das Geschehen zu aufwühlend.

 

Der 1959 in Krumbach geborene Gerhard Wisnewski, der es nach eigener Aussage als seinen Auftrag ansieht, ein unbequemer Journalist zu sein, produzierte zusammen mit Willy Brunner die Sendung Aktenzeichen 11.9. ungelöst für den WDR. Im Gegensatz zu den emotionsüberfrachteten Dokumentationen, die man sonst zu sehen bekam, verfolgte er dabei einen überaus kritischen Ansatz. Während meiner (Aushilfs-)Tätigkeit in den Redaktionen Fernsehen In- und Ausland beim (damals noch) SDR, merkte einmal einer der dort arbeitenden Redakteure bitter und desillusioniert an, dass der Zuschauer keine Meinung zu haben hat, weil Meinung gemacht wird. Diese Worte waren und sind nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn nach einer fragwürdigen Kampagne des Spiegels  und anderer Kritiker gegen ihn endete nicht nur Wisnewskis Tätigkeit für den WDR. Zudem folgte sein halboffizieller Ausschluss aus dem Journalistenverband. Warum? Weil er etwas aussprach, was man nicht aussprechen durfte? Es gab und gibt unzählige Journalisten, die alle möglichen schlecht recherchierten und aus Halbwahrheiten gesponnenen Beiträge produzieren und überraschenderweise dennoch weitaus weniger Folgen fürchten müssen.

 

Wisnewski brauchte länger als die Ermittler der Anschläge, um diverse Dinge zu präsentieren. Doch 2003 erschien bei Knaur sein Buch Operation 9/11 – Angriff auf den Globus, welches ich mir gleich nach Erscheinen besorgte und geradezu verschlang. Wie gesagt: Ich bin keine Anhängerin von abstrusen Verschwörungstheorien. Doch ich lebe in einer Welt, in der alles zusammenhängt. Was mich deshalb interessiert, ist eine Beleuchtung des Weltgeschehens aus verschiedenen Blickwinkeln. Und dies wurde mir vom Autor durch seine Recherchen geliefert. Sie betrafen nicht nur Überlegungen zu den schnellen Ermittlungserfolgen, den Filmbeiträgen (mit denen wir überschwemmt wurden) und Zeugenaussagen von ansonsten eher totgeschwiegenen Zeugen. Er zeigte logische Widersprüche auf und ging möglichen Motiven auf den Grund. Wisnewski lenkte den Blick auf relevante Fragen, allerdings deuteten die von ihm angesprochenen Kausalitäten und Folgerungen sehr schnell in Richtung einer Verschwörung. Dieses unschöne Ergebnis brachte ihm dann prompt (und nicht zum ersten Mal) den Vorwurf eines Verschwörungstheoretikers ein.

 

Unglaubwürdig wirkten seine Fragen und Mutmaßungen jedoch nicht zwingend, denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass Verschwörungen nicht nur theoretisch existieren. Zu viele Zufälle, zu viele Ungereimtheiten, zu schnelle Verlautbarungen sorgten zunehmend für Stirnrunzeln. Und die Folgen für die Welt (der schnell ausgerufene Krieg, die Aushebelung von Gesetzen) wie für ihn selbst (Kündigung, Rufschädigung, etc.) untermauerten für mich seine Aussagen. Sie lassen mich ihn weiterhin als das sehen, was er ist: ein investigativer Journalist, der sich glücklicherweise nicht so schnell unterkriegen lässt.

 

10 Jahre nach den Anschlägen erinnerten sowohl die Printmedien als auch Film und Fernsehen an die damaligen Geschehnisse. Und wieder konnte man feststellen, dass im Gros der Blick eher auf emotionsgeschüttelte, tränenüberströmte Angehörige oder Beteiligte geschwenkt wurde, als auf tatsächlich nach wie vor nicht zufriedenstellend aufgeklärte Widersprüche. Dass die Ereignisse damals schrecklich waren, steht außer Frage. Dass Emotionen mit ihnen verbunden sind ebenfalls. Doch gerade deshalb tut Aufklärung not.

 

KNAUR veröffentlichte dankenswerterweise 2011 eine völlig überarbeitete Fassung von Operation 9/11 mit dem Untertitel Der Wahrheit auf der Spur. Genau wie das erste Buch sorgte auch dieses neben einigem Lob und Anerkennung für Aufruhr und Vorwürfe. Und für Magendrücken, weil die bereits früher gezogenen Rückschlüsse sich nicht nur bestätigen, sondern nach wie vor nichts von ihrer bestürzenden Aussagekraft verloren haben.

 

Die Überarbeitung bietet keinen flachen Aufguss, sondern abermals viele gut ermittelte Fakten und daraus resultierende Überlegungen. So geht Wisnewski etwa darauf ein, dass die oft vorgespielten Telefonmitschnitte von Bordtelefonen Lügen gestraft wurden, weil es in dem Flugzeugtyp der betreffenden Maschine gar keine gab. Oder fragt nach, warum der offizielle Schuldige Bin Laden sich trotz der Anschläge anscheinend seltsamerweise nicht auf der offiziellen Liste der Top-Terroristen der amerikanischen Regierung befunden hat. Er setzt fragmentierte Erkenntnisse puzzlegleich zusammen und verfestigt seine damals gefundenen, teils harsch angeprangerten, logischen Widersprüche. Ein weiteres Mal konfrontiert er die tatsächlichen Ungereimtheiten mit den offiziellen Wahrheiten und lässt Letztere schlecht aussehen. Ein weiteres Mal streitet er nicht den terroristischen Angriff an sich ab, sondern hinterfragt differenziert die damit verbundene Suggestion bezüglich vermeintlicher Hintermänner und Hintergründe. Oder die Verschleierung der tatsächlichen Strippenzieher und ihre Motive.

 

Seine Überlegungen sind abermals flüssig leicht zu lesen. Seine Argumentationskette reißt nicht ab. Wisnewski langweilt nicht mit dem, was er herausgefunden hat, sondern verursacht erneut Schluckbeschwerden. Die Flut der zusätzlichen Informationen und die daraus resultierenden Fragen und Schlüsse regen zum Nachdenken an. Sie erschüttern das Weltbild noch ein wenig mehr – zumindest all derer, die kritische Fragen zulassen.

 

Fazit:

 

Wie sagte mein Kollege damals so bitter und desillusioniert? „Der Zuschauer hat keine Meinung zu haben, weil Meinung gemacht wird“. Wer die Berichterstattung bestimmter Ereignisse aufmerksam verfolgt (nicht nur die vom 11. September) merkt sehr schnell, dass da etwas daran ist. Wir leben in einer globalen Welt. Es soll uns interessieren, was etwa in Afghanistan passiert. Gleichzeitig sollen wir anscheinend die Augen vor allzu kritischen Fragen verschließen. Wer sich dieser Denkweise anpassen kann und möchte, sollte die Finger von dem Buch lassen. Alle anderen, die über den Tellerrand hinausschauen und differenzierte Zweifel erlauben, kann ich es jedoch empfehlen. Operation 9/11, egal ob die 2003er-Ausgabe mit dem Untertitel Angriff auf den Globus oder die 2011er-Ausgabe mit dem Untertitel Der Wahrheit auf der Spur, erschüttert. Macht Angst und wütend. Nicht nur weil es deutlich macht, wie leicht man manipuliert werden kann, sondern auch angesichts des Umstandes, dass die Manipulatoren keine allzugroßen Strafen befürchten müssen.

 

Copyright © 2012, Antje Jürgens (AJ)

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